Review: Ein ganzes halbes Jahr (Film)

So versuche ich nun nach Tagen, in denen ich – für mich völlig untypisch – keinen einzigen Artikel fabriziert habe, da mich die DSGVO so vollumfänglich in Anspruch zu nehmen wusste, langsam wieder in den Trott zu kommen und hoffe, dass mir nachfolgende Film-Kritik trotz Widrigkeiten gut von der Hand geht. Wir werden sehen.

Ein ganzes halbes Jahr

Me Before You, UK/USA 2016, 106 Min.

Ein ganzes halbes Jahr | © Warner Home Video
© Warner Home Video

Regisseurin:
Thea Sharrock
Autorin:
Jojo Moyes (Drehbuch & Buch-Vorlage)

Main-Cast:
Emilia Clarke (Lou Clark)
Sam Claflin (Will Traynor)
in weiteren Rollen:
Janet McTeer (Camilla Traynor)
Charles Dance (Stephen Traynor)
Brendan Coyle (Bernard Clark)
Vanessa Kirby (Alicia)
Jenna Coleman (Katrina „Treena“ Clark)

Genre:
Drama | Romantik

Trailer:

 

Inhalt:

Szenenbild aus Ein ganzes halbes Jahr | © Warner Home Video
© Warner Home Video

Nachdem Louisa sechs Jahre in einem kleinen Café in ihrem Heimatort gearbeitet hat, schließt dieses und plötzlich steht die junge Frau ohne Job da, obwohl ihre Familie auf ihre Unterstützung angewiesen ist. Alsbald findet Louisa eine neue Stelle als Betreuerin für den Sohn der immens wohlhabenden Traynors, der seit einem Motoradunfall querschnittsgelähmt ist. Doch so sehr sich die lebensfrohe Lou auch bemüht, zu Will durchzudringen, ist der junge Mann viel zu zynisch, um auf ihre naiv-herzige Art anzuspringen. Nichtsdestotrotz gelingt es ihr nach und nach, Will aus der Reserve zu locken und plant Unternehmungen aller Art, um ihm aufzuzeigen, dass sein Rollstuhl ihn nicht daran hindert, sein Leben zu leben. Während es scheint, als habe sie neue Lebensgeister in Will entfacht, kommt Louisa allerdings auch dahinter, wofür genau sie von Wills Eltern Camilla und Stephen angestellt worden ist und weshalb ihr Vertrag auf sechs Monate befristet ist…

Rezension:

Wie schon öfter in letzter Zeit betrachte ich auch Ein ganzes halbes Jahr, den zu sehen insbesondere meiner besseren Hälfte ein Anliegen war, doch eher zwiespältig, denn einerseits funktioniert der Film in den abgesteckten Gefilden seines Genres die meiste Zeit ausnehmend gut, andererseits ist er oft so offensiv kitschig und klischeehaft inszeniert, dass man den Zuckerguss zu riechen können meint, derweil die Buch-Adaption hinsichtlich ihrer ernsten wie schwierigen Thematik letztlich immer nur an der Oberfläche dessen kratzt, was man daraus hätte machen können. Das beginnt schon mit den beiden Protagonisten, die in ihrer jeweiligen Ausgestaltung dermaßen archetypisch daherkommen, dass man beinahe jeden ihrer Schritte erahnen kann, derweil die zaghafte Annäherung der beiden ja allein schon durch die Regeln des Genres festgelegt scheint. Und tatsächlich scheint sich der von Thea Sharrock inszenierte Film in der Rolle zu gefallen, ein Liebesfilm mit ungewöhnlichem Plot-Device und –Twist zu sein, denn nicht anders ließe sich erklären, weshalb es die meiste Zeit – zumindest in den ersten zwei Dritteln – doch überraschend beschwingt zu Werke geht.

Szenenbild aus Ein ganzes halbes Jahr | © Warner Home Video
© Warner Home Video

Dass Will seit seinem Unfall mit seinem Schicksal hadert und immens unter den Einschränkungen leidet, die ihm der Rollstuhl auferlegt, zumal er vormals ein überaus aktiver, umtriebiger und sportlicher Zeitgenosse gewesen ist, daran lässt der Film keinen Zweifel aufkommen und transportiert das auch, doch wenn es darum geht, die Schmerzen erfahrbar zu machen, die täglichen Rückschläge, Wills Krankheiten, dann hält sich Ein ganzes halbes Jahr doch eher vornehm zurück, um nicht die ansonsten vorherrschende Wohlfühl-Atmosphäre des Films zu zerstören. Das aber ist dann eben auch der Punkt, an dem sich nicht nur Sharrock, sondern vor allem Autorin Jojo Moyes, die hier ihr eigenes Buch als Drehbuch adaptiert hat, den Vorwurf gefallen lassen müssen, nicht unbedingt auf erzählerische Tiefe zu setzen, wodurch dann auch Will und sein Überdruss vom Leben nur unzureichend ausgearbeitet werden. Ansonsten widmet sich der Film aber durchaus unerwartet offen und klar positioniert dem Thema Sterbehilfe und beeindruckt hier mit einer ungewohnten Geradlinigkeit wie auch Offenheit. Hinzu kommt, dass man Sam Claflin, den ich bislang nur aus The Huntsman & the Ice Queen und dessen Vorgänger kannte, einen formidablen Job macht, wenn es darum geht, Will Traynor und dessen widerstreitende Gefühle zu portraitieren, denn das gelingt ihm in jeder Sekunde, was viel zur Glaubwürdigkeit des Films beiträgt.

