Review: Dirty Trip (Film)

Und da wäre ich auch schon wieder, für einen Freitagabend reichlich spät dran für eine Film-Kritik, aber das ist ja das Schöne am Internet; wer gerade auf Achse ist, kann den Artikel ja auch einfach morgen lesen. Also lasse ich mich da gar nicht beirren und präsentiere meine Rezension zum jüngst erschienenen:

Dirty Trip

Mississippi Grind, USA 2015, 108 Min.

Dirty Trip | © Ascot Elite
© Ascot Elite

Regisseure:
Anna Boden
Ryan Fleck
Autoren:
Anna Boden
Ryan Fleck

Main-Cast:
Ben Mendelsohn (Gerry)
Ryan Reynolds (Curtis)
in weiteren Rollen:
Sienna Miller (Simone)
Analeigh Tipton (Vanessa)
Alfre Woodard (Sam)

Genre:
Drama

Trailer:

 

Inhalt:

Szenenbild aus Dirty Trip | © Ascot Elite
© Ascot Elite

Gerry ist Mitte vierzig und geht einem drögen Job als Immobilien-Makler nach, der ihm auch noch das letzte Quäntchen Lebensmut zu nehmen droht. Arbeitet er nicht, treibt Gerry sich an Poker-Tischen herum, hat aufgrund seiner Spielsucht bereits Frau und Kind verloren und häuft nun immer weiter Schulden an, die ihm ebenfalls bald zum Verhängnis zu werden drohen. In dieser beinahe hoffnungslosen Situation lernt Gerry den jüngeren und weitaus unbeschwerteren Curtis kennen, mit dem er sich schnell anfreundet. Während es Curtis einerseits gelingt, Gerry aus seiner Lethargie zu reißen, überredet Gerry andererseits seinen neuen Kumpan, gemeinsam einen Trip von Iowa nach New Orleans zu unternehmen, um bei einem weithin bekannten Poker-Turnier das große Geld zu machen.

Dummerweise machen Gerry und Curtis unterwegs aber nicht nur an jedem nur erdenklichen Spieltisch Halt, sondern sind auch nicht immer ehrlich zueinander, was ihre Absichten, aber auch ihre finanzielle Lage betrifft und schnell droht aus dem großen Trip eine große Niederlage zu werden…

Rezension:

Auf den ersten Blick wirkt Dirty Trip wie ein lupenreines Zockerdrama, doch merkt man schnell, dass die Coop-Drehbuchautoren und Regisseure Anna Boden und Ryan Fleck vielmehr eine Charakterstudie im Sinn hatten, die eben lediglich im Glücksspiel-Milieu angesiedelt ist, was, wenn man sich die früheren Werke der beiden wie etwa Half Nelson oder auch It’s Kind of a Funny Story ansieht, aber auch nicht so verwunderlich ist, wie es zunächst scheinen mag. Die Dekonstruktion des Mythos Glücksspiel gelingt Boden und Fleck dabei auch recht annehmbar und statt glitzernder, flirrender Casinos bewegen sich die Hauptfiguren beinahe ausschließlich in heruntergekommenen Kaschemmen und Hinterhof-Glücksspiel-Treffs, hängen in schummrigen Bars herum, statt sich für den nächsten großen Coup in Schale zu werfen, wovon sie aber beide zweifelsohne träumen. Das Problem dieses bewusst entschleunigt wirkenden Films ist allerdings, dass, so sehr er sich ansonsten von den Konventionen eines „typischen“ Zockerdramas freispielt, seine beiden Hauptfiguren für ein Charakterdrama nicht allzu viel hergeben, sich vor allem wiederum eng in den Grenzen eines Glücksspielsüchtigen bewegen, der nicht weiß, wann es gut wäre, aufzuhören.

Szenenbild aus Dirty Trip | © Ascot Elite
© Ascot Elite

So beginnt Dirty Trip – für dessen „deutschen“ Titel man den verantwortlichen Marketing-Menschen mal wieder gerne steinigen möchte, zumal der Film im Original wahnsinnig stimmig und passend mit Mississippi Grind betitelt ist – durchaus stimmungsvoll und es liegt mitnichten an dem versierten Charaktermimen Ben Mendelsohn (Lost River) noch an dem sich gerade in jüngerer Vergangenheit immer öfter darstellerisch profilierenden Ryan Reynolds (The Voices), dass weder der abgehalfterte Gerry noch dessen neuer, charmanter Kumpan Curtis richtiggehend zu überzeugen wissen, denn so schön es ist, im weiteren Verlauf zu beobachten, wie Schicht um Schicht abgetragen und weitere charakterliche Nuancen freigelegt, vor allem aber die jeweiligen Beweggründe verdeutlicht werden, scheint sich der Film alsbald im Kreis zu drehen und wirkt im letzten Drittel reichlich redundant, was dann auch nicht mehr von einer stimmigen Atmosphäre und fähigen Schauspielern abgefangen werden kann. Das macht Bodens und Flecks neuestes Werk nicht unbedingt zu einem schlechten Film, doch erreicht er nicht annähernd die Güte früherer Werke.

