Review: Hardcore (Film)

Weiter geht es nicht nur mit den wilden Temperaturen, sondern freilich auch mit den wöchentlichen drei Film-Kritiken, deren erste ich euch in gewohnter Manier an einem leider nicht so lauschigen Dienstagabend präsentiere.

Hardcore

Hardcore Henry, RU/USA 2015, 96 Min.

Hardcore | © Alive
© Alive

Regisseur:
Ilya Naishuller
Autor:
Ilya Naishuller

Main-Cast:
Sharlto Copley (Jimmy)
Danila Kozlovsky (Akan)
Haley Bennett (Estelle)
in weiteren Rollen:
Tim Roth (Henry’s Father)
Andrei Dementiev (Slick Dimitry / Henry)
Darya Charusha (Katya the Dominatrix)
Svetlana Ustinova (Olga the Dominatrix)

Genre:
Action | Science-Fiction | Thriller

Trailer:

 

Inhalt:

Szenenbild aus Hardcore | © Alive
© Alive

Henry erwacht ohne Erinnerung oder Sprachvermögen und mit teils abgetrennten Gliedmaßen, derweil ihm die Wissenschaftlerin Estelle, während sie ihm künstliches Arm und Bein anschraubt, dass sie seine Ehefrau sei und er nun ein kybernetisch verbesserter Supersoldat, doch ehe er das auch nur ansatzweise verarbeiten kann, wird die Station von einem telekinetisch begabten Bösewicht attackiert und nur mit Mühe gelingt ihm und Estelle die Flucht, wobei Henry mit Schrecken feststellen muss, dass sie sich an Bord einer fliegenden Einrichtung befinden und mit der Rettungskapsel mehrere Kilometer in die Tiefe stürzen. Beim Aufprall auf Moskaus Straßen stehen allerdings die Schergen längst parat und bringen Estelle in ihre Gewalt, während Henry notgedrungen den Rückzug antritt und alsbald auf den smarten Jimmy trifft, der eine ziemlich genaue Vorstellung davon zu haben scheint, wer oder was Henry eigentlich genau ist und ihn prompt unter seine Fittiche nimmt. Die Hetzjagd nimmt damit allerdings erst ihren Anfang und Henry wird sich all seiner neuen Fähigkeiten bedienen müssen, um überleben zu können…

Rezension:

Lange Zeit hatte ich Hardcore überhaupt nicht auf dem Schirm und konnte mir auch nicht vorstellen, dass dieser samt und sonders aus der Ego-Perspektive gedrehte Actioner mich auch nur ansatzweise überzeugen können würde, zumal ich selbst bei der Auswahl meiner Spiele nicht eben häufig auf wie auch immer gestaltete Ego-Shooter zurückgreife, doch wie es der Zufall so wollte, stolperte ich eines Tages wieder über den von Ilya Naishuller inszenierten Film und sah, dass Sharlto Copley in der Hauptrolle gelistet wurde, was für mich einen ersten Grund dargestellt hat, mich nähergehend mit dem Film zu beschäftigen und ihm schlussendlich eine Chance zu geben. Beinahe gänzlich ohne Erwartungshaltung (oder Vorkenntnisse) an den Streifen zu gehen, hat sich hier durchaus als Segen erwiesen, denn diese anderthalb stunden adrenalingetränkter, von wummernder Musik und absurd überhöhtem Splatter begleitete Reigen wird mir noch lange Zeit in Erinnerung bleiben und sicherlich die eine oder andere Widerholungssichtung nach sich ziehen.

Szenenbild aus Hardcore | © Alive
© Alive

Zugegeben, dramaturgisch ist Hardcore schon enorm schwach auf der Brust und selbst das, was uns hier als Plot präsentiert wird, strotzt noch vor Ungereimtheiten und wenig überzeugenden Zusammenhängen, doch fällt das hier tatsächlich kaum störend ins Gewicht, denn Naishuller stellt hier unverhohlen und selbstbewusst seinen unbedingten Stilwillen in den Vordergrund und unterwirft sich damit dramaturgisch voll und ganz dem Konzept des Films, möglichst viele, möglichst spektakuläre Versatzstücke aus so ziemlich jedem Actionfilm jedweder Couleur auf die Leinwand zu pressen, die durch das eingeschränkte Gesichtsfeld von Protagonist Henry – daher auch der deutlich weniger irreführende Originaltitel Hardcore Henry – mehrere Male regelrecht zu bersten scheint. Ebenso unbestritten dürfte sein, dass die konsequent durchgezogene Ego-Perspektive gleichermaßen ungewöhnlich wie gewöhnungsbedürftig daherkommt, so dass ich jede Stimme verstehe, die von aufkommender Übelkeit berichtet ob des durchgehenden Wackelkamera-Looks, denn tatsächlich ist der gesamte Film mit GoPro Hero3 Black Edition-Kameras gedreht worden, sieht speziell dafür aber auch die meiste Zeit unverschämt gut aus, während ich für meinen Teil zum Glück keinerlei Probleme mit der ungewöhnlichen Perspektive hatte, sondern tatsächlich vielmehr beeindruckt gewesen bin von der immensen Immersion, die hier durch den Blickwinkel der "ersten Person" erreicht worden ist.

