Review: Only Lovers Left Alive (Film)

So langsam trudeln ja schon die ersten Star Wars-Kritiken ein, doch für mich dauert es noch bis Donnerstagabend und ich habe nicht vor, mich jetzt noch spoilern zu lassen, weshalb ich zunächst einmal die Scheuklappen aufsetze und im üblichen Turnus fortfahre, was heute eine Kritik zu einem Jim Jarmusch-Film mit sich bringt, den ich dann endlich auch einmal nachgeholt habe.

Only Lovers Left Alive

Only Lovers Left Alive, DE/UK/FR/GR/USA/CY 2013, 123 Min.

Only Lovers Left Alive | © Alive/Pandora Film
© Alive/Pandora Film

Regisseur:
Jim Jarmusch
Autoren:
Jim Jarmusch
Marion Bessay

Main-Cast:
Tilda Swinton (Eve)
Tom Hiddleston (Adam)
Mia Wasikowska (Ava)
Anton Yelchin (Ian)
John Hurt (Christopher Marlowe)
in weiteren Rollen:
Jeffrey Wright (Dr. Watson)
Slimane Dazi (Bilal)

Genre:
Drama | Komödie | Horror | Romantik

Trailer:

 

Inhalt:

Szenenbild aus Only Lovers Left Alive | © Alive/Pandora Film
© Alive/Pandora Film

Der Jahrhunderte alte Vampir Adam ist langsam aber sicher des Lebens müde geworden, nachdem er sich als Künstler, Erfinder und in einer noch nicht allzu lang zurückliegenden Zeit vor allem als Musiker verdient gemacht hat. Mittlerweile lebt Adam abgeschieden und einsam in einem Detroiter Industriegebiet und empfängt wenn überhaupt den jungen Ian, der Erledigungen für den zurückgezogen lebenden Exzentriker mit dem blassen Teint erledigt. Als Adams große Liebe Eve allerdings von dessen Melancholie und Einsamkeit erfährt, macht sie sich umgehend auf den Weg, den lethargisch gewordenen Mann aufzuheitern. Während sie sich ihm allerdings behutsam nähert, kündigt sich weiter Familienbesuch in Gestalt von Eves Schwester Ava an, die beide nach einem Eklat vor 87 Jahren nicht mehr gesehen haben und die die Attitüde des verzogenen Teenies auch nach all den Jahren nicht abgelegt zu haben scheint…

Rezension:

Es hat einige Zeit gedauert, bis ich mich an Jim Jarmuschs Only Lovers Left Alive getraut habe, denn mehr als bei den meisten anderen Regisseuren sollte man für einen Jarmusch doch besser in der richtigen Stimmung sein, um seine eigenwilligen Inszenierungen genießen und schätzen zu können, wobei ich erstaunt war, wie zugänglich der Film doch letztlich ist, auch wenn er doch spürbar in jeder Szene "Arthouse" zu schreien scheint, was in diesem Fall aber keineswegs negativ konnotiert sein soll. So ist es eine mehr als glückliche Fügung und ein sich lohnendes Wagnis, das Jarmusch sich hier nun des ungemein populären und beliebten Vampir-Mythos annimmt und daraus etwas gänzlich Eigenes kreiert, das mit einschlägigen Produktionen von Twilight bis zu True Blood – um nur zwei quasi entgegengesetzte Pole in dem breiten Spektrum zu nennen – nichts gemein zu haben scheint, außer vielleicht den allergängigsten Annahmen, wie etwa der allgemeinen Lichtscheue dieser Wesen der Nacht. Entsprechend wundert es kaum, dass im gesamten Film das Wort "Vampir" auch kein einziges Mal genutzt wird, während über das Wesen der Hauptakteure zu keinem Zeitpunkt echte Zweifel bestehen dürften.

Szenenbild aus Only Lovers Left Alive | © Alive/Pandora Film
© Alive/Pandora Film

Großartige Gore-Momente oder Action-Szenen sucht man hier natürlich auch vergeblich, aber mit dieser Annahme dürfte man sich ja wohl keinen Jarmusch-Film zu Gemüte führen, der das Sujet viel eher nutzt, mit Only Lovers Left Alive eine Liebesgeschichte der etwas anderen Art zu erzählen und in einen rund zweistündigen Reigen voller Melancholie und Weltverdrossenheit, nostalgischem Bedauern und Lethargie entführt, denn Hauptfigur Adam, der von dem wie immer großartigen Tom Hiddleston (Crimson Peak) verkörpert wird, ist im Grunde des ewigen Lebens müde geworden und trägt sich gar bereits mit Selbstmordabsichten, wohingegen die weitaus ältere Eve, in diesem Fall die nicht minder wunderbare Tilda Swinton (Okja) es sich im nächtlichen Unleben weitaus besser einzurichten gewusst hat und nun ihren früheren Weggefährten von ungestümen Dummheiten abbringen möchte. Adam und Eve – wie ich der IMDb entnehmen durfte – spielen dabei mitnichten auf die biblische Erzählung an (was ja eine naheliegende Deutung wäre), sondern referenzieren Mark Twains The Diaries of Adam and Eve, aber das nur am Rande.

