Ja, selbst an Heiligabend werde ich nicht müde, weiter meine Film-Rezensionen rauszuhauen und mache mir heute quasi selbst ein Geschenk, denn nach vielen Jahren habe ich nun auch endlich diesen großartigen Film nachgeholt und kann ihn in mein Portfolio der gesehenen und rezensierten Werke einreihen. Ansonsten wünsche ich euch allen schöne Feiertage und eine geruhsame, vor allem arbeitsfreie Zeit, die ihr in gepflegter Manier mit der Familie, euren Liebsten oder auch allein verbringen mögt – ganz so, wie es auch beliebt. Und ja, ich werde morgen natürlich trotzdem ein Buch rezensieren, falls jemand dran gezweifelt haben sollte.
Inside Llewyn Davis
Inside Llewyn Davis, USA/UK/FR 2013, 104 Min.
© STUDIOCANAL
Ethan Coen, Joel Coen
Joel Coen, Ethan Coen
Oscar Isaac (Llewyn Davis)
Carey Mulligan (Jean)
Garrett Hedlund (Johnny Five)
John Goodman (Roland Turner)
Justin Timberlake (Jim)
F. Murray Abraham (Bud Grossman)
Adam Driver (Al Cody)
Drama | Musik
Trailer:
Inhalt:
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New York im Jahre 1961: Llewyn Davis verdingt sich mehr schlecht als recht als Folk-Musiker und seine bislang einzige Platte "Inside Llewyn Davis" ist kaum an den Mann zu bringen, weshalb es auch finanziell nicht gerade rosig aussieht für ihn. Zu seinem Glück kann er zumeist darauf bauen, zumindest zeitweise bei Freunden und Bekannten unterkommen zu können. Dumm nur, dass Llewyn ein Talent dafür hat, insbesondere bei diesen ihm grundsätzlich wohlgesonnenen Leuten anzuecken und so entwischt ihm nicht nur zunächst die Katze der Gorfeins, er muss auch erfahren, dass seine Ex Jean – mittlerweile mit dem spießigen Jim liiert – schwanger ist und nicht genau weiß, ob das Kind von ihm oder Jim ist. Überhaupt ist Llewyn aber nicht nur von seinem Leben genervt, sondern zunehmend auch von der hiesigen, Folk-Szene, denn während es ihm noch um Wahrhaftigkeit und tiefe Gefühle geht, scheinen sich sonst alle in Richtung weichgespülten Pop-Folk zu orientieren. Nicht gewillt aufzugeben, wittert der umtriebige Musiker seine Chance, womöglich bei Bud Grossman in Chicago unter Vertrag zu kommen, was ihn zu einem ausgedehnten Road-Trip verleitet, der allerdings – wenig verwunderlich – auch nicht annähernd so verläuft wie geplant, zumal seine Probleme freilich zu Hause geduldig auf ihn warten…
Rezension:
Ich hatte mir ja selbst das Versprechen abgenommen, dass ich es noch vor Ablauf des Jahres 2019 schaffen würde, mir endlich Inside Llewyn Davis anzusehen, nachdem die Blu-ray immerhin bereits seit Juni 2016 in meiner Schublade ihr Dasein fristet und wenn auch auf den beinahe letzten Drücker, konnte ich dieses Versprechen schlussendlich doch noch halten. Entsprechend komme nun auch ich endlich in den Genuss, in die allgegenwärtigen Lobeshymnen einzustimmen, denn der Film der Coen-Brüder ist wahrlich ein Ereignis, das von der ersten Minute an in seinen Bann zu schlagen versteht, was umso aussagekräftiger dadurch wird, dass die rund eine Woche umspannende Filmhandlung im Grunde keiner übergeordneten Narrative folgt und letztlich Episode an Episode, Begegnung an Begegnung reiht. Was andernorts einem Film das Genick brechen würde, erheben die Coens hier allerdings zur regelrechten Kunstform, die letztlich in eine Art elliptische Erzählform mündet, bei der sich Anfang und Ende der Geschichte gegenseitig überlappen wie auch bedingen, bevor die Welt von Llewyn Davis durch das Eintreffen von Bob Dylan gehörig in Aufruhr gebracht werden wird, was man als Zuschauer allerdings nicht mehr erlebt. Wie die Coens selber anzumerken pflegten, musste sich der Film in der Zeit vor Dylan ereignen, denn sonst hätten sie den Film über Dylan drehen müssen.
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Ein Vorbild oder zumindest Inspiration gab es aber dennoch für den fiktiven Llewyn Davis und zwar den Musiker Dave Van Ronk, der ebenfalls zur damaligen Zeit im Greenwich Village sein Glück gesucht hat. Dessen eigenes Wirken und insbesondere seine Autobiografie Der König von Greenwich Village standen zwar nun nicht eben Pate für die Handlung des Films, lieferten aber wichtige Impulse und Inspiration für das Zeitkolorit und die damaligen Zustände, denen die Regisseure und Drehbuchautoren ohnehin weit mehr Bedeutung zumessen als einer stringenten, nach üblichem Schema aufgebauten Geschichte. So darf – zum Glück – Llewyn Davis gänzlich fiktionaler Charakter bleiben, denn das gibt dem seinerzeit sich bislang in eher kleineren Rollen wie in Sucker Punch oder Drive profilierenden Oscar Isaac hier die Chance, sich die Figur fernab äußerer Einflüsse und Erwartungen gänzlich zu eigen zu machen, was sicherlich auch zu großen Teilen die Faszination des Films ausmacht. Denn schließlich – um einmal mehr die Coens zu zitieren – ist Isaac in "every single frame" zu sehen und dominiert den Film sondergleichen mit seiner Interpretation eines müden, leicht unbeholfenen, mal hoffnungsfrohen, mal beinahe depressiven Musikers, der mit wachsender Verzweiflung und aufkeimendem Jähzorn seinen Platz in einem Business sucht, das sich zunehmend dem Kommerz und profitmaximierten Retortenproduktionen zuwendet.
