Review: Jung & schön (Film)

Und da wäre ich auch schon wieder und damit hier keiner behauptet, ich würde mir nur amerikanische und britische Produktionen ansehen, kommt heute ein französischer Film unter die Lupe. Besser fand ich ihn jetzt dadurch aber leider auch nicht, obwohl ich François Ozons Werke ja eigentlich mag. Nun ja.

Jung & schön

Jeune & jolie, FR 2013, 95 Min.

Jung & schön | © Studiocanal
© Studiocanal

Regisseur:
François Ozon
Autor:
François Ozon

Main-Cast:

Marine Vacth (Isabelle)
Géraldine Pailhas (Sylvie)
Frédéric Pierrot (Patrick)
Charlotte Rampling (Alice)
Johan Leysen (Georges)
Fantin Ravat (Victor)
Nathalie Richard (Véro)
Laurent Delbecque (Alex)

Genre:
Drama

Trailer:

 

Inhalt:

Szenenbild aus Jung & schön | © Studiocanal
© Studiocanal

Kurz vor ihrem siebzehnten Geburtstag lässt sich die hübsche Isabelle in den Sommerferien am Strand entjungfern, doch obwohl die Atmosphäre schöner kaum sein könnte, scheint sie die Erfahrung und der Akt an sich völlig kalt zu lassen, wohingegen ihr nicht entgeht, welche Möglichkeiten ihr Körper, ihre Schönheit ihr bieten. Der Sommer endet, die Familie kehrt in die Stadt zurück, das neue Schuljahr beginnt, der Herbst naht und Isabelle verabredet sich immer öfter heimlich mit älteren Männern zu bezahlten Treffen in anonymen Hotelzimmern, entwickelt eine regelrechte Profession in dem, was sie tut und gibt nach außen hin noch immer die unschuldige und jungfräuliche Schülerin.

Die Monate vergehen und Treffen reiht sich an Treffen, während sich das Geld in Isabelles geheimem Versteck zu häufen beginnt, doch ein tragisches Ereignis in einem der Hotelzimmer ruft die Polizei auf den Plan, die Isabelle schnell auf die Schliche kommt und plötzlich sieht sich auch die Familie, ihre Mutter Sylvie, Stiefvater Patrick und ihr kleiner Bruder Victor, mit dem Doppelleben von Isabelle konfrontiert. Völlig geschockt zieht Sylvie einen Therapeuten für ihre Tochter hinzu und verbietet Isabelle, weiter ihrer lukrativen Tätigkeit nachzugehen, doch ist das Vertrauen nachhaltig erschüttert und niemand scheint der plötzlich so ruchlos wirkenden Isabelle noch so recht über den Weg zu trauen.

Rezension:

Im Grunde bin ich ja dem französischen Kino überhaupt nicht abgeneigt und Jung & schön sollte auch nicht die erste Begegnung mit dem Schaffenswerk von François Ozon sein, doch mochte der Film für mich leider nicht so recht funktionieren, wenn ich mich auch lange schwer getan habe, zu benennen, warum dem so ist, denn sein Erotikdrama ist stilsicher inszeniert und mit Marine Vacth hat er zweifellos eine Hauptdarstellerin gefunden, die allein schon gemessen an dem Titel wie geschaffen für die Rolle der unschuldig wirkenden Femme fatale zu sein scheint, doch ist es eben wie so oft im Leben, dass schöne Körper allein nicht genügen und so tappt vielleicht Ozon selbst auch in die Falle, sich der Faszination seiner Darstellerin zu sehr ergeben zu haben, denn die Dramaturgie des sich über vier Kapitel oder konkreter Jahreszeiten erstreckenden Films leidet gehörig darunter, dass Vacth als Isabelle zwar unzweifelhaft im Mittelpunkt des Geschehens steht, man ihr aber in keiner Weise näher kommt, weil nichts erklärt, nichts transportiert wird, was ihr Tun und Handeln zwar nicht unbedingt rechtfertigen, aber doch zumindest nachvollziehbar machen würde.

