Review: Detachment (Film)

Heute dreht sich in meiner Film-Kritik alles um einen der Ladenhüter schlechthin in meiner Blu-ray-Schublade der ungesehenen Filme, gleichwohl ich mir gewünscht hätte, dass die schlussendliche Sichtung begeisternder und mitreißender ausgefallen wäre.

Detachment

Detachment, USA 2011, 98 Min.

Detachment | © Alive
© Alive

Regisseur:
Tony Kaye
Autor:
Carl Lund

Main-Cast:

Adrien Brody (Henry Barthes)
Marcia Gay Harden (Principal Carol Dearden)
Christina Hendricks (Ms. Sarah Madison)
William Petersen (Mr. Sarge Kepler)
Bryan Cranston (Mr. Dearden)
Tim Blake Nelson (Mr. Wiatt)
Betty Kaye (Meredith)
Sami Gayle (Erica)
Lucy Liu (Dr. Doris Parker)
Blythe Danner (Ms. Perkins)
James Caan (Mr. Charles Seaboldt)

Genre:
Drama

Trailer:

 

Inhalt:

Szenenbild aus Detachment | © Alive
© Alive

Henry Barthes verdingt sich als Aushilfslehrer und wird im Vertretungsfall mal hier, mal dort eingesetzt, was zwar ein stetig wechselndes Umfeld verspricht, aber auch verhindert, dass er eine echte Bindung zu seinen Schülerinnen und Schülern aufbaut. Vor allem aber bietet es Henry einen umfassenden wie desillusionierenden Blick auf das in vielerlei Hinsicht marode amerikanische Schulsystem. Dabei bleiben nicht nur leistungsschwächere oder aus sozial schwachen Familien stammende Jugendliche auf der Strecke, sondern auch die Lehrerschaft geht an den desolaten Bedingungen und den täglichen Anfeindungen zunehmend zugrunde, wie Henry allerorten beobachten kann, doch gleichwohl er es nicht aufgegeben hat, sich zu engagieren, zehren die Umstände doch zunehmend an seinem Selbstverständnis, womöglich bei dem einen oder anderen doch noch etwas bewegen oder erreichen zu können. Bei seinem neuesten Engagement macht er nun gleich mehrere Bekanntschaften, die ein wechselseitiges Bild seiner Bemühungen ergeben…

Rezension:

Seit mehreren Jahren bereits schlummerte die Blu-ray von Detachment in meiner Schublade und harrte ihrer Sichtung, derweil es sich seinerzeit schon eher um einen Spontankauf aufgrund der Besetzung gehandelt hat und ich nicht einmal genau wusste, worum es denn gehen würde, geschweige denn, dass der Film von Regisseur Tony Kaye stammt, um den es seit seinem 98er-Debüt American History X erschreckend ruhig geworden ist (was in Anbetracht der Querelen um die Schnittfassungen aber auch nicht verwundert). Hier nun nimmt sich Kaye in dem 2011 entstandenen Werk des amerikanischen Schulsystems an und lässt den Zuschauer selbiges aus der Sicht von Protagonist Henry Barthes erleben, dem Adrien Brody (Manhattan Nocturne) Gesicht und Stimme leiht. Der kommt als Aushilfslehrer an die im Film vorgestellte Schule und kann folglich mit vorbehaltlosem und unvoreingenommen Blick das dortige Geschehen zur Kenntnis nehmen und sowohl auf Schüler- wie auch Lehrer-Seite die um sich greifende Verdrossenheit erfassen, der er auch selbst anheimzufallen droht, gleichwohl er in seiner Funktion als sozusagen herumziehender Lehrer nie wirklicher Teil des Systems wird, sondern stets außen vor bleibt.

Szenenbild aus Detachment | © Alive
© Alive

Und weil das Thema so wichtig ist, auch wenn es sich nicht unbedingt eins zu eins auf deutsche Verhältnisse übertragen lässt, hätte ich Detachment wirklich gerne gemocht und gelobt, doch abgesehen von der ziemlich unmissverständlichen Botschaft, dass sich etwas ändern muss im amerikanischen Bildungswesen, wirkt der Film in seiner Gänze merkwürdig diffus und zuweilen gar zusammenhanglos, was durch gleich mehrere Faktoren noch begünstigt wird. So wird das Geschehen immer mal wieder unterbrochen, um Brodys Alter Ego Henry in einer Art Interview-Situation erzählen zu lassen und damit indirekt die Vierte Wand zu durchbrechen, werden allenthalben kleine Episoden und Zusammenstöße aus dem Schulalltag inszeniert, ohne dass diese Teil des größeren Ganzen würden oder auch nur die Geschichte von Hauptfigur Henry beeinflussen würden, während nicht zuletzt seine eigene Zeit an der Schule relativ zusammenhanglos vor sich hin mäandert und man schlussendlich kaum eine Ahnung hat, wie lange er nun jetzt dort gewesen sein soll. Hinzu kommen noch manch andere assoziative oder möglicherweise künstlerische Einsprengsel, die das Geschehen womöglich aufwerten sollen, letztlich aber nur überfrachtend wirken.

