Review: Sophia, der Tod und ich | Thees Uhlmann (Buch)

Heute – bei mir ja nicht nur fast eine Seltenheit – widme ich mich mal einem originär deutschsprachig erschienenen Buch von einem ganz und gar großartigen Musiker, der hiermit vor immerhin schon wieder mehr als drei Jahren sein Literatur-Debüt gegeben hat. Und ja, endlich habe ich das dann auch mal gelesen (und rezensiert).

Sophia, der Tod und ich

Sophia, der Tod und ich, DE 2015, 320 Seiten

Sophia, der Tod und ich von Thees Uhlmann | © Kiepenheuer & Witsch
© Kiepenheuer & Witsch

Autor:
Thees Uhlmann
Übersetzer:
entfällt

Verlag (D):
Kiepenheuer & Witsch
ISBN:
978-3-462-05061-5

Genre:
Komödie | Drama | Fantasy

 

Inhalt:

Ich öffnete die Tür zu meinem Treppenhaus. Es roch nach frisch gebrühtem Kaffee. Vor mir stand ein Mann, der ähnlich groß war wie ich, ähnlich so alt zu sein schien wie ich und eine gewisse Ähnlichkeit mit mir hatte. Das Schönste, was ich jemals über mein Aussehen gehört hatte, war, dass ich aussehen würde wie eine Mischung aus Brad Pitt, Hape Kerkeling und einem unterklassigen Fußballspieler.

Der Ich-Erzähler, ein alternder Altenpfleger und glühender Fußballfan, staunt nicht schlecht, als es eines Tages an seiner Türe klingelt und ihm ein ihm diffus ähnlich sehender Mann im schwarzen Anzug verkündet, er sei der Tod und würde ihn nun mitnehmen. Kurzerhand die Tür vor der Nase des Spinners zugeschlagen, sieht sich der Erzähler in seinem eigenen Bad prompt erneut mit der merkwürdigen Gestalt konfrontiert, die weiter ausführt, dass er etwa noch gute drei Minuten haben dürfte, bevor es endgültig vorbei ist mit seiner irdischen Existenz. Doch dann passiert, was nicht passieren darf, nicht passieren kann, denn es klingelt erneut und vor der Tür steht Ex-Freundin Sophia. Es scheint, als haben höhere Mächte dem Erzähler eine Art Aufschub gewährt, so dass dieses ungewöhnliche Zusammentreffen den Auftakt zu einem beispiellosen Roadtrip bildet, der einiges an Überraschungen und Lebensweisheiten parat halten wird…

Rezension:

Obwohl ich persönlich großer Fan der Musik von Thees Uhlmann bin, sowohl was seine Solo-Alben als auch die Werke der Band Tomte anbelangt, ist Sophia, der Tod und ich all die Jahre an mir vorbeigerauscht, ohne dass ich bewusst die Existenz dieses formidablen Debüt-Romans wahrgenommen hätte, was gleichzeitig aber auch zu dem seltenen Vergnügen für meine Freundin geführt hat, mich mit einem Buch-Geschenk einmal wirklich überraschen zu können. Und überraschend ist freilich auch Uhlmanns Debüt, denn allein die Prämisse, einen leicht lethargischen, beinahe schon als "lebensmüde" (allerdings im wortwörtlichen Sinne) zu bezeichnenden Protagonisten dem Tod begegnen zu lassen, ist schon einmal so erfrischend, dass der Sog-Faktor dieser Konstellation schon einmal mühelos das erste Drittel des Buches trägt. Andererseits ist das zugegebenermaßen auch nötig, denn dramaturgisch ist der knapp 300 Seien starke Roman doch eher überschaubar geraten und baut weit mehr auf die Interaktion zwischen seinen Figuren als den eigentlichen Fortgang der Geschichte, der sich mehr nebenbei zuträgt und eher dazu dient, an neue Orte zu führen und neue Figuren zu präsentieren, als nachhaltige Veränderungen mit sich zu bringen.

Ich: »Ein Alles-Egal-Areal? Jetzt habt ihr auch noch Marketingausdrücke!?«
Er: »Ja, hab ich mir einfallen lassen. Gut, ne? Sonst verstehen die Leute das ja nicht. Wenn sich jemand just vor seinem Ableben etwas wünscht, dessen Erfüllungswahrscheinlichkeit sich sonst im niedrigen Prozentbereich bewegt, dann klappt das jetzt. Hat ja auch keinen Veränderungswert für die Welt. Wir sind ja in drei Minuten tot.«

Denn an der Grundkonstellation, die bei Sophia, der Tod und ich auch gleich den Titel des Buches diktiert, ändert sich im Verlauf der Story wenig, was aber nicht heißen soll, dass Uhlmann nicht dennoch einiges zu erzählen hätte, sondern nur, dass sein Fokus spürbar auf den Figuren – und natürlich speziell dem Ich-Erzähler – liegt und weniger auf einer ausgefeilten Handlung. Umso bravouröser gelingt ihm dann auch die Intonation seines fiktiven Alter Ego und auch wenn ich "nur" das Buch gelesen habe, kann ich mir sehr gut vorstellen, dass die Hörbuchfassung – von Thees Uhlmann selbst gesprochen – noch einmal deutlich unterhaltsamer und leichtfüßiger sein könnte, denn den lakonisch-melancholischen Tonfall muss man sich hier freilich dazu denken. Und dennoch schlägt auch auf Papier durch, was für ein großartiger Geschichtenerzähler der vornehmlich als Musiker bekannte Debüt-Autor ist, zumal dieses Erstlingswerk mit seinen zahllosen inneren Monologen, aber auch Abschweifungen und Aufzählungen erfrischend unkonventionell geraten ist und teils genauso unstet wirkt wie der verkrachte Erzähler, den man bereits nach wenigen Seiten einfach mögen muss.