So schön aber die optische Immersion gewesen sein mag, fällt es im Gegenzug schwer, sich für die Hauptfigur selbst zu erwärmen, die man im Grunde natürlich ein stück weit selbst verkörpert beziehungsweise verkörpern soll, denn allein mangels der Fähigkeit zu sprechen, bekommt man in Kombination mit fehlender Mimik etc. kaum einen Eindruck, was in Henry vorgehen könnte. Dieser Ansatz kommt aber ebenso wenig von ungefähr, denn Henry, von dem wir stets nur – wenn überhaupt – die Hände, manchmal auch die Beine zu sehen bekommen, wird von nicht weniger als zehn verschiedenen Stuntmen verkörpert, die hier jeweils auf ihrem "Fachgebiet" punkten dürfen, so dass von einer launigen Parkour-Einlage über ausgiebige Schießereien, Motorrad-Verfolgungsjagden und Zweikämpfe ungelogen alles vertreten ist, was man eben nur irgendwie – und sei es unter fadenscheinigsten Gründen – in einen Actionfilm pressen kann. Trotzdem wirkt Hardcore mitnichten überladen, sondern lediglich wie ein lustvoll arrangiertes Best-of-Album, was gleichsam übrigens für den passend fetzigen und getrieben wirkenden Soundtrack gilt, der von Klassikern wie Let Me Down Easy (The Stranglers), das ein bereits sehr ungewöhnliches Intro untermalt, bis hin zu einer ganzen Handvoll Songs der Biting Elbows reicht, deren Lieder allesamt mit Instant-Ohrwurm-Garantie daherkommen, derweil ich euch nachfolgend eingebettetes YouTube-Video zu For the Kill ans Herz legen möchte, das gleichsam als wunderbarer Trailer-Ersatz fungiert, denn eines der größten Mankos von Hardcore sind tatsächlich die allesamt regelrecht stümperhaft zu nennenden Trailer, die ich mir im Nachgang zu Gemüte geführt habe und die mich ehrlich gesagt nicht dazu gebracht hätten, dem Film eine Chance zu geben, denn das vorherrschende Flair wird dort in keiner Weise vermittelt.

 

Nicht unerwähnt bleiben sollte aber auch der Einsatz von Queens Don’t Stop Me Now, denn nachdem ich vor gar nicht allzu langer Zeit noch Shaun of the Dead bescheinigt hatte, die Bilder im Kopf beim Hören dieses Songs nachhaltig beeinflusst zu haben durch die kultige Szene im Winchester Pub, schickt sich Hardcore nun in dieser Hinsicht an, dem Konkurrenz zu machen. So funktioniert der Film als bestens aufgelegter, ultrabrutaler wie gleichermaßen extrem launiger, weil durchweg schwarzhumoriger Actioner, der es locker mit den einschlägigen Blockbuster-Produktionen aufnimmt und diese manches Mal übertrumpft. Vor allem aber ist es auch der eingangs erwähnte Sharlto Copley (Free Fire), der hier in gleich in einer Vielzahl Rollen begeistert und mit superb übersteuertem Overacting sämtliche Sympathien an sich reißt und nicht zuletzt in einer grandiosen Tanz-Choreografie punkten darf, während er sich freilich auch bei den nicht wenigen Stunts ordentlich reinhängt (auch wenn er sich dort sicherlich das eine oder andere Mal hat vertreten lassen). Veredelt wird das Gante dann noch durch die Beteiligung von Haley Bennett als Henrys Ehefrau Estelle, die man beispielsweise aus Die glorreichen Sieben kennt, der übrigens selbst im Film ebenfalls referenziert wird. So schraubt sich Naishullers Film in seinen kaum mehr als neunzig Minuten Spielzeit genussvoll in Sachen Tempo, Action und Splatter immer weiter nach oben und mündet in ein durchaus grandioses Finale, dem sämtliche Hemmnisse fern zu sein scheinen, womit dieses lange Zeit von mir schmählich vernachlässigte Werk für mich zum echten Geheimtipp und vor allem Action-Feuerwerk avanciert ist, das sich zu keinem Zeitpunkt zu verstecken braucht und vor allem ein ums andere Mal charmant mit seiner durchgängigen Over-the-Top-Inszenierung kokettiert.

Fazit & Wertung:

Ilya Naishuller präsentiert mit Hardcore das Film gewordene Best-of-Album beinahe sämtlicher Versatzstücke aus Action-Filmen jeder Art und punktet mit einer gleichermaßen erfrischenden wie den Puls in die Höhe treibenden Inszenierung aus der Ego-Perspektive, die für sich genommen schon eine Sichtung lohnt, durch einen großartigen Soundtrack, bestes Timing und nicht zuletzt einen exaltiert aufspielenden Sharlto Copley noch gehörig veredelt wird. Nicht nur extrem brutal, sondern auch extrem unterhaltsam!

8,5 von 10 orgiastischen Kampfsequenzen

Hardcore

  • Orgiastische Kampfsequenzen - 8.5/10
    8.5/10

Fazit & Wertung:

Ilya Naishuller präsentiert mit Hardcore das Film gewordene Best-of-Album beinahe sämtlicher Versatzstücke aus Action-Filmen jeder Art und punktet mit einer gleichermaßen erfrischenden wie den Puls in die Höhe treibenden Inszenierung aus der Ego-Perspektive, die für sich genommen schon eine Sichtung lohnt, durch einen großartigen Soundtrack, bestes Timing und nicht zuletzt einen exaltiert aufspielenden Sharlto Copley noch gehörig veredelt wird. Nicht nur extrem brutal, sondern auch extrem unterhaltsam!

8.5/10
Leser-Wertung 0/10 (0 Stimmen)
Sende

Hardcore ist am 09.09.16 auf DVD und Blu-ray im Vertrieb von Alive erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über einen der Links und unterstützt damit das Medienjournal!

DVD:

Blu-ray:

vgw

Hinterlasse einen Kommentar