Review: High-Rise (Film)

Keine Sorge, ich habe euch nicht vergessen, doch die erwähnt stressige (Arbeits-)Woche brachte es mit sich, dass meine auf Termin liegenden Artikel rapide zusammengeschrumpft sind und so musste ich mich heute Abend vor – beziehungsweise hinter – den Laptop klemmen und serviere euch den nun folgenden Text quasi noch brühwarm.

High-Rise

High-Rise, UK/BE 2015, 119 Min.

High-Rise | © Universum Film
© Universum Film

Regisseur:
Ben Wheatley
Autoren:
Amy Jump (Drehbuch)
J.G. Ballard (Buch-Vorlage)

Main-Cast:
Tom Hiddleston (Laing)
Jeremy Irons (Royal)
Sienna Miller (Charlotte)
Luke Evans (Wilder)
Elisabeth Moss (Helen)
in weiteren Rollen:
James Purefoy (Pangbourne)
Keeley Hawes (Ann)
Peter Ferdinando (Cosgrove)
Sienna Guillory (Jane)
Reece Shearsmith (Steele)
Enzo Cilenti (Talbot)
Augustus Prew (Munrow)
Dan Renton Skinner (Simmons)
Stacy Martin (Fay)

Genre:
Drama | Science-Fiction | Thriller

Trailer:

 

Inhalt:

Szenenbild aus High-Rise | © Universum Film
© Universum Film

London Mitte der 1970er: Der wohlhabende wie erfolgreiche Dr. Robert Laing trachtet nach einem Neuanfang und quartiert sich in der futuristischen Hochhausvision des Architekten Royal ein, einem vollkommen autonomen Gebäudekomplex mit eigenem Supermarkt und allen Annehmlichkeiten, die man sich nur vorstellen kann. Doch das Utopia hat auch seine Schattenseiten und selbst hier klafft die Lücke zwischen Arm und Reich und die noch wohlhabenderen oberen Etagen-Bewohner blicken voller Abscheu auf den Pöbel unter ihnen hinab, der auf ewig in ihrem Schatten zu leben verdammt ist. Das hindert allerdings keine der Fraktionen daran, tagein tagaus rauschende Feste zu feiern und den Bezug zur Außenwelt mehr und mehr zu verlieren. Erschwerend hinzu kommt allerdings, dass das Hochhaus noch unter gewissen Kinderkrankheiten leidet und kaum fällt der Strom aus, scheint der Eklat unausweichlich, während die unteren Etagen gen Himmel streben und die oberen Etagen unerbittlich nach unten zu treten beginnen. Und mittendrin der distinguierte Laing, der sich erstaunlich schnell den neuen Lebensbedingungen in dem Gebäudekomplex anzupassen weiß…

Rezension:

Bereits seit den ersten Ankündigungen für die Verfilmung des als unverfilmbar geltenden Buches von J. G. Ballard war ich bereits Feuer und Flamme für High-Rise und der ausgesucht hochkarätige Cast tat hierbei sein Übriges, denn fernab seiner Paraderolle als Loki schien mir Tom Hiddleston (Crimson Peak) doch eine mehr als stimmige Wahl, den frisch hinzugezogenen Doktor Laing zu verkörpern. Der steht aber gar nicht mal so sehr im Mittelpunkt der Erzählung, wie man sich das vielleicht anfänglich erwarten würde, denn auch, wenn er als Dreh- und Angelpunkt der Erzählung fungiert, taugt er in seiner wortkargen und undurchsichtigen Art doch kaum als Identifikationsfigur, derweil der Film selbst sich beinahe sämtlichen dramaturgischen Konzepten verweigert, die man für gang und gäbe hält, so dass die Verfilmung von Ben Wheatley auch auf formaler Ebene den Exzess zelebriert, den die "Handlung" vorzugeben scheint, womit die Buch-Adaption dem Freund eher generischer Geschichten durchaus vor den Kopf stoßen dürfte, denn auch wenn ein roter Faden zwar vorhanden ist, wird doch oft und häufig fernab seiner durchaus erkennbaren Pfade mäandert, was das Geschehen manchmal ein wenig zerfasert wirken lässt, andererseits aber die utopische Kopfgeburt des beinahe gänzlich autarken Hochhauses zu einem schier atmenden Organismus mutieren lässt, der weit mehr ist als die Summe seiner Wände, Zimmer und Stockwerke.

Szenenbild aus High-Rise | © Universum Film
© Universum Film

So nimmt sich High-Rise nach einem anfänglichen, kurzen Foreshadowing-Moment ausgiebig Zeit, ein Exposé des Hauses und seiner Bewohner zu erstellen, die unterschiedlichen Hierarchien zu verdeutlichen und dessen ihm eigene Regeln herauszuarbeiten. Gemeinsam mit Laing durchstreift man die Gänge und Stockwerke, lernt Nachbarn kennen und besucht den hauseigenen Supermarkt, das Schwimmbad, den Trainingsraum, während die Außenwelt hier zwar noch eine Rolle spielt, aber doch nur wie eine unliebsame Unterbrechung wirkt inmitten des pulsierenden Lebens und der ausschweifenden Feste, die sich hinter der Gebäudefassade abspielen. Böse Zungen würden behaupten, die Geschichte dümpele bereits zu diesem Zeitpunkt vor sich hin, denn abgesehen davon, dass man sich mit dieser merkwürdigen, in den 70er-Jahren angesiedelten Parallelwelt vertraut macht, passiert im Grunde herzlich wenig, doch versteht es Wheatley – sicherlich auch dank des stimmigen Drehbuchs seitens Amy Jump – den Geist dieser hier noch utopisch anmutenden Vision einzufangen, dass mir persönlich die nur rudimentäre Fortentwicklung der Handlung nicht störend aufgefallen ist, zumal einige reichlich surreale Momente das Geschehen im Grunde noch veredeln.

