Review: Die Gabe | Naomi Alderman (Buch)

In meiner heutigen Buch-Kritik widme ich mich mal einem vergleichsweise populären Werk, derweil ich dafür aber auch wieder vergleichsweise spät dran bin, lag das Buch schließlich schon seit Anfang März etwa auf meinem SuB, aber egal, jetzt kommt die Rezension!

Die Gabe

The Power, UK 2016, 480 Seiten

Die Gabe von Naomi Alderman | © Heyne
© Heyne

Autorin:
Naomi Alderman
Übersetzerin:
Sabine Thiele

Verlag (D):
Heyne
ISBN:
978-3-453-31911-0

Genre:
Science-Fiction | Mystery | Drama

 

Inhalt:

Roxy zerrt am Arm ihrer Mum, doch diese bewegt sich zu langsam. Immer wieder sagt sie: »Lauf weg! Lauf!« Roxy hat keine Ahnung, was sie da gerade getan hat, aber sie weiß, dass man, wenn man jemand Stärkeren zu Boden gebracht hat, sofort die Beine in die Hand nimmt. Doch ihre Mum ist zu langsam. Bevor Roxy sie hochziehen kann, sagt der kleinere Mann: »O nein, das wirst du nicht.«

Scheinbar über Nacht bilden sich bei jungen Frauen überall auf der Welt nahe des Schlüsselbeins befindliche neue Organe aus, die alsbald "Strang" getauft werden und die Mädchen in die Lage versetzen, Stromstöße abzugeben. Was anfänglich ein kaum erklärliches Kuriosum ist, geht alsbald viral und beeinflusst die Gesellschaft nachhaltig. So bildet sich um die sogenannte "Mother Eve" ein regelrechter Kult, der der Göttin huldigt, wobei es sich bei Eve eigentlich um Allie, eine entlaufene Waise handelt, die ihren übergriffigen Ziehvater mittels Stromschlag getötet hat. Ein junger Mann namens Tunde, von dem das erste Video von der "Gabe" stammt, beginnt derweil die Welt zu bereisen und vor Ort von den Veränderungen zu berichten, welche die neue Macht der Frauen mit sich bringt. Und während in London Roxy – die Tochter eines Unterweltbosses – die Geschäfte an sich reißt, trachtet eine amerikanische Senatorin danach, die neuen Kräfte der Mädchen bestmöglich zu fördern und diese gezielt zu unterrichten. Zu diesem Zeitpunkt allerdings besitzt noch niemand den Weitblick um zu erahnen, wie sehr diese neue Macht die weibliche Bevölkerung zu korrumpieren imstande ist…

Rezension:

Naomi Aldermans Die Gabe war eine Zeit lang in aller Munde und wurde gleichermaßen im Feuilleton als auch in der BuchbloggerInnen-Gemeinschaft teils frenetisch bejubelt, weshalb auch ich mir vor geraumer Zeit ein Exemplar des Buches besorgt habe, das – ursprünglich bereits Ende 2016 erschienen – hierzulande im Februar Premiere feierte und damit im Windschatten der #MeToo-Bewegung dahinsegelte, was sich in Anbetracht der thematischen Überschneidungen als durchaus günstig erwiesen haben dürfte. Entsprechend hoch war nun aber auch nach all den Lobpreisungen meine Erwartungshaltung und die wusste Alderman in letzter Konsequenz nicht ganz zu erfüllen, auch wenn ihr ohne Frage ein starkes, zum Nachdenken anregendes Buch gelungen ist. Meine grundsätzlichen Probleme mit dem Buch sind dann auch eher stilistischer und struktureller Natur, denn die Grundidee des im Original als The Power betitelten Werkes ist tatsächlich ziemlich lohnenswert, zumal die Autorin dem eigentlichen Roman einen kurzen Briefwechsel voranstellt, der durchscheinen lässt, dass es sich in der fiktiven Realität des Buchgeschehens um einen historischen, lediglich dramatisierten Tatsachenroman handelt, dessen Ereignisse sich vor langer Zeit in ähnlicher Form zugetragen haben sollen.

Tunde filmt, als sie sich umdreht. Das Bild verschwimmt, als das Mädchen reagiert. Ansonsten bannt er das ganze Geschehen klar und deutlich auf Video. Sie legt ihre Hand auf den Arm des Mannes, während er lächelt und glaubt, dass sie ihre Wut nur spielt. Wenn man das Video an diesem Punkt anhält, sieht man, wie die elektrische Ladung überspringt. Eine Lichtenberg-Figur breitet sich aus, wirbelt und verzweigt sich wie ein Fluss über seine Haut, vom Handgelenk bis zum Ellenbogen, während die kleinen Blutgefäße platzen.

Wobei der Einstieg in Die Gabe allgemein noch sehr gelungen ist, die unterschiedlichen, überwiegend weiblichen Protagonisten sukzessive vorstellt und dabei schnell deutlich macht, dass dieses Buch nichts für Zartbesaitete ist. Je weiter aber die Story voranschreitet, die sich in weiten Teilen grob dem letzten Jahrzehnt vor einer nicht näher betitelten großen Wende widmet, in der die "Gabe" der Frauen, mithilfe ihres "Strangs" am Schlüsselbein nun Stromschläge verteilen zu können, zunächst auf der Welt die Runde macht und alsbald die Gesellschaft nachhaltig verändern wird. Dabei wusste mich Alderman in den beschreibenden Passagen tatsächlich weit mehr zu begeistern als in den darstellenden Szenen. So erschienen mir die Figuren leider oft nicht ganz plausibel, was beispielsweise den in Windeseile zum weltberühmten Reporter avancierenden Tunde angeht, der seines Zeichens die einzige männliche Hauptfigur in dem Reigen stellt, während mir andernorts die Charakterzeichnung zu sehr gängigen Klischees entspricht, wenn ich da an Roxy denke, die als Tochter eines Gangsterbosses so einige regelrecht "typische" erzählerische Versatzstücke in die Handlung bringt.

