Review: Gestohlene Erinnerung | Blake Crouch (Buch)

Kommen wir heute zu einem ganz und gar großartigen Buch, von dem ich im Vorfeld überhaupt nicht erwartet hätte, dass es mich so begeistern würde und das ich deshalb vorbehaltlos empfehlen kann.

Gestohlene Erinnerung

Recursion, USA 2019, 432 Seiten

Gestohlene Erinnerung von Blake Crouch | © Goldmann
© Goldmann

Autor:
Blake Crouch
Übersetzer:
Rainer Schmidt

Verlag (D):
Goldmann
ISBN:
978-3-442-20601-8

Genre:
Mystery | Science-Fiction | Thriller

 

Inhalt:

»Ich bin ziemlich sicher, dass Sie nicht näher kommen wollen, Detective.«
»Warum nicht?«
»Ich habe FMS.«
Barry widersteht dem Drang wegzulaufen. Natürlich hat er vom False Memory Syndrome schon gehört, dem Erinnerungsverfälschungssyndrom, aber er hat bisher noch niemanden gekannt oder nur gesehen, der daran leidet. Nie dieselbe Luft geatmet.

Barry Sutton ist Detective beim NYPD und wird zum Fall einer Suizidgefährdeten gerufen, die sich vom Dach eines Hochhauses zu stürzen gedenkt. Nach gutem Zureden glaubt Barry, die Frau von ihrem Vorhaben abbringen zu können, doch noch im selben Atemzug eröffnet sie ihm, am False-Memory-Syndrome zu leiden und sich an ein Leben zu erinnern, das sie nie gelebt hat, was sie schier um den Verstand bringt, zumal beispielsweise ihr "früherer" Ehemann sich nicht an sie erinnert. Unterdessen bekommt die Wissenschaftlerin von einem Mann namens Marcus Slade das Angebot, für ihn zu arbeiten und mit schier unbegrenzten Mitteln ihr Projekt zu verfolgen, einen Erinnerungsstuhl zu bauen, der es ermöglicht, die im Gehirn gespeicherten Erinnerungen zu kartieren und bei Bedarf abzurufen. Während Helena zu der Forschungsanlage auf einer hermetisch abgeriegelten Bohrinsel reist, beginnt Barry hinsichtlich des False-Memory-Sondromes zu ermitteln und Fälle zusammenzutragen, doch seine jüngsten Erkenntnisse werfen mehr Fragen auf, als sie beantworten. Auch Helena derweil wird das Gefühl nicht los, dass ihr Arbeit- und Geldgeber Slade weit mehr weiß, als er im Moment zuzugeben bereit ist, doch der Wille, ihre Maschine Wirklichkeit werden zu lassen, ist letztlich stärker als ihr Argwohn. Barry indes wendet sich an den vermeintlichen, aus falschen Erinnerungen stammenden Ehemann der Suizid-Gefährdeten, doch nachdem der zunächst blockt, räumt er ein, sich durchaus an sie zu erinnern…

Rezension:

Kaum hatte ich kürzlich erst die Wayward Pines-Trilogie von Blake Crouch beendet, erreichte mich die werbende Ankündigung zum baldigen Erscheinen von Gestohlene Erinnerung (die nun auch schon wieder rund drei Wochen zurückliegt) und nachdem er mich einmal hat überzeugen können, war ich natürlich auch auf diesen, im Original vergangenes Jahr als Recursion veröffentlichten Band gespannt. Der widmet sich diesmal dem Thema Erinnerung und in diesem Zusammenhang der Frage, was eigentlich Realität und Zeitempfinden sind, wenn doch selbst die Impulse unserer Wahrnehmung das Gehirn erst mit Nanosekunden Verspätung erreichen, wir somit immer eigentlich nur einen Blick auf Vergangenes werfen, ganz so, wie der Blick in die Sterne nur ein Abbild längst vergangener Zeiten offeriert. Was andernorts aber verkopft oder spirituell hätte werden können, verpackt Crouch in einen atemlosen Science-Fiction-Thriller mit reichlich Krimi- und Mystery-Anteil, der mich mehr als nur einmal völlig umzuwerfen gewusst hat. Dabei fängt alles vergleichsweise harmlos und überschaubar an, denn die Bühne teilen sich lediglich zwei Protagonisten, einerseits der NYPD-Detective Barry Sutton, andererseits die Wissenschaftlerin Helena Smith, die ein lukratives Angebot bekommt, um an ihrem – platt formuliert – Erinnerungsstuhl arbeiten zu können, der vergangene Ereignisse kartieren und so beispielsweise Demenzkranken so, ihr schwindendes Gedächtnis zu bewahren.

