Review: Nerve (Film)

Filmtechnisch betrachtet haben wir Dave Franco-Woche könnte man meinen, denn nach der dienstägigen Besprechung folgt nun ein weiterer Film mit ihm, aber das muss ja auch nicht per se etwas Schlechtes bedeuten, denn auch wenn mich der heutige Film nun nicht vom Hocker gehauen hat, war er doch wahnsinnig unterhaltsam, aber lest selbst.

Nerve

Nerve, USA 2016, 96 Min.

Nerve | © STUDIOCANAL
© STUDIOCANAL

Regisseure:
Henry Joost
Ariel Schulman
Autoren:
Jessica Sharzer (Drehbuch)
Jeanne Ryan (Buch-Vorlage)

Main-Cast:
Emma Roberts (Vee)
Dave Franco (Ian)
in weiteren Rollen:
Emily Meade (Sydney)
Miles Heizer (Tommy)
Juliette Lewis (Nancy)

Genre:
Abenteuer | Krimi | Thriller

Trailer:

 

Inhalt:

Szenenbild aus Nerve | © STUDIOCANAL
© STUDIOCANAL

Nachdem die eigentlich so verantwortungsbewusste wie gleichermaßen schüchterne Vee von ihrer Highschool-Freundin Sydney auf eine neue App namens "Nerve" hingewiesen wird, muss sie sich entscheiden, ob sie als "Watcher" oder "Player" das Spiel startet, wählt sie aus reinem Trotz die Rolle des 6quot;Player" und erklärt sich dadurch bereit, sich den Aufgaben und Mutproben der Community zu stellen, zuvorderst, um ihrer besten Freundin zu beweisen, dass sie durchaus in der Lage ist, mutig zu sein. Schon bei der ersten Herausforderung trifft Vee auf den undurchsichtigen wie charismatischen Ian und ist alsbald mittendrin in "Nerve", während die Aufgaben immer anspruchsvoller und fordernder werden und die Community sie anscheinend gern mit Ian beobachtet, wodurch sie binnen kürzester Zeit auf der Rangliste nach oben schnellt. Doch aus Spaß und harmlosen Mutproben wird alsbald bitterer Ernst und während Vee sich mit Sydney verkracht, wird die Luft im Netz zunehmend dünn…

Rezension:

Vom Look her könnte man beinahe meinen, es handele sich bei Nerve um einen waschechten Science-Fictioner, doch tatsächlich ist das Gedankenexperiment einer App, die ihre Nutzer in "Watcher" – also jene, die gegen entsprechendes Entgelt die Videos der Community schauen, teilen und liken – und "Player" – wiederum die, die sich den immer waghalsiger werdenden Aufgaben der Community stellen und danach streben, die Spitze der Rangliste zu erreichen – so nah an der heutigen Realität, dass es einen zuweilen schaudern mag, denn im Grunde sind längst alle Versatzstücke der App längst präsent und einzig an einem findigen Entwickler-Team mangelt es noch, um dieses Schreckgespenst Realität werden zu lassen. Sehr angenehm in diesem Zusammenhang und für die Erdung der Geschichte beinahe immanent ist, dass man weder Kosten noch Mühen gescheut hat, echte Benutzeroberflächen und Programme einzusetzen, von Skype über Chrome bis hin zur Benutzeroberfläche von Apples Betriebssystem, denn was woanders als schnödes und offensives Product-Placement verschrien würde, trägt hier maßgeblich zur Authentizität der Geschichte bei, derweil selbige natürlich mit fortschreitendem Verlauf zunehmend abstruser wird und sich am Ende gänzlich verrennt, doch bis dahin steht einem zunächst einmal eine gehörig unterhaltsame Zeit bevor.

Szenenbild aus Nerve | © STUDIOCANAL
© STUDIOCANAL

Nun gewinnt Nerve zunächst einmal durch sein einerseits weithin bekanntes, andererseits rundweg charismatisches Hauptdarsteller-Duo, bestehend aus Emma Roberts (Palo Alto), die hier die zunächst reichlich introvertierte Vee gibt, die gleichermaßen als Identifikationsfigur für den Zuschauer fungiert und Dave Franco (Die Unfassbaren 2), der den draufgängerischen, spielerfahrenen und zunächst undurchsichtigen Ian gibt, welcher wiederum Vee tiefer und tiefer in den Kaninchenbau von "Nerve" entführt. Dabei kommt dem Film enorm zugute, dass er nach einigen einführenden Minuten zu erstaunlicher Schlagzahl aufläuft und ein immenses Tempo an den Tag legt, was dann natürlich auch viel eher dazu verleitet, im immer absurder werdenden Reigen auf kleinere wie größere Logiklöcher nicht genau zu achten, weil hier der wummernde Beat, der Spaß an der Sache, der Reiz des Verbotenen und nicht zuletzt die bunten Neonlichter der flirrenden, sirrenden Großstadt – einmal mehr New York – spürbar im Vordergrund stehen.

