Review: A Single Man (Film)

Und wir bleiben auch für das Thema der heutigen Film-Kritik im Jahre 2009, bevor ich dann zum Wochenende hin wieder etwas Frisches aus der Schublade ziehe. Bis dahin möchte ich euch aber folgenden Film wärmstens ans Herz legen, so ihr ihn denn noch nicht gesehen habt, denn ich persönlich bedauere es nun sehr, ihn so lange quasi ignoriert zu haben.

A Single Man

A Single Man, USA 2009, 99 Min.

A Single Man | © Universum Film
© Universum Film

Regisseur:
Tom Ford
Autoren:
Tom Ford (Drehbuch)
David Scearce (Drehbuch)
Christopher Isherwood (Buch-Vorlage)

Main-Cast:
Colin Firth (George)
Julianne Moore (Charley)
in weiteren Rollen:
Matthew Goode (Jim)
Nicholas Hoult (Kenny)
Lee Pace (Grant)

Genre:
Drama | Romantik

Trailer:

 

Inhalt:

Szenenbild aus A Single Man | © Universum Film
© Universum Film

Acht Monate sind vergangen, seit Georges Lebensgefährte Jim zu Beginn des Jahres 1962 bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist. Acht Monate, in denen es George nicht gelungen ist, seinen Lebenswillen neu zu entfachen, die Leere zu füllen oder über die alles übermannende Trauer zu überwinden, die sein Leben seither beherrscht. So entschließt sich George eines Morgens, seinem Leben noch am selben Tag ein Ende zu setzen, doch zuvor will der ordnungsliebende wie korrekte George noch alles in Ordnung bringen. So begibt er sich zur Universität, leert dort seinen Schreibtisch, verfasst Abschiedsbriefe an die Hinterbliebenen in spe und legt schon einmal die Garderobe nebst Anweisungen für seine eigene Beerdigung zurecht. Zudem stattet er noch seiner langjährigen Freundin Charley einen Besuch ab und lässt sich von dem Studenten Kenny in ein Gespräch verwickeln, während niemand um ihn herum ahnt, dass seine Zukunftspläne gen null tendieren…

Rezension:

Nach Tom Fords begeisterungswürdigem Zweitwerk Nocturnal Animals ist selbstredend auch sein Regie-Debüt A Single Man prompt auf dem Wunschzettel sowie nunmehr im Player gelandet und auch hier schon beweist Ford ein ungemeines inszenatorisches Gespür, denn die Mär des Protagonisten, dessen Leben wir im Grunde an einem einzigen, schicksalsträchtigen Tag begleiten, hätte sicherlich auch schnell behäbig oder langweilig werden können. Doch in der Art und Weise, wie hier einerseits eine episodische Herangehensweise praktiziert wird, andererseits aber auch ein deutlicher roter Faden erkennbar ist, während Ford für unterschiedliche Situationen und Begegnungen immer neue Stimmungen kreiert, die von Farbgebung über Kamerawinkel bis hin zur Filmkörnung alle Register ziehen, ist für sich genommen schon große Kunst. Allein diese inszenatorische Finesse lässt das Drama ungemein atmosphärisch erscheinen, zumal es zeitgleich mit spielerischer Leichtigkeit einen Abriss der amerikanischen Gesellschaft in den 1960ern liefert, ohne damit die eigentliche Geschichte zu überlagern.

Szenenbild aus A Single Man | © Universum Film
© Universum Film

Fernab des beinahe schon zu erwartenden optischen und damit einhergehend inszenatorischen Gespürs gelingt es Ford aber auch vor allem, die literarischen Wurzeln des Stoffes hervorzuheben, obwohl er sich wohl nur lose an der Vorlage des Schriftstellers Christopher Isherwood orientiert und selbst das Selbstmord-Motiv erst nachträglich hinzugefügt hat. Dieses Feeling eines "literarischen" Films wird derweil erzeugt durch die Off-Kommentare des von Colin Firth (Magic in the Moonlight) verkörperten George, der vom ersten bis zum letzten Moment das Gesehene mit mal lakonischen, mal melancholischen Worten und Gedanken überlagert, was A Single Man zuweilen in seiner Opulenz und Schwelgerei zu einem elegischen Kunstwerk macht, ohne dabei in plakativen Fatalismus abzudriften. Das wiederum liegt nicht nur an Fords szenischem Gespür und Firths überzeugenden Schauspiel, sondern gerade in der Kombination daraus, dass die gezeigten Bilder stets eine zweite Ebene zu enthalten scheinen und nie das ganze Bild offenbaren, denn in dieser Hinsicht übt sich das Werk in vornehmer Zurückhaltung.

