Review: Das Gottesspiel | Danny Tobey (Buch)

Noch ein Artikel aus dem Fundus der seit vergangenen Monat fertigen Texte, auch wenn es sich dabei dummerweise schon um den letzten seiner Art handelt. Aber hey, dafür ist auch schon wieder Bergfest, was zumindest die Arbeitswoche anbelangt.

Das Gottesspiel

The God Game, USA 2020, 560 Seiten

Das Gottesspiel von Danny Tobey | © Heyne
© Heyne

Autor:
Danny Tobey
Übersetzer:
Jürgen Langowski

Verlag (D):
Heyne
ISBN:
978-3-453-53488-9

Genre:
Science-Fiction | Drama | Mystery | Thriller

 

Inhalt:

Von seinem Freund Peter wird Charlie auf das gehypte Online-Game aufmerksam gemacht, das mit dem schlichten wie hochtrabenden Titel "Das Gottesspiel" daherkommt. Kern des Ganzen ist eine KI, die unterschiedlichsten Gottheiten nachempfunden ist und quasi durch das Spiel leitet. Charlie und seine Freunde, eine nerdige Gruppe, die sich selbst die "Vindicators" genannt haben, sind zunächst skeptisch, doch eben auch gleichermaßen neugierig, zumal allein die Art des Spiels etwas nie Dagewesenes darstellt und – spätestens hier kennt ihre Faszination kein Halten mehr – dank Virtual-Reality-Möglichkeiten auf gekonnte Art die Realität mit der fiktiven Spielwelt verknüpft. Doch dem Spiel geht eine Warnung voraus und tatsächlich haben die Taten der "Vindicators" im Spiel alsbald zunehmend gravierendere Auswirkungen auf die echte Welt, während die Aufgaben im gleichen Maße gefährlicher und abgründiger werden. Um aber einfach wieder aus dem Spiel auszusteigen, scheint es längst zu spät…

Rezension:

Ich muss gestehen, dass Das Gottespiel schon vor geraumer Zeit auf meinem Wunschzettel gelandet ist, ohne dass ich groß gewusst hätte, um was es gehen würde, einfach, weil mich das Cover und der Titel allein schon so angesprochen haben. Der ist derweil auch Programm, denn Aufhänger für die Story ist, dass eine Reihe begabter Programmierer eine KI erschaffen haben, die sich nunmehr für Gott hält, was damit zusammenhängt, dass sie quasi mit sämtlichen Informationen zu allen mehr oder minder bekannten oder zumindest populären Gottheiten gefüttert worden ist, um eigenständig die zwischen den Zeilen liegende Wahrheit zu destillieren. Und dieser KI-Gott manifestiert sich nun als eine Art Spiel im Web, das auf den unterschiedlichsten Wegen mit den Protagonisten zu kommunizieren imstande und in der Gott zugesprochenen Allmacht in der Lage ist, sämtliche Social-Media-Profile zu durchforsten, private Konten und geheime Informationen in Augenschein zu nehmen und daraus Aufgaben und Belohnungen zu kreieren. Wie sich das für einen Thriller gehört, werden die natürlich zunehmend fordernder, übergriffiger, bösartiger, wobei sich Autor Danny Tobey hier im Grunde alles erlauben könnte, weil seine Gott-Schöpfung im Buch natürlich von reichlich Widersprüchen gekennzeichnet ist, die aus den verschiedenen Weltreligionen resultieren.

So sprach Gott, oder wenigstens die erste künstliche Intelligenz, die behauptete, Gottes Persönlichkeit zu verkörpern. Das erzählte man sich jedenfalls. Laut Peter, der bei 4chan und in anderen obskuren Ecken des Web alle möglichen verrückten Geschichten aufschnappte, hatten Computerexperten eine KI mit allen den Menschen bekannten religiösen Texten – von der Antike bis zur Gegenwart – gefüttert und nach einer Reihe von Merkmalen wie Spendenaufkommen, historischer Langlebigkeit und allen anderen Faktoren, die sie finden konnten, gewichtet.

Dabei merkt man durchaus, dass Tobey Ahnung von der Materie hat, womit jetzt nicht das Göttliche im Speziellen gemeint ist, sondern die Themen Virtual Reality, KI, fortschreitende Technisierung und dergleichen. Manches – so muss ich zugeben – wirkt im weiteren Verlauf zwar ein wenig konstruiert, wenn die Realität des Spiels in die echte Welt überzugreifen beginnt, weil das voraussetzt, dass beispielsweise selbst eine Kellertür mit einem elektronischen Schloss gesichert ist, so dass die KI darauf zugreifen kann, aber das sind im Grunde Kleinigkeiten, die man für einen spannenden und funktionierenden Plot quasi in Kauf nehmen muss. Dadurch rückt Das Gottesspiel zwar zuweilen ein Richtung in wenig Popcorn-Kino im Buchformat, bleibt aber auch ein echter Page-Turner, der mit kurzen Kapiteln, wechselnden Perspektiven und reichlich Twists und Cliffhangern bei der Stange zu halten weiß. Entsprechend verfliegen die rund 550 Seiten regelrecht, wozu auch die doch eher einfach gehaltene Sprache beiträgt, die allerdings auch den jugendlichen Protagonisten geschuldet ist, die dafür mit reichlich Cleverness und ausgeprägten Fähigkeiten im Programmieren gesegnet sind.