Das wiederum wird besonders deutlich an der Riege ausgesucht namhafter Co-Stars – die mich mitunter mit zum Kauf bewogen haben –, die unter anderem Marcia Gay Harden (Magic in the Moonlight), Bryan Cranston (Argo), Lucy Liu und nicht zuletzt James Caan (Blood Ties) umfasst, denn keine der Figuren kommt über plakative Versatzstücke und Problem-Archetypen hinaus und vermag wirklich für sich einzunehmen, so dass ein Großteil der Figuren bloße Randnotiz in der Geschichte von Henry bleibt. So schön es derweil ist, dass sich all diese Personen an einem thematisch wichtigen Projekt wie Detachment beteiligt haben, verkommt der Film diesbezüglich regelrecht zur Mogelpackung, während er im Grunde viel eher auf drei bewusst differierende Frauenbekanntschaften von Henry abstellt, die unterschiedliche Aspekte seines Selbstverständnisses als Lehrer und Mensch beleuchten. Entsprechend wissen Sami Gayle als Prostituierte Erica sowie Regisseur Tony Kayes eigene Tochter Betty als Schülerin Meredith weitaus mehr zu überzeugen und bekommen auch deutlich mehr Screentime in dem Reigen zugeschustert, während auf Seiten der namhafteren DarstellerInnen Christina Hendricks (Lost River) zumindest ein Stück weit die ruhmreiche Ausnahme darstellt, da ihre Figur der Lehrerin Sarah Madison zumindest eine persönliche Beziehung zu Henry Barthes aufbaut.

Szenenbild aus Detachment | © Alive
© Alive

So steckt Tony Kayes Detachment voller Ambitionen und wichtiger Botschaften, offeriert teils auch beklemmende wie poetische Bilder, geht aber am eigenen Anspruch gnadenlos zugrunde. Denn in nicht einmal 100 Minuten Laufzeit lassen sich nur schwerlich Dutzende Einzelschicksale und eine universale Botschaft komprimieren, wenn man gleichzeitig noch eine Geschichte erzählen und selbige mit Interview-Schnipseln und Einspielern anreichern möchte, so dass Kaye sein spürbar als Herzensprojekt zu deklarierendes Werk mehr als einmal merklich entgleitet. Am Ende bleibt ein zwar zuweilen aufrüttelndes, anprangerndes Projekt, dem allerdings fehlende Stringenz und eine mit zu vielen Figuren und Nebenschauplätzen einhergehende Oberflächlichkeit einmal zu oft den Wind aus den Segeln nehmen. Intention und Botschaft sind klar, allein an der Ausführung hapert es leider gehörig.

Fazit & Wertung:

Tony Kaye entwirft mit Detachment ein zuweilen aufrüttelndes Porträt des amerikanischen Bildungssystems und verfügt mit Adrien Brody über einen charismatischen Schauspieler, doch die Vielzahl an Nebenfiguren, Motiven und inszenatorischen Spielereien überfrachten den ohnehin für seine Thematik arg knapp bemessenen Film in solchem Maße, dass er sich dramaturgisch im Grunde selbst sabotiert. So wichtig das Thema Bildung sein mag, wird der Film seinem Anspruch daher lediglich in überzeugenden Einzelszenen gerecht, überzeugt jedoch nicht als Gesamtwerk.

5,5 von 10 desillusionierenden Unterrichtsstunden

Detachment

  • Desillusionierende Unterrichtsstunden - 5.5/10
    5.5/10

Fazit & Wertung:

Tony Kaye entwirft mit Detachment ein zuweilen aufrüttelndes Porträt des amerikanischen Bildungssystems und verfügt mit Adrien Brody über einen charismatischen Schauspieler, doch die Vielzahl an Nebenfiguren, Motiven und inszenatorischen Spielereien überfrachten den ohnehin für seine Thematik arg knapp bemessenen Film in solchem Maße, dass er sich dramaturgisch im Grunde selbst sabotiert. So wichtig das Thema Bildung sein mag, wird der Film seinem Anspruch daher lediglich in überzeugenden Einzelszenen gerecht, überzeugt jedoch nicht als Gesamtwerk.

5.5/10
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Detachment ist am 30.08.13 auf DVD und Blu-ray im Vertrieb von Alive erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über einen der Links und unterstützt damit das Medienjournal!

DVD:

Blu-ray:

vgw

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