Viel spannender ist es da, den Erzählungen zu lauschen, wie die Kunde von der "Gabe" die Runde macht, die Welt sich zunächst unmerklich verändert, die Berichterstattung schleichend eine neue Perspektive einnimmt und die sich als "Mother Eve" bezeichnende Allie neue Gläubige um sich schart, während auch Politik und Militär den umgedrehten Machtverhältnissen mehr und mehr Rechnung tragen. In dieser Hinsicht ist Die Gabe tatsächlich das kluge und clevere Gedankenspiel, als das sie vermarktet wird, doch kommt da eben die Dramaturgie des Ganzen nicht ganz mit, zumal die ständigen Zeitsprünge – das Buch ist wie eine Art Countdown aufgebaut – es nicht wirklich leichter machen, mit den Figuren warm zu werden, die mir trotz innerer Monologe merkwürdig fremd geblieben sind. Und das ist eben doppelt bedauerlich, wenn man sieht, welchen Spaß Alderman am Worldbuilding für dieses Szenario gehabt haben muss, denn viele kleine Details, wie Mütter, die anfangen, um ihre hilflosen Söhne zu bangen, ein etwas dümmlich wirkender Nachrichtenmoderator, der im Gegensatz zu seiner kompetenten Kollegin wohl nur des Aussehens wegen eingestellt worden ist oder ein im weiteren Verlauf zum Tragen kommender Ansatz, einem jeden Mann eine Art Vormund zuzuteilen, machen aus dem Buch schon ein ziemlich einzigartiges "Vergnügen".

Man klammert sich an jede verrückte Theorie, die kursiert, und weiß nicht, wie man Wahrscheinliches von Lächerlichem trennen soll. Eines Abends liest Margot einen Bericht von einem Team aus Delhi, die als Erste den seltsamen, muskelartigen Auswuchs entdeckt haben, der sich über das Schlüsselbein der betroffenen Mädchen zieht. Sie nennen ihn »das Organ der Elektrizität« oder den Strang, wegen der ineinander verschlungenen Muskelstränge. An den Punkten, an denen er mit dem Schlüsselbein verwachsen ist, ermöglichen vermutlich Rezeptoren eine Form von elektrischer Echoortung.

Andererseits muss ich aber auch sagen, dass die Quintessenz der Botschaft von Die Gabe nun auch nicht eben überrascht, denn auch wenn sich die Machtverhältnisse umkehren, sind es nun schlichtweg die Frauen, welche die Männer zu unterdrücken beginnen und mit ganz ähnlichen – teils drastischen – Mitteln ihre Dominanz unterstreichen. So betrachtet betreibt Alderman dann auch eine ziemliche Schwarz-Weiß-Malerei, nur eben mit umgekehrten Vorzeichen, was der Gesellschaft zwar einen Spiegel vorhalten mag, mir persönlich aber teilweise zu einseitig war, zumal im Umkehrschluss beinahe jede männliche Figur – Tunde ausgenommen – als gewalttätiger und frauenverachtender Vergewaltiger skizziert wird, was mir ebenfalls ein wenig zu plakativ gewesen ist. Nichtsdestotrotz wird Aldermans Roman tatsächlich von seiner ungewöhnlichen Prämisse erstaunlich gut getragen und vermag dadurch dramaturgische Schwächen teils gekonnt zu kaschieren, nur ist es eben in meinen Augen nicht der große literarische Wurf, so feinsinnig die Autorin auch von der zunächst schleichenden Umwälzung der geschlechterspezifischen Machtverhältnisse berichtet.

Fazit & Wertung:

Naomi Alderman liefert mit Die Gabe eine intelligente und clever inszenierte Zukunftsvision ab, die vor unerwarteten wie gleichermaßen schlüssigen Ideen nur so strotzt und einem spannenden Gedankenexperiment gleicht. Leider verlässt sie sich mancherorts zu sehr auf simple Schwarz-Weiß-Malerei und bedient sich auch hinsichtlich ihrer Protagonisten an so manchem Klischee, denn sonst wäre ihr womöglich ein moderner Klassiker des Genres gelungen, was aber nicht bedeutet, dass sich die Lektüre trotz leichter Schwächen nicht dennoch lohnt.

8 von 10 schmerzhaften Stromschlägen

Die Gabe

  • Schmerzhafte Stromschläge - 8/10
    8/10

Fazit & Wertung:

Naomi Alderman liefert mit Die Gabe eine intelligente und clever inszenierte Zukunftsvision ab, die vor unerwarteten wie gleichermaßen schlüssigen Ideen nur so strotzt und einem spannenden Gedankenexperiment gleicht. Leider verlässt sie sich mancherorts zu sehr auf simple Schwarz-Weiß-Malerei und bedient sich auch hinsichtlich ihrer Protagonisten an so manchem Klischee, denn sonst wäre ihr womöglich ein moderner Klassiker des Genres gelungen, was aber nicht bedeutet, dass sich die Lektüre trotz leichter Schwächen nicht dennoch lohnt.

8.0/10
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Weitere Details zum Buch und der Autorin findet ihr auf der Seite von Heyne.

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Die Gabe ist am 12.02.18 bei Heyne erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über den folgenden Link und unterstützt damit das Medienjournal!

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