Sie denkt an den Fünfzig-Millionen-Dollar-Stuhl, von dessen Konstruktion sie geträumt hat, seit ihre Mutter angefangen hat, das Leben zu vergessen. Seltsamerweise hat sie ihn im Geiste nie komplett fertig gesehen, sondern immer nur als technische Zeichnung in der Gebrauchsmusteranmeldung, die sie eines Tages einreichen wird: immersive Plattform zur Projektion langfristiger, expliziter episodischer Erinnerungen.

Wie so oft ist Helena dabei von persönlicher Motivation getrieben, denn ihre eigene Mutter leidet an fortschreitender Demenz, weshalb sie natürlich auch prompt Feuer und Flamme ist für das Projekt, das mangels finanzieller Mittel bislang nie aus dem Stadium einer theoretischen Versuchsanordnung herausgekommen ist. Barry derweil macht gleich zu Beginn die Bekanntschaft mit einer Suizidgefährdeten, die ihm eröffnet, am sogenannten False-Memory-Sndrome zu leiden, das sich darin widerspiegelt, dass die Betroffenen sich an Vergangenes zu erinnern meinen, das sich so allerdings nie zugetragen hat. Ein rätselhaftes Phänomen und eine Erkrankung, die Ärzte wie Wissenschaftler vor Rätsel stellt, zumal dieser Zustand, sich an ein "falsches", nie gelebtes Leben zu erinnern, anscheinend gar ansteckend ist und es schon Massenphänomene in Familien und Gruppen gegeben hat, die einhellig behaupten, sich auf die gleiche Weise an nie Geschehenes erinnern zu können. So viel, so gut, kann ich vom eigentlichen Plot gar nicht einmal mehr so viel erzählen, ohne dass es in waschechte Spoiler ausarten würde, denn wie so oft unterteilt nun auch Crouch sein Werk Gestohlene Erinnerung in sechs große Teile – hier Bücher genannt. Doch was andernorts ein reines Stilmittel darstellt, geht hier tatsächlich mehr als einmal auch mit einem ausgewachsenen Paradigmenwechsel einher, der nicht nur das zuvor Erlebte und Geschilderte in einen neuen Kontext setzt, sondern auch zumeist inhaltlich und dramaturgisch ganz neue Töne anschlägt.

Dementsprechend gelingt es dem Autor dadurch auch, über die gesamte Dauer seines rund 400 Seiten starken Werkes die Faszination seines Gedankenspiels aufrechtzuerhalten, denn wer nach kaum hundert Seiten meint, zu wissen, wie der Hase läuft und wohin die Reise geht, wird sich mehrfach eines Besseren belehren lassen müssen. Und wie von Crouch zu erwarten, bleibt es eben mitnichten bei einem Gedankenspiel oder einer Idee, sich vergangenen Erinnerungen von einer neuen Warte zu nähern und böse Zungen könnten behaupten, es ginge hier thematisch mehr in Richtung Zeitreisen, was allerdings falsch wie zu verurteilen wäre, denn der Autor geht hier den weit eleganteren, aber auch unverbrauchteren Weg, mithilfe dessen sich gar die üblichen Paradoxa umschiffen lassen, die das Thema sonst so mit sich bringt. Dementsprechend clever wirkt auch seine Versuchsanordnung, die schon faszinierend beginnt und sich im weiteren Verlauf zu immer neuen Höhen aufschwingt, während natürlich die Wege der beiden Protagonisten Barry und Helena sich zu kreuzen und verschränken wissen, um das Geschehen auf eine wieder neue, unerwartete wie beispiellose Ebene zu hieven.

