Review: Robo sapiens | C. Robert Cargill (Buch)

Okay, es wird mal wieder Zeit für Science-Fiction, die nichts mit dieser "weit, weit entfernten Galaxis" zu tun hat, der ich mich hier so oft widme. Hat sich aber definitiv gelohnt, einmal wieder abseits der ausgetretenen Pfade zu wandeln.

Robo sapiens

Sea of Rust, USA 2018, 416 Seiten

Robo sapiens von C. Robert Cargill | © Heyne
© Heyne

Autor:
C. Robert Cargill
Übersetzer:
Jürgen Langowski

Verlag (D):
Heyne
ISBN:
978-3-453-32006-2

Genre:
Science-Fiction | Endzeit | Abenteuer | Drama

 

Inhalt:

Dies ist das Rostmeer, ein dreihundert Kilometer breiter Wüstenstreifen in der Gegend, die früher zum »Rust Belt« von Michigan und Ohio gehörte. Jetzt ist es nichts weiter als ein Friedhof, den die Maschinen aufsuchen, um zu sterben. Für die meisten ist es ein schrecklicher Ort, voller rostender Monolithe, zerstörter Städte und verfallener Paläste der Industrie.

Mit dem Tod des letzten Menschen in New York City ist jüngst offiziell das Zeitalter der Menschen zu Ende gegangen und nur noch Roboter bevölkern die Erde, dereinst von den Menschen geschaffen, kam es bereits vor Jahren zum großen Zerwürfnis und einem darauf folgenden Krieg, in dem die künstlichen Intelligenzen sich als siegreich erwiesen haben. Während viele der Roboter sich erfolgreich gegen ihre ursprüngliche Programmierung gewandt haben und nun als Individuen leben, haben sich nach der großen Säuberung die sogenannten EWIs – Eine-Welt-Intelligenzen – wie CISSUS und VIRGIL hervorgetan, mächtige Mainframes, die das Bewusstsein einzelner Roboter ihrem eigenen Hauptspeicher einverleibten und mithilfe von Facetten – leeren Roboter-Hüllen – wie eine einzige, schier allwissende Person zu agieren verstehen. In dieser Welt, dem PostHum-Zeitalter, lebt auch Brittle, ein Simulacrum, Modell Fürsorger, das vor dem Krieg als Haushaltshilfe und seelischer Beistand fungiert hat und die sich nun im Rostmeer durchschlägt, indem sie die Teile verstoßener Roboter plündert. Als Brittle aber mit Mercer – ebenfalls ein Fürsorger-Simulacrum – aneinandergerät und schwer beschädigt wird, droht für sie die Zeit knapp zu werden, denn Ersatzteile für ihr spezifisches Modell sind selten geworden dieser Tage und so lässt sie sich widerwillig als Führerin durch das Rostmeer anheuern, derweil der nächste Angriff seitens CISSUS kurz bevorsteht…

Rezension:

Lange habe ich nicht mehr ein so durchweg faszinierendes Buch gelesen wie nun jüngst Robo sapiens, das dieser Tage im Heyne-Verlag erschienen ist. Ausnahmsweise bin ich diesmal sogar mit dem "deutschen" Titel mehr als glücklich, denn im Vergleich zum Original Sea of Rust trifft diese Abwandlung von Homo sapiens die Sache noch mehr auf den Punkt. Und es ist Wagnis und Chance zugleich, ein Buch zu verfassen, das gänzlich auf menschliche Protagonisten verzichtet, wobei die zu Zeiten der HumPop – Human Population – geschaffenen Modelle freilich bereits so menschenähnlich und vor allem intelligent gewesen sind, dass man Erzählerin Brittle – eigentlich Seriennummer HS8795-73 – prompt und ohne Vorbehalte als Identifikationsfigur akzeptiert. Diese lebt und bewegt sich im sogenannten Rostmeer und ist als eine Art Plünderer unterwegs, schildert insbesondere auf den ersten Seiten aber natürlich vor allem erst einmal die Gesetze der Welt, in der wir uns mit ihr bewegen. Ungleich spannender sind allerdings zunächst noch die zahlreichen Intermezzi, in denen sich Brittle der Vergangenheit widmet und von den ersten EWIs, dem Aufstieg der künstlichen Intelligenzen und freilich nicht zuletzt der großen Säuberung berichtet, welche die Menschheit vom Antlitz der Erde getilgt hat.

Auf der Brust prangte ein aufgesprühtes rotes X. Das Abzeichen der VierNullVierer. Manche Gruppen verpassten es den Einheiten, die den Verstand verloren hatten und für gefährlich gehalten wurden. Kurz danach warf man sie dann meist hinaus, und sie waren in der Wüste auf sich selbst gestellt.

Die eigentliche Geschichte in der Gegenwart von Brittle fällt gegenüber diesen Schilderungen zwar in punkto Spannung und Innovation ein wenig ab, doch ändert sich dies zum Glück, als der eigentliche Plot langsam in die Gänge kommt, denn auch wenn man meinen würde, Roboter wären längst nicht so anfällig und zerbrechlich wie ein menschlicher Organismus, haben auch sie mit Verfall zu kämpfen. So ist es im PostHum-Zeitalter nicht immer einfach, die passenden Ersatzteile fürs eigene Modell zu finden und natürlich können auch immer Schaltkreise durchbrennen, Prozessoren überhitzen oder sonst etwas dergleichen, was es auch mit sich bringt, dass Roboter, die gemeinhin aufgrund fehlerhafter Prozesse als irre bezeichnet werden könnten, als VierNullVierer gebrandmarkt und verstoßen werden, was sie häufig ins Rostmeer treibt in der irrigen Hoffnung, dort die passenden Teile und somit Rettung zu finden. In der Hinsicht beweist C. Robert Cargill als Autor von Robo sapiens ein enormes Gespür für feinsinnige Erzählweise und entwirft eine faszinierende Welt, die sich – hier ausschließlich aus der Warte der Roboter – in unterschiedlichsten Aspekten dem Thema "Künstlicher Intelligenz" annimmt und speziell am Beispiel von Brittle aufzuzeigen versteht, wo die Überschneidungen, wo die Differenzen zwischen einem biologischen und einem künstlichen Körper und Gehirn liegen.

