Review: Blade Runner – Final Cut (Film)

Fulminanter und besser könnte man den August kaum beenden und ich freue mich sehr, es zeitnah vor Veröffentlichung des Nachfolgefilms geschafft zu haben, diesen Kult-Streifen nicht nur einer Wiederholungssichtung zu unterziehen, sondern auch in hoffentlich adäquater Form darüber zu berichten. Ob mir das geglückt ist, könnt ihr mir ja in den Kommentaren verraten, aber jetzt reisen wir erst einmal zwei Jahre in die Zukunft, denn dort spielt schließlich der Film.

Blade Runner
Final Cut

Blade Runner, USA/HK/UK 1982, 117 Min.

Blade Runner - Final Cut | © Warner Home Video
© Warner Home Video

Regisseur:
Ridley Scott
Autoren:
Hampton Fancher (Drehbuch)
David Webb Peoples (Drehbuch)
Philip K. Dick (Buch-Vorlage)

Main-Cast:
Harrison Ford (Rick Deckard)
in weiteren Rollen:
Rutger Hauer (Roy Batty)
Sean Young (Rachael)
Edward James Olmos (Gaff)

Genre:
Science-Fiction | Thriller

Trailer:

 

Inhalt:

Szenenbild aus Blade Runner - Final Cut | © Warner Home Video
© Warner Home Video

Anfang des 21. Jahrhunderts gelang es der Tyrell Corporation, dem Menschen völlig identische, ihm gleichwohl körperliche Wesen, die Replikanten zu erschaffen, die als Sklavenarbeiter auf anderen Planeten eingesetzt wurden, doch nach einem Aufstand der künstlichen Wesen erkannte man die von ihnen ausgehende Gefahr und verbot den Replikanten die Rückkehr zur Erde. Zur durchsetzung dieses Beschlusses wurde die Einheit der "Blade Runner" gegründet, zu denen auch Rick Deckard einst gehört hat. Der ist mittlerweile arbeitslos und hat seinem früheren Leben den Rücken gekehrt, doch als Polizeichef Bryant erfährt, dass es sechs Replikanten zur Erde geschafft und bereits 23 Menschen getötet haben, beordert er Deckard in den aktiven Dienst zurück. Der begibt sich zunächst zur Tyrell Corporaton, um mehr über die Replikanten zu erfahren, die mit einer Lebenserwartung von vier Jahren "ausgestattet" sind und lernt dort Rachael kennen, bei der es sich ebenfalls um eine Replikantin handelt, auch wenn sie selbst davon nichts weiß. Während Deckard sich in seine Ermittlungen vertieft und versucht, den Replikanten unter der Führung von Roy Batty auf die Spur zu kommen, taucht Rachael bei ihm auf und bietet ihre Hilfe an. Derweil Deckard sie anfänglich vor den Kopf stößt, indem er ihr eröffnet, dass sie kein Mensch sein kann, gibt ihr Wesen ihm doch alsbald zu denken, zumal er Gefühle für sie zu entwickeln scheint…

Rezension:

In Anbetracht dessen, dass der Kinostart von Blade Runner 2049 nicht mehr lange auf sich warten lässt, wurde es natürlich allerhöchste Zeit für eine Wiederholungssichtung eines der kultigsten Science-Fiction-Filme überhaupt, wobei ich mich an die Blu-ray-Fassung des Blade Runner – Final Cut gehalten habe, der ja quasi die "Wunschfassung" von Ridley Scott darstellt und tatsächlich auf angenehmste Weise gealtert ist und auch heute nichts – oder kaum etwas – von seiner Faszination missen lässt, was den Streifen eben auch so zeitlos macht, wenn man einmal davon absieht, dass das Los Angeles des Jahres 2017 doch noch ein ganzes Stück von der dystopischen Version der Stadt im Film zwei Jahre später entfernt ist, aber das sind ja nur Randnotizen und auch Orwell sollte schließlich mit seiner Vision von 1984 nicht Recht behalten. Davon abgesehen erstrahlt das Bild in neuem Glanz und lässt auch jetzt noch fasziniert auf die architektonischen Bauten blicken, durch die sich unser Blade Runner Deckard vorzugsweise fliegend bewegt.

