Review: Gut gegen Nordwind | Daniel Glattauer (Buch)

Frei nach dem Motto "Man kann ja nicht immer nur Fantasy und Science-Fiction lesen", komme ich heut mal wieder – selbst für mich im Grunde unerwartet – mit etwas ganz anderem daher.

Gut gegen Nordwind

Gut gegen Nordwind, AT 2006, 224 Seiten

Gut gegen Nordwind von Daniel Glattauer | © Goldmann
© Goldmann

Autor:
Daniel Glattauer
Übersetzer:
entfällt

Verlag (D):
Goldmann
ISBN:
978-3-442-46586-6

Genre:
Romantik | Drama

 

Inhalt:

Vier Minuten später
AW:
Liebe Frau Rothner, darf ich Ihnen eine Frage stellen? Und hier noch eine zweite: Wie lange haben Sie für Ihre E-Mail mit der Darlegung Ihres »Ei«-Fehlers gebraucht? Lg, Leo Leike.

Eigentlich will Emmi nur ein verhasstes Zeitschriften-Abo kündigen, doch beim Versuch, die Redaktion der "Like" per Mail zu erreichen, landet sie – dank Tippfehler – stattdessen stets bei Leo Leike. Der weist sie zwar auf ihren Fehler hin und sie entschuldigt sich, doch als er Weihnachtsgrüße in Form einer Massenmail von Emmi bekommt, sieht er sich genötigt, ihr erneut zu schreiben. Was aber als patziger Schlagabtausch beginnt, entwickelt sich schnell zu einer Art digitalen Freundschaft, während die beiden kaum etwas voneinander wissen und schon gar nicht, wie der jeweils andere aussieht. Doch obwohl sie sich gegenseitig beteuern, dass dies auch gar nicht wichtig sei, hängt doch ab einem gewissen Moment auch die Verlockung in der Luft, sich auch im echten Leben zu begegnen. Doch einerseits ist Emmi glücklich verheiratet, andererseits könnte die Realität nie gegenüber der Fantasie bestehen, die sich in ihren Köpfen längst manifestiert hat. Das hindert die beiden aber nicht daran, ihre Korrespondenz über die Wochen und Monate hinweg fortzuführen, während sie ein Stadium der Intimität und des gegenseitigen Vertrauens erreichen, wie sie es selbst nie geahnt hätten…

Rezension:

Anfang dieser Woche habe ich mir nun spontan Daniel Glattauers Erfolgsbuch Gut gegen Nordwind vorgenommen. Was zunächst aus der Not geschah, dass ich mein derzeitiges Buch sicherlich nicht bis heute hätte "erledigen" können, entpuppte sich letztlich als echter Glücksfall, zumal der Umstand, dass ich das Buch an einem Nachmittag/Abend und in einem Rutsch gelesen habe, ja durchaus Bände spricht. Nun ist das bei gerade mal 220 Seiten zwar auch nicht gerade schwer, aber trotzdem bemerkenswert, denn Glattauers Geschichte vermag so zu fesseln, dass man sie nicht mehr aus der Hand zu legen vermag, obwohl bei den beiden Schreibenden mitunter Tage oder gar Wochen vergehen, bis sie sich erneut schreiben, so dass sich die kompakte Erzählung über einen vergleichsweise langen Zeitraum erstreckt. Der Clou, dass dabei der gesamte Roman als Email-Korrespondenz verfasst worden ist, dürfte hinlänglich bekannt sein, soll hier aber natürlich dennoch Erwähnung finden.

18 Tage später
Betreff: Hallo
Hallo, Herr Leike, ich wollte Ihnen nur sagen, dass die von »Like« mir keine Hefte mehr zuschicken. Haben Sie interveniert? Sie könnten sich übrigens auch einmal melden. Ich weiß zum Beispiel noch immer nicht, ob Sie Professor sind. Google kennt Sie jedenfalls nicht oder versteht es, Sie gut zu verstecken.

Und ja, allein dadurch wirkt natürlich Gut gegen Nordwind neu und anders, spannend, clever, wobei mir persönlich der Beginn der Korrespondenz einen Hauch zu konstruiert schien, aber dieser Eindruck legt sich nach wenigen Seiten und schließlich muss es ja irgendwo beginnen. Weit schwieriger erschien mir da schon die Frage, wie der Autor die zunehmend intimere Beziehung der beiden zu einem stimmigen und überzeugenden Abschluss bringen würde. Schließlich lebt die von dem Nervenkitzel bei der Frage, ob sie sich nun treffen werden oder nicht und was dann womöglich passieren könnte – ungeachtet dessen, dass Emmi verheiratet ist, wie sie früh offenbart. Und so überzeugend der Roman in Gänze auch sein mag – und das ist er – so empfand ich insbesondere im letzten Drittel ebenfalls so manche Wendung konstruiert und zurechtgebogen, was aber den positiven Gesamteindruck kaum schmälert, zumal dies Glattauer mit den finalen zwei Seiten locker wieder wett macht. Dieses Ende, von dem ich natürlich nichts verrate, muss man dann auch erst einmal verdauen, wobei es ja nun auch schon seit etlichen Jahren den Nachfolger Alle sieben Wellen gibt, so dass man für sich entscheiden kann, ob dies nun das Ende der Beziehung zwischen Leo und Emmi ist, wie man es sich wünscht oder akzeptiert, oder ob man nicht doch lieber eine Blick bei der Fortsetzung riskieren mag.