Szenenbild aus Jung & schön | © Studiocanal
© Studiocanal

Denn bei all der elegischen Ausgestaltung, den halb-voyeuristischen Blicken in die anonymen Hotelzimmer, wo Isabelle sich mit ihren Freiern trifft und nicht zuletzt aufgrund der bei einer Spielzeit von gerade einmal 95 Minuten womöglich eher kontraproduktiven Aufteilung in vier Teilstücke, gelingt es Ozon leider nicht wirklich, seinen Figuren, geschweige denn ihrem Innenleben, ihren Beweggründen auf den Grund zu gehen, so dass ein Großteil des Geschehens lediglich an der Oberfläche kratzt, was sich natürlich besonders im Fall der Hauptprotagonistin negativ bemerkbar macht. So beginnt Jung & schön gleich mit einer barbusigen Isabelle, die sich, von ihrem kleinen Bruder durch ein Fernglas beobachtet, barbusig am Strand räkelt und so dauert es dann auch keine Viertelstunde, bis sie im Urlaub ihr verstörend inszeniertes erstes Mal erlebt. Kurz darauf erfolgt der erste Bruch der Erzählung, denn auf Sommer folgt Herbst und recht bald wird klar, dass Isabelle die Geschäfte bereits aufgenommen hat, will heißen, man beobachtet, wie das Mädchen noch schüchternen Schrittes die Gänge eines Hotels passiert, um zu ihrem Freier in Zimmer 6095 zu gelangen; keine Erklärung, kein Wort darüber, was in den vergangenen Monaten passiert sein mag, was Isabelle dazu bewogen haben mag, gerade nach diesem nicht gerade erinnerungswürdigen oder romantischen oder befriedigenden ersten Mal in Windeseile eine Karriere als Prostituierte einzuschlagen.

Sicherlich wird auf ihre Beweggründe im weiteren Verlauf immer mal wieder eingegangen, sicherlich kommt es am Ende des in sich ziemlich redundanten zweiten Aktes – ich spreche hier von dem Kapitel, der Jahreszeit – zu einem sinnvollen weil notwenigen erzählerischen Bruch, wenn nämlich Isabelles Nebenerwerb ihrer Familie bekannt wird, doch bis dahin hat Jung & schön auch schon einige Sympathien verspielt oder in den Wind geschossen, denn selbst die Stelldicheins mit ihren Freiern sind zwar nur halb so voyeuristisch wie sie hätten sein können und gemessen am Thema noch sehr stilvoll inszeniert, also quasi so, wie man es sich von Ozon auch erwarten würde, doch dreht sich die Geschichte im Kreis, kommt nicht voran und selbst im weiteren Verlauf, als Isabelles Geheimnis offenbar wird, meint man, auf der Stelle zu tappen, wartet auf den großen Knall, die große Offenbarung oder Erkenntnis, doch stattdessen dümpeln auch die weiteren Teile des Films mehr vor sich hin, zumal auch keine der Figuren mit ihren Aktionen oder Reaktionen überrascht. Allesamt bleiben sie voll und ganz den Klischees und Erwartungen verhaftet, die man in solch einer Situation erwarten würde.

Szenenbild aus Jung & schön | © Studiocanal
© Studiocanal

Mitunter gravierendstes Ärgernis aber ist es – und diesen Kritikpunkt hatte ich seinerzeit schon bei dem zwar anders gelagerten, aber ähnlich zu verortenden Cherry – , dass zu keinem Zeitpunkt Isabelle wirkliche Konsequenzen zu drohen scheinen und sie niemals, wirklich niemals an einen Freier gerät, der schlimmer ist, als dass er sie vielleicht von oben herab behandeln würde. Die Gefahren, denen sich Isabelle mutwillig aussetzt, werden höchstens alibimäßig angerissen und so wirkt das Gesamtbild, was Ozon in Jung & schön zeichnet, doch weit mehr als nur durch den Weichzeichner geschickt, nämlich grenzwertig romantisch verklärt, was seiner Erzählung zwar durchaus zugutekommt, den Reigen aber auch merkwürdig unwirklich wirken lässt, gerade so, als bewege sich Isabelle eben nicht durch die heutige Welt, sondern in einem geschützten Raum, wo sie ihren Passionen nachgehen kann, ihr aber kein wirkliches Leid droht. Und ohne in irgendeiner Weise über ihr Handeln urteilen zu wollen – nichts läge mir ferner und Ozon derweil tut es beflissentlich auch nicht – scheint mir die Handlung allgemein doch zu einseitig gestrickt.