So sehr der Film aber auch mitreißt, mit einfallsreichen Kamera-Fahrten, -Schwenks und -Einstellungen begeistert und mit herrlich satirischen Untertönen kokettiert, so enttäuschend wird er letztlich zum Ende hin, denn das Finale hätte gleichermaßen banaler wie auch übertriebener kaum ausfallen können und wenn dann noch eine Hacker-Gemeinschaft, bis hierhin nur kurz am Rande erwähnt, plötzlich tief ins Darknet taucht und allerlei Spambots und dergleichen mehr bemüht, dann hilft auch kein ausgeprägte Form von Willing Suspension of Disbelief mehr, um über die immer weiter klaffenden dramaturgischen Schlaglöcher hinwegzusehen, zumal mich gerade im Nachgang zu dem Film viele Fragen beschäftigt haben, wie die App eigentlich genau funktioniert und in welcher Art der dezentralen Steuerung sich beispielsweise die immer neuen, quasi im Sekundentakt eintreffenden Challenges für die Player realisieren ließen, was wiederum dann doch erkennen lässt, dass zugunsten von Tempo und Dramatik – später regelrechter Thrill – auch die obligatorischsten Erklärungen auf der Strecke bleiben mussten.

Szenenbild aus Nerve | © STUDIOCANAL
© STUDIOCANAL

Was sich aber vielleicht beim Lesen regelrecht harsch anhört, wird Nerve dann andererseits auch nicht gerecht, denn wie gesagt ist der Film ungemein unterhaltsam und – vielleicht noch wichtiger – ungemein nah am Puls der Zeit, denn während es andere Filme auch heute noch versäumen, den Sozialen Medien, den Möglichkeiten des Internets sowie der allgemein grassierenden Smartphone-Sucht gebührend Rechnung zu tragen, fühlt sich dieser Film wiederum so an, als hätte er verstanden, wie die Welt heutzutage aussieht, so man es nicht gerade mit einem vehementen Technik-Verweigerer zu tun hat. Hinzu kommt in diesem Zusammenhang die extrem einfallsreiche Inszenierung, die immer wieder Chat-Verläufe und Nachrichten in das Geschehen einbindet, auf Smartphone-Kameraaufnahmen schwenkt, den Aufenthaltsort innerhalb der Stadt mittels knallbunter GPS-Signale abbildet, den Blick von hinter dem (gespiegelten) Display eines Smartphone oder Laptop auf die Protagonisten richtet und auch ansonsten alles dafür tut, das Geschehen optisch aufzuwerten, was ihm auch überwiegend gelingt, wobei ich es hier wieder sehr interessant gefunden habe, dass man – zumindest bei der Blu-ray-Fassung – sämtliche Texte nicht einfach untertitelt, sondern im Bild selbst übersetzt hat, ähnlich, wie es schon bei Non-Stop der Fall gewesen ist. Obwohl der Geschichte zuletzt also ihre Bodenhaftung abhandenkommt, macht die Verfilmung des Romans von Jeanne Ryan doch bis dahin gerade inszenatorisch vieles richtig und verspricht enorm kurzweilige anderthalb Stunden.

Fazit & Wertung:

Die von Henry Joost und Ariel Schulman inszenierte Buch-Verfilmung Nerve ist vielleicht dramaturgisch nicht gerade tiefgreifend und verliert sich gegen Ende in einigen absurd-unlogischen Wendungen, beweist ansonsten aber eine Menge Gespür für Timing und Optik, vor allem aber Zeitgeist, denn selten trägt ein Film dem digitalen Zeitalter dermaßen Rechnung wie dieser satirisch angehauchte Social Media-Thriller.

6,5 von 10 halsbrecherischen Challenges der "Nerve"-Community

Nerve

  • Halsbrecherische Challenges der "Nerve"-Community - 6.5/10
    6.5/10

Fazit & Wertung:

Die von Henry Joost und Ariel Schulman inszenierte Buch-Verfilmung Nerve ist vielleicht dramaturgisch nicht gerade tiefgreifend und verliert sich gegen Ende in einigen absurd-unlogischen Wendungen, beweist ansonsten aber eine Menge Gespür für Timing und Optik, vor allem aber Zeitgeist, denn selten trägt ein Film dem digitalen Zeitalter dermaßen Rechnung wie dieser satirisch angehauchte Social Media-Thriller.

6.5/10
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Nerve ist am 19.01.17 auf DVD und Blu-ray bei STUDIOCANAL erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über einen der Links und unterstützt damit das Medienjournal!

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