Kernstück und Glanz des Ganzen ist aber freilich dessen Interaktion mit dem Tod, der normalerweise immer nur für die rund drei Minuten auf der Erde weilt, die er den Menschen zugesteht, die es abzuholen gilt, weshalb er nun durch diesen unerklärlichen Zwischenfall erstmals frei auf der Welt wandelt und für uns alltägliche Dinge mit einer bestechenden kindlichen Neugierde und Begeisterung für sich entdeckt, ob es sich dabei um Bier, automatische Türen, Schafe oder das Fernsehen handelt. So bekommt ausgerechnet der Tod in Sophia, der Tod und ich etwas extrem – und irritierend – Lebensbejahendes, während der Ich-Erzähler längst resigniert zu haben scheint und sich von seinen unfreiwilligen Gefährten – Sophia und dem Tod – mehr als einmal den Kopf waschen lassen muss. So ein unfreiwilliger Roadtrip mit dem Tod bietet aber natürlich vor allem anderen reichlich Gelegenheit zu mehr oder minder tiefgründigen philosophischen Ansätzen und Grundsatzdiskussionen, denen sich Erzähler und Tod mit Verve und Hingabe zu widmen bereit sind und die zu dem immens kurzweiligen Lesevergnügen beitragen, das ansonsten von reichlich Sarkasmus und augenzwinkernden Albernheiten veredelt wird.

Der Tod sagte: »Es hat geklingelt.«
Ich: »Ich weiß. Ich hab’s gehört.«
Er: »Niemand klingelt, wenn ich bei der Arbeit bin.«
Ich: »Soll ich ihn wegschicken? Ganz schön unhöflich.«
Er: »Niemand KANN klingeln, wenn ich arbeite.
Das ist sozusagen … nicht vorgesehen!«
Ich: »Nicht vorgesehen. Nicht vorgesehen … herrlich. Der Tod hat etwas sehr angenehm Deutsches an sich.«

Thema und Konzept des Ganzen bringen es allerdings auch mit sich, dass Sophia, der Tod und ich im weiteren Verlauf auch zunehmend melancholischer und endgültiger wirkt, auch wenn es Uhlmann durchaus gelingt, sich den anfänglich regelrecht beschwingten Ton des Gazen zu bewahren. Weniger gelungen allerdings – womit wir beim ersten und gleichzeitig letzten Kritikpunkt angelangt wären – ist die Inszenierung des Antagonisten und die recht lapidar abgehandelte Erklärung, warum der Tod denn nun auf Erden wandelt und woran das liegt. Hier hätte man mehr draus machen und tiefer in die Materie tauchen können, zumal nie so ganz klar wird, wer denn nun "Arbeitgeber" vom Tod sein soll oder ob während seiner Reise mit dem Erzähler niemand auf der Welt stirbt. Andererseits sind das aber auch Überlegungen, die nicht wirklich mit dem Konzept der Erzählung zusammenhängen und es hätte sicherlich Tempo und Leichtigkeit des Geschehens gedrosselt, sich eingehender diesen Aspekten zu widmen, weshalb ich das dem Roman gar nicht groß ankreiden möchte. Dafür hat Thees Uhlmann auch einfach ein viel zu schönes, viel zu kluges und einfallsreiches Debüt verfasst, als dass man sich an solchen Kleinigkeiten aufhängen sollte, die der Faszination der Prämisse und dem lakonischen Witz ohnehin nur abträglich wären.

Fazit & Wertung:

Thees Uhlmann hat mit Sophia, der Tod und ich ein ungemein unterhaltsames, lakonisches wie augenzwinkerndes Debüt abgeliefert, dessen Faszination zwar in weiten Teilen auf der ungewöhnlichen Prämisse fußt, dass der Erzähler hier mit dem leibhaftigen Tod auf Reisen geht, diesen Ansatz aber auch so konsequent verfolgt und mit allerhand Witz und philosophischen Seins-Beobachtungen anreichert, dass man darüber schnell die doch eher rudimentäre, melancholisch mäandernde Handlung vergisst.

9 von 10 Diskussionen mit dem Tod

Sophia, der Tod und ich

  • Diskussionen mit dem Tod - 9/10
    9/10

Fazit & Wertung:

Thees Uhlmann hat mit Sophia, der Tod und ich ein ungemein unterhaltsames, lakonisches wie augenzwinkerndes Debüt abgeliefert, dessen Faszination zwar in weiten Teilen auf der ungewöhnlichen Prämisse fußt, dass der Erzähler hier mit dem leibhaftigen Tod auf Reisen geht, diesen Ansatz aber auch so konsequent verfolgt und mit allerhand Witz und philosophischen Seins-Beobachtungen anreichert, dass man darüber schnell die doch eher rudimentäre, melancholisch mäandernde Handlung vergisst.

9.0/10
Leser-Wertung 8/10 (1 Stimme)
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Weitere Details zum Buch und dem Autor findet ihr auf der Seite von Kiepenheuer & Witsch. Dort findet sich übrigens auch eine Leseprobe.

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Sophia, der Tod und ich ist am 07.09.17 bei Kiepenheuer & Witsch als Taschenbuch erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über den nachfolgenden Link und unterstützt damit das Medienjournal!

Eine Reaktion

  1. Stepnwolf 18. Januar 2019

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