Review: Dein finsteres Herz | Tony Parsons (Buch)

Wieder ist Bergfest, was die Arbeitswoche angeht, beziehungsweise liegt schon hinter mir, weil jetzt sind es ja nur noch zwei Arbeitstage, bis das nächste Wochenende Einzug hält und das bedeutet naturgemäß auch, dass es Zeit wird für eine neue Buch-Kritik, bei der ich mich einem seinerzeit ziemlich gehypten Buch widme.

Dein finsteres Herz
Detective Max Wolfes erster Fall

The Murder Bag, UK 2014, 461 Seiten

Dein finsteres Herz von Tony Parsons | © Bastei Lübbe
© Bastei Lübbe

Autor:
Tony Parsons
Übersetzer:
Dietmar Schmidt

Verlag (D):
Bastei Lübbe
ISBN:
978-3-404-17400-3

Genre:
Krimi | Thriller

 

Inhalt:

Gerade erst ist der als alleinerziehender Vater lebende Detective Constable Max Wolfe von der Terrorbekämpfung zur Mordermittlung gewechselt, als in einem Bürogebäude die Leiche eines renommierten Bankers gefunden wird, dessen Kehle samt Luftröhre mit einem sauberen Schnitt durchtrennt wurde. Während man sich anfangs darauf konzentriert, wer dem Mann nach dem Leben getrachtet haben könnte, taucht bald eine ähnlich zugerichtete Leiche auf, nur dass es sich diesmal um einen Obdachlosen handelt. Alsbald bietet ein Bild auf dem Schreibtisch des Bankers eine vielversprechende Spur, denn dieses zeigt sieben Jungen, die scheinbar die gleiche Schule besucht haben, was dann auch den Obdachlosen mit dem Banker in Verbindung bringt. Ein Motiv fehlt indes noch völlig, doch bieten die restlichen Männer auf dem Foto zumindest einen soliden Ausgangspunkt, die Ermittlungen fortzusetzen, während sich im Internet "Bob, der Metzger" mit den blutigen Taten rühmt. Wolfe indes will nicht recht glauben, dass es sich bei dem Mörder und dem vermeintlichen Trittbrettfahrer "Bob" um ein und dieselbe Person handeln soll…

Rezension:

Lange hat es gedauert, bis ich Zeit, Muße, Lust und Laune gefunden habe, mich Dein finsteres Herz und somit dem ersten Fall von Detective Max Wolfe zu widmen, auch wenn ich schon lange einen Blick auf das Buch geworfen hatte (welches sich längst gleich dreier Nachfolger rühmen kann), denn der Name des Autors – Tony Parsons – schien mir ein Begriff zu sein, wie ein Blick in mein Bücherregal bestätigte, wo ich dessen Roman Als wir unsterblich waren erblickte, den ich vor einigen Jahren recht begeistert gelesen habe. Nun drehte sich dieses Buch seinerzeit noch um Musikjournalisten, wie Parsons selbst früher einer war, doch erinnerte ich mich eben auch an eine sehr angenehm eloquente, eigensinnige Schreibe, bei der ich mir nicht sicher war, ob sie nun im Rahmen eines Krimis ebenso zu begeistern wüsste, doch macht im Grunde genau dieser Umstand in meinen Augen den Reiz der aus der Ich-Perspektive vorgetragenen Ermittlungen seitens Wolfe aus. Der nämlich unterscheidet sich – wenn man einmal davon absieht, dass er nicht wie die "typischen" Hardboiled-Detectives exzessiv trinkt und zynisch die ihn anwidernde Welt betrachtet – kaum von den einschlägigen Ermittlern, so dass es die Feinheiten sind, die seine Figur so lebensnah und interessant machen.

