Review: Amerikanisches Idyll (Film)

Beginnen wir die Woche hinsichtlich Rezensionen mit dem Regie-Debüt von Ewan McGregor, das ich damit nun auch endlich nachgeholt hätte.

Amerikanisches Idyll

American Pastoral, USA/HK 2016, 102 Min.

Amerikanisches Idyll | © Splendid Film
© Splendid Film

Regisseur:
Ewan McGregor
Autoren:
John Romano (Drehbuch)
Philip Roth (Buch-Vorlage)

Main-Cast:
Ewan McGregor (Swede Levov)
Jennifer Connelly (Dawn Levov)
Dakota Fanning (Merry Levov)
in weiteren Rollen:
Peter Riegert (Lou Levov)
Rupert Evans (Jerry Levov)
Uzo Aduba (Vicky)
Molly Parker (Sheila Smith)
Valorie Curry (Rita Cohen)
David Strathairn (Nathan Zuckerman)

Genre:
Krimi | Drama

Trailer:

 

Inhalt:

Szenenbild aus Amerikanisches Idyll | © Splendid Film
© Splendid Film

Alle Welt hätte geglaubt, dass dem jungen Seymour Levov – aufgrund seiner Statur und Mähne von allen nur der "Schwede" genannt – die Welt zu Füßen läge und er alles erreichen würde, was er sich auch nur vornehme. Dieser Ansicht ist auch Schriftsteller Nathan Zuckerman, der bei einem Ehemaligentreffen auf Jerry, Seymours jüngeren Bruder trifft, der ihm vom Tod des Schweden berichtet. Doch hinter der Geschichte verbirgt sich weit mehr und so beginnt Jerry zu erzählen, wie der Schwede ungeachtet der Einwände seines Vaters die hübsche Dawn ehelicht. Er erzählt von der Kindheit der gemeinsamen Tochter Merry, die mit aufkeimender Pubertät gegen das Establishment und ihre Eltern zu rebellieren beginnt. Und er erzählt, wie Merry zur Hauptverdächtigen wird, als das Postamt im beschaulichen Old Rimrock samt Besitzer in die Luft gesprengt wird und der Schwede in den Jahren danach alles daran setzt, seine Tochter wiederzufinden, während es Dawn schier zu zerreißen droht…

Rezension:

Warum ich erst jetzt dazu gekommen bin, mir Amerikanisches Idyll anzuschauen, vermag ich selbst nicht ganz zu begreifen, denn immerhin handelt es sich um das Regie-Debüt des von mir hochgeschätzten Ewan McGregor (Perfect Sense), den ich nun – so viel sei vorausgeschickt – eben auch als Filmemacher ernst zu nehmen bereit bin, denn wenn auch (noch) nicht alles rund sein mag an seiner Literaturadaption des gleichnamigen Stoffes von Philip Roth, liefert er doch eine ungemein gelungene und vielschichtige Geschichte ab, deren emotionale Wucht sich insbesondere in der zweiten Hälfte zu entfalten versteht. Ansonsten ist die Geschichte aber natürlich auch hinsichtlich zeitgeschichtlichem Kontext hochinteressant und auch hier gelingt es McGregor, ein glaubhaftes Bild der damaligen Zeit zu vermitteln, das durch sporadisch eingestreute Archivaufnahmen noch veredelt wird. Vor allem aber gelingt es ihm, anhand der zugrundeliegenden Prämisse einen Film zu schaffen, der sich nur schwerlich einem konkreten Sujet zuordnen lassen könnte, denn auch wenn es im Kern ein Familien-Drama sein mag, werden diese doch überzeugend mit Mystery-, Thriller- und Historien-Aspekten verwoben.

Szenenbild aus Amerikanisches Idyll | © Splendid Film
© Splendid Film

Dabei bildet die Konversation zwischen Roths Alter Ego, dem von David Strathairn (The Expanse) verkörperten Schriftsteller Nathan Zuckerman und einem nicht ganz überzeugend "alt geschminkten" Rupert Evans (Fleming) als Jerry Levov den erzählerischen Rahmen für das, was sich im Verlauf von Amerikanisches Idyll entfalten wird, wobei die eigentliche Geschichte des Schweden und seiner Familie gleich mehrere Jahre umspannt und freilich selbst mit dessen Tod nicht endet. Denn natürlich lässt sich McGregor die Chance nicht entgehen, zuletzt die beiden Handlungsstränge um Zuckerman und den Schweden noch miteinander zu verknüpfen, während ich mir tatsächlich gewünscht hätte, man würde auch während der Geschichte ab und an zu Strathairns Figur wechseln, denn so bleibt der distinguierte Literat nur eine Randnotiz, derer es kaum bedurft hätte, um die Geschichte zu erzählen (beziehungsweise ihr zuzuhören, denn Jerry erzählt ja). Davon aber einmal abgesehen überzeugt schon die gekonnte Exposition des Schweden und seiner künftigen Angetrauten Dawn, die von der charismatischen Jennifer Connelly (Love Stories) verkörpert wird.

