Review: Una und Ray (Film)

Heute widmen wir uns wieder einmal einem echten Ausnahmefilm, der noch dazu mit Rooney Mara eine der Schauspielerinnen so großartig in Szene setzt, dass ich längst keine Zweifel mehr daran habe, mittlerweile ein sehr großer Fan ihres darstellerischen Könnens zu sein, auch wenn sich Ben Mendelsohn ohne Frage als mindestens ebenbürtig erweist. Kommen wir aber nun zum eigentlichen Film.

Una und Ray

Una, UK/CA/USA 2016, 94 Min.

Una und Ray | © Universum Film
© Universum Film

Regisseur:
Benedict Andrews
Autor:
David Harrower (Drehbuch & Stück)

Main-Cast:
Rooney Mara (Una)
Ben Mendelsohn (Ray)
in weiteren Rollen:
Riz Ahmed (Scott)
Ruby Stokes (Young Una)
Tara Fitzgerald (Andrea)
Natasha Little (Yvonne)
Tobias Menzies (Mark)

Genre:
Drama

Trailer:

 

Inhalt:

Szenenbild aus Una und Ray | © Universum Film
© Universum Film

Auch fünfzehn Jahre, nachdem die damals dreizehnjährige Una dem rund 40 Jahre alten Nachbarn Ray näher kam, kann die nunmehr erwachsene Frau für sich nicht verorten, ob es sich um Missbrauch oder Liebe, Abhängigkeit, Zwang oder den Reiz des Unbekannten gehandelt haben mag, der die beiden zueinander getrieben hat. Fest steht immerhin, dass sie von den damaligen Geschehnissen regelrecht traumatisiert wurde und bis dato nicht in der Lage ist, eine gesunde und liebevolle Beziehung zu führen. So ambivalent der Widerstreit ihrer Gefühle ist, ergreift sie ohne viel Federlesens die Möglichkeit, Ray zur Rede zu stellen, nachdem sie dessen Foto in der Zeitung entdeckt und erfährt, dass er sich unter anderem Namen mittlerweile zum leitenden Angestellten gemausert hat. Bei ihrer Ankunft ist Ray verständlicherweise völlig vor den Kopf gestoßen, glaubte er schließlich, mit diesem Kapitel seines Lebens längst abgeschlossen zu haben, doch Una sieht sich nicht bereit, das Feld zu räumen und fordert ihr Recht auf Aussprache ein…

Rezension:

Mit "beängstigendes" oder wahlweise auch "erschütterndes Missbrauchsdrama" eröffnen reißerisch andere Kritiken ihren Text zu Una und Ray, doch eigentlich ist das – ohne jemandem zu nahe treten zu wollen oder Position zu beziehen – schon der falsche Ansatz, sich dem Film zu nähern, denn auch wenn das Wort "Missbrauch" durchaus mehrere Male fällt, müht sich Regie-Debütant Benedict Andrews doch gerade, keine Position zu beziehen und eine unangenehme Ambivalenz zwischen dem zu schaffen, wie Una und Ray sich an die zurückliegenden Ereignisse erinnern. Und bevor mir der Shitstorm entgegenschwappt, versuche ich hier mitnichten, Partei für Ray zu ergreifen oder seine Taten zu rechtfertigen, sondern möchte lediglich herausgearbeitet haben, dass die Deutungs-Hoheit noch immer bei jedem einzelnen Zuschauer liegt. So wird im weiteren Verlauf auch immer fraglicher, gerade in Anbetracht ihres auf den ersten Blick oft irrationalen Handelns, ob Una wirklich selbst der Meinung ist, missbraucht worden zu sein oder ob es das ist, was man ihr Jahrein Jahraus in den Mund gelegt oder eingetrichtert hat. Hierfür würde einerseits das Verhalten der jungen Una vor Gericht sprechen, was man wiederum andererseits als Beeinflussung seitens ihres Peinigers deuten könnte, andererseits zuweilen ihr Verhalten als Erwachsene sprechen, wenn sie Ray zur Rede zu stellen versucht, was erwartungsgemäß den Hauptteil des Films ausmacht.

Szenenbild aus Una und Ray | © Universum Film
© Universum Film

Ebenso wenig gibt es aber auch den einen Moment, in dem Ray als der pädophile Perversling geoutet wird oder seine Fassade Risse bekommt, was in diesem Fall dem auf einem Theaterstück von David Harrower – der auch gleich das Drehbuch für die Adaption geliefert hat – basierenden Drama noch besser zu Gesicht steht, als hätte man das intensive psychologische Zusammenspiel der beiden Protagonisten zugunsten eines knalligen Twists geopfert. So nämlich bleibt von der ersten bis zur letzten Minute von Una und Ray die beklemmende Frage, auf wessen Seite man sich schlagen will, was sich mitnichten nur auf die Sichtweisen der beiden Protagonisten bezieht, bietet sich mit weiterem Fortgang die Deutungsmöglichkeit zweiter tragischer Liebender, die von der Gesellschaft geächtet und verurteilt würden, schließlich nicht weniger naheliegend an, was wiederum aber nur nachvollziehen kann, wer den Film gesehen hat, denn die Lesart eines tragischen Liebespaars mag natürlich bei einem als "Missbrauchsdrama" titulierten Film an den Grundpfeilern der eigenen Moral rütteln. All diese ambivalenten Ansätze gelingt es Andres aber hier zu vereinen, was sowohl Intensität als auch Faszination dieses durch und durch unangenehmen Films erklärbar machen.

