Review: Atomic Blonde (Film)

Nein, keine Sorge, ich habe die Film-Kritik für heute nicht vergessen, ich min nur einfach was später dran als sonst, aber nun kommt er ja, der nächste und somit neueste Artikel, der sich diesmal auch wieder einem vergleichsweise aktuellen Werk widmet.

Atomic Blonde

Atomic Blonde, DE/SE/USA 2017, 115 Min.

Atomic Blonde | © Universal Pictures
© Universal Pictures

Regisseur:
David Leitch
Autoren:
Kurt Johnstad (Drehbuch)
Antony Johnston (Comic-Vorlage)
Sam Hart (Comic-Vorlage)

Main-Cast:
Charlize Theron (Lorraine Broughton)
James McAvoy (David Percival)
in weiteren Rollen:
John Goodman (Emmett Kurzfeld)
Til Schweiger (Watchmaker)
Eddie Marsan (Spyglass)
Sofia Boutella (Delphine Lasalle)
Toby Jones (Eric Gray)

Genre:
Action | Mystery | Thriller

Trailer:

 

Inhalt:

Szenenbild aus Atomic Blonde | © Universal Pictures
© Universal Pictures

Im November 1989 wird die Top-Spionin Lorraine Broughton vom MI6 nach Berlin geschickt, nachdem eine Liste aller Geheimidentitäten der britischen Feldagenten in die Hände der Sowjets zu fallen droht. Ihr Kontaktmann in Berlin, der dort seit Jahren stationierte David Percival, ist allerdings mitnichten ein einfacher Zeitgenosse und Lorraine lässt sich nur widerwillig auf die Zusammenarbeit ein. Damit aber nicht genug, wurde sie bereits am Flughafen von KGB-Agenten erwartet und macht alsbald die Bekanntschaft einer französischen Spionin, derweil unklar ist, welche Parteien noch der Liste hinterherjagen. Während Lorraine ihre Nachforschungen ausweitet, kommt sie dem Ursprung der Liste immer näher, denn was noch weitaus wertvoller sein dürfte als die Daten an sich ist der Mann, der sämtliche Namen auswendig gelernt und die Liste überhaupt erst zusammengestellt hat. Den allerdings gilt es erst einmal unversehrt über die Grenze von Ost- nach West-Berlin zu bringen…

Rezension:

Auf Atomic Blonde hatte ich mich ja bereits nach der ersten Ankündigung gefreut und das allein aufgrund des Covers und der dort vermerkten Besetzung, die allein Grund für mich waren, den Film auf meine Watchlist zu packen. Doch wie so oft (beinahe immer) dauerte es dann doch bis zum Heimkino-Release (und dann noch ein wenig), bis ich dem Werk eine Chance geben konnte, von dem ich erst später erfuhr, dass es sich um das (Solo-)Regie-Debüt von David Leitch handelt, der sich drei Jahre zuvor – dort noch gemeinsam mit Chad Stahelski – mit John Wick seine Meriten verdienen durfte. Die eigentliche Handschrift ist dabei tatsächlich unverkennbar, nicht nur was die Action betrifft, denn beide Filme spielen vorgeblich in unserer Welt, muten aber an wie ein an die Realität lediglich angelehntes Fantasie-Refugium, das mit überstilisiertem wie gleichsam düster dräuenden Charme für sich einzunehmen versucht. Das geht in dem hier vorliegenden Fall einher mit einem nostalgisch verklärten und auch immer irgendwie unecht wirkenden Berlin kurz vor dem Mauerfall, das als Setting für den als Spionagethriller angelegten Actioner dient, tatsächlich aber sonst kaum etwas zur Geschichte beisteuert.

Szenenbild aus Atomic Blonde | © Universal Pictures
© Universal Pictures

Entsprechend verschreckt der Film auch zunächst einmal mit einer ungemein vorhersehbaren, sich anbiedernden Songauswahl, die mehr die Neue Deutsche Welle widerspiegelt als irgendwie zum Setting und der Geschichte zu passen, aber zum Glück fängt man sich, nachdem man die offensichtlichsten Hits runtergedudelt hat, zumal zu diesem Zeitpunkt die Story selbst langsam an fahrt aufnimmt und dann wohlwollend über solch schlicht konzipierte musikalische Einsprengsel hinwegsehen lässt. Von der Struktur her ansonsten ist Atomic Blonde übrigens außerordentlich gelungen und wird in Form einer andauernden rückblende erzählt, einer Art visualisiertem Bericht, den Hauptfigur Lorraine gegenüber ihrem Vorgesetzten Eric Gray und dem CIA-Mann Emmet Kurzfeld zum Besten gibt, was einen schönen Rahmen und ein angenehmes Kontrastprogramm zum Geschehen in Berlin darstellt, einerseits, weil hier John Goodman (The Gambler) und Toby Jones (Wayward Pines) zum Tragen kommen, andererseits, weil man gleich zu Beginn eine von Blessuren und Verletzungen überhäufte Lorraine präsentiert bekommt, deren desolates Äußeres während der Befragung einen immer wieder daran erinnert, dass es im weiteren Verlauf für sie noch weitaus brenzliger werden wird. Von diesem dramaturgischen Kniff aber einmal abgesehen (und einem mäßig überraschenden und irgendwie mehr pflichtgemäß abgespulten Plot-Twist zum Ende hin) gibt sich Leitchs Film allerdings ziemlich stringent und lässt vieles vorausahnen, was sich noch zutragen wird, derweil das Gerede von Doppelagenten und die Erwähnung zahlreicher Fraktionen, Gruppierungen und Interessengemeinschaften eher störend wirkt, als dass es die Geschichte bereichern würde.

