Review: Stay (Film)

Auch wenn ich mich ja überwiegend auf neuere oder aktuellere Filme konzentriere hier – und auch der heutige Beitrag mitnichten im klassischen Sinne als "alt" zu betiteln ist – freue ich mich doch immer, Lücken in meiner persönlichen Film-Kenntnis-Liste füllen zu können, zumal wenn ich nicht genau weiß, warum ich all die Jahre nie dazu gekommen bin, wie es eben auch heute der Fall ist.

Stay

Stay, USA 2005, 99 Min.

Stay | © STUDIOCANAL
© STUDIOCANAL

Regisseur:
Marc Forster
Autor:
David Benioff

Main-Cast:
Ewan McGregor (Dr. Sam Foster)
Naomi Watts (Lila Culpepper)
Ryan Gosling (Henry Letham)
in weiteren Rollen:
Janeane Garofalo (Dr. Beth Levy)
Bob Hoskins (Dr. Leon Patterson)

Genre:
Drama | Mystery | Thriller

Trailer:

 

Inhalt:

Szenenbild aus Stay | © STUDIOCANAL
© STUDIOCANAL

Nachdem Dr. Beth Levy sich kurzzeitig zurückgezogen hat, übernimmt Psychiater Sam Foster den Fall des labilen Henry Letham, der mit sich und seinem Leben hadert. Foster versucht verzweifelt, das Vertrauen des jungen Kunststudenten zu gewinnen, doch als der sich ihm öffnet und erörtert, sich an seinem 21. Geburtstag – in gerade einmal drei Tagen – umbringen zu wollen, ist Foster verständlicherweise reichlich vor den Kopf gestoßen. Darüber hinaus ist das Thema Selbstmord für Sam ohnehin ein wunder Punkt, denn auch seine Lebensgefährtin Lila hat vor geraumer Zeit versucht, sich das Leben zu nehmen und folglich belastet der Fall Letham auch zunehmend seine Beziehung. Während Foster verzweifelt versucht, Henry Letham das Leben zu retten, stolpert er allerdings auch in zunehmend surrealer werdende Situationen, begegnet Menschen, die nach Henrys Aussage schon tot sein müssten, findet sich an merkwürdigen Orten wieder und durchlebt so manche Situation mehr als einmal, ist aber trotz alledem nicht gewillt, Henry so einfach aufzugeben…

Rezension:

Manchmal ist es ja schon erstaunlich, wie lange sich einem ein Film entziehen kann, der hinsichtlich Thema, Inhalt und Besetzung eigentlich zu hundert Prozent den eigenen Sehgewohnheiten und Präferenzen entspricht. So verhält es sich auch mit dem 2005 erschienenen Stay, den ich schon mehr als ein paar Mal bereits auf dem Schirm hatte, aber mir letztlich – bis vor kurzem – nie zugelegt habe, denn nicht nur die beteiligten SchauspielerInnen sondern auch die thematische Verortung hätten mich theoretisch viel früher reizen müssen. Für das Drehbuch zeichnet hier David Benioff verantwortlich, Jahre bevor er sich als Serienschöpfer und Autor für die gefeierte HBO-Serie Game of Thrones einen Namen gemacht hat und liefert hier ein ungemein vielschichtiges, aber auch verwirrendes und irreführendes Skript ab, das Regisseur Marc Forster in kongeniale Bilder zu kleiden versteht und damit weit unkonventioneller zu Werke geht als in seinen jüngeren Werken wie dem atmosphärisch ähnlich gelagerten, aber inhaltlich nicht annähernd so überzeugenden All I See Is You.

Szenenbild aus Stay | © STUDIOCANAL
© STUDIOCANAL

Inszenatorisch ist Stay beinahe durchweg ein regelrechter Augenschmaus und ein Hochgenuss des filmischen Erlebens, wenn Bilder und Szenen sich zu überlappen, zu widerholen, zu verschachteln beginnen, wenn kommentarlos von einem auf das andere Setting übergeblendet wird und das zunehmend surrealer wirkende Geschehen noch zusätzlich durchsetzt wird von assoziativen Rückblenden und Montagen, die erst spät ihren eigentlichen Sinn entfalten, so dass Forsters Frühwerk mitnichten kein Film ist für Zuschauer, die sich eine stringente, jederzeit nachvollziehbare Handlung erwarten. Letztlich muss man bereit sein, sich auf den Bilder- und das Gefühlsreigen vorbehaltlos einzulassen, um Spaß an dieser Art sperrigem Werk zu finden, das nicht von ungefähr mit dem Arthous-Label daherkommt, denn auch wenn es eine finale – und meines Erachtens ungemein befriedigende und anrührende – Auflösung geben mag, bedarf es durchaus an Sitzfleisch, bis man an diesen Punkt gelangt und bis dahin verliert Forsters Trip zunehmend und ganz bewusst an Bodenhaftung. Um falsche Fährten und Andeutungen ist Benioffs Skript derweil freilich nie verlegen und ich hatte gehörigen Spaß am forcierten Rätselraten, was es mit Sam, Lila und Henry auf sich haben mag und in welcher Verbindung sie zueinander stehen.