Wenn ich meinen Rückspiegel etwas drehte, konnte ich an der beeindruckenden viktorianischen Fassade des Bahnhofshotels hochblicken. Wie ein Märchenschloss reckte es seine Türmchen in einen blauen Himmel voller weißer Wattebauschwolken. Es sah aus, als müsste man dort nur einmal blinzeln, und hundert Jahre wären vergangen. Von den großen Jungs sah ich keinen. Aber im Bahnhof gab es genügend von ihnen, um einen kleinen Krieg zu beginnen.
Irgendwo hinter den Netzgardinen und Vorhängen wartete die SCO19, die Sondereinsatzeinheit der Metropolitan Police. Jeder von ihnen war mit einem G36-Sturmgewehr von Heckler & Koch bewaffnet und zwei Neunmillimeterpistolen Glock SLP. Doch ganz egal, wie angestrengt ich hinsah, ich würde sie nicht entdecken.

Da wäre in diesem Zusammenhang natürlich zunächst einmal Max‘ Tochter Scout und deren kleiner Hund Stan, die dem sonst so gängigen, ruppigen Gebaren des Ermittlers ohnehin einen Strich durch die Rechnung machen würden, in vielen kleinen Episoden aber vor allem die emotionale Komponente von Dein finsteres Herz betonen und Max fernab durchaus vorhandener Ausbrüche von Draufgängertum oder Jähzorn eben immer auch als geerdeten und verantwortungsbewussten Mann und Vater darstellen, was aber wiederum zugegebenermaßen nicht unbedingt jeder in einem handfesten Krimi lesen möchte, wie ich einzuräumen bereit bin. Für meinen Teil allerdings verlieh es der Figur des Max Wolfe eine ungeahnte Plastizität und bereicherte vor allem die Passagen, in denen die eigentliche Ermittlung ins Stocken zu geraten droht, denn der anfangs so simpel scheinende Fall von erst einem, dann zwei Mordopfern, denen buchstäblich der Hals geöffnet worden ist, zieht mit jedem Kapitel und jeder Erkenntnis immer weitere Kreise bis tief in die Vergangenheit einer Elite-Schule.

Dabei gelingt es Parsons wiederum trefflich, die zunehmenden Verzweigungen und Spuren sorgsam in die Handlung zu weben und nicht etwa mit einem assoziativen Wust von Verdächtigen und Zeugen zu überfordern, so dass ich Dein finsteres Herz bei aller Komplexität in der Handlung auch immer als sehr durchdacht und überschaubar empfunden habe, mich zu keinem Zeitpunkt in der Handlung verloren fühlte, wie das jüngst beispielsweise bei Die Ratten von Perth das eine oder andere Mal der Fall war. Zugegebenermaßen aber – gerade wenn man den im Jahre 1988 angesiedelten Prolog im Hinterkopf behält – strotzt der eigentliche Plot oder vielmehr dessen Auflösung nicht eben vor Innovation, so dass für mich recht schnell zumindest rudimentär klar zu sein schien, was hinter der Angelegenheit der Morde steckt, doch ist in diesem Falle ja auch immer der Weg das Ziel und zumindest auf den eigentlichen Täter wäre ich so schnell selbst nicht gekommen, wobei sich auch hier eine organische Lösung anbahnt und nicht etwa eine aus dem Hut gezauberte Wendung herhalten muss, um das Geschehen zu einem befriedigendem Abschluss zu bringen.

Der Fed schilderte uns auch, wie mögliche Terroristen aussehen könnten.
Im Grunde wie jeder.
Die Lehrgangsteilnehmer in Bramshill, die klügsten und besten, diese Cops auf der Überholspur, die nächste Generation im CID, jung und zäh und schlau, hatten sich vor Lachen fast eingenässt. Im Gegensatz zu ihnen fand ich den Vortrag nicht nutzlos. Ganz im Gegenteil. Denn ich wusste noch den Punkt Nummer eins auf der Liste möglicher Indikatoren des FBI-Manns.
Der Verdächtige verändert sein Aussehen deutlich. Obwohl meine Kollegen gegrinst und die Augen verdreht hatten, hielt ich das für einen Punkt, den man nicht außer Acht lassen durfte. Niemals das Offensichtliche übersehen. Nicht erwarten, dass er aussieht wie auf den Fotos und Überwachungsvideos. Sei darauf vorbereitet, dass er aussieht wie jemand anders.

