Review: Snowpiercer (Film)

Und weiter geht es mit einer weiteren Film-Kritik, von denen ich im Moment tatsächlich noch mehr als genug in petto habe, ganz anders, als es bei den Serien aussieht, die heute eigentlich wieder an der Reihe gewesen wären, aber im Moment finde ich einfach nicht die Zeit und Muße, mich einer viele Folgen umfassenden Serie zu widmen, ganz im Gegensatz zu vergleichsweise schnell zu konsumierenden Filmen, über die ich im Moment dafür umso ausführlicher berichte, wie die nun folgende Rezension wieder einmal unter Beweis stellt. Viel Spaß!

Snowpiercer

Snowpiercer, KR/CZ/USA/FR 2013, 126 Min.

Snowpiercer | © Ascot Elite
© Ascot Elite

Regisseur:
Joon-ho Bong
Autoren:
Joon-ho Bong
Kelly Masterson
Jacques Lob (Comic-Vorlage)
Benjamin Legrand (Comic-Vorlage)
Jean-Marc Rochette (Comic-Vorlage)

Main-Cast:

Chris Evans (Curtis)
Kang-ho Song (Namgoong Minsoo)
Tilda Swinton (Mason)
Jamie Bell (Edgar)
Octavia Spencer (Tanya)
Ewen Bremner (Andrew)
Ah-sung Ko (Yona)
John Hurt (Gilliam)
Ed Harris (Wilford)

Genre:
Action | Science-Fiction | Thriller | Drama | Endzeit

Trailer:

 

Inhalt:

Szenenbild aus Snowpiercer | © Ascot Elite
© Ascot Elite

Im Jahre 2014 einigen sich 79 Staaten, nachdem die globale Erwärmung immer bedrohlichere Ausmaße annimmt, ein Kältemittel in den oberen Schichten der Erdatmosphäre einzusetzen, um den Klimawandel zu stoppen, ja gar umzukehren, doch stattdessen läutet das fatale Unterfangen eine neue Eiszeit ein, die alles unter sich begräbt und die gesamte Menschheit auslöscht. Ein einziger, einsamer Zug, erdacht und erbaut von einem Visionär namens Wilton, beherbergt die letzten Reste der Menschheit und umrundet jahrein jahraus den Erdball. Achtzehn Jahre sind seitdem vergangen und noch immer leben einige hundert Menschen in dem Zug, in dem ein striktes Klassensystem herrscht, so dass vorne die Privilegierten in Luxus schwelgen, während in den hinteren Abteilen Armut, Hunger und Verzweiflung regieren und unter Waffengewalt das rigorose Regime aufrechterhalten wird.

Einer der Menschen vom Ende des Zuges ist Curtis, der mittlerweile sein halbes Leben in den engen Mauern des dahinpreschenden Zuges verbracht hat. Nachdem ihn immer wieder Nachrichten aus den vorderen Wagen erreichen und mehrfach Kinder von den Soldaten entführt und nach vorne gebracht wurden, entschließt er sich gemeinsam mit seinem Freund und Mentor Gilliam, dass die Zeit für einen Aufstand gekommen ist und mit vereinter Macht gehen die Bewohner des hinteren Zugteils gegen ihre Bewacher vor, um sich durch den Zug nach vorne, zu Wilton und der ewigen Maschine, zu kämpfen, den Diktator zu stürzen und die Kontrolle zu übernehmen. Noch ahnen sie nicht, welche Schrecken – und welche Geheimnisse – ihnen auf dem Weg begegnen werden, hin zu dem Mann, der als Schöpfer des Zuges und somit der Welt bekannt ist.

Rezension:

Ohne viel Vorwissen oder große Erwartungen habe ich mich John-ho Bongs Snowpiercer widmen können und muss sagen, dass ich doch im Großen und Ganzen positiv überrascht worden bin, denn was recht plakativ als actionreicher Science-Fiction-Film angepriesen wird, ist vielmehr ein ungewöhnliches, futuristisches Drama mit Anklängen von Gesellschaftskritik und –satire, das zwar zweifelsohne auch ansprechend choreografierte Kampfszenen aufweist, die aber in keiner Weise den Film dominieren, der samt und sonders in dem namensgebenden Zug des Visionärs Wilton spielt, der seit nunmehr achtzehn Jahren die lebensfeindliche Ödnis der vereisten Erde durchkreuzt. Ein Zug als Vehikel und letzte Zuflucht der Menschheit mutet zunächst zugegebenermaßen ziemlich abstrus an, doch gibt man sich redlich Mühe, zu erklären, wie es zu diesem absonderlichen Perpetuum Mobile kam, das nun die letzten Reste der Menschheit beherbergt.

