Review: Jojo Rabbit (Film)

Heute mal wieder ein richtiges, filmisches Highlight, das ich dann auch endlich mal – reichlich spät – nachgeholt und begeistert aufgenommen habe. Ich bin immer noch völlig perplex, dass eine auf den ersten Blick so verquere Mischung tatsächlich so gut funktionieren und so sehr berühren konnte.

Jojo Rabbit

Jojo Rabbit, NZ/CZ/USA 2019, 108 Min.

Jojo Rabbit | © Twentieth Century Fox
© Twentieth Century Fox

Regisseur:
Taika Waititi
Autoren:
Taika Waititi (Drehbuch)
Christine Leunens (Buch-Vorlage)

Main-Cast:

Roman Griffin Davis (Jojo)
Thomasin McKenzie (Elsa)
Taika Waititi (Adolf)
Rebel Wilson (Fraulein Rahm)
Stephen Merchant (Deertz)
Alfie Allen (Finkel)
Sam Rockwell (Captain Klenzendorf)
Scarlett Johansson (Rosie)

Genre:
Komödie | Drama | Krieg

Trailer:

 

Inhalt:

Szenenbild aus Jojo Rabbit | © Twentieth Century Fox
© Twentieth Century Fox

Im Jahre 1945 ist der gerade einmal zehnjährige, in einer deutschen Provinzstadt beheimatete Jojo Betzler ein begeisterter und bereits reichlich indoktrinierter Nachwuchs-Nazi, der sich aus Überzeugung in der Hitlerjugend engagiert. Seine liebende Mutter Rosie beobachtet diese Entwicklung mit Bedauern, zumal sie selbst heimlich die jüdische Elsa auf dem Dachboden versteckt, wovon Jojo natürlich nichts ahnt. Dessen Begeisterung für die Nazis und die Wehrmacht reicht sogar so weit, dass sein imaginärer bester Freund niemand Geringeres als Adolf Hitler selbst ist, der dem Jungen mit Parolen, Rassismus und schlechten Ratschlägen die Welt zu erklären versucht. Das führt natürlich zu Problemen, als Jojo eines Tages das Mädchen auf dem Dachboden entdeckt und am liebsten gleich die Gestapo alarmieren würde. Doch die beiden begegnen sich in einer Art Pattsituation, denn würde er sie verraten, droht Elsa ihm, wäre auch seine Mutter in Gefahr. Notgedrungen – und da stimmt selbst Adolf ihm zu – duldet Jojo zunächst den ungebetenen Gast und glaubt, so zumindest mehr über den Feind erfahren zu können. Doch Elsa hat so gar nichts mit den gehörnten und verderbten Wesen zu tun, als die ihm die Juden immer präsentiert wurden, was den Jungen langsam aber sicher zum Nachdenken bringt…

Rezension:

Warum auch immer es wieder dermaßen lang gedauert hat, bis ich mich Jojo Rabbit gewidmet habe, freue ich mich nun umso mehr, diesen großartigen Film von Taika Waititi besprechen zu können, denn seine als Komödie angelegte Nazi-Geschichte sprengt im Grunde die Grenzen des dramaturgisch Möglichen, da ich mir nie hätte träumen lassen, dass es wirklich so souverän gelingen könne, eine im Nazi-Deutschland angesiedelte Coming-of-Age-Story, noch dazu mit einem imaginären Adolf Hitler als bester Freund des Protagonisten, dermaßen lustig, warmherzig, an- und berührend geraten könnte. Hinzu kommt, dass Waititi sich bei seinem Film an dem Buch Caging Skies orientiert, an die ihn seine Mutter herangeführt hatte, denn in der literarischen Vorlage gab es weder den imaginären Adolf noch Humor, so dass dieser Ansatz gänzlich seiner Kreativität und seinem Mut zu verdanken ist. Gemessen daran, dass Drehbuch wie auch Regie fest in der Hand von Waititi liegen, der spätestens seit Thor 3 eigentlich allen ein Begriff sein dürfte, erscheint es zudem nur folgerichtig, dass der komödiantisch extrem bewanderte Tausendsassa auch gleich selbst die Rolle des Führers übernimmt, der hier natürlich in einer verzerrten, spöttischen, dümmlichen wie karikaturesken Variante in Erscheinung tritt, die dem Geist eines Zehnjährigen entstammt, der spürbares Opfer der allumfassenden und niemals ruhenden Propagandaarbeit der damaligen Zeit ist.

Szenenbild aus Jojo Rabbit | © Twentieth Century Fox
© Twentieth Century Fox

Vor dem Hintergrund jüngst erstarkender rechter Kräfte erscheint Jojo Rabbit im Grunde nun noch einmal aktueller und wichtiger als bei seinem Erscheinen vor rund einem Jahr, wobei es natürlich schon wieder spannend bis beschämend ist, dass erst ein Neuseeländer kommen muss, um so einen ungemein nachdenklich stimmenden und dabei trotzdem optimistisch bleibenden Film über das wohl dunkelste Kapitel deutscher Geschichte zu drehen. Entsprechend bleibt einem natürlich auch mehrere Male das Lachen im Halse stecken und auch wenn der beißend satirische Ansatz klar herausgearbeitet ist, muss man dennoch manches Mal schlucken, wenn die Massen in frenetischer Verzückung gezeigt werden, wie sie ihrem Führer blind in dessen Hass und Wahn zu folgen bereit sind, was eben auch für den so unschuldig wirkenden Jojo gilt, der eingangs euphorisch "Heil" rufend durch die Straßen rennt. Der wird verkörpert von Newcomer Roman Griffin Davis, der hier tatsächlich seine erste Leinwandrolle übernimmt und dabei bis in die letzte Facette seiner Figur überzeugt, die tatsächlich im Kontext der weiteren Entwicklung des Plots ungemein vielschichtig und fordernd geraten ist, zumal es ihm obliegt, einen angehenden Nazi so sympathisch zu gestalten, dass man an dessen Schicksal Anteil zu nehmen bereit ist. Natürlich wird im Fall des zehnjährigen Jojo schnell offenbar, dass der im Grunde das nachplappert, was ihm seit frühester Kindheit eingeimpft wird, so dass er nicht selbst Herr seiner Überzeugungen ist, doch macht es das nicht weniger zu einer Gratwanderung, die Griffin Davis aber souverän meistert.

