Review: Das Damengambit (Serie)

Willkommen zu einem weiteren Super-Serien-Samstag und heute trifft das den Nagel auf den Kopf, denn nachdem ich in dieser Woche keinen einzigen enttäuschenden Film rezensiert habe, toppt nachfolgende Miniserie noch einmal alles und hat mich satte sieben Stunden vor den Fernseher gefesselt.

Das Damengambit

The Queen’s Gambit, USA 2020, ca. 56 Min. je Folge

Das Damengambit | © Netflix
© Netflix

Serienschöpfer:
Scott Frank
Allan Scott
Walter Tevis (Buch-Vorlage)
Ausführende Produzenten:
William Horberg
Allan Scott
Scott Frank

Regisseur:
Scott Frank
Autor:
Scott Frank

Main-Cast:

Anya Taylor-Joy (Beth Harmon)
Bill Camp (Mr. Shaibel)
Marielle Heller (Alma Wheatley)
Thomas Brodie-Sangster (Benny Watts)
Moses Ingram (Jolene)
Harry Melling (Harry Beltik)
Isla Johnston (Young Beth Harmon)
Christiane Seidel (Helen Deardorff)
Rebecca Root (Miss Lonsdale)
Chloe Pirrie (Alice Harmon)
Patrick Kennedy (Allston Wheatley)
Akemnji Ndifornyen (Mr. Fergusson)
Jacob Fortune-Lloyd (D.L. Townes)
Marcin Dorocinski (Vasily Borgov)

Genre:
Drama

Trailer:

 

Inhalt:

Szenenbild aus Das Damengambit | © Netflix
© Netflix

Mit neun Jahren landet in den 1950er-Jahren die junge Elizabeth Harmon nach dem Tod ihrer Mutter in einem Waisenhaus in Kentucky. Dort fühlt sich Beth die meiste Zeit als Außenseiterin und entdeckt alsbald das Schachspiel für sich, dass sie der im Keller des Gebäudes befindliche Hausdiener Mr. Shaibel zu lehren beginnt. Bald schon erkennt der ihr enormes Talent und beginnt sie zu fördern, was die Heimleitung allerdings skeptisch sieht. Problematisch wird, dass Beth im Heim auch eine ausgewachsene Medikamentenabhängigkeit erlangt, bis sie der Meinung ist, nur mit einer ausreichenden Dosis Tabletten fürs Schachspiel gewappnet zu sein. Jahre später – die Faszination für Schach ist nie erloschen – wird Beth schlussendlich adoptiert und erstmalig wieder mit der Welt konfrontiert. Wieder einmal ist sie die Außenseiterin, fühlt sich unverstanden und unbeachtet, beschließt aber, auf eigene Faust ihren Weg in die Welt des Schach zu ebnen, ungeachtet dessen, dass niemand der bei ihrem ersten Turnier anwesenden Profispieler sie für voll zu nehmen bereit ist…

Rezension:

Lange schon hat mich keine Serie mehr so fasziniert und begeistert wie nun jüngst Das Damengambit, im Original einen Hauch eleganter klingend als The Queen’s Gambit veröffentlicht, mit der insbesondere Netflix sein Standing zu verbessern weiß, eben auch höchst ungewöhnlichen und anspruchsvollen Serienformaten eine Chance zu geben. Dabei fußt die sich über sieben Episoden erstreckende Story von Beth Harmon auf dem gleichnamigen Roman von Walter Tevis aus dem Jahre 1983, vermittelt einem aber irritierenderweise beinahe durchgängig den Eindruck, es handele sich um ein Biopic und die Geschichte könne sich so oder ähnlich zugetragen haben, gleichwohl sie gänzlich fiktiv, dadurch aber nicht weniger einnehmend und eindrücklich geraten ist. Die Idee zur Serie stammt derweil von Allan Scott und Scott Frank, wobei Zweiterer auch für Drehbuch und Regie jeder einzelnen Episode verantwortlich zeichnet und beispielsweise durch Ruhet in Frieden bekannt sein könnte, ansonsten aber auch am Skript zu Logan mitgewirkt hat. Bemerkenswert wird die Regie-Arbeit aber allein dadurch, dass hier tatsächlich extrem viel Schach gespielt wird und sicherlich nicht wenige – ich rechne mich hier mit ein – keinerlei Berührungspunkte zum Schachspiel gehabt haben dürften und dennoch – auch hier beziehe ich mich vorrangig auf mich selbst – wie gebannt den Partien beigewohnt haben dürften, die Beth hier auf dem Weg zur Schachweltmeisterin hat meistern müssen, ohne zu verstehen, was dort eigentlich gerade vor sich geht. So gelingt der opulent und absolut stilsicher inszenierten Miniserie, die Faszination für Schach auch auf den Zuschauer zu übertragen und damit das obsessive Gebaren von Beth spür- und erfahrbar zu machen.

