Review: Schwarzer Mond über Soho | Ben Aaronovitch (Buch)

Widmen wir uns heute mal wieder einer Urban-Fantasy-Reihe, die sich allgemein großer Beliebtheit erfreut und von der ich daher auch beim zweiten Band deutlich mehr erwartet habe, als ich letztendlich geboten bekam.

Schwarzer Mond über Soho
Peter-Grant-Reihe 2

Moon over Soho, UK 2011, 416 Seiten

Schwarzer Mond über Soho von Ben Aaronovitch | © dtv
© dtv

Autor:
Ben Aaronovitch
Übersetzerin:
Christine Blum

Verlag (D):
Deutscher Taschenbuch Verlag
ISBN:
978-3-423-21380-6

Genre:
Fantasy | Abenteuer | Krimi | Komödie

 

Inhalt:

In der Pathologie sah es ähnlich aus wie im übrigen Krankenhaus, nur hörte man weniger Patientenbeschwerden über den staatlichen Gesundheitsdienst. Dr. Walid geleitete mich an dem Security-Typen am Empfang vorbei und stellte mir die Leiche des Tages vor.

Noch immer befindet sich Polizist Peter Grant in der Lehre bei Thomas Nightingale, einem der letzten Magier Englands, und ist somit Teil der Ermittlungseinheit des Folly, die aus gerade einmal diesen zwei Personen besteht und auf übernatürliche Vorfälle in der Metropole spezialisiert ist. Jüngst scheint jemand – oder etwas – in der Jazz-Szene und speziell Soho sein Unwesen zu treiben und während Nightingale sich noch von ihrem letzten Einsatz erholt, stolpert Peter noch recht planlos in eine neue Ermittlung, wobei er bald auf weitere Leichen stößt, die möglicherweise im Zusammenhang stehen mit dem, was er alsbald als Jazzvampire titulieren wird. Ausgiebige, in die Vergangenheit des Landes gerichtete Recherchen stehen an und es wird zunehmend deutlich, dass er und Nightingale mitnichten die letzten, praktizierenden Magier im Lande sind, auch wenn die Formulierung "schwarzer Magier" beim afroamerikanischen Peter nicht unbedingt auf Zustimmung stößt…

Rezension:

Ziemlich exakt neun Monate sind vergangen, seit ich mich mit Die Flüsse von London dem ersten Band der beliebten wie erfolgreichen Peter-Grant-Reihe gewidmet habe und nun sollte endlich dessen Nachfolger Schwarzer Mond über Soho auf dem Programm stehen, auch wenn die Lektüre des Auftaktbandes mich noch nicht ganz die Genialität der Reihe hat erkennen lassen und mich folglich nicht vollends überzeugen konnte. Nun bin ich ja niemand, der gleich nach dem ersten buch die Flinte ins Korn wirft und eigentlich müsste diese Art mit britischem Humor durchsetzte Urban-Fantasy ja genau meinen Geschmack treffen, weshalb ich nun also durchaus wohlwollend zum Buch gegriffen habe. Leider muss ich aber feststellen, dass gegenüber dem ersten Band dieser hier sogar noch ein wenig abfällt, was zwar mitnichten an Aaronovitchs Schreibe oder Protagonist Peter Grant liegt, dafür aber umso mehr an einem zunehmend verfahren und verwirrend wirkenden Plot, der sich mal wieder mehrgleisig und gefühlt ziellos durch London – und diesmal insbesondere Soho – bewegt, um schlussendlich noch irgendwie zusammenzulaufen, was hier aber nicht genial konstruiert sondern behelfsmäßig zurechtgebogen wirkt.

»Wir untersuchen oft Todesfälle, bei denen die Umstände nicht ganz geklärt sind«, erklärte ich. Tatsächlich untersuchen wir, sprich die Polizei, möglichst überhaupt nichts, außer die Sache stinkt drei Meilen gegen den Wind, oder es gibt eine neue Richtlinie des Innenministeriums, im Hinblick auf das Medieninteresse besonderes Augenmerk auf das gerade aktuelle crime du jour zu richten.

So ist der Einstieg noch durchaus vielversprechend geraten und ich rechne es dem Autor an, dass er aktiv Rückbezug auf die vorangegangenen Ereignisse nimmt, so dass es sich eben nicht um Bücher mit einem Fall der Woche, sondern eine fortlaufende Geschichte handelt, die bei allem Humor und aller Flapsigkeit auch schon im ersten Band mit reichlich tragischen Entwicklungen aufzuwarten wusste, wenn man da nur einmal an Lesleys Schicksal denkt, die demnach hier auch mehr am Rande eine Rolle spielt, aber eben nicht gänzlich aus Peters Leben getilgt worden ist. Über die Verortung der Story in der hiesigen Jazz-Szene kann man geteilter Meinung sein und ich muss gestehen, dass mir ein Großteil der in den Ring geworfenen Namen nichts sagte, aber zu Beginn wusste das alles dennoch zu überzeugen und neugierig zu machen, auch wenn allein schon die Art und Weise, wie Peter hier eine Beziehung oder Affäre beginnt, durchaus eleganter hätte vorgebracht werden können. Mit der Eleganz ist es aber ohnehin so eine Sache und so stolpert Peter in Schwarzer Mond über Soho mal hier, mal dort über eine Leiche, widmet sich einerseits einem mutmaßlich übernatürlichen Angriff hier, wird andererseits bei einem Mord dort hinzugezogen und lässt sich von seinen Recherchen alsbald in eine dritte Richtung führen, während er immer wieder betont, dass die Abteilung des Folly im Grunde nur aus ihm und seinem immer noch gehandicapten Vorgesetzten Nightingale besteht.