Um aber noch kurz über die Darsteller zu sprechen, geben sich in der ersten Hälfte von Dirty Trip auch Sienna Miller (Edge of Love) sowie Analeigh Tipton (Crazy, Stupid, Love.) die Ehre, doch so sehr speziell die Szene zwischen Mendelsohns Gerry und Tiptons Vanessa auch zu gefallen weiß, bleiben die Rollen der beiden Damen doch recht austauschbar und gewinnen in keiner Weise merklich an Profil, zumal von Vanessa alsbald gar keine Rede mehr ist und Millers Figur der Simone lediglich noch für ein sporadische Telefonate mit Curtis herhalten darf. Der Fokus liegt also ganz klar auf den beiden unterschiedlichen Spielernaturen und funktioniert in dieser Hinsicht auch gut, zumindest so lange, bis einem langsam klar wird, dass man es mit im Grunde recht stereotypischen Vertretern ihrer Gattung zu tun hat und sich keine großen Überraschungen zu erwarten braucht, was speziell im Falle von Curtis durchaus im Bereich des Möglichen gelegen hätte.

Szenenbild aus Dirty Trip | © Ascot Elite
© Ascot Elite

Exemplarisch dafür, wie sehr Dirty Trip aber im weiteren Verlauf abfällt, ist das Finale, das sich, nachdem der Film bis hierhin wie ein kleines Indie-Projekt ausgenommen hat (zumindest atmosphärisch, inszenatorisch), sosehr dem Hollywood-Mainstream anbiedert, dass man zunächst glaubt, sich in einer Traumsequenz zu befinden und Vorliebe für Happy-Ends hin oder her hätte man das mit Sicherheit glücklicher lösen können als hier geschehen. So trauere ich ein wenig um das Potential des Films, der mir – genau wie seine Figuren – richtiggehend sympathisch war, bei genauerer und nur halbwegs objektiver Betrachtung aber kaum über gesundes Mittelmaß hinauskommt, denn dafür fehlen schlicht die Innovationen und Überraschungen, während er zumindest mit einzelnen, in sich äußerst stimmigen Sequenzen und Einfällen zu überzeugen weiß, die erkennen lassen, was hier womöglich noch hätte drin sein können. Für Freunde von Charakter-getriebenen Storylines sicherlich dennoch einen Blick wert, wobei ich dann selbst auf dieser Schiene wohl eher zu The Gambler raten würde, der ebenfalls unter dem Deckmantel eines Spieler-Dramas in eine ähnliche Kerbe schlägt.

Fazit & Wertung:

Anna Boden und Ryan Fleck haben mit Dirty Trip weit weniger ein auf Spannung setzendes Zocker-Drama als vielmehr eine Charakterstudie zweier Glücksspielsüchtiger abgeliefert, die insbesondere dank Ben Mendelsohn und Ryan Reynolds in ihren besten Momenten zu begeistern weiß, sich aber den Rest der Zeit doch auffällig häufig an einschlägigen Klischees bedient und gerade im letzten Drittel regelrecht redundant wird, während auch die Auflösung der Geschichte nicht wirklich zu gefallen weiß. Da wäre leider mehr drin gewesen als ein grundsympathischer, auffallend ruhiger Film über zwei ungleiche Freunde, die ihr Glück am Spieltisch suchen.

6 von 10 Momenten, in denen man besser nicht All In gegangen wäre

Dirty Trip

  • Momente, in denen man besser nicht All In gegangen wäre - 6/10
    6/10

Fazit & Wertung:

Anna Boden und Ryan Fleck haben mit Dirty Trip weit weniger ein auf Spannung setzendes Zocker-Drama als vielmehr eine Charakterstudie zweier Glücksspielsüchtiger abgeliefert, die insbesondere dank Ben Mendelsohn und Ryan Reynolds in ihren besten Momenten zu begeistern weiß, sich aber den Rest der Zeit doch auffällig häufig an einschlägigen Klischees bedient und gerade im letzten Drittel regelrecht redundant wird, während auch die Auflösung der Geschichte nicht wirklich zu gefallen weiß. Da wäre leider mehr drin gewesen als ein grundsympathischer, auffallend ruhiger Film über zwei ungleiche Freunde, die ihr Glück am Spieltisch suchen.

6.0/10
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Dirty Trip ist am 01.12.15 auf DVD und Blu-ray im Vertrieb von Ascot Elite erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über einen der Links und unterstützt damit das Medienjournal!

DVD:

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