Während Dawn zunächst einen vergleichsweise passiven Part innehat und ganz im Schatten des Schweden steht, was den erzählerischen Kontext anbelangt, schafft McGregor im weiteren Verlauf Connelly aber reichlich Gelegenheit, in dieser Rolle zu glänzen, denn während sich sein Schwede in blinden Aktionismus flüchtet und die Suche nach seiner Tochter schlichtweg nicht aufgeben möchte, durchläuft Dawn weit differenziertere Stadien der Trauerbewältigung und Verdrängung, denn das spurlose Verschwinden der gemeinsamen Tochter kommt im Grunde ja quasi deren Ableben gleich. Damit wären wir auch bei einem der Kernaspekte des Films angelangt, denn auch wenn Merry erst nach rund 40 Minuten wirklich verschwindet, dominiert dieser Vorfall gleichermaßen den Film als auch Leben der Familie Levov, derweil Dakota Fanning (Very Good Girls) einen bravourösen Job erledigt, obwohl ihre eigentliche Screentime gar nicht mal so üppig ausgefallen sein dürfte. Zunächst nämlich wird die junge Merry von Ocean James, dann Hannah Nordberg verkörpert, bevor Fanning in die Rolle schlüpft, die dann durch ihr Verschwinden natürlich alsbald wieder in der Versenkung verschwindet. Nun hoffe ich, dass man es nicht als Spoiler wertet, wenn ich verrate, dass dies natürlich nicht ihr letzter Auftritt in Amerikanisches Idyll gewesen ist, wobei das, was ihr widerfahren ist, ebenso wie die Umstände, unter denen man ihr erneut begegnet, haben mich tatsächlich nachhaltig berührt und in dieser Hinsicht offenbart sich dann McGregors Stärke, wirklich tiefgehende Emotionen aus sich selbst und den beteiligten DarstellerInnen herauszukitzeln.

Szenenbild aus Amerikanisches Idyll | © Splendid Film
© Splendid Film

So beginnt Amerikanisches Idyll wirklich vergleichsweise gemächlich und die Art und Weise, wie das Leben des Schweden quasi im Zeitraffer zusammengefasst und durchexerziert wird, ist nun auch nicht eben neu oder sonderlich innovativ geraten, doch was eben als namensgebendes Idyll einer Vorzeigefamilie startet, lotet zunehmend auch die Schattenseiten ihres Daseins aus, setzt das Gezeigte gekonnt in einen historischen Kontext und erzählt dennoch eine zutiefst persönliche und zutiefst erschütternde Geschichte. Leider, um auch die Schwächen nicht ungenannt zu lassen, ist der zeitliche Ablauf des Ganzen oft nicht ganz klar und hinsichtlich der als Randnotiz zu betrachtenden Nebenstränge um weitere Bombenanschläge, die polizeilichen Ermittlungen im Allgemeinen und den übergeordneten Kontext der Bürgerrechtsunruhen merkt man doch schon häufiger, dass hier gegenüber der literarischen Vorlage anscheinend des Öfteren der Rotstift angesetzt werden musste, um das vielschichtig-weitschweifige Treiben in das Korsett eines rund zweistündigen Films zu pressen. Das trübt vielleicht das Gesamtbild ein wenig, doch ansonsten überzeugt Ewan McGregor hier gleichermaßen als Regie-Erstling wie auch Protagonist, derweil er es mit Connelly und Fanning an seiner Seite wohl kaum besser hätte treffen können, denn beide stehen ihm in darstellerischer Intensität in nichts nach.

Fazit & Wertung:

Mit Amerikanisches Idyll gelingt Ewan McGregor ein überzeugendes Regie-Debüt, dessen kleinere Mängel in der Ausgestaltung der Adaption der literarischen Vorlage seitens Philip Roth die meiste Zeit mühelos überstrahlt werden von den passionierten Darstellungen seitens McGregor, Jennifer Connelly und Dakota Fanning sowie der überzeugenden Inszenierung.

7,5 von 10 zweifelhaften Spuren der eigenen Tochter

Amerikanisches Idyll

  • Zweifelhafte Spuren der eigenen Tochter - 7.5/10
    7.5/10

Fazit & Wertung:

Mit Amerikanisches Idyll gelingt Ewan McGregor ein überzeugendes Regie-Debüt, dessen kleinere Mängel in der Ausgestaltung der Adaption der literarischen Vorlage seitens Philip Roth die meiste Zeit mühelos überstrahlt werden von den passionierten Darstellungen seitens McGregor, Jennifer Connelly und Dakota Fanning sowie der überzeugenden Inszenierung.

7.5/10
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vgw

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