Review: The French Dispatch (Film)

Ja, auch dieser Artikel hat wieder weit länger gedauert, als ich das ursprünglich geplant hatte, aber dafür bin ich letztlich auch sehr zufrieden mit dem Ergebnis, ganz davon abgesehen, dass ich den Film nur wärmstens empfehlen kann (wenn man denn Wes-Anderson-Filme mag, sonst rate ich nachdrücklich davon ab!).

The French Dispatch
of the Liberty, Kansas Evening Sun

The French Dispatch, USA/DE 2021, 107 Min.

The French Dispatch | © Walt Disney
© Walt Disney

Regisseur:
Wes Anderson
Autor:
Wes Anderson

Main-Cast:
Benicio Del Toro (Moses Rosenthaler)
Adrien Brody (Julian Cadazio)
Tilda Swinton (J.K.L. Berensen)
Léa Seydoux (Simone)
Frances McDormand (Lucinda Krementz)
Timothée Chalamet (Zeffirelli)
Lyna Khoudri (Juliette)
Jeffrey Wright (Roebuck Wright)
Mathieu Amalric (The Commissaire)
Steve Park (Nescaffier)
Bill Murray (Arthur Howitzer, Jr.)
Owen Wilson (Herbsaint Sazerac)
in weiteren Rollen:
Liev Schreiber (Talk Show Host)
Elisabeth Moss (Alumna)
Edward Norton (The Chauffeur)
Willem Dafoe (Albert ‚the Abacus‘)
Lois Smith (Upshur ‚Maw‘ Clampette)
Saoirse Ronan (Junkie / Showgirl #1)
Christoph Waltz (Paul Duval)
Cécile de France (Mrs. B.)
Guillaume Gallienne (Mr. B.)
Jason Schwartzman (Hermès Jones)
Tony Revolori (Young Rosenthaler)
Rupert Friend (Drill-Sergeant)
Henry Winkler (Uncle Joe)
Bob Balaban (Uncle Nick)
Hippolyte Girardot (Chou-fleur)
Anjelica Huston (Narrator [Stimme])

Genre:
Komödie | Drama | Romantik

Trailer:

 

Inhalt:

Szenenbild aus The French Dispatch | © Walt Disney
© Walt Disney

Nachdem er fünfzig Jahre zuvor lang das mittlerweile legendär gewordene Magazin The French Dispatch als Ableger der der Zeitung Liberty, Kansas Evening Sun gegründet und infolgedessen geleitet und herausgegeben hat, ist der renommierte Arthur Howitzer Jr. Im Jahr 1975 einem Herzanfall erlegen. In seiner Weitsicht (und Verschrobenheit) hat Howitzer Jr. verfügt, dass mit seinem Ableben auch die Herausgabe des Magazins unverzüglich eingestellt werden solle, abgesehen von einem finalen Farewell, einer Ausgabe, die seiner gedenkt und – neben einer eigenwilligen Liebeserklärung an die französische Ortschaft Ennui-sur-Blasé – drei große Geschichten seiner Karriere vereint und mit einem Nachruf auf seine Person endet. Diese Geschichten, drehen sich um Kunst und Kultur, Politik und Revolution, Essen und Entführungen, strotzen kaum vor journalistischer Neutralität, doch dafür umso mehr von der einmaligen Hingabe und Leidenschaft, der sich das Team unter Howitzer Jr. stets verpflichtet gefühlt hat…

Rezension:

Noch bevor man hierzulande wirklich Gelegenheit gehabt haben dürfte, Wes Andersons aktuellen Film The French Dispatch im Kino zu begutachten, nachdem er pandemiebedingt mehrfach verschoben worden ist, landete die pittoreske Liebeserklärung des eigenwilligen Regisseurs mit der einzigartigen Handschrift bereits am 23. Februar auf Disney+ und erfreut dort seither die Abonnent*innen, so man sich denn für Andersons Schaffen grundsätzlich erwärmen kann. Mehr denn je ist es diesmal nämlich Geschmackssache und persönliche Entscheidung, ob man dem Regisseur mit Kusshand und Begeisterung begegnet oder dessen Werke verschmäht. So gab es schließlich in beispielsweise Moonrise Kingdom oder Review: Grand Budapest Hotel (Film) noch eine durchgehende Geschichte und treffend skizzierte Charaktere, während sich Anderson hier mehr denn je auf visuellen Einfallsreichtum und skurrilen Gestus verlässt, denn immerhin vereint er in dem kaum zweistündigen Reigen gleich vier Geschichten, angereichert noch durch einleitende Eröffnung und den abschließenden Nachruf auf Herausgeber Arthur Howitzer Jr., der wiederum als Reminiszenz an Harold Ross verstanden werden darf, der wiederum Mitbegründer des wöchentlichen Magazins The New Yorker war, dessen prestigeträchtige Geschichte ganz allgemein Pate stand für das fiktive The French Dispatch.

Szenenbild aus The French Dispatch | © Walt Disney
© Walt Disney

So sagt Anderson selbst, es handele sich um eine Liebeserklärung an den Journalismus und – so bemerkt der geneigte Zuschauer binnen Sekunden – eben gleichsam auch um eine Liebeserklärung an Frankreich, das in einer romantisiert-verklärten, regelrecht stilisierten und archetypischen Art und Weise hier den Hintergrund der Erzählungen bildet, die dominiert werden von französischer Lebensart, was besonders prägnant im Segment Revisions to a Manifesto ist, dass sich der französischen Studentenrevolte und der 68er-Bewegung widmet. Offenkundig werden Huldigung und Verbeugung aber bereits in dem vergleichsweise knapp angelegten Segment The Cycling Reporter, in dem Owen Wilson (Broadway Therapy) als radelnder Reisejournalist das (ebenfalls fiktive) Städtchen Ennui-sur-Blasé (zu Deutsch in etwa "Langeweile über Blasiertheit") vorstellt, für das natürlich Paris Pate gestanden hat. Das mag alles mit der Realität eher weniger zu tun haben und ist weit mehr ein nicht gerade unauffälliges Spiel mit Klischees, gerät aber unbestreitbar charmant und einnehmend. Bereits diese erste Tour durch die Stadt macht aber auch deutlich, dass man sich zwar einerseits auf ein regelrechtes Star-Ensemble freuen und einstellen darf, dessen Mitglieder allerdings auch teilweise wirklich nur Sekunden die Leinwand für sich werden beanspruchen dürfen.