Überhaupt ist Only Lovers Left Alive ein Fest für Freunde ausgesuchter popkultureller Anspielungen, nur dass hier eben nicht die vergangenen paar Jahre referenziert werden, sondern die Größen aus Literatur, Kunst und Musik der letzten Jahrhunderte, so dass Adam und Eve sich beispielsweise Tarn-Namen zulegen, die aus Büchern von F. Scott Fitzgerald und James Joyce entliehen sind (Fun-Fact am Rande: Hiddleston wiederum spielte in Midnight in Paris zwei Jahre zuvor selbst den Schriftsteller Fitzgerald), während sich allein in den Regalen von Adam und Eve zahllose Werke der Weltliteratur entdecken lassen und die beiden im Gespräch von Fibonacci bis zu Faust allerhand berühmte Namen und Werke referenzieren. Kein Wunder, werden Vampire schließlich in Jarmuschs ureigener Herangehensweise an das Thema als heimliche Wohltäter und Mäzene der Menschheit inszeniert, die über die Jahrhunderte hinweg bei mehr als nur einigen bedeutenden Werken und Errungenschaften ihre Finger im Spiel hatten.

Szenenbild aus Only Lovers Left Alive | © Alive/Pandora Film
© Alive/Pandora Film

Bemerkenswert indes ist auch, dass Jarmusch tatsächlich konsequent seinen gesamten Film in der Nacht hat spielen lassen, so dass kein irritierender Sonnenstrahl den melancholisch gefärbten Reigen trübt, der trotz seiner anfänglichen Schwere und Getragenheit nie schwermütig oder gar langweilig zu werden droht, zumal die Szenerie insbesondere durch das Auftauchen der ungemein quirligen und vergleichsweise "lebenslustigen" Ava gekonnt aufgebrochen wird, womit Mia Wasikowska (Stoker) in deren Verkörperung eine weitere, nuanciert austarierte Rolle ihrem ungemein diversen Sujet hinzufügen konnte und wie nicht anders zu erwarten begeistert. Besondere Erwähnung finden mögen aber selbstredend auch die bedauerlicherweise mittlerweile dahingeschiedenen Mimen Anton Yelchin (Weg mit der Ex) und John Hurt (Doctor Who: Der Tag des Doktors), die wenn auch mit vergleichsweise kleinen Rollen das Geschehen formidabel abrunden, dem ohnehin schon tragisch angehauchten Treiben der sprichwörtlich lebensmüden Untoten auf einer Ebene über die eigentliche Filmhandlung hinweg eine traurige Note verleihen. Davon aber abgesehen steht ohnehin nicht unbedingt die eigentliche Handlung bei Only Lovers Left Alive im Vordergrund, die ohnehin vergleichsweise generisch und meistenteils recht unaufgeregt geraten ist, so dass es Gefühle und Momente, Schnappschüsse und im Dunkeln geführte Dialoge sind, die Jarmuschs Film zu einem atmosphärisch so ungemein fesselnden Erlebnis machen, welches in seiner leisen Exzentrik, gepaart mit zwei ordentlichen Prisen Humor und Fatalismus dem Thema "Vampir" tatsächlich noch neue Facetten hinzuzufügen versteht.

Fazit & Wertung:

Jim Jarmusch entführt mit Only Lovers Left Alive in eine düstere Liebesgeschichte der anderen Art und inszeniert seine vampirischen Protagonisten als welterfahrene – wie –verdrossene Förderer der Menschheit im Geheimen und garniert seinen melancholisch-nostalgischen Ausflug mit allerhand Verweisen und Reminiszenzen, während allein schon die dräuende Atmosphäre und der bestechende Soundtrack zum Verweilen einladen. Ein ganz und gar selbstbewusst eigenwilliger Film, der sich dennoch nie sperrig oder unzugänglich gibt und damit wenn schon nicht zum Vampir-Kultfilm, so doch zumindest zum cineastischen Hochgenuss avanciert.

9 von 10 Anfällen mitternächtlicher Melancholie

Only Lovers Left Alive

  • Anfälle mitternächtlicher Melancholie - 9/10
    9/10

Fazit & Wertung:

Jim Jarmusch entführt mit Only Lovers Left Alive in eine düstere Liebesgeschichte der anderen Art und inszeniert seine vampirischen Protagonisten als welterfahrene – wie –verdrossene Förderer der Menschheit im Geheimen und garniert seinen melancholisch-nostalgischen Ausflug mit allerhand Verweisen und Reminiszenzen, während allein schon die dräuende Atmosphäre und der bestechende Soundtrack zum Verweilen einladen. Ein ganz und gar selbstbewusst eigenwilliger Film, der sich dennoch nie sperrig oder unzugänglich gibt und damit wenn schon nicht zum Vampir-Kultfilm, so doch zumindest zum cineastischen Hochgenuss avanciert.

9.0/10
Leser-Wertung 8/10 (1 Stimme)
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Only Lovers Left Alive ist am 27.06.14 auf DVD und Blu-ray bei Alive/Pandora Film erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über einen der Links und unterstützt damit das Medienjournal!

DVD:

Blu-ray:

vgw

Eine Reaktion

  1. Ma-Go Filmtipps 14. Dezember 2017

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