Neben den kreativen audiovisuellen Spielereien und der zunehmend entrückt wirkenden Inszenierung sind es demnach natürlich die drei namhaften HauptdarstellerInnen, die Stay zu einem solchen Erlebnis machen. So kommt Ewan McGregor (Amerikanisches Idyll) in der Rolle des Psychiaters gewohnt überzeugend und wandlungsfähig daher und trägt weite Teile des Films im Alleingang, was damit zusammenhängt, dass wir einen Großteil der Ereignisse aus seinem Blickwinkel präsentiert bekommen. In der Rückschau betrachtet und nach Kenntnis der Auflösung offenbart das einen weiteren inszenatorischen Clou in dem Ausnahmewerk, doch auch als vermeintlich unwichtige Nebenfigur macht Naomi Watts (Gypsy) einen formidablen Job als Lila, die zwar einerseits zerbrechlich und labil wirkt, andererseits Sam mehr als einmal hilfreich zur Seite steht, insbesondere was die Betreuung des wortkargen und undurchsichtigen Henry und dessen Selbstmordabsichten angeht. Der wiederum wird von einem seinerzeit noch vergleichsweise unbekannten, aber nicht weniger fähigen Ryan Gosling (Only God Forgives) verkörpert, der mehr als einmal seinen Kollegen die Show stiehlt, obwohl man Henry ob seiner mystisch-undurchdringlichen Aura mit nicht gerade vielen Dialogzeilen ausgestattet hat.

Szenenbild aus Stay | © STUDIOCANAL
© STUDIOCANAL

Eine allzu naheliegende Lösung braucht man derweil bei Stay ebenfalls nicht zu erwarten und es ehrt Forsters Film nach Benioffs Skript, dass er sich ausnahmsweise nicht für cleverer hält als seine Zuschauer, sondern selbstbewusst einen Reigen inszeniert, bei dem man gehörige Lust bekommt, bei einer etwaigen Wiederholungssichtung weitere Facetten und Hinweise zu entdecken, die im Grunde so ziemlich jede Szene des Films bevölkern, ohne dass man beim ersten Ansehen wüsste, dass dem so ist. Entsprechend endet der als Mystery-Thriller vermarktete Reigen auf einer sphärisch-träumerischen, von Schönheit und Traurigkeit gleichermaßen dominierten Note, wie ich es selten erlebt habe, weshalb ich ihn auch allen Freunden ungewöhnlicher Kino-Kunst vorbehaltlos empfehlen kann und möchte. Einzig, wer sich mit einem bis zuletzt assoziativen, erst spät durchschaubaren Story-Konstrukt nicht anzufreunden vermag, sollte hier tunlichst einen großen Bogen beschreiben, denn einfache Unterhaltung nach bekanntem Schema sieht zugegebenermaßen anders aus, macht den Film als solchen aber auch erst so lohnenswert und einzigartig, wie er sich präsentiert.

Fazit & Wertung:

Marc Forster ist mit Stay ein audiovisuelles Erlebnis sondergleichen gelungen, dessen Sinn und Zusammenhänge sich allerdings auch erst bei der finalen Auflösung wirklich erschließen, so dass der Film sicherlich einigen vor den Kopf stoßen mag, die sich einen deutlich stringenteren Thriller erwartet habe. Für das, was er ist und erzählt, verdient er allerdings die größte Hochachtung und wer bereit ist, sich auf ein durch und durch ungewöhnliches Filmerlebnis einzulassen, wird hier letzthin reich belohnt.

9 von 10 surrealen Erlebnissen

Stay

  • Surreale Erlebnisse - 9/10
    9/10

Fazit & Wertung:

Marc Forster ist mit Stay ein audiovisuelles Erlebnis sondergleichen gelungen, dessen Sinn und Zusammenhänge sich allerdings auch erst bei der finalen Auflösung wirklich erschließen, so dass der Film sicherlich einigen vor den Kopf stoßen mag, die sich einen deutlich stringenteren Thriller erwartet habe. Für das, was er ist und erzählt, verdient er allerdings die größte Hochachtung und wer bereit ist, sich auf ein durch und durch ungewöhnliches Filmerlebnis einzulassen, wird hier letzthin reich belohnt.

9.0/10
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Stay ist am 25.08.06 auf DVD und am 18.08.11 auf Blu-ray bei STUDIOCANAL erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über einen der Links und unterstützt damit das Medienjournal!

DVD:

Blu-ray:

vgw

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