Review: All I See Is You (Film)

Und noch ein Artikel zu einem Film, den es ab morgen erst zu kaufen gibt, der mich aber auch leider weit weniger begeistert hat als der vom Dienstag, was besonders schade ist, wenn ich mir überlege, was man hier alles besser hätte machen können.

All I See Is You

All I See Is You, TH/USA 2016, 109 Min.

All I See Is You | © Universum Film
© Universum Film

Regisseur:
Marc Forster
Autoren:
Sean Conway
Marc Forster

Main-Cast:
Blake Lively (Gina)
Jason Clarke (James)
in weiteren Rollen:
Ahna O’Reilly (Carla)
Yvonne Strahovski (Karen)
Wes Chatham (Daniel)
Danny Huston (Doctor Hughes)

Genre:
Drama | Mystery

Trailer:

 

Inhalt:

Szenenbild aus All I See Is You | © Universum Film
© Universum Film

Als Teenagerin wurde Gina gemeinsam mit ihren Eltern in einen Unfall verwickelt, der sie erblinden ließ. Noch immer – rund zehn Jahre später – hat sie die traumatischen Ereignisse noch nicht verwunden, jedoch in James einen liebenden und fürsorglichen Ehemann gefunden. So gut sie sich mittlerweile damit arrangiert hat, nichts sehen zu können, beschränkt sich ihr Leben doch auf eine Handvoll Orte. Was dann allerdings passiert, gleicht einem Wunder, denn dank einer komplizierten Operation kann Gina zumindest auf einem Auge wieder sehen und ist fortan nicht mehr auf James‘ Hilfe angewiesen, um ihr Leben zu meistern. Der freut sich zunächst, doch bald schleichen sich auch Eifersucht und Missgunst in ihre Beziehung, denn Gina ist natürlich gewillt, verpasste Erfahrungen nachzuholen und ihr "neues" Leben in vollen Zügen zu genießen, sehr zum Missfallen von James…

Rezension:

Im Grunde ist die Prämisse von All I See Is You ziemlich simpel gehalten, doch es spricht sehr für Drehbuch und Regie, was man zumindest auf zwischenmenschlicher ebene hieraus zu machen weiß, denn die Unsicherheit und Frustration, das gegenseitige, teils irrationale Misstrauen, die sich schleichend Bahn brechende Entfremdung der beiden Ehepartner wird hier durchaus trefflich eingefangen und oft bedarf es nur eines Blickes und kaum vieler Worte, um zumindest zu erahnen, wie es im Inneren der jeweiligen Person ausschauen mag. So vermag Marc Forster, der mir zugegebenermaßen vorrangig durch World War Z ein Begriff war, ein ungemein stilsicheres Beziehungsdrama zu inszenieren, in dem sowohl Lively als auch Clarke des Öfteren zu brillieren wissen. Umso ärgerlicher und bedauerlicher, dass Forster es in seiner Funktion als Drehbuchautor gemeinsam mit Sean Conway versäumt zu haben scheint, auch einen überzeugenden Plot um seine Beziehungsanalyse zu stricken, denn insbesondere im Mittelteil trüben hier doch einige Längen den Filmgenuss erheblich.

Szenenbild aus All I See Is You | © Universum Film
© Universum Film

Dabei war für mich eigentlich früh klar, dass ich All I See Is You entgegen des allgemeinen Tenors mögen (wollen) würde und speziell Blake Lively (Für immer Adaline) überzeugte mich schnell mit einer nuancierten und glaubhaften Darstellung, die alle, die meinen, sie wäre nur ein hübsches Gesicht, Lügen strafen dürfte. Vor allem geht diese überzeugende Darstellung Hand in Hand mit ein paar optisch einfallsreichen wie beeindruckenden Bildkompositionen, derer sich Forster bedient, um Ginas "inneres Auge" zu versinnbildlichen, um beispielsweise ihr Empfinden beim Sex, das Gefühl von Wasser auf der Haut, den Duft einer Blume zu visualisieren. Und diese Konzepte sind wirklich allesamt außerordentlich gelungen und fügen sich absolut stimmig in die Handlung, während sie im weiteren Verlauf zunehmend von Ginas Blick selbst abgelöst werden. Zu diesem Zeitpunkt noch nimmt sich Jason Clarke (Everest) als Co-Star und Ginas Ehemann James noch merklich zurück und gibt sich als alltäglicher Jedermann, was später noch wichtig werden wird, wenn James mit der wachsenden Sorge zu kämpfen hat, er würde Gina ob seiner Gewöhnlichkeit nicht mehr genügen, jetzt da sie ihn wirklich sehen kann.