Szenenbild aus Blade Runner - Final Cut | © Warner Home Video
© Warner Home Video

Diese Übergänge, diese ausladenden, teils beinahe elegischen Flugsequenzen sind aber auch eines der wenigen, kinematografisch betrachtet, auch das einzig wirklich anachronistische Element in Scotts Blade Runner, denn wo der Film trotz anfänglich ruhiger Erzählweise gespickt ist mit Querverweisen, Andeutungen und Bezügen auf religiöse, philosophische, teils regelrecht existentielle Gedankenspiele, vieles andeutet, weniges ausformuliert und damit anregt, seine eigenen Gedanken zu bemühen, zu schlussfolgern, über das Gezeigte hinaus zu interpretieren, sind es einzig die ausladenden Panoramafahrten, die keinem anderen Zweck dienen, als eine von Menschenhand geschaffene, dem Menschen aber fremd gewordene nasskalte, versmogte Variation der Hölle zu zeigen, ein Moloch, dessen einzige Hoffnungsschimmer und somit Sonnenstrahlen sich oberhalb der höchsten Dächer am Firmament finden lassen, während man in den Straßen und Gassen die Tristesse einzig mit sich anbiedernden Neon-Schildern und offensiven Werbebotschaften zu vertreiben versucht.

So könnte man zwar meinen, in Anbetracht der zugrunde liegenden Prämisse und angesichts des darauf deutenden Beginns des Film, mit Blade Runner einem Krimi beizuwohnen, doch handelt es sich um weit mehr, ist Scotts Interpretation der Geschichte Träumen Androiden von elektrischen Schafen? des nicht minder kultigen Science-Fiction-Autors Philip K. Dick – dessen Werke wohl so mannigfaltig verfilmt worden sind wie die kaum eines anderen Autors – eben nicht nur eine bloße Nacherzählung, denn Scott macht sich den Stoff gänzlich zu eigen und schafft mit den Drehbuchautoren Hampton Fancher und David Webb Peoples eine im Grunde eigene Welt, entführt in ein vom Noir-Genre inspiriertes Paralleluniversum und begeistert im Grunde weit mehr mit seinen thematischen Ansätzen und dem unvergleichlichen visuellen Design, als mit der im Grunde doch recht stringent verlaufenden Handlung des Films, die auch erst im weiteren Verlauf an Tempo zunimmt und gerade nach heutigen Maßstäben regelrecht als sperrig tituliert werden könnte, wobei natürlich auch dieser Punkt dem Charme des Ganzen zugutekommt und wie alles andere darauf einwirkt, dass man sich dem Film öffnet und sich darauf einlässt, statt bloß stumpf zu konsumieren.

Szenenbild aus Blade Runner - Final Cut | © Warner Home Video
© Warner Home Video

Dem zupass kommt beispielsweise auch, dass im Final Cut unter anderem sämtliche Voice-Over-Kommentare seitens Deckard – und somit Harrison Ford (Star Wars: Episode VII – Das Erwachen der Macht) – entfernt worden sind (die gab es aber auch schon bei der fälschlicherweise als Director’s Cut bezeichneten Fassung nicht mehr), denn so sehr ich sonst ein Freund der erklärenden Stimme aus dem Off bin, würde man sich bei einem Werk dieser Art und Güte schlicht bevormundet fühlen, indem einem Infos und Zusammenhänge vorgekaut serviert werden, so dass das Geschehen einerseits durch die zusätzliche "Stille", andererseits durch die ungehemmten Assoziationsmöglichkeiten merklich gewinnt. Eines der zentralen Leitmotive von Blade Runner ist dabei natürlich die naheliegende Frage, was den Mensch zum Menschen macht, worauf nicht nur das von der Replikantin Pris geäußerte "Cogito ergo sum" (Ich denke, also bin ich) verweist, sondern auch der Voight-Kampff-Test zur Bestimmung, ob es sich um den Befragten um Mensch oder Replikant handelt, der nicht von ungefähr an den Turing-Test erinnert. Befeuert werden diese Ansätze aber natürlich zuvorderst von der Figur Rachael, die selbst nicht weiß, dass sie eine Replikantin ist sowie eine ebenfalls erst in den späteren Filmfassungen hinzugekommene Szene, die explizit die Frage aufwirft, ob Deckard nicht womöglich selbst ein Replikant ist, wobei diese Frage – wie so viele andere auch – unbeantwortet im Raum hängen bleibt, was ebenfalls charakteristisch für die beinahe philosophische Ausrichtung des Films ist, der weitaus häufiger Fragen aufzugeben, als Antworten zu liefern scheint.