Entsprechend fühlt man sich als Zuschauer mehr als gekonnt in der Rolle von Una gespiegelt, denn weder sie noch der außenstehende Betrachter wissen wirklich, was sie damit bezweckt, Ray nach all den Jahren aufzusuchen und bei einem dermaßen prekären, moralisch emotional aufgeladenen Thema tut die Inszenierung gut daran, genau diese Frage gar nicht abschließend beantworten zu wollen, was Una und Ray oftmals dann auch mehr wie ein Psychogramm denn einen Spielfilm wirken lässt. Hier merkt man dem Film dann aber auch mehr als deutlich seine Herkunft vom Theater an, denn auch wenn wir es mit wenigen wechselnden Schauplätzen zu tun bekommen, ist es doch eine merkwürdig kammerspielartige Atmosphäre, die einzig von den wenigen – und ganz bewusst uneindeutigen – Rückblenden aufgebrochen wird.

Szenenbild aus Una und Ray | © Universum Film
© Universum Film

Ein dergestalt auf emotionale Intensität und Ambivalenz geöltes Drama steht und fällt aber selbstredend immer auch mit seiner Besetzung und hier entpuppen sich Rooney Mara (Carol) und Ben Mendelsohn (Slow West) – wenn man denn in dem Kontext den Begriff überhaupt verwenden darf – als regelrechtes Traum-Duo. Beiden ist es gleichermaßen gegeben, über die gesamte Dauer vollends in ihrer Rolle aufzugehen und sowohl mit kleinsten Gefühlsregungen als auch großen Gesten zu faszinieren, wobei Mara hier zweifelsohne den ungleich fordernderen Part innehat und in meinen Augen wohl ihre bislang beste, intensivste, preiswürdigste Darstellung ihrer Karriere abliefert. Ben Mendelsohn hingegen – der anders als Mara auch in den Rückblenden mit der damals erst dreizehnjährigen Una in Erscheinung tritt – obliegt derweil die schwierige Gratwanderung, sowohl nicht zum bloßen Feindbild zu verkommen und eben den "hassenswerten Pädophilen" zu geben, gleichsam aber auch sein Spiel in Bezug auf die jüngere und ältere Una zu nuancieren und dabei innere Zerrissenheit, Hingabe, Bedauern und Angst zum Ausdruck zu bringen. Bei einer in dieser Form aufgeladenen Hassliebe, einem nur um die zwei kreisenden Mikrokosmos ist es dann auch relativ unerheblich, wer hier noch Teil des Ensembles ist und so bleibt kaum eine weitere Figur längerfristig in Erinnerung, tut aber beim zentralen Konflikt des Films auch nichts zur Sache und der ist es schließlich, aus dem Una und Ray all seine Wucht, seine Intensität, seine Faszination generiert.

Fazit & Wertung:

Benedict Andrews hätte sich für sein Regie-Debüt wohl kaum einen schwierigeren Stoff als Una und Ray aussuchen können, doch nicht nur er vollbringt den inszenatorischen Drahtseilakt, das gleichermaßen ambivalente wie unangenehme Drama auf die Leinwand zu bringen, sondern versichert sich mit Rooney Mara und Ben Mendelsohn zweier Ausnahmetalente, die hier mit darstellerischer Intensität und nuanciertem Spiel gemeinsam und gegeneinander gerichtet brillieren, oszillieren, schließlich triumphieren – und den Zuschauer mit der wohl unangenehmsten filmischen Nachbesprechung und Auseinandersetzung seit Jahren allein lassen.

9 von 10 widersprüchlichen Erinnerungsfetzen

Una und Ray

  • Widersprüchliche Erinnerungsfetzen - 9/10
    9/10

Fazit & Wertung:

Benedict Andrews hätte sich für sein Regie-Debüt wohl kaum einen schwierigeren Stoff als Una und Ray aussuchen können, doch nicht nur er vollbringt den inszenatorischen Drahtseilakt, das gleichermaßen ambivalente wie unangenehme Drama auf die Leinwand zu bringen, sondern versichert sich mit Rooney Mara und Ben Mendelsohn zweier Ausnahmetalente, die hier mit darstellerischer Intensität und nuanciertem Spiel gemeinsam und gegeneinander gerichtet brillieren, oszillieren, schließlich triumphieren – und den Zuschauer mit der wohl unangenehmsten filmischen Nachbesprechung und Auseinandersetzung seit Jahren allein lassen.

9.0/10
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Una und Ray ist am 29.09.17 auf DVD und Blu-ray bei Weltkino Filmverleih im Vertrieb von Universum Film erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über einen der Links und unterstützt damit das Medienjournal!

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