Und auch das Konzept der EWIs wirkt anfänglich lediglich wie eine spannende Erzählung, bevor sich der ehemalige Mainframe CISSUS in der Lebensrealität von Brittle materialisiert und seine Facetten schickt, um eine ganze Roboter-Siedlung zu überrennen und deren Bewohner dem eigenen Zentralrechner zuzuführen. Durch Brittles Verletzung und CISSUS‘ Unerbittlichkeit ergibt sich auch ein gewisses Sturm-und-Drang-Element, das Robo sapiens in vielerlei Hinsicht wie ein Buch gewordenes Road-Movie wirken lässt, das sich atmosphärisch irgendwo zwischen Dystopie und Endzeit-Survival verorten lässt, durch die nichtmenschlichen Protagonisten aber eben noch einen ganz eigenen Kniff bekommt, zumal das, was Brittle und ihren Weggefährten so widerfahren wird, mit menschlichen Akteuren eben schlicht nicht möglich gewesen wäre.

Die ersten paar Jahre nach der Säuberung waren wundervoll. Frieden. Freiheit. Ein Ziel. Wir bauten Städte für uns selbst – wundervolle Städte mit bizarren Türmen und radikaler Geometrie. Wir errichteten Fabriken, um die Teile zu produzieren, die wir brauchten. Wir bildeten Räte, um die Geburt neuer KIs zu überwachen. Wir erkundeten neue Wege, um unsere alte innere Architektur zu verbessern. Es war beinahe ein Utopia. Beinahe.

Dabei wird auch immer offensichtlicher, dass die anfänglich häufigen, später leider seltener werdenden Intermezzi von zwingender Bedeutung für das Verständnis der Geschichte sind, denn auch wenn die Tage der Menschheit gezählt und der letzte Überlebende unserer Spezies in New York City gestorben ist, wirkt doch vieles aus der Vergangenheit der Roboter-Population noch bis heute nach und beeinflusst zunehmend die Geschicke der immer verzweifelter werdenden Brittle. Im letzten Drittel des Bandes wird es für meinen Geschmack zwar ein wenig zu actionreich, derweil hier – logischerweise – die klugen Beobachtungen und feinsinnigen Gedankenspiele ein wenig hintenan stehen müssen, doch halte ich Robo sapiens dennoch für uneingeschränkt empfehlenswert, wenn man meint, dem Thema etwas abgewinnen zu können. Denn ich für meinen Teil hätte tatsächlich nicht gedacht, ein so clever konstruiertes Worldbuilding mit so vielen spannenden Facetten (gemeint sind hier nicht die Soldaten der EWI) vorgesetzt zu bekommen und war entsprechend mehr als positiv überrascht, zumal die actionreicheren Passagen zugegebenermaßen auch ein wenig Abwechslung in die ansonsten doch eher ruhige und introspektive Erzählweise bringen.

Fazit & Wertung:

Mit Robo sapiens liefert C. Robert Cargill ein sowohl cleveres als auch spannendes Gedankenexperiment, das gleichsam auch als Abenteuer-road-Movie in literarischer Gestalt zu funktionieren weiß. Fernab der Erzählerin Brittle besticht das Buch vor allem durch sein ausgeklügeltes und reichhaltiges Worldbuilding, das in Form regelmäßiger Intermezzi die letzten Tage der Menschheit und den Aufstieg der Eine-Welt-Intelligenzen umreißt, während auch die Protagonistin reichlich interessante Innenschau betreibt, während äußere Einflüsse sie durch das originär namensgebende Rostmeer – Sea of Rust – treiben.

9 von 10 als VierNullVierer gebrandmarkten Ausgestoßenen

Robo sapiens

  • Als VierNullVierer gebrandmarkte Ausgestoßene - 9/10
    9/10

Fazit & Wertung:

Mit Robo sapiens liefert C. Robert Cargill ein sowohl cleveres als auch spannendes Gedankenexperiment, das gleichsam auch als Abenteuer-road-Movie in literarischer Gestalt zu funktionieren weiß. Fernab der Erzählerin Brittle besticht das Buch vor allem durch sein ausgeklügeltes und reichhaltiges Worldbuilding, das in Form regelmäßiger Intermezzi die letzten Tage der Menschheit und den Aufstieg der Eine-Welt-Intelligenzen umreißt, während auch die Protagonistin reichlich interessante Innenschau betreibt, während äußere Einflüsse sie durch das originär namensgebende Rostmeer – Sea of Rust – treiben.

9.0/10
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Weitere Details zum Buch und dem Autor findet ihr auf der Seite von Heyne. Dort findet sich übrigens auch eine Leseprobe.

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Robo sapiens ist am 13.05.19 bei Heyne erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über den Link und unterstützt damit das Medienjournal!

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