Ansonsten geht Glattauer auch in seinem originär 2006 erschienenen Werk – das trotz fortschreitender Social-Media-Vereinnahmung auch heute noch funktioniert – einen gewieften Weg, die Geschichte von Emmi und Leo allein über deren Emails erfahrbar zu machen. So bleiben blumige Schilderungen des Settings, der Figuren oder auch deren Handlungen außen vor, denn alles spielt sich einzig und allein im geschriebenen Wort zwischen den beiden ab. Mal knapp und kurz angebunden, mal verkopft, mal emotional, oft humorvoll und noch öfter sarkastisch, aber eben auch immer sehr authentisch, so dass einem geht wie den beiden, dass vor dem inneren Auge langsam Leo und Emmi Gestalt anzunehmen beginnen. Die beiden mögen sich für meinen Geschmack ein wenig zu oft beim Namen nennen, doch ist das eben dem Stil der Erzählung geschuldet und hilft zuweilen auch, die Korrespondenz auseinanderzuhalten, denn ansonsten wäre das einzige Indiz, ob dem Betreff ein "AW" oder "RE" vorangestellt ist, zumal Glattauer auf das klassische "Von:" sowie "An:" verzichtet (was aber auch gut ist, denn das hätte den Roman locker auf 400 Seiten aufgeblasen).

Am nächsten Tag
Betreff: Nahe treten
Lieber Leo, den »Leike« lasse ich jetzt weg. Sie dürfen dafür die »Rothner« vergessen. Ich habe Ihre gestrigen Mails sehr genossen, ich habe sie mehrmals gelesen. Ich möchte Ihnen ein Kompliment machen. Ich finde es spannend, dass Sie sich so auf einen Menschen einlassen können, den Sie gar nicht kennen, den Sie noch nie gesehen haben und wahrscheinlich auch niemals sehen werden, von dem Sie auch sonst nichts zu erwarten haben, wo Sie gar nicht wissen können, ob da jemals irgend etwas Adäquates zurückkommt. Das ist ganz atypisch männlich, und das schätze ich an Ihnen.

Ungeachtet der formalen Aspekte und Alleinstellungsmerkmale gelingen dem Autor aber zahlreiche Miniaturen, mal romantischer, mal beinahe frivoler Art, wenn sich die beiden zu necken versuchen oder Emmi zum mitternächtlichen, gemeinsamen Trinken lädt, wobei das heimliche Highlight natürlich die Passage ist, welche auch über den Titel von Gut gegen Nordwind aufklärt. Überhaupt ist es beachtlich, wie dieses Prickeln, diese wachsende Anziehung zwischen den beiden skizziert und glaubhaft gemacht wird, während sich der Schreibende solch immense Beschränkungen auferlegt, eben alles aus der Sicht seiner Protagonisten und dann noch in geschönter, weil zu digitalem Papier gebrachter Form zu präsentieren. Dabei muss man Leo und Emmi mitnichten immer mögen und sie sind beide weit davon entfernt, dem Idealbild von Mann oder Frau zu entsprechen, so dass sie auch schon einmal irrational und überzogen, eifersüchtig oder gehässig reagieren, was die beiden jedoch nur umso authentischer und glaubhafter erscheinen lässt, derweil genug bleibt, für das sie sich zueinander hingezogen fühlen können. Ein rundherum schöner, oft romantischer, manchmal tragischer, zuweilen melancholischer Roman, der zwar durch seine formale Prämisse lockt, letztlich aber mit seinem Inhalt überzeugt.

Fazit & Wertung:

Daniel Glattauer gelingt es mit Gut gegen Nordwind, eine moderne Variante des Briefromans zu offerieren, die schnell für sich einzunehmen weiß und bis zuletzt fesselt, auch wenn aus der Natur der Sache heraus dann doch manches ein wenig konstruiert wirkt, was die beiden authentischen Protagonisten Emmi und Leo allerdings spielend wettmachen.

8,5 von 10 sehnsuchtsvoll erwarteten Emails

Gut gegen Nordwind

  • Sehnsuchtsvoll erwartete Emails - 8.5/10
    8.5/10

Fazit & Wertung:

Daniel Glattauer gelingt es mit Gut gegen Nordwind, eine moderne Variante des Briefromans zu offerieren, die schnell für sich einzunehmen weiß und bis zuletzt fesselt, auch wenn aus der Natur der Sache heraus dann doch manches ein wenig konstruiert wirkt, was die beiden authentischen Protagonisten Emmi und Leo allerdings spielend wettmachen.

8.5/10
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Weitere Details zum Buch und dem Autor findet ihr auf der Seite von Goldmann. Dort findet sich übrigens auch eine Leseprobe.

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Gut gegen Nordwind ist am 07.07.08 bei Goldmann als Taschenbuch erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über einen der Links und unterstützt damit das Medienjournal!

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