Problematischer mag da eher sein, dass die Schar an Hauptfiguren, aber auch die weiteren Charaktere relativ schablonen- und klischeehaft daherkommen, denn so überzeugend Tobey deren Befindlichkeiten schildert, täuscht das doch nicht darüber hinweg, dass sie allesamt bestimmten Stereotypen entsprechen, ob es sich dabei um den depressiven Eigenbrötler, den verwöhnten Sohn aus gutem Hause oder den jähzornigen Schulschläger nebst Entourage handelt, die aus weiteren Rowdys und – natürlich – Sportskanonen besteht. Diese archetypische Ausgestaltung des Figurenkonsortiums bringt es aber auch mit sich, dass Das Gottesspiel, obwohl erkennbar und konkret in der heutigen Zeit verortet, auch einiges an Eighties-Vibes mit sich bringt, also an einschlägige Film-Klassiker aus dem besagten Jahrzehnt erinnert, derweil auch hier die Eltern, vielleicht abgesehen von Charlies Vater, kaum bis keine Rolle spielen, was ebenfalls zu den Dingen zählt, die man im Kontext einfach akzeptieren muss. Dank dieser illustren Mischung aus Altbekanntem und Archetypischen, gepaart mit frischen Ideen und einer cleveren Nutzung der Virtual Reality und der Neuen Medien im Allgemeinen, funktioniert Danny Tobeys Science-Fiction-Roman aber erstaunlich gut und hat mich nicht eine Sekunde gelangweilt, auch wenn sich ruhigere Passagen hier ebenso finden wie die reißerischen, von Action und Gefahr geprägten Momente.

Charlie tippte:
Wer ist denn da?
Dieses Mal gab es keine Verzögerung. Das Telefon summte fast sofort, nur einen Sekundenbruchteil nachdem er auf »Senden« gedrückt hatte. So schnell konnte kein Mensch tippen.
Hier ist Gott, dein Daddy.
Schöne Grüße von Mom.
Ich habe eine Aufgabe für dich.

Überwiegen anfänglich das Faszinierende und Mysteriöse der noch undurchschaubaren KI und des Spiels mit ungewissen Regeln und Gesetzmäßigkeiten, setzt Tobey im weiteren Verlauf öfter auf Action und Thrill, wobei ihm und den "Vindicators" nie die Cleverness abhandenkommt, dem Spiel und Gefahren der echten Welt mit Einfallsreichtum und Schneid entgegenzutreten. Einzig zum Ende hin verhebt sich der Autor für meinen Geschmack ein wenig und schießt in einem Punkt speziell über das Konzept des unerwarteten Twists hinaus, so dass mir hier eine konsequentere, überraschungsärmere Fortführung lieber gewesen wäre, wobei das freilich nur für mich gilt und meinen persönlichen Geschmack widerspiegelt. Davon aber einmal abgesehen funktioniert Das Gottesspiel allerdings tadellos und natürlich besonders reizvoll, wenn man sich selbst den Themen Virtual Reality oder auch Gaming im Allgemeinen ein wenig verhaftet fühlt, wobei der Plot sicherlich auch überzeugt, wenn man damit nichts am Hut hat, nur, warum sollte man dann ein thematisch dergestalt ausgerichtetes Buch lesen wollen? Die Alleinstellungsmerkmale und der erzählerische Einfallsreichtum überwiegen also bei weitem gegenüber den doch öfter etwas abgedroschen wirkenden Figuren, doch führen diese natürlich dennoch zu Abzügen in der B-Note. Die Geschichte als solches überzeugt aber und selbst die überzogenen Möglichkeiten der KI, die Realität zu beeinflussen, kann man natürlich auch als Mahnung und Warnung begreifen, wohin die Reise geht und welche Gefahren drohen könnten.

Fazit & Wertung:

Danny Tobey konzentriert sich mit Das Gottesspiel auf seine Steckenpferde Künstliche Intelligenz und Virtuelle Realität, was man dem Roman durchaus anmerkt und ihm einige durchaus faszinierende Ansätze und Wendungen an die Hand gibt. Die Ausgestaltung der Protagonisten folgt da schon häufiger gern genutzten Klischees und Stereotypen, schmälert aber das Page-Turner-Feeling und die allgemeine Faszination für das Thema zum Glück nur unmerklich.

8 von 10 beängstigenden Aufgabenstellungen einer Gott-KI

Das Gottesspiel

  • Beängstigende Aufgabenstellungen einer Gott-KI - 8/10
    8/10

Fazit & Wertung:

Danny Tobey konzentriert sich mit Das Gottesspiel auf seine Steckenpferde Künstliche Intelligenz und Virtuelle Realität, was man dem Roman durchaus anmerkt und ihm einige durchaus faszinierende Ansätze und Wendungen an die Hand gibt. Die Ausgestaltung der Protagonisten folgt da schon häufiger gern genutzten Klischees und Stereotypen, schmälert aber das Page-Turner-Feeling und die allgemeine Faszination für das Thema zum Glück nur unmerklich.

8.0/10
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Weitere Details zum Buch und dem Autor findet ihr auf der Seite von Heyne. Dort findet sich übrigens auch eine Leseprobe.

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Das Gottesspiel ist am 13.07.2020 bei Heyne als Paperback erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über den Link und unterstützt damit das Medienjournal!

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