Review: In guten Händen (Film)

Während ich heute auf der Arbeit mit einigen technischen Ausfällen zu kämpfen hatte, steht dafür schon die heutige Film-Kritik in der Pipeline, wäre dann hiermit somit online und freut sich darauf, von euch gelesen zu werden.

In guten Händen
oder die Geschichte der Erfindung des Vibrators

Hysteria, UK/FR/DE/CH/LU 2011, 100 Min.

In guten Händen | © Senator/Universum Film
© Senator/Universum Film

Regisseurin:
Tanya Wexler
Autoren:
Stephen Dyer
Jonah Lisa Dyer

Main-Cast:

Maggie Gyllenhaal (Charlotte Dalrymple)
Hugh Dancy (Mortimer Granville)
Jonathan Pryce (Dr. Robert Dalrymple)
Felicity Jones (Emily Dalrymple)
Rupert Everett (Edmund St. John-Smythe)

Genre:
Komödie | Romantik | Historie

Trailer:

 

Inhalt:

Szenenbild aus In guten Händen | © Senator/Universum Film
© Senator/Universum Film

Derweil sich im London der 1880er-Jahre die viktorianische Prüderie auf ihrem Höhepunkt befindet, sieht sich der junge wie gleichermaßen fähige Arzt Mortimer Granville gezwungen, in der Praxis von Dr. Dalrymple tätig zu werden, der sich auf die Behandlung der sogenannten "Hysterie" spezialisiert hat. Was anfänglich befremdlich wirkt, "behandeln" die Ärzte schließlich die intimsten Stellen der Frau, wird bald zum regelrechten Kassenschlager, denn die hiesigen Damen sind insbesondere von Granville mehr als angetan, derweil der mit der jüngeren Tochter von Dr. Dalrymple anbändelt und gleichermaßen mit dessen anderer Tochter aneinandergerät, die sich als weitaus resoluter und aufbrausender entpuppt, als es sich für eine Frau zur damaligen Zeit geziemt. Dumm nur, dass Granville zunehmend von Krämpfen und Verspannungen in den Händen geplagt wird ob der tagtäglichen Torturen bei der Behandlung, zumindest bis ihm eine zündende Idee kommt…

Rezension:

Dieser Film stand schon ungemein lange auf meiner ungemein langen To-Do-List und ich freue mich sehr, nun auch diese Lücke als geschlossen betrachten zu können, wenngleich die Geschichte der Erfindung des Vibrators nun sicherlich nicht zum unumgänglichen Pflichtprogramm gehört, doch hatte ich durchaus meine Freude mit der zuweilen frivolen Geschichte, die durch den ansonsten so biederen, zur damaligen Zeit eben vorherrschenden Habitus nur umso unterhaltsamer wird. Ohne Lehrstück oder Geschichtsunterricht sein zu wollen, widmet sich In guten Händen – im Original noch treffender mit Hysteria betitelt – aber nicht nur der Behandlung der als Hysterie bekannten Frauenkrankheit (die es natürlich so nie gegeben hat) und feiert sozusagen den Beginn der sexuellen Befreiung der Frau, sondern versucht gleich noch eine gute Handvoll weiterer Themen in den Film zu packen, ob es nun um Dr. Granvilles postulierte Grundlagen der Hygiene geht, die ärmlichen Verhältnisse im damaligen London, den Erfindungsreichtum der damaligen Zeit und das Aufkommen der Telefonie oder andere Themen, die wie nebenbei am Rande angerissen werden, was den Film leider zuweilen ein wenig überladen wirken lässt, denn hier hätte die Konzentration auf ein Thema durchaus gut getan.

Szenenbild aus In guten Händen | © Senator/Universum Film
© Senator/Universum Film

Nichtsdestotrotz punktet In guten Händen mit einer gehörigen Portion Kurzweil und Beschwingtheit, was vor allem an den sorgsam ausgewählten Darstellern liegen mag, denen aber jederzeit die großartige Maggie Gyllenhaal spielend den Rang abläuft, denn sie hat in Gestalt der Doktors-Tochter Charlotte Dalrymple die wohl differenzierteste Rolle inne, derweil Hauptdarsteller Hugh Dancy gemessen an seinen späteren und ungleich fordernderen Rollen wie etwa in Hannibal oder The Path überraschend blass bleibt, doch mag das dem Thema und der Ausgestaltung des Films geschuldet sein, denn was er zu leisten hat, liefert er auch ab, doch ist er im Grunde kaum mehr als die Triebfeder für die sich beinahe von selbst entfaltende Geschichte. Jonathan Pryce (The Salvation) wiederum tritt als Dr. Robert Dalrymple in Erscheinung und gibt einen erheiternd altmodischen Arzt und Vater zweier Töchter, der andererseits wenn auch unwissentlich einer ganzen Schar "hysterischer" Frauen tagtäglich Befriedigung verschafft, ohne dass ihm dies bewusst wäre. Allein aus diesem Grundgedanken zieht der Film im Übrigen einen Großteil seiner komischen Momente und die Behandlungsszenen sind wahrhaft denkwürdig und eine Klasse für sich, derweil der Rest des Films dagegen leider nicht so ganz ankommt.