Szenenbild aus Das Damengambit | © Netflix
© Netflix

Wie so oft steht sich die junge Frau auf ihrem Weg zum Erfolg aber auch selbst mehr im Weg, als es jeder starke Schachkonkurrent – allen voran der unbezwungene Großmeister Borgov (Marcin Dorocinski) – je könnte. Dabei weist Beth die klassisch tragische Vita auf, die sie zu einer Außenseiterin und alsbald unverstandenen, skeptisch beäugten Underdog werden lassen, der zunehmende Aufmerksamkeit in der Welt des Schach gewinnt. Eine klassische Geschichte vom "American Dream" würde man meinen, und tatsächlich sind hier alle Zutaten einer üblichen Erfolgsgeschichte vorhanden, inklusive Höhenflug, tiefem Fall und letztlichem Triumph. Das allein aber ist so eindrücklich in Szene gesetzt, wird so elegant durchexerziert und teils beklemmend dargestellt, dass wohl die wenigsten abschalten können dürften, haben sie bei Das Damengambit erst einmal Blut geleckt. Nichtsdestotrotz muss man der Serie zunächst einmal aber auch eine Chance geben, denn so wichtig, interessant und prägend die erste Episode Eröffnung (1.01) sein mag, fällt sie doch gegenüber den anderen Episoden dramaturgisch massiv ab, was vorrangig damit zusammenhängt, dass hier die (neunjährige) Beth noch von Isla Johnston verkörpert wird. Die macht ihre Sache ohne Frage großartig und insbesondere darf man sich hier über prägnante Auftritte seitens Bill Camp (Red Sparrow) als Hausdiener Mr Shaibel freuen, der Beth überhaut erst an das Schachspiel heranführt, lässt aber – abgesehen von einem einführenden Foreshadowing-Moment – die eigentliche Hauptattraktion der Netflix-Produktion missen.

Denn wahrscheinlich wäre Das Damengambit nur halb so faszinierend und überzeugend geraten, wenn man nicht den Clou gelandet hätte, die großartige Anya Taylor-Joy als Beth Harmon zu besetzen, für deren Verkörperung sie sich unmittelbar für einen Golden Globe empfiehlt. Taylor-Joy, die jüngst noch Emma verkörpern durfte, hat sich natürlich schon in so mancher Produktion ihre Meriten verdient, wusste mich zuletzt in Vollblüter zu begeistern und legt hier noch gleich mehrere Schippen drauf. Jeder Blick, jede Geste, jede Nuance sitzen, wenn Beth sich in traumwandlerischer Entrücktheit durch die Welt bewegt, ihre Obsessionen nährt oder sich eben ins Schachspiel vertieft. Da ist es dann selbst spannend, jedes Lippenkräuseln, jedes Stirnrunzeln, jeden Blick in Nahaufnahme zu beobachten, wenn sie sich dem nächsten Kontrahenten entgegenstellt. Die mit reichlich Sixties-Flair angereicherte Serienproduktion ist in den seltensten Fällen schnell, geschweige denn hektisch inszeniert und verweigert sich vielen mittlerweile gängigen Storytelling-Konventionen, büßt aber in keinem Moment an Faszination ein, was eben zu einem Großteil an der brillanten Darstellung von Taylor-Joy liegt.

