Review: Lovesong für Bobby Long (Film)

Normalerweise warte ich zum Wochenende hin ja mit dem aktuellsten Film auf, doch diese Woche gehe ich einen anderen Weg, zumal die zwei vorangegangenen Filme ja schon ziemlich aktuell waren und kredenze heute stattdessen den (für mich) besten Film der Woche und es hat mich nicht einmal anderthalb Dekaden gekostet, den nun auch endlich mal zu gucken.

Lovesong für Bobby Long

A Love Song for Bobby Long, USA 2004, 119 Min.

Lovesong für Bobby Long | © Universum Film
© Universum Film

Regisseur:
Shainee Gabel
Autoren:
Shainee Gabel (Drehbuch)
Ronald Everett Capps (Buch-Vorlage)

Main-Cast:
John Travolta (Bobby Long)
Scarlett Johansson (Pursy Will)
in weiteren Rollen:
Gabriel Macht (Lawson Pines)
Deborah Kara Unger (Georgianna)

Genre:
Drama

Trailer:

 

Inhalt:

Szenenbild aus Lovesong für Bobby Long | © Universum Film
© Universum Film

Nach dem Tod ihrer Mutter kehrt die junge Purslane in ihre Heimat New Orleans zurück, nur um dort zu entdecken, dass ihr ehemaliges Elternhaus nicht nur reichlich verwahrlost und heruntergekommen ist, sondern auch von dem alternden Literaturprofessor Bobby Long und dessen früheren Studenten Lawson bewohnt wird, die ebenfalls Anteil an dem Erbe haben, so dass Purslane sie nicht einmal an die Luft setzen kann. Während sie immer noch darauf hofft, dass die beiden verkrachten Gestalten alsbald das Feld räumen werden, beginnt sie stoisch, das Haus in mühevoller Kleinarbeit wiederherzurichten und gerät insbesondere mit Bobby ein ums andere Mal aneinander, verstehen er und Lawson sich schließlich als Kreative und Künstler, Literaturschaffende, während es eigentlich lediglich ihre Trunksucht und gemeinsame Perspektivlosigkeit ist, die sie zusammenschweißt. Doch je länger Purslane, Bobby und Lawson zusammenleben und sich in einer Art Hass-Liebe zusammenzuraufen beginnen, umso deutlicher wird, dass es die Angst vor der eigenen Geschichte sein mag, welche die beiden Männer in diese vermeintliche Sackgasse geführt hat…

Rezension:

Manche Filme entdeckt man genau zur rechten Zeit, andere dem eigenen Gefühl nach viel zu spät. Im Falle von Lovesong für Bobby Long allerdings kann ich sagen, dass es zwar Ewigkeiten gedauert hat, bis ich mich wirklich dazu durchringen konnte, dem Film Zeit und Aufmerksamkeit zu widmen, sich das Warten aber ohne Frage gelohnt hat, zumal das von Shainee Gabel inszenierte Charakter-Drama regelrecht zeitlos daherkommt und nichts von seiner Botschaft, seinem Flair, seiner Emotionalität eingebüßt hat. Die Story des Films derweil, ebenso wie seine Kernaussage und die unaufgeregte Art der Inszenierung, ist im Grunde recht überschaubar, offenbart allerdings in den zahllosen Miniaturen, die sich hier zu einem stimmigen, mehrere Monate umspannenden Ganzen fügen, derart nuancierte Betrachtungen und leise Zwischentöne, dass es eine wahre Freude ist, während man dem Stoff seine literarische Herkunft jederzeit anmerkt und das nicht nur, weil es sich hier eben um einen verkrachten Literaturprofessor handelt, der mitunter im Zentrum der Erzählung steht.

Szenenbild aus Lovesong für Bobby Long | © Universum Film
© Universum Film

So wirken zahlreiche Dialoge – und nicht eben nur die vielen Zitate bekannter Schriftstellergrößen, derer sich besagter Literaturprofessor gerne und ausgiebig bedient – regelrecht poetisch, ohne dabei das übliche Gefühl von gestelzter Sprache oder überkonstruierter Form hervorzurufen, sondern sich ganz natürlich in die von der schwül-pittoresken Atmosphäre New Orleans‘ dominierte Szenerie fügen, die nicht unmaßgeblich für das Feeling von Lovesong für Bobby Long beiträgt, handelt die Geschichte schließlich im Grunde von zwei Aussteigern, die aus unterschiedlichen Gründen in einer Art Sackgasse gelandet sind, aus der sie nun von – wenn auch widerwillig und unfreiwillig – von der jungen Purslane herausmanövriert werden. Nicht nur in dieser Hinsicht brillieren derweil sowohl Scarlett Johansson (Match Point) als auch John Travolta (In a Valley of Violence), die ein zwar mehr als ungewöhnliches Gespann abgeben, sich in der gegensätzlichen Ausrichtung ihrer Rollen und Werte aber wunderbar ergänzen. Gabriel Macht als Dritter im Bunde komplettiert das merkwürdige Trio und liefert eine nicht minder beeindruckende Performance ab, die in allen drei Fällen zumeist von bewusster Zurückhaltung geprägt ist, wodurch die seltenen emotionalen Ausbrüche umso stärker ins Gewicht fallen.