Besonders deutlich wird dieser musikalische Richtungswechsel in einem der Glanzmomente des Films, wenn Llewyn Davis sich gemeinsam mit dem von Justin Timberlake (Freunde mit gewissen Vorzügen) verkörperten Jim sowie Al Cody (Adam Driver, Logan Lucky) dazu herablässt, den Song "Please, Mr. Kennedy" einzusingen, der einfach mal alle Versatzstücke in sich vereint, die Hörer seinerseits von einem eingängigen Ohrwurm hätten erwarten dürfen und damit gleichsam überfrachtet wie glattgebügelt wirkt. Komödiantisch sicherlich eine der Sternstunden des Films, sind die (musikalischen) Qualitäten in Inside Llewyn Davis freilich andernorts zu suchen, wenn Oscar Isaac sich selbst an die Gitarre begibt, um einen der melancholischen, von Herzschmerz und Sehnsucht beseelten Folk-Songs zum Besten zu geben, womit er sich einmal mehr als Glücksgriff für die Produktion entpuppt, denn ich wage zu behaupten, dass der Film nicht annähernd so überzeugend, mitreißend und begeisterungswürdig geworden wäre, hätte jemand anders die Rolle des titelgebenden Protagonisten übernommen. Nichtsdestotrotz kann sich Isaac in dem episodisch-fragmentarischen Treiben darüber hinaus auf ein ganzes Ensemble fähiger und charismatischer Co-Stars verlassen, an deren Spitze ganz ohne Frage Carey Mulligan (Der große Gatsby) steht, die mit scheinbar mühelosen Gesten (und Wutausbrüchen) ihrer Figur der Jean gehörig Kontur und Profil verleiht, was es umso bedauerlicher macht, wenn man im Mittelteil gänzlich auf sie verzichten muss.
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Dafür geben sich im weiteren Verlauf, wenn Llewyn sich auf eine Art ausgedehnten Road-Trip nach Chicago begibt, unter anderem Garrett Hedlund (On the Road) und John Goodman (Kong: Skull Island) die Ehre, wobei speziell Letzterer als herrlich arroganter Jazz-Musiker gehörigen Eindruck hinterlässt. Und bei all diesen mannigfaltigen Begegnungen stört es dann auch überhaupt nicht, dass Inside Llewyn Davis mit keinerlei Handlung im klassischen Sinne aufwarten kann, denn anders als übliche Künstler-Biopics widmen sich die Coens hier lediglich einer zwar ereignisreichen, dem Gefühl nach aber auch ziemlich typischen Woche im Leben des ambitionierten Musikers. Das wirkt in etwa, als würde man einem lebendig gewordenen Album-Cover beiwohnen, so dass sich der Film wohl noch am ehesten als dezent romantisiertes, tragikomisch aufgeladenes zeitgeschichtliches Dokument betrachten, wozu der melancholische, farbentsättigte Look und die durchweg extrem hörenswerten Folk-Songs ihr Übriges beitragen, bevor schlussendlich natürlich doch noch Bob Dylan die Bühne betritt. Das läutet gleichsam das Ende des Films ein, ganz so, wie mit Dylans Erscheinen eine Ära zu Ende ging und eine neue ihren Anfang nahm. Was das nun für den Musiker Llewyn Davis bedeuten mag, steht in den Sternen, doch das Coens hier gemeinsam mit Isaac ein durchweg überzeugendes, lakonisches und tragikomisches Charakter-Porträt abgeliefert haben, ist dafür unbestreitbar.
Inside Llewyn Davis
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Melancholische Folk-Songs - 9/10
9/10
Fazit & Wertung:
Joel und Ethan Coen liefern mit Inside Llewyn Davis ein feinsinniges und berührendes Charakter-Drama ab, das zwar kaum eine echte Handlung vorzuweisen hat, mit seinem unmittelbaren Blick auf eine Woche im Leben des Folk-Musikers Davis im Greenwich Village aber alle Sympathiepunkte auf seiner Seite hat. Ein in sämtlichen Belangen brillant aufspielender Oscar Isaac erfährt hier ebenso verdient seinen Durchbruch, wie man den Film für seine Musik und das lakonisch in Szene gesetzte Zeitkolorit loben muss.
Inside Llewyn Davis ist am 10.04.14 auf DVD und Blu-ray im Vertrieb von STUDIOCANAL erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über einen der Links und unterstützt damit das Medienjournal!
Naja, ganz so gut hätte ich den Film jetzt zwar nicht bewertet, aber unter den Coen-Werken durchaus einer der guten. Und auch noch mit Cat Content. ;)