»Vor acht Monaten hat die Seuchenkontroll- und Präventionsbehörde im Nordosten vierundsechzig Fälle identifiziert, die Ähnlichkeiten aufwiesen. In jedem dieser Fälle klagte ein Patient über akute falsche Erinnerungen. Und es ging nicht nur um eine oder zwei, sondern um eine vollständig imaginierte alternative Geschichte, die sich über weite Bereiche ihres Lebens bis zum aktuellen Augenblick erstreckte. Meistens über Monate oder Jahre. In Einzelfällen sogar über Jahrzehnte.«

Möglicherweise vorgeschädigt von der Wayward Pines-Trilogie hatte ich mir derweil im Vorfeld eine zwar spannende und kurzweilige Lektüre erwartet, diese aber eher im Popcorn-Kino-Bereich verortet, denn schon bei besagter Trilogie durfte man so einiges nicht zu sehr auf die Goldwaage legen, um nicht den Spaß an der Sache zu verlieren. Davon sind wir in Gestohlene Erinnerung allerdings weit entfernt und ich habe lange nicht mehr eine so clever und hellsichtig konzipierte Geschichte mehr gelesen, die bis zuletzt nichts von ihrem Reiz einbüßt und ein ums andere Mal zu überraschen und schockieren weiß, während man mehrfach meint, doch nun alle Zusammenhänge und die "Regeln des Spiels" durchschaut zu haben. Wen es also nach einer durch und durch einzigartigen, clever verschachtelten und zum Mitdenken anregenden Geschichte gelüstet, die gleichsam spannend und temporeich daherkommt, der möge sich mit gutem Gewissen an die Lektüre von Gestohlene Erinnerung begeben, denn ich für meinen Teil habe lange nicht mehr so außer Atem, begeistert wie geschafft ein Buch zur Seite gelegt, nachdem ich es beendet hatte. In meinen Augen ein großer Wurf des Genres und uneingeschränkt empfehlenswert, wenn man dem Thema auch nur ein Quäntchen Interesse entgegenzubringen meint.

Fazit & Wertung:

Mit Gestohlene Erinnerung liefert Blake Crouch ein vom ersten Moment und bis zuletzt faszinierendes Werk zum Thema Erinnerungen und Realität ab, das sich in seiner inhärenten Logik keine Blöße gibt, mehrfach gelungene Haken schlägt und den geneigten Leser durchaus zum Mitdenken anregt, während es auch inszenatorisch nichts zu bemängeln gibt und man sich trotz des intellektuellen Unterbaus gleichsam auf spannungsgeladene Lektüre freuen darf.

10 von 10 kartierten Erinnerungen

Gestohlene Erinnerung

  • Kartierte Erinnerungen - 10/10
    10/10

Fazit & Wertung:

Mit Gestohlene Erinnerung liefert Blake Crouch ein vom ersten Moment und bis zuletzt faszinierendes Werk zum Thema Erinnerungen und Realität ab, das sich in seiner inhärenten Logik keine Blöße gibt, mehrfach gelungene Haken schlägt und den geneigten Leser durchaus zum Mitdenken anregt, während es auch inszenatorisch nichts zu bemängeln gibt und man sich trotz des intellektuellen Unterbaus gleichsam auf spannungsgeladene Lektüre freuen darf.

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Weitere Details zum Buch und dem Autor findet ihr auf der Seite von Goldmann. Dort findet sich übrigens auch eine Leseprobe.

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Gestohlene Erinnerung ist am 16.03.2020 bei Goldmann erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über einen der Links und unterstützt damit das Medienjournal!

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