Und es geben sich wahrlich nicht wenige Berühmtheiten die Ehre, ob es nun Benicio Del Toro (Sicario) als eigenbrötlerischer, inhaftierter Künstler Moses, Léa Seydoux (Zoe) als Gefängniswärterin und Muse Simone oder Adrien Brody (Manhattan Nocturne) als Kunsthändler Julien Cadazio ist, um zunächst nur die Hauptfiguren der sich anschließenden Episode The Concrete Masterpiece zu nennen, deren Inhalt wiederum von J.K.L. Berensen (Tilda Swinton, Suspiria) zum Besten gegeben wird. Revisions to a Manifesto wiederum wird bestritten von der großartigen Frances McDormand (Three Billboards Outside Ebbing, Missouri) und Timothée Chalamet (Lady Bird), der hier den Revoluzzer Zeffirelli gibt, wobei sich selbst Christoph Waltz nicht zu schade hier, hier für eine bessere Statistenrolle zu gastieren. Selbiges gilt auch für das abschließende und mitunter aberwitzigste Segment The Private Dining Room of the Police Commissioner, denn hier werden auch Leinwandgrößen wie Saoirse Ronan oder Edward Norton auf wenige Sekunden Leinwand-Dasein destilliert, während Liev Schreiber (Spotlight) sich als Talkshow-Moderator von Roebuck Wright (Jeffrey Wright, Westworld) von einer mehr als denkwürdigen Verkostung berichten lässt, die unter anderem eine Entführung und eine Verfolgungsjagd beinhaltet. Last but not least beinhaltet natürlich die Rahmenhandlung selbst und das auch das finale, schlicht Obituary (Nachruf) betitelte Kapitel den von Bill Murray (The Dead Don’t Die) verkörperten Arthur Howitzer Jr., was ein samt und sonders abwechslungsreichen, aberwitziges und absurdes Vergnügen ergibt, wenn man sich dieser Art des Storytelling öffnet.

Szenenbild aus The French Dispatch | © Walt Disney
© Walt Disney

Ohnehin ist man aber sicherlich am besten bedient, wenn man bestmöglich bereits Filme von Wes Anderson kennt und schätzt, The French Dispatch of the Liberty, Kansas Evening Sun (wie der vollständige Titel lautet) aber bestmöglich gar nicht als Film begreift, sondern vielleicht vielmehr als liebevoll visualisierte Interpretation des Regisseurs und Drehbuchschreibers, der hier im Grunde das Gefühl auf die Leinwand zaubert, das man beim Durchblättern und Schwelgen, Lesen und Genießen eines Magazins wie The New Yorker hat oder haben sollte. Da mag es dann zwar keinen übergeordneten Handlungsbogen geben, keine tiefgreifenden Charakterentwicklungen oder ungemein vielschichtige Handlungen, dafür aber allerhand Eindrücke und Beobachtungen, Momentaufnahmen und Einsprengsel, kleine Miniaturen, die weder die Welt bedeuten, noch sie abschließend erklären, aber einen ebenso einzigartigen Blickwinkel eröffnen, wie die Zunft des Journalismus, der Anderson hier ein Denkmal setzt. Zugegeben, es hat schon Filme von ihm gegeben, die mich mehr berührt und fasziniert haben, zumal hier die Form gegenüber der Funktion zuweilen überhand zu nehmen droht, doch ändert das wenig daran, dass hier eine ungemein liebevoll inszenierte Variation einer klassischen Anthologie präsentiert wird, die zu jedem Zeitpunkt und mit jeder ihrer erwartungsgemäß skurrilen Geschichten überzeugt.

Fazit & Wertung:

Wes Anderson inszeniert mit The French Dispatch eine beispiellose Huldigung an den Journalismus, an Frankreich, an das Geschichtenerzählen an sich. Wer sich den Skurrilitäten und dem charmanten Aberwitz des Regisseurs und Drehbuchschreibers verbunden fühlt, wird bei dieser lose und assoziativ aneinandergereihten Anthologie seine Freude haben, wohingegen es der Film Quereinsteigern nicht leicht macht und weder eine tiefgreifende noch stringente Handlung zu bieten hat.

8 von 10 einzigartigen journalistischen Erlebnisberichten

The French Dispatch

  • Einzigartige journalistische Erlebnisberichte - 8/10
    8/10

Fazit & Wertung:

Wes Anderson inszeniert mit The French Dispatch eine beispiellose Huldigung an den Journalismus, an Frankreich, an das Geschichtenerzählen an sich. Wer sich den Skurrilitäten und dem charmanten Aberwitz des Regisseurs und Drehbuchschreibers verbunden fühlt, wird bei dieser lose und assoziativ aneinandergereihten Anthologie seine Freude haben, wohingegen es der Film Quereinsteigern nicht leicht macht und weder eine tiefgreifende noch stringente Handlung zu bieten hat.

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The French Dispatch ist seit dem 23.02.22 bei Disney+ verfügbar.
vgw

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