Der eigentliche Fortgang der Geschichte nebst der unweigerlichen Auseinandersetzungen mag dabei im Grunde wenig überraschend sein und selbst die finale Auflösung, so etwas wie ein kleiner, obligatorischer Twist, vermag nicht wirklich zu schockieren, doch wird das Ganze eben von so wunderbarem Schauspiel transportiert, einer so betörend entschleunigten, von sanftem Jazz und reichlich Melancholie geschwängerten Atmosphäre, dass es auf das Ziel gar nicht ankommt, sondern vielmehr die Stationen am Wegesrand, die langsame Annäherung der unterschiedlichen Welten, den Hoffnungsschimmer am Horizont und nicht zuletzt die Art und Weise, wie insbesondere Purslane langsam aber sicher in ihrer alten Heimat anzukommen scheint, was sich insbesondere an dem gemeinsam bewohnten Haus bemerkbar macht, das mehr denn je auch exemplarisch für das Innenleben der Figuren steht und von einer anfänglich tristen Bruchbude nach und nach zu einem heimeligen und gemütlichen Zuhause avanciert.

Szenenbild aus Lovesong für Bobby Long | © Universum Film
© Universum Film

So schafft Regisseurin und Drehbuchautorin Gabel mit einfachsten Mitteln das, was andere Filmemacher mit den raffiniertesten Geschichten und höchsten Budgets nicht zu bewerkstelligen wissen, nämlich, eine zu Herzen gehende Geschichte zu erzählen, die bei aller Tristesse und Traurigkeit immer auch schlichte Schönheit in sich trägt, die zwar zuweilen ein wenig dick auftragen mag, im Kern aber immer menschlich, nachvollziehbar, berührend bleibt und bei aller Ruhe – ja oft beinahe Lethargie – nie in die Langeweile oder den Stillstand abdriftet. Nicht zuletzt liegt die Faszination des Films aber vorrangig an dem feinsinnig aufspielenden Dreiergespann, das hier ein komplexes Beziehungsgeflecht umreißt, neben dem kaum etwas Bestand zu haben können scheint, womit sich auch erklären lässt, dass die weiteren Figuren in Lovesong für Bobby Long doch ausnehmend blass bleiben, denn die Welt, in der sich Bobby, Purslane und Lawson bewegen, dreht sich einzig und allein um sie selbst. Mag das Ende hierbei auch einen Hauch zu schmalzig geraten sein, verfehlt es doch seine Wirkung nicht und kann einen bis dahin durchweg überzeugenden Film auch nicht nachhaltig trüben.

Fazit & Wertung:

Shainee Gabel gelingt mit Lovesong für Bobby Long ein einfühlsames, melancholisches Charakter-Portrait dreier Gestalten, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten, während die Kulisse von New Orleans zusammen mit dem gemeinsam bewohnten Haus für eine einzigartige Atmosphäre sorgt. Nicht minder bestechend allerdings sind die durchweg überragenden Leistungen der beteiligten DarstellerInnen, die nuancierter und feinsinniger kaum hätten ausfallen können und so diese leise Erzählung zu einem echten Erlebnis machen.

9 von 10 Schatten der Vergangenheit

Lovesong für Bobby Long

  • Schatten der Vergangenheit - 9/10
    9/10

Fazit & Wertung:

Shainee Gabel gelingt mit Lovesong für Bobby Long ein einfühlsames, melancholisches Charakter-Portrait dreier Gestalten, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten, während die Kulisse von New Orleans zusammen mit dem gemeinsam bewohnten Haus für eine einzigartige Atmosphäre sorgt. Nicht minder bestechend allerdings sind die durchweg überragenden Leistungen der beteiligten DarstellerInnen, die nuancierter und feinsinniger kaum hätten ausfallen können und so diese leise Erzählung zu einem echten Erlebnis machen.

9.0/10
Leser-Wertung 8.5/10 (2 Stimmen)
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Lovesong für Bobby Long ist am 15.02.06 auf DVD und am 28.10.11 auf Blu-ray bei Universum Film erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über einen der Links und unterstützt damit das Medienjournal!

DVD:

Blu-ray:

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