Szenenbild aus Snowpiercer | © Ascot Elite
© Ascot Elite

Inwieweit dieser Background mit dem der zugrundeliegenden Graphic Novel Le Transperceneige übereinstimmt (hierzulande als Schneekreuzer im Verlagshaus Jacoby & Stuart erschienen), auf dem der Film lose basiert, vermag ich zwar mangels Kenntnis nicht zu sagen, doch hat mich die recht spät und im Rahmen einer reichlich grotesken wie surrealen Klassenzimmerszene doch schlussendlich überzeugt, zumal der Film sich auch ansonsten Mühe gibt, ganz profane Fragestellungen, wie die nach der Wasser- und Lebensmittelversorgung der Zuginsassen zu beantworten und man sich so als Zuschauer nicht gezwungen sieht, einfach alles als gegeben hinzunehmen – für mich immer ein großes Plus speziell im Science-Fiction-Genre. Davon abgesehen wartet Snowpiercer aber auch mit vielen mal mehr mal minder überraschenden Wendungen auf und punktet mit einem vergleichsweise konsequenten Finale, während er auf dem Weg dahin eine merkliche Entwicklung durchmacht, leider anders, als viele der Protagonisten.

Was ich damit sagen will ist, dass der Film zunächst als beinahe klassisch zu nennende Dystopie beginnt und die hinteren Zugabteile nicht von ungefähr an regelrechte Slums erinnern, in denen, auf engstem Raum zusammengepfercht, eine Vielzahl Menschen ihr Dasein fristen. Doch je näher man der Spitze des Zuges und damit der ewigen Maschine, dem vermeintlichen Perpetuum Mobile kommt, umso heller, umso bunter und schriller wird die Szenerie und büßt dabei zu keinem Zeitpunkt ihren Einfallsreichtum an, so dass das Klassenzimmer nebst Alison Pill als herrlich hysterischer Lehrerin nur die Spitze des Eisberges (ist so eine Analogie bei einem derartigen Film tragbar!?) darstellt, geht es schließlich in weiterer Folge durch künstliche Gewächshäuser, riesige Aquarien, Badelandschaften, Tanztempel und vieles mehr. Doch auch schon anfänglich macht man Bekanntschaft mit der zurückhaltend als schrill zu betitelnden herrschenden Kaste des Zuges in Gestalt der erneut Mut zur Hässlichkeit beweisenden Tilda Swinton als Mason, die die Grenzen zum Overacting hier in Schallgeschwindigkeit durchbricht, damit ihrer Rolle aber auch erst das nötige Profil gibt. Vom Endzeit-Drama wandelt sich Snowpiercer also zum Action-Thriller, um mehr und mehr in Richtung Satire, ja beinahe Groteske zu driften, um dann das absurder werdende Geschehen wieder mit brachialen Action-Einschüben zu konterkarieren und schlussendlich in ein Kammerspiel zu münden, dass nicht nur bezüglich der ursprünglichen Dystopie die Rekursivität des Films unterstreicht und einen Ed Harris in Bestform präsentiert, der genüsslich eine pervertierte Form Kapitän Nemos mit sowohl faschistoiden als auch fatalistischen Zügen zum Besten geben darf.

Szenenbild aus Snowpiercer | © Ascot Elite
© Ascot Elite

Dem Gesetz des Zuges Rechnung tragend, kann es aber auf dieser Reise nur eine Richtung geben und zwar nach vorne und so ordnet sich selbst die Kameraarbeit diesem einfachen Credo unter, während jeder neue Raum, jeder neue Waggon einem Videospiel gleich neue Herausforderungen und Begegnungen bereithält. Das mag wie am Reißbrett entworfen wirken, funktioniert aber dank der zunehmenden Absurdität überraschend gut, ebenso überraschend wie Chris Evans (Captain America) seine Rolle als bärbeißiger und vollbärtiger Anführer des Aufstandes zu füllen weiß, obschon sein Charakter kaum umrissen wird, wobei er gerade im Zusammenspiel mit sowohl Jamie Bell als auch John Hurt als Gilliam – der zusammen mit Ed Harris so etwas wie zwei Seiten einer Medaille geben darf, auch wieder unter anderem auf die Aufteilung des Zuges bezogen – seine besten Momente hat. Lediglich die beiden Koreaner Kang-ho Song und Ah-sung Ko, mit denen John-ho Bong bereits bei The Host zusammengearbeitet hat, verkommen zu reinen Plot-Devices, denen es lediglich obliegt, Türen zu öffnen und somit quasi weitere Herausforderungen für Evans‘ Curtis freizuschalten.