Szenenbild aus Blade Runner - Final Cut | © Warner Home Video
© Warner Home Video

Von dieser Frage nach dem eigenen Sein ist es dann auch ein kurzer Weg zur Paranoia, einem weiteren Kernthema des Films, den nicht allein dadurch, sondern im Grunde schon seit der Einblendung des scheinbar allsehenden Auges in den ersten Filmminuten von einem orwellschen Geist beseelt scheint. Natürlich gäbe es derer Themen noch viele weitere mehr und folglich ein regelrechtes Füllhorn an Ansätzen und Motiven, doch kann sich der geneigte Interessent diesbezüglich an viele, weitaus weitreichendere Ausführungen zum Thema halten, weshalb ich es bei diesen beiden zentralen Aspekten belassen will. Ansonsten findet nach rund der Hälfte des Films ein regelrechter Paradigmenwechsel statt, wenn die stoische Jagd auf die Replikanten in einen offenen Konflikt und schlussendlich die Auseinandersetzung zwischen Deckard und Roy (Rudger Hauer) mündet, das mit einem ungewohnt antiklimatischen Finale schließt und dabei einen der wohl denkwürdigsten Film-Monologe aller Zeiten zu bieten hat (die Rede ist natürlich von den C-Beams nahe dem Tannhäuser Tor). Es ließen sich noch Seiten und Bücher über Blade Runner schreiben – und es gibt ja nicht gerade wenige Abhandlungen und Essays zum Film – doch bleibt für mich nur noch festzuhalten, dass dies einer jener Filme ist, die jeder gesehen haben sollte, mit denen sich auseinanderzusetzen sich lohnt und die ein Paradebeispiel dafür sind, was das Medium Film so faszinierend und reichhaltig macht.

Fazit & Wertung:

Ridley Scotts Blade Runner hat – insbesondere im Final Cut – auch 35 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung kaum etwas an Reiz und vor allem Aktualität eingebüßt, denn auch wenn manches nicht mehr zu heutigen Sehgewohnheiten passen mag, ist der audiovisuelle Stil doch von einer prägenden Einzigartigkeit, derweil fernab der eigentlichen Handlung die Themen, Motive und Denkansätze so vielschichtig und reichhaltig geraten sind, dass man Tage damit verbringen könnte, auch nur eine Szene des Films sorgfältig zu sezieren, der aber ungeachtet dieser Vorzüge eben auch wahnsinnig spannend und ungemein atmosphärisch inszeniert worden ist.

10 von 10 Zweifeln am eigenen Selbst und Sein

Blade Runner - Final Cut

  • Zweifel am eigenen Selbst und Sein - 10/10
    10/10

Fazit & Wertung:

Ridley Scotts Blade Runner hat – insbesondere im Final Cut – auch 35 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung kaum etwas an Reiz und vor allem Aktualität eingebüßt, denn auch wenn manches nicht mehr zu heutigen Sehgewohnheiten passen mag, ist der audiovisuelle Stil doch von einer prägenden Einzigartigkeit, derweil fernab der eigentlichen Handlung die Themen, Motive und Denkansätze so vielschichtig und reichhaltig geraten sind, dass man Tage damit verbringen könnte, auch nur eine Szene des Films sorgfältig zu sezieren, der aber ungeachtet dieser Vorzüge eben auch wahnsinnig spannend und ungemein atmosphärisch inszeniert worden ist.

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Blade Runner – Final Cut ist am 01.10.10 auf DVD und Blu-ray bei Warner Home Video erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über einen der Links und unterstützt damit das Medienjournal!

DVD:

Blu-ray:

  • Da braucht man nichts mehr zu sagen: Wenn ein Film die 10 Punkte verdient hat, dann dieser.

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