Der erzählerische Bruch vollzieht sich schließlich nach rund einer Stunde und könnte gravierender nicht sein, denn Bruch ist hier im Sinne von Zusammenbruch zu verstehen und während sich anfänglich Irritation breitmacht, wie viel Zeit nun binnen weniger Minuten vergangen sein mag – befindet sich der gesamte Gebäudekomplex schließlich "plötzlich" in einem reichlich desolaten Zustand – , wissen Wheatley und sein Team erstaunlich viel aus diesen geänderten Grundvoraussetzungen zu generieren und während der im sprichwörtlichen Elfenturm sitzende Architekt des Gebäudes – niemand Geringeres als Jeremy Irons (Der große Crash – Margin Call) – die Situation noch völlig verkennt, tritt Hiddlestons Laing zunächst in den Hintergrund, um seinen Co-Stars die Bühne zu überlassen. So schwingt sich der von James Purefoy (Hap and Leonard) verkörperte Pangbourne zum Sprachrohr der Aristokraten der oberen Ebenen auf, derweil es ausgerechnet Luke Evans (The Raven) war, der mich hier mit seinem manischen, exaltierten Schauspiel am meisten zu beeindrucken wusste, und eine Revolution von ganz unten in Gang zu setzen versucht, dabei aber auch als Figur alsbald mehr als eigennützige Motive offenbart und sich schlussendlich als nicht minder gewaltbereiter Opportunist zu erkennen gibt, der seinen vermeintlichen Gegnern in nichts nachsteht.

Szenenbild aus High-Rise | © Universum Film
© Universum Film

Spätestens in der zweiten Hälfte von High-Rise also, wenn sich die Utopie längst zur Dystopie gewandelt hat, sucht man Identifikationsfiguren und Sympathieträger im Grunde vergeblich und es spricht für das Drehbuch, dass dieser Umstand bis zu der finalen Einstellung hin noch weiter auf die Spitze getrieben wird, was im Gesamtkontext der Handlung nur schlüssig und konsequent wirkt. Ein wenig schade allerdings ist es um die weibliche Hauptbesetzung, bestehend aus Sienna Miller (Dirty Trip) und der vorrangig aus Mad Men bekannten Elisabeth Moss, denn die bekommt zwar durchaus ihre Szenen zugestanden, bewegt sich aber spürbar im Schatten der wesentlich präsenteren männlichen Konter-Parts, was sich ebenfalls in der zweiten Hälfte weiter unterstreichen lässt. Nein, High-Rise ist weder leichte, noch im klassischen Sinne unterhaltsame Kost, aber doch ein ungemein lohnenswertes, umso eigenwilligeres Stück Film, das beweist, das angebliche Unverfilmbarkeit nicht immer ein Hindernis sein muss, denn auch wenn man sich an dem zuweilen durchschlagenden Surrealismus stören und völlig zu Recht kritisieren könnte, dass viele Teilaspekte des Films – insbesondere das Innenleben von Laing betreffend – unbeantwortet und unerklärt bleiben, wüsste ich nicht, wie man eine derartige Mär anders oder besser auf die Leinwand hätte bannen können, derweil ich den Film insbesondere all jenen ans Herz legen kann, denen der ähnlich gelagerte Snowpiercer schon zu imponieren wusste, zu dem sich ein Vergleich geradezu aufdrängt, wenn sich auch beide Filme in gänzlich anderen Metiers bewegen.

Fazit & Wertung:

Ben Wheatleys High-Rise – Verfilmung des gleichnamigen Buches von J.G. Ballard – gibt sich bewusst sperrig und mäandert weit fernab einschlägiger Dramaturgie, schafft es aber mit eindringlichen wie wahnhaften Bildern, die dystopische Welt eines Hochhauskomplexes lebendig werden zu lassen, die nach anfänglicher Exposition in den puren Exzess mündet und konsequent zu Ende gedacht wird. Mag die Buch-Adaption auch nicht in jedem Moment vollends überzeugen, lohnt sich ein Besuch in diesem Paralleluniversum doch allemal.

8 von 10 sich gegenseitig zerfleischende Stockwerksbewohner

High-Rise

  • Sich gegenseitig zerfleischende Stockwerksbewohner - 8/10
    8/10

Fazit & Wertung:

Ben Wheatleys High-Rise – Verfilmung des gleichnamigen Buches von J.G. Ballard – gibt sich bewusst sperrig und mäandert weit fernab einschlägiger Dramaturgie, schafft es aber mit eindringlichen wie wahnhaften Bildern, die dystopische Welt eines Hochhauskomplexes lebendig werden zu lassen, die nach anfänglicher Exposition in den puren Exzess mündet und konsequent zu Ende gedacht wird. Mag die Buch-Adaption auch nicht in jedem Moment vollends überzeugen, lohnt sich ein Besuch in diesem Paralleluniversum doch allemal.

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High-Rise ist am 18.11.16 auf DVD und Blu-ray bei dcm im Vertrieb von Universum Film erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über einen der Links und unterstützt damit das Medienjournal!

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