Zudem zeigt sich im Dialog zwischen Curtis und Kang-ho Songs Rolle des Sicherheitsexperten Namgoong Minsoo einer der Mängel des Films, denn während sich die beiden via Übersetzungstransmitter unterhalten, konnte ich dies noch akzeptieren, während dann plötzlich auf untertiteltes Koreanisch geswitcht wurde, nur um Momente später wieder die Übersetzungsapparaturen zum Einsatz zu bringen, was nicht sehr homogen wirkte. Damit leider nicht genug, finden sich in Snowpiercer immer wieder kleinere Ungereimtheiten und seltsam anmutende Details, die einem je nach Ausprägung des persönlichen Suspension-of-Disbelief den Film durchaus verleiden könnten, denn als eine blutige wie martialische Kampfszene unterbrochen wird, um lauthals inklusive Countdown gemeinsam (!) das neue Jahr auszurufen, war das schon mehr als befremdlich und auch nicht mehr mit satirischem Unterton zu erklären. Zuletzt ist es dann eben die Aufteilung des Zuges selbst, die jeglicher Logik trotzt und eben mehr an ein Computerspiel mit gewollt abwechslungsreichen Levels, denn an ein autonomes und in sich geschlossenes, glaubwürdiges Ökosystem – wie der Film es zu propagieren versucht – erinnert. Das ist insofern besonders ärgerlich, als dass Bong sich ansonsten ja durchaus bemüht hat, logistischen Fragestellungen Rechnung zu tragen, wie ich oben bereits ausgeführt habe.

Szenenbild aus Snowpiercer | © Ascot Elite
© Ascot Elite

Was bleibt ist ein durchaus überzeugendes Science-Fiction-Drama mit einem als beinahe universell zu bezeichnenden Ansatz den Klassenkampf und das Wesen der Menschheit betreffend, visuell durchaus eindrucksvoll in Szene gesetzt (auch wenn natürlich speziell die Außenaufnahmen sich nicht an höchsten CGI-Standards messen lassen können), ein Film, der mehr als nur satirische Untertöne anschlägt und dadurch oft surrealer wirkt, als man es anfänglich vermuten würde, ein Film, der mit überraschend stark besetzten Rollen zu punkten versteht und das Ganze noch wie nebenbei in einen Rahmen bettet, der nicht nur den unaufhaltsamen und von Menschenhand verschuldeten Klimawandel thematisiert, sondern auch prompt noch die verheerenden Folgen der menschlichen Unsitte, ohne viel Federlesens zu brachialsten Mitteln zu greifen, aufzeigt. Für mich ein überraschend guter, unerwartet andersartiger und in seiner Ausgestaltung erfreulich ungewöhnlicher Film, dem seine dramaturgischen wie inszenatorischen Mängel zu meinem großen Bedauern das Potential absprechen, zu einem Klassiker des Genres zu werden.

Fazit & Wertung:

John-ho Bongs Snowpiercer beginnt kaum innovativ und lässt einen kurzweiligen, aber auch wenig überraschenden Action-Film mit Klassenkampf-Thematik erwarten, um sich dann von Minute zu Minute, von Waggon zu Waggon mehr und mehr zu einem dystopischen Drama mit vielen universellen Fragestellungen zu wandeln, dass manchmal eine Spur zu sehr in Richtung Satire abdriftet, um uneingeschränkt zu überzeugen, in seiner teils surrealen Andersartigkeit sich aber vor allem seine Einzigartigkeit bewahrt und trotz manch ärgerlichem Fauxpas in der Inszenierung durchaus als Geheimtipp des Science-Fiction-Genres gehandelt werden darf.

8 von 10 zu durchquerenden Waggons

Snowpiercer

  • Zu durchquerende Waggons - 8/10
    8/10

Fazit & Wertung:

John-ho Bongs Snowpiercer beginnt kaum innovativ und lässt einen kurzweiligen, aber auch wenig überraschenden Action-Film mit Klassenkampf-Thematik erwarten, um sich dann von Minute zu Minute, von Waggon zu Waggon mehr und mehr zu einem dystopischen Drama mit vielen universellen Fragestellungen zu wandeln, dass manchmal eine Spur zu sehr in Richtung Satire abdriftet, um uneingeschränkt zu überzeugen, in seiner teils surrealen Andersartigkeit sich aber vor allem seine Einzigartigkeit bewahrt und trotz manch ärgerlichem Fauxpas in der Inszenierung durchaus als Geheimtipp des Science-Fiction-Genres gehandelt werden darf.

8.0/10
Leser-Wertung 0/10 (0 Stimmen)
Sende

Meinungen aus der Blogosphäre:
Cellurizon: 9/10 Punkte
Filmherum: 3,5/5 Punkte
Tonight is gonna be a large one.: 8/10 Punkte

Snowpiercer erscheint am 23.09.14 auf DVD und Blu-ray im Vertrieb von Ascot Elite. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über einen der Links und unterstützt damit das Medienjournal!

DVD:

Blu-ray:

vgw

Kommentare (12)

  1. Dominik Höcht 21. September 2014
    • Wulf | Medienjournal 23. September 2014
  2. Niels | CineCouch 22. September 2014
    • Wulf | Medienjournal 23. September 2014
      • Niels | CineCouch 24. September 2014
      • Wulf | Medienjournal 24. September 2014
      • jacker 25. September 2014
      • Wulf | Medienjournal 25. September 2014
  3. Greifenklaue 22. September 2014
    • Wulf | Medienjournal 23. September 2014
  4. jacker 22. September 2014
    • Wulf | Medienjournal 23. September 2014

Hinterlasse einen Kommentar