So ist es mehr Zufall und allzu platt abgehandelt, wie der von Dancy gespielte Granville zur Praxis von Dalrymple gelangt und dessen Partner wird, derweil auch die sich zwischen ihm und Dalrymples anderer Tochter Emily – der auch hier schon bezaubernden Felicity Jones (Rogue One) – recht generisch daherkommt und echtes Gefühl vermissen lässt, wenn auch eine unterschwellige Art der zaghaften Zuneigung vorhanden sein mag. Bedeutend aufgeweckter und lebhafter kommt in dieser Hinsicht Gyllenhaals resolute und aufbrausende Figur daher und lässt insbesondere Vertreter der männlichen Gattung auch bei ihr auf das Krankheitsbild der Hysterie tippen, wobei es dem Zuschauer zum Glück erspart bleibt, den Vater die eigene Tochter behandeln zu sehen. Last but not least sollte in diesem Zusammenhang auch Rupert Everett in einer kleineren Rolle nicht unerwähnt bleiben, doch ist sein Part des spleenigen Exzentrikers sicherlich ein regelrechter Selbstläufer und spielt ihm mehr als nur ein wenig in die Karten, unterstreicht derweil aber gekonnt den komödiantischen Grundton des Films, der immer dann am besten funktioniert, wenn er sich und sein Geschehen nicht zu ernst nimmt, gleichsam abflacht, sobald es einmal ernster zu werden droht.

Szenenbild aus In guten Händen | © Senator/Universum Film
© Senator/Universum Film

Entsprechend gemischt ist das Endergebnis, denn In guten Händen hätte eine luftig-leichte Komödie sein können, bemüht sich aber zuweilen doch sehr um einen ernsten Touch und versucht wie gesagt nebenbei gleich noch mehrere Themen der damaligen Zeit mit abzuhandeln, was den eigentlichen Plot dann leider oftmals sehr zerfasert wirken lässt. So hätte es dem Film von Tanya Wexler ohne Frage gut getan, sich mehr auf sein eigentliches Thema zu konzentrieren, zumal anscheinend in einem dergestalt gelagerten Film romantische Verwicklungen nicht fehlen dürfen, die allerdings mehr wie an den Haaren herbeigezogen wirken und kaum eine Daseinsberechtigung haben, immerhin im munteren Reigen auch nie die Oberhand gewinnen. Nichtsdestotrotz wäre hier in der dramaturgischen Ausgestaltung noch spürbar Luft nach oben gewesen, wenn In guten Händen auch ohne Frage schlichtweg Spaß macht, so man denn nicht übertrieben verklemmt und folglich peinlich berührt ist von dem, was sich hier auf der Leinwand abspielt. Sicherlich ein Film für vergnügliche (anderthalb) Stunden, der aber leider nicht allzu lang im Gedächtnis bleibt, denn dafür sind viele der Ansätze zu oberflächlich und rudimentär herausgearbeitet, um wirklich überzeugen zu können.

Fazit & Wertung:

Tanya Wexlers Geschichte der sexuellen Befreiung der Frau mit dem zweideutigen Titel In guten Händen ist zuweilen frivol und in den besten Momenten herzerfrischend komisch, wirkt in Anbetracht des Themas aber zuweilen auch überraschend handzahm und leider vor allem überladen mit allerlei nichtigen Nebenhandlungen, derer es sicher nicht bedurft hätte, um einen rundherum kurzweiligen Film zu kreieren. Trotz seiner Schwächen mag die Sichtung aber lohnen, denn der Ansatz dieses im Kern als romantische Komödie zu verortenden Films ist immerhin erfrischend unverbraucht und kokettiert mit seiner thematischen Schlüpfrigkeit.

6,5 von 10 befriedigenden Behandlungs-Terminen

In guten Händen

  • Befriedigende Behandlungs-Termine - 6.5/10
    6.5/10

Fazit & Wertung:

Tanya Wexlers Geschichte der sexuellen Befreiung der Frau mit dem zweideutigen Titel In guten Händen ist zuweilen frivol und in den besten Momenten herzerfrischend komisch, wirkt in Anbetracht des Themas aber zuweilen auch überraschend handzahm und leider vor allem überladen mit allerlei nichtigen Nebenhandlungen, derer es sicher nicht bedurft hätte, um einen rundherum kurzweiligen Film zu kreieren. Trotz seiner Schwächen mag die Sichtung aber lohnen, denn der Ansatz dieses im Kern als romantische Komödie zu verortenden Films ist immerhin erfrischend unverbraucht und kokettiert mit seiner thematischen Schlüpfrigkeit.

6.5/10
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In guten Händen ist am 18.05.12 auf DVD und Blu-ray bei Senator im Vertrieb von Universum Film erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über einen der Links und unterstützt damit das Medienjournal!

DVD:

Blu-ray:

  • Einer der seltenen Fälle, in denen ich einen Film einmal besser fand als du. Ich hatte wirklich viel Spaß damit und mochte das historische Setting sehr gerne.

  • Da sind wir uns wieder mal fast komplett einig, wobei ich noch einen halben Punkt tiefer gegangen bin. Aber ein Spin-Off über Rupert Everetts Figur würde ich immer noch gerne sehen! :-)

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