Dem steht derweil Thomasin McKenzie in nichts nach, die ihrerseits die jüdische Elsa verkörpert und mit traumwandlerischer Sicherheit zwischen wütend, verängstigt, smart, hoffend und resignierend changiert und Jojo zunehmend nachdenklich stimmt, was das Wesen der Juden angeht, die ihm ja nun einmal sein Leben lang als regelrecht dämonische Gestalten verkauft worden sind. Überhaupt ist der gesamte Cast ein einziger Gewinn für Jojo Rabbit und Waititi selbst kokettiert im Making-of damit, mit Johansson und Rockwell zwei talentierte Nachwuchsschauspieler engagiert zu haben. Scarlett Johansson (Marriage Story) hat hier wohl den mitunter schwierigsten Part im Film, denn als Jojos Mutter Rosie muss sie einerseits verkraften, in welch fanatische Richtung sich ihr Sohn entwickelt, während gleichsam sie selbst sich in höchste Gefahr begibt, indem sie Elsa auf dem eigenen Dachboden versteckt. Die Beziehung von Rosie zu Jojo ist dabei ohne Frage das emotionale Herz des Films (abgesehen von den zarten Banden zwischen Jojo und Elsa), wobei auch Sam Rockwell (Three Billboards Outside Ebbing, Missouri) als desillusionierter Hauptmann Klenzendorf sich in wenigen Szenen zu profilieren vermag. Ansonsten komplettieren teils Darsteller*innen den Cast, die man in einem solchen Film nicht unbedingt vermuten würde, aber hier wie die Faust aufs Auge passen, ob es sich um das gänzlich verblendete und indoktrinierte Fräulein Rahm (Rebel Wilson, How to Be Single) oder den schlaksig-bedrohlichen Gestapo-Offizier Deertz (Stephen Merchant, Table 19) handelt.

Szenenbild aus Jojo Rabbit | © Twentieth Century Fox
© Twentieth Century Fox

So viel Glück, Weitsicht, Gespür der Film aber auch in Sachen Besetzung beweist, ist das doch wenig gegen die eigentlichen Stärken, nämlich, ein Werk über Rassismus und Faschismus, über die Gräuel des Krieges und die Macht der Indoktrination zu schaffen, dem es dennoch gelingt, über weite Strecken leichtfüßig zu wirken, dessen satirische wie komödiantische Einsprengsel und Seitenhiebe nicht respekt- oder geschmacklos wirken und dem es vor allem gelingt, sich immer wieder die Waage zu halten zwischen ernsten und absurd überhöhten Szenen. So erlebt man eine beispiellose Wandlung des anfänglich verblendeten Jojo, fühlt, leidet und bangt mit ihm und erfreut sich natürlich besonderer Genugtuung, wenn er sich letztlich gegen seinen imaginären Freund aufzulehnen beginnt. Da gehört es dann durchaus zum Konzept und Ansatz, dass Jojo Rabbit regelmäßig die Frage aufwirft, ob es überhaupt okay ist, in diesem oder jenen Moment zu lachen, was das Werk jetzt sicherlich nicht zum witzigsten seiner Gattung werden lässt, dafür aber auch emotional weit mehr in seinen Bann zieht, als das eine generische Komödie je könnte. Denn wenn sich gegen Ende die Lacher mehr und mehr in Richtung Schrecken neigen, neigt sich auch der Krieg dem Ende und mit ihm keimt die Hoffnung auf eine neue, bessere Zukunft. Und so, wie die finalen Momente in ihrer schlichten Einzigartigkeit zu Tränen rühren, habe ich es lange nicht mehr erlebt.

Fazit & Wertung:

Taika Waititi schafft mit Jojo Rabbit das beispiellose Kunststück, im Kontext von Nazideutschland eine anrührende Coming-of-Age-Geschichte zu erzählen, die vor Absurdität, Surrealismus und Satire nur so strotzt, ohne die Kriegsjahre zu verharmlosen oder despektierlich zu sein, dafür aber vor feinsinnigen Momentaufnahmen und anrührenden Episoden nur so strotzt.

9,5 von 10 Ratschlägen eines imaginären Adolf

Jojo Rabbit

  • Ratschläge eines imaginären Adolf - 9.5/10
    9.5/10

Fazit & Wertung:

Taika Waititi schafft mit Jojo Rabbit das beispiellose Kunststück, im Kontext von Nazideutschland eine anrührende Coming-of-Age-Geschichte zu erzählen, die vor Absurdität, Surrealismus und Satire nur so strotzt, ohne die Kriegsjahre zu verharmlosen oder despektierlich zu sein, dafür aber vor feinsinnigen Momentaufnahmen und anrührenden Episoden nur so strotzt.

9.5/10
Leser-Wertung 9/10 (1 Stimme)
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Jojo Rabbit ist am 04.06.2020 auf DVD, Blu-ray und 4K UHD Blu-ray bei Twentieth Century Fox erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über einen der Links und unterstützt damit das Medienjournal!

DVD:

Blu-ray:

vgw

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Eine Reaktion

  1. Stepnwolf 10. Januar 2021

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