Last but not least wären da die zahlreichen Nebenhandlungen, die angedeutet, angerissen, aufgenommen und doch bloß wieder fallengelassen werden, was ein wenig so wirkt, als habe Jung & schön in seiner Urfassung bedeutend länger hätte werden sollen, was dem Film zwar nicht unbedingt gutgetan hätte, da sich so schon einige Längen nicht haben vermeiden lassen, doch wäre dann womöglich der Werdegang Isabelles vom Mädchen zur Frau nicht ganz so sprunghaft und teils wenig nachvollziehbar geraten, wie er sich hier nun leider präsentiert. Ozons Werk ist mitnichten schlecht und Marine Vacth spielt unbestritten großartig, vermag facettenreich das schüchterne Mädchen, die ruchlose Verführerin, die große Schwester und beste Freundin zu verkörpern und minutiös zwischen diesen Rollen zu wechseln, führt spielend durch den Film und liefert eine intensive Darstellung ab, doch dramaturgisch liegt hier eben doch einiges im Argen, wird im Grunde nichts neues geboten und das altbekannte nicht einmal spannend oder einfallsreich neu erzählt, so dass der Mittelteil leider sehr vor sich hinplätschert, immerhin noch von einem versöhnlich stimmenden Ende abgelöst wird, in dem auch Charlotte Rampling noch einmal vor die Kamera treten darf.

Fazit & Wertung:

François Ozons Jung & schön ist ein wunderbar schwelgerisch inszenierter und fotografierter Film geworden, der mit viel Liebe zum Detail seiner eigenen Poetik frönt, vor allem aber die faszinierend aufspielende Marine Vacth ins rechte Licht rückt, dabei aber – und hier liegt seine größte Schwäche – eine nur halbherzig ausgearbeitete, in keiner Weise neue oder überraschende Geschichte erzählt und seinen Figuren bis zuletzt merkwürdig fern bleibt, so dass das Geschehen oft nur betrachtet, selten mitgefühlt werden kann.

5,5 von 10 heimlichen Treffen im Hotel

Jung & schön

  • Heimliche Treffen im Hotel - 5.5/10
    5.5/10

Fazit & Wertung:

François Ozons Jung & schön ist ein wunderbar schwelgerisch inszenierter und fotografierter Film geworden, der mit viel Liebe zum Detail seiner eigenen Poetik frönt, vor allem aber die faszinierend aufspielende Marine Vacth ins rechte Licht rückt, dabei aber – und hier liegt seine größte Schwäche – eine nur halbherzig ausgearbeitete, in keiner Weise neue oder überraschende Geschichte erzählt und seinen Figuren bis zuletzt merkwürdig fern bleibt, so dass das Geschehen oft nur betrachtet, selten mitgefühlt werden kann.

5.5/10
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Jung & schön ist am 24.04.14 auf DVD und Blu-ray im Vertrieb von Studiocanal erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über einen der Links und unterstützt damit das Medienjournal!

DVD:

Blu-ray:

  • Flo Lieb

    Da sieht man mal wie unterschiedlich wir beide Filme sehen bzw. wie verschieden die Geschmäcker sind: Für mich war das damals einer der besten Filme seines Jahres. Das die Kritik an der Unoriginalität der Handlung auszumachen ist, finde ich ja etwas beliebig, gerade wenn man bedenkt, dass Filme wie Age of Ultron hier 9/10 bekamen, die quasi die Dramaturgie des Vorgängers 1:1 übernehmen. Aber wie gesagt: jeder ist verschieden („Und das ist auch gut so“) :-)

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