Dieser Aspekt spiegelt sich natürlich allem voran in George selbst, der nach außen hin den adretten, stets korrekt gekleideten Gentleman gibt, obwohl es in seinem Innersten brodelt und krampft, obwohl er selbst gegenüber engen Freunden nicht offen von seinem Verlust sprechen kann, da ihn fernab seiner distinguierten Art natürlich seine Homosexualität noch weiter von der Gesellschaft ausgrenzt, zumal wir uns zum Zeitpunkt der Filmhandlung im Jahr 1962 befinden, denn auch wenn es selbst heute noch ein langer Weg zu vorbehaltloser Akzeptanz sein mag, dürfte es doch unbestritten sein, dass vor rund 60 Jahren Georges Lage noch als weitaus prekärer zu bewerten ist. Während selbiger sich nun also ziellos durch den Tag treiben lässt, aufrechtgehalten und vorangetrieben von dem Wissen, noch vor Ablauf des Tages seinem Leben ein Ende zu setzen, werden den einzelnen Begegnungen und Episoden wenige, aber umso prägnantere Rückblenden zur Seite gestellt, die George im Zusammensein mit dem von Matthew Goode (Stoker) gespielten Jim zeigen und aus einer gänzlich anderen Zeit zu stammen scheinen, wie schon die deutlich gesättigter wirkende Farbpalette und ein weitaus klareres Bild zu vermitteln wissen, die in bewusst starkem Kontrast zu der diesigen und oft grobkörnigen Tristesse von Georges Gegenwart stehen.

Szenenbild aus A Single Man | © Universum Film
© Universum Film

Besagte Gegenwart wiederum wird im Hintergrund dominiert von Julianne Moore (Freeheld) und der von ihr verkörperten Charley, die ihrerseits beste Freundin von George ist und mehrfach mit ihm am Telefon konferiert, bevor es zum abendlichen Treffen kommt, das in seiner emotionalen Dichte, dem Ausgesprochenen wie dem Unausgesprochen beinahe wirkt wie ein Höhepunkt des Films, auf den A Single Man fernab seiner schwelgerisch-melancholischen Odyssee zusteuert. Zuletzt noch besticht der Film durch einen jungen Nicholas Hoult (Equals), der hier vor seinem Blockbuster-Siegeszug als ein wenig schüchterner, aber auch ungemein empathischer Student in Erscheinung tritt, der als einer von wenigen hinter die Fassade von George zu schauen vermag. Ob es eine Rettung oder gar Katharsis für George geben wird, möchte ich natürlich an dieser Stelle unbeantwortet lassen, doch kann ich Ford zuletzt auf alle Fälle für den Schlussakt seines Debüts loben, das in seiner Konsequenz und traurigen Schönheit besticht, gleichsam aber ganz anders ausfällt, als man das vielleicht zwischenzeitlich vermuten würde.

Fazit & Wertung:

In seinem Regie-Debüt A Single Man gelingt es Tom Ford auf Anhieb, ein optisch wie inhaltlich vortrefflich ineinander greifendes, gleichermaßen schwelgerisches wie melancholisches Portrait zu schaffen, in dem einerseits Colin Firth als des Lebens überdrüssiger George in jeder Minute zu brillieren versteht und dessen literarische Wurzeln andererseits unverkennbar erhalten bleiben.

8,5 von 10 melancholischen Blicken in die Vergangenheit

A Single Man

  • Melancholische Blicke in die Vergangenheit - 8.5/10
    8.5/10

Fazit & Wertung:

In seinem Regie-Debüt A Single Man gelingt es Tom Ford auf Anhieb, ein optisch wie inhaltlich vortrefflich ineinander greifendes, gleichermaßen schwelgerisches wie melancholisches Portrait zu schaffen, in dem einerseits Colin Firth als des Lebens überdrüssiger George in jeder Minute zu brillieren versteht und dessen literarische Wurzeln andererseits unverkennbar erhalten bleiben.

8.5/10
Leser-Wertung 10/10 (1 Stimme)
Sende

A Single Man ist am 27.08.10 auf DVD und Blu-ray bei Universum Film erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über einen der Links und unterstützt damit das Medienjournal!

DVD:

Blu-ray:

Eine Reaktion

  1. Der Kinogänger 17. Mai 2018

Hinterlasse einen Kommentar