Clarkes Sternstunden lassen folglich bis etwa zur Hälfte auf sich warten, bis es gilt, James‘ wachsendes Unbehagen auszudrücken, das mit Ginas neu entdeckter Extrovertiertheit einhergeht. Hier beginnen aber auch gleichsam die narrativen Probleme von All I See Is You, wobei ich nicht einmal kritisieren möchte, dass hier doch in bewusst extremem Maße mit Stereotypen und Klischees hantiert wird, denn die unterstreichen zumindest die Entfremdung der beiden Partner, die – so konfus es sich auch anhören mag – vorher nicht möglich gewesen wäre, als Gina noch nicht ihr Augenlicht zurückerlangt hatte, weil hier das tatsächlich gegenseitige Abhängigkeitsverhältnis viel zu ausgeprägt gewesen ist. Davon aber einmal abgesehen, leistet sich Forsters Film leider viele vermeidbare Schwächen, denn mehr als einmal werden hier ganz bewusst Konfliktsituationen zwischen den Ehepartnern geschaffen, deren Wirkung ein ums andere Mal im Nichts verpufft, da diese Szenen wiederholt unvermittelt abgebrochen werden. Man könnte beinahe meinen, dies wäre ein bewusst gewähltes Stilmittel, so häufig wie dieser Fauxpas passiert, doch wenn dem wirklich so sein sollte, hätte man besser daran getan, die Konflikte auch auszuformulieren und nicht ins Leere laufen zu lassen.

Szenenbild aus All I See Is You | © Universum Film
© Universum Film

Als wäre dem an Verfehlungen nicht genug, wirkt dann auch noch der Abschluss des Ganzen reichlich überhastet und unvermittelt, so dass sich die Tragweite des Gezeigten und dessen Bedeutung kaum einzustellen weiß, bevor schon der Abspann über den Bildschirm flimmert. Ähnlich enttäuschend ist dann auch leider die Figurenzeichnung geraten, wenn man von den beiden Protagonisten aus einmal über den Tellerrand blickt, denn beispielsweise der von Wes Chatham (The Expanse) verkörperte Daniel scheint abgesehen von "nett" und "muskulöse Oberarme" keine weiteren Charaktermerkmale zu besitzen, während ich mich bei Yvonne Strahovski (Manhattan Nocturne) gefragt habe, weshalb und wofür sie überhaupt besetzt worden ist und so vergleichsweise prominent in der Besetzung auftaucht, denn nicht damit genug, dass ihre Figur keine fünf Minuten im Film zu sehen ist, trägt sie ungelogen absolut gar nichts zur Geschichte bei. Das mögen jeweils für sich betrachtet allesamt Punkte sein, die einem Film nicht das Genick brechen, doch in diesem Ausmaß und der Kombination wirkt dadurch All I See Is You doch reichlich unausgegoren und krude, was doppelt ärgerlich ist, da hieraus ein tolles Charakterdrama hätte werden können.

Fazit & Wertung:

Insbesondere visuell entfaltet Marc Forsters All I See Is You schnell einen gehörigen Reiz, doch kann das Skript nicht annähernd mithalten und so verrennt sich das vielversprechende Projekt zunehmend in seiner lethargischen und episodischen Erzählweise, bevor die Geschichte ein gleichermaßen unerwartetes wie abruptes Ende nimmt.

5,5 von 10 überbordenden Sinneseindrücken

All I See Is You

  • Überbordende Sinneseindrücke - 5.5/10
    5.5/10

Fazit & Wertung:

Insbesondere visuell entfaltet Marc Forsters All I See Is You schnell einen gehörigen Reiz, doch kann das Skript nicht annähernd mithalten und so verrennt sich das vielversprechende Projekt zunehmend in seiner lethargischen und episodischen Erzählweise, bevor die Geschichte ein gleichermaßen unerwartetes wie abruptes Ende nimmt.

5.5/10
Leser-Wertung 3/10 (2 Stimmen)
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All I See Is You erscheint am 20.04.18 auf DVD und Blu-ray bei Universum Film. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über einen der Links und unterstützt damit das Medienjournal!

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vgw

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