Emilia Clarke wiederum wusste mir in der Rolle der naiv-kindlichen Lou durchaus zu gefallen, auch wenn sie es mit ihren Grimassen teils doch ein wenig übertrieben hat, was aber wiederum den quirligen Touch ihrer Figur unterstreicht. Weitaus irritierender war hier für mich, dass Ein ganzes halbes Jahr im Grunde beinahe genauso beginnt wie schon Voice from the Stone mit Clarke, die hier wie dort als Betreuerin in einem hochherrschaftlichen Landsitz aufschlägt. Zumindest aber gelingt ihr mit der übersteigerten Art von Lou, auch deren Lebensfreude und grenzenlosen Optimismus einzufangen, zumal die Chemie zwischen ihr und Clafin unbestreitbar stimmt, derweil sie mir insbesondere auch im Zusammenspiel mit ihrer Schwester Treena – ihrerseits verkörpert von Jenna Coleman (Victoria) – ausnehmend gut gefallen hat. Ebenfalls lobend erwähnen kann man sicherlich auch noch Janet McTeer (Jessica Jones) und Charles Dance (Stolz und Vorurteil und Zombies) als Wills Eltern, die sich allerdings im Gesamtkontext betrachtet doch ebenfalls sehr zurücknehmen, weil der Film eben gewollt auf die Liebesgeschichte zwischen Lou und Will fokussiert.

Szenenbild aus Ein ganzes halbes Jahr | © Warner Home Video
© Warner Home Video

Ein einziges Ärgernis hingegen bleibt Lous Jugendliebe Patrick (Matthew Lewis), der so dermaßen der Verkörperung des Klischees vom egomanischen und verständnislosen Freundes entspricht, dass es einen regelrecht schüttelt, zumal hier ja ohnehin schon so einige Klischees recht offensiv bedient werden. Seiner Schwächen zum Trotz funktioniert aber Ein ganzes halbes Jahr in der Summe doch überraschend gut und verleitet gleichermaßen zum Lachen und Weinen, ist wunderschön gefilmt und abwechslungsreich inszeniert, auch wenn er sich im letzten Drittel häufiger überschlägt und mit seinem rührseligen Abschluss ein wenig über das Ziel hinausschießt. Herzliche Figuren und Begegnungen, eine gehörige Portion Herzschmerz und Drama, ein zwar poppiger, aber auch schöner Soundtrack nebst routinierter Inszenierung zeigen auf, wie effektiv sich weithin bekannte Zutaten zu einem stimmigen Ergebnis verrühren lassen, doch künden sie gleichsam davon, wie wenig sich im Endeffekt durch die differierende Prämisse an der eigentlichen Darbietung ändert.

Fazit & Wertung:

Thea Sharrocks Film-Interpretation des von der Autorin Jojo Moyes eigens adaptierten Ein ganzes halbes Jahr macht als Liebesfilm eine durchaus gute Figur, doch die Konzentration auf die überwiegend "schönen" Momente lassen ein wenig Tiefe vermissen, zumal der Blickwinkel des querschnittsgelähmten Will Traynor dadurch verwässert wird und seine immensen Schmerzen und Probleme im täglichen Leben meist pure Behauptung bleiben.

7 von 10 gemeinsamen Ausflügen

Ein ganzes halbes Jahr

  • Gemeinsame Ausflüge - 7/10
    7/10

Fazit & Wertung:

Thea Sharrocks Film-Interpretation des von der Autorin Jojo Moyes eigens adaptierten Ein ganzes halbes Jahr macht als Liebesfilm eine durchaus gute Figur, doch die Konzentration auf die überwiegend "schönen" Momente lassen ein wenig Tiefe vermissen, zumal der Blickwinkel des querschnittsgelähmten Will Traynor dadurch verwässert wird und seine immensen Schmerzen und Probleme im täglichen Leben meist pure Behauptung bleiben.

7.0/10
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Ein ganzes halbes Jahr ist am 03.11.16 auf DVD und Blu-ray bei Warner Home Video erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über einen der Links und unterstützt damit das Medienjournal!

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Blu-ray:

vgw

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