Vor allem anderen gelingt es dem Autor aber auch, mit der hier geschilderten Geschichte nicht nur Detective Constable Max Wolfe und seine kleine Familie, sondern vor allem London als Handlungsort vorzustellen, der vielerorts regelrecht vor Leben zu pulsieren scheint und weit mehr ist als bloße Kulisse, so dass einerseits Wolfe selbst einige Anekdoten zum Besten zu geben hat, aber auch die Figuren um ihn herum zu gefallen wissen, wobei hier der Leiter des "Black Museum", die verantwortliche Pathologin und der Leiter eines alteingesessenen Boy-Studios noch am ehesten herausstechen, während die weiteren Figuren doch eher blass bleiben, immerhin aber zumindest einen rudimentären Wiedererkennungswert besitzen. Das merkt man dann auch allerspätestens nach nicht ganz vierhundert Seiten, denn fernab des eigentlichen Romans Dein finsteres Herz ist hier zudem noch die Kurzgeschichte Nachtschwärmer mit noch einmal rund 70 Seiten enthalten, wo einige der Figuren direkt noch einmal auftreten dürfen. Diese Geschichte schließt sich chronologisch betrachtet direkt an die vorangegangenen Geschehnisse an und verspricht ebenfalls kurzweilige Lektüre, auch wenn man hier zuweilen merkt, dass die Story mehr eine Fingerübung war und nicht originär direkt zusammen mit dem Roman vermarktet werden sollte, finden sich schließlich einige Wiederholungen und Erörterungen, die nur bei längerer Pause zwischen der jeweiligen Lektüre Sinn machen. Umso begrüßenswerter, dass man seitens Bastei Lübbe beschlossen hat, die Geschichte prompt als Bonus zu kredenzen.

Fazit & Wertung:

Auch wenn manche der erzählerischen Versatzstücke in Tony Parsons‘ Dein finsteres Herz nicht eben neu sein mögen und der Anteil, den Wolfes‘ Familienleben in der Geschichte einnimmt, manchem zu groß sein dürfte, liefert der Autor mit Max Wolfes‘ erstem Fall einen überaus gelungenen und selbstbewussten Einstieg für eine vielversprechende Krimi-Reihe, beweist vor allem aber, dass ihm fernab seiner Vergangenheit als Musikjournalist auch die Spannungsliteratur mehr als liegt, zumal er gleichsam auf viele Klischees verzichtet und neben einem interessanten Protagonisten ein regelrecht oszillierendes London als Handlungsort skizziert.

8,5 von 10 Geheimnissen der Vergangenheit

Dein finsteres Herz

  • Geheimnisse der Vergangenheit - 8.5/10
    8.5/10

Fazit & Wertung:

Auch wenn manche der erzählerischen Versatzstücke in Tony Parsons‘ Dein finsteres Herz nicht eben neu sein mögen und der Anteil, den Wolfes‘ Familienleben in der Geschichte einnimmt, manchem zu groß sein dürfte, liefert der Autor mit Max Wolfes‘ erstem Fall einen überaus gelungenen und selbstbewussten Einstieg für eine vielversprechende Krimi-Reihe, beweist vor allem aber, dass ihm fernab seiner Vergangenheit als Musikjournalist auch die Spannungsliteratur mehr als liegt, zumal er gleichsam auf viele Klischees verzichtet und neben einem interessanten Protagonisten ein regelrecht oszillierendes London als Handlungsort skizziert.

8.5/10
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Weitere Details zum Buch und dem Autor findet ihr auf der Seite von Bastei Lübbe. Dort findet sich übrigens auch eine Leseprobe.

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Dein finsteres Herz ist am 12.08.16 als Taschenbuch bei Bastei Lübbe erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über den nachfolgenden Link und unterstützt damit das Medienjournal!

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