Szenenbild aus Das Damengambit | © Netflix
© Netflix

So sehr sie aber das Geschehen dominiert und im Laufe der mehrere Jahre umspannenden Story eine spürbare Entwicklung durchmacht, die sich von ihrem Verhalten über ihr Auftreten bis hin zur Mode niederschlägt, wissen in weiteren Rollen aber beispielsweise auch Harry Melling (The Devil All the Time) oder Thomas Brodie-Sangster als Schach-Gegner und spätere Freunde von Beth zu überzeugen, wohingegen ansonsten die Beziehungen im Leben der talentierten Schachspielerin aber davon geprägt sind, nicht von Dauer zu sein. So ist das Alleinsein und Verlassenwerden neben vielem anderen eines der zentralen Motive von Das Damengambit und befeuert sicherlich auch die Tabletten- und Alkoholsucht von Beth, die sie allerdings unerwartet selbstreflexiv zur Kenntnis nimmt und sich ihr dennoch nicht verweigert. Feministische Untertöne sind im Narrativ der in eine von Männern dominierte Welt vorstoßenden Frau natürlich ebenfalls zu finden, während man ein Stück weit sicherlich auch von einer Coming-of-Age-Geschichte sprechen kann, doch die Faszination erwächst hier schlicht und ergreifend aus zwei gleichberechtigten Säulen. Dies sind einerseits die Protagonistin und andererseits das Schachspiel selbst, das hier – wie man erfahren kann – stets akkurat und fehlerfrei abgebildet wird und dabei berühmten, echten Matches nachempfunden ist, was damit zusammenhängt, dass der Schachexperte Bruce Pandolfini und Großmeister Garri Kasparov als Berater für die Serie gewonnen werden konnten. Dadurch ergibt sich das Faszinosum, dass man bei einer jeden Turnierpartie mitzufiebern imstande ist, ohne eigentlich wirklich zu wissen, was die einzelnen Züge für eine Bedeutung oder Konsequenz haben könnten. Und das allein macht die Show lohnens- und sehenswert und verleiht ihr ein nicht zu unterschätzendes alleinstellungsmerkmal auf einem heiß umkämpften Markt.

Fazit & Wertung:

Mit der siebenteiligen Miniserie Das Damengambit gelingt Serienschöpfer, Drehbuchautor und Regisseur Scott Frank ein ungemein elegantes, stilsicher inszeniertes und jederzeit faszinierendes Gesamtwerk, das nicht nur unzählige Schachpartien in einem ungemein einnehmenden, spannenden Licht präsentiert, sondern vor allem anderen Anya Taylor-Joy glänzen lässt, die sich mit der bravourösen Verkörperung der Protagonistin Beth Harmon für jeglichen Fernsehpreis empfiehlt, den man ihr nur verleihen könnte.

9 von 10 ungewöhnlichen Eröffnungszügen

Das Damengambit

  • Ungewöhnliche Eröffnungszüge - 9/10
    9/10

Fazit & Wertung:

Mit der siebenteiligen Miniserie Das Damengambit gelingt Serienschöpfer, Drehbuchautor und Regisseur Scott Frank ein ungemein elegantes, stilsicher inszeniertes und jederzeit faszinierendes Gesamtwerk, das nicht nur unzählige Schachpartien in einem ungemein einnehmenden, spannenden Licht präsentiert, sondern vor allem anderen Anya Taylor-Joy glänzen lässt, die sich mit der bravourösen Verkörperung der Protagonistin Beth Harmon für jeglichen Fernsehpreis empfiehlt, den man ihr nur verleihen könnte.

9.0/10
Leser-Wertung 6.5/10 (6 Stimmen)
Sende

Episodenübersicht:

01. Eröffnung (8/10)
02. Abtausch (9/10)
03. Doppelbauer (8,5/10)
04. Mittelspiel (9/10)
05. Gabel (9/10)
06. Hängepartie (9/10)
07. Endspiel (9,5/10)

 
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Das Damengambit ist seit dem 23.10.2020 exklusiv bei Netflix verfügbar.

vgw

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