So versucht nämlich Atomic Blonde leider, wie ein wahnsinnig intelligenter Spionagefilm zu wirken, bleibt aber im Kern dann doch eher ein geradliniger Actionfilm, den seine ruhigeren Passagen aber eher ausbremsen, als dass sie das Geschehen bereichern würden. Nun war ich aber trotz dieser Unpässlichkeiten überraschend angetan von Leitchs Solo-Einstand, was wiederum mehrere Gründe hat, doch der erste, wichtigste und einprägsamste ist hier natürlich selbstredend Charlize Theron (Mad Max: Fury Road) als Verkörperung der ungemein toughen und schlagkräftigen Lorraine Broughton, die den Film locker im Alleingang schultert. Das liegt aber auch daran, dass Theron hier merklich trainiert hat und Leitch um ihre Qualitäten weiß und sich, statt auf Schnittmassaker und Wackelkamera zurückzugreifen, darauf verlegt, schlicht mit der Kamera draufzuhalten, während sich eine der oft ausufernden Action-Choreografien zu entfalten beginnt, was ein paar wirklich denkwürdige Sequenzen schafft, angeführt von einer nicht enden wollenden Auseinandersetzung in einem Hausflur, die sich von Etage nach Etage bis schlussendlich auf die Straße fortsetzt und in die Themse mündet. Dabei wird Lorraine aber nie als überlebensgroße Heldin inszeniert, sondern bedient sich cleverer Methoden und Hilfsmittel, um ihre körperlich oft überlegenen Gegner in die Knie zu zwingen, derweil es angenehm kraftvoll zur Sache geht und sich Kontrahenten nach einem harten Treffer auch mal mühsam wieder aufrappeln müssen, statt das ewige Stehaufmännchen zu geben, wie es sonst in ähnlich gelagerten Filmen der Fall ist.

Szenenbild aus Atomic Blonde | © Universal Pictures
© Universal Pictures

Entsprechend mag Atomic Blonde sich zwar als Spionagethriller sehen, funktioniert für mich als Actioner aber tatsächlich weit besser, weil sich so auch leichter über die doch sehr rudimentär ausgestalteten Nebenfiguren hinwegsehen lässt, deren plakativstes Negativ-Beispiel nun einmal Til Schweiger (Lang lebe Charlie Countryman) sein dürfte, der hier einen als Uhrmacher getarnten Inkognito-Kontaktmann gibt, dem kaum drei gerade Sätze und noch weniger Screentime spendiert werden, während der aus Ray Donovan bekannte Eddie Marsan beinahe zum Mensch gewordenen MacGuffin mutieren würde, würde man seiner Figur nicht zumindest andichten, über wichtige Informationen zu verfügen, weshalb sie um jeden Preis beschützt werden soll. Interessanter ist da zumindest ein Stück weit die Rolle von Sofia Boutella (Kingsman: The Secret Service), wobei sich dieses Interesse auch mehr aus dem Umstand speist, dass man sich fragt, für welche Seite genau sie denn nun arbeiten mag. Last but not least sei aber noch James McAvoy (Drecksau) als zweiter Hauptdarsteller im Bunde lobend erwähnt, denn auch wenn seine Figur mitnichten mehr einprägsame Charakteristika besitzt als die genannten Nebenbuhler, betätigt er sich hier doch mit Genuss am Overacting und hat mich mit seinem Charisma mehr als einmal mitzureißen geschafft, zumal dieses exaltierte Schauspiel ganz herrlich mit der auf Coolness getrimmten Optik korrespondiert, denn bei Atomic Blonde herrscht spürbar das Credo von "Style over Substance" vor, womit mich der Film allerdings am Abend der Sichtung auf genau dem richtigen Fuß erwischt hat, weshalb er mir letztlich auch weitaus besser gefallen hat, als dies bei objektiverer Betrachtung – speziell hinsichtlich der rudimentären und wenig überraschenden Geschichte – hätte der Fall sein dürfen.

Fazit & Wertung:

Die vor dem Hintergrund des Berliner Mauerfalls angesiedelte Story von Atomic Blonde vermag als clevere Spionage-Story nur leidlich zu überzeugen, punktet dafür mit einer schlagkräftigen Protagonistin in Gestalt von Charlize Theron, einem bewusst überstilisierten und extrem stylischen Szenenbild und nicht zuletzt einigen überaus beeindruckenden Action-Choreografien, so dass der Film sich nicht nur, sondern weitestgehend allein wegen seiner Schauwerte lohnt.

7,5 von 10 sich durchs Treppenhaus prügelnden Kontrahenten

Atomic Blonde

  • Sich durchs Treppenhaus prügelnde Kontrahenten - 7.5/10
    7.5/10

Fazit & Wertung:

Die vor dem Hintergrund des Berliner Mauerfalls angesiedelte Story von Atomic Blonde vermag als clevere Spionage-Story nur leidlich zu überzeugen, punktet dafür mit einer schlagkräftigen Protagonistin in Gestalt von Charlize Theron, einem bewusst überstilisierten und extrem stylischen Szenenbild und nicht zuletzt einigen überaus beeindruckenden Action-Choreografien, so dass der Film sich nicht nur, sondern weitestgehend allein wegen seiner Schauwerte lohnt.

7.5/10
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Atomic Blonde ist am 22.12.17 auf DVD, Blu-ray und 4K UHD Blu-ray bei Universal Pictures erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über einen der Links und unterstützt damit das Medienjournal!

DVD:

Blu-ray:

Eine Reaktion

  1. Der Kinogänger 2. Februar 2018

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