Apropos Nightingale, gerät auch der hier die meiste Zeit akut ins Hintertreffen und damit einhergehend auch die praktische Ausbildung von Lehrling Peter, derweil auch die mysteriöse Haushälterin Molly hier zu bloßer Staffage degradiert wird. Immerhin der im Mittelpunkt stehende und erneut als Ich-Erzähler fungierende Peter Grant aber wird von Aaronovitch wieder trefflich in Szene gesetzt und so sind es auch weiterhin dessen Kommentare und Erläuterungen, insbesondere was die Geschichte Londons oder die Zustände in dessen Polizeiapparat betrifft, die zu den unterhaltsamsten und gelungensten Passagen von Schwarzer Mond über Soho zählen. Darüber hinaus aber scheint dem Autor hier ein wenig das übergeordnete Konzept zu fehlen und auch wenn alles weitestgehend am Ende Hand und Fuß zu haben scheint, fällt es doch schwer, dem Reigen zu folgen, was in meinem Fall sicherlich nicht daran liegt, dass ich ansonsten zu selten oder zu wenig lese, um der Haken schlagenden Geschichte folgen zu können. Manches an Twists im letzten Drittel lässt sich zudem drei Meilen gegen den Wind riechen, wohingegen anderes wie aus dem Hut gezaubert wirkt, was ein zwar reißerisches, aber wenig mitreißendes Finale ergibt, das aber dennoch für einige der zuvor kreierten Schlenker entschädigt und weit gelungener wirkt als der sprunghafte Mittelteil des Ganzen.

Die Öffentlichkeit hat ein recht verzerrtes Bild davon, wie eine polizeiliche Ermittlung abläuft. Sie malt sich gern aus, wie hinter heruntergelassenen Jalousien fieberhafte Beratungen abgehalten werden und unrasierte, aber auf verwegene Art gutaussehende Ermittler sich zielstrebig und aufopfernd in den Suff und die Ehekatastrophe hineinarbeiten. In Wirklichkeit geht man, falls man nicht auf irgendeine brandeilige Spur gestoßen ist, nach Feierabend nach Hause und widmet sich den wichtigen Dingen des Lebens – wie Essen, Trinken, Schlafen und, wenn man Glück hat, einer Beziehung zu jemandem mit Geschlecht und sexueller Orientierung nach Wunsch.

Ich bin noch nicht durch mit der Peter-Grant-Reihe als solchen, weil dafür Konzept und Hauptfigur einfach zu stimmig sind und ich ja immer noch hoffe, die Faszination dereinst zu entdecken, die diese Reihe so ungemein beliebt und langlebig gemacht hat, aber zumindest Schwarzer Mond über Soho muss ich mit dem vergleichsweise enttäuschenden Urteil hinter mir lassen, dass er nicht so gelungen ist wie Band 1 und einige der interessantesten Dinge und Nebenfiguren die meiste Zeit links liegen lässt, so dass allein Peters – wenn auch noch immer spärlich ausgeprägte – Zauberkünste die meiste Zeit ebenfalls keine Rolle spielen. Dummerweise wird in dem ganzen Trubel aber zumindest eine Person eingeführt, die sicherlich in weiteren Bänden noch von Belang sein wird, so dass ich nicht einmal einfach dazu raten kann, diesen Band schlichtweg auszusparen (wovon ich ja selbst ohnehin auch kein Fan bin). Bleibt abzuwarten, wie der nächste Band bei mir abschneiden wird, doch bis dahin brauche ich erst einmal wieder eine Verschnaufpause, auch wenn sich die Story gerade zum Ende hin ja zumindest ein wenig zu fangen gewusst hat.

Fazit & Wertung:

Auch mit dem zweiten Band Schwarzer Mond über Soho wusste sich die Peter-Grant-Reihe noch nicht so recht in mein Herz zu spielen, auch wenn die flapsigen Kommentare und Ausführungen seitens Protagonist durchaus gelungen und unterhaltsam sein mögen. Der Plot allerdings wirkt zunehmend zerfahren und richtungslos, was auch nicht davon abgemildert wird, dass sich freilich am Ende alles – weitestgehend – zu einem großen Ganzen fügt.

6 von 10 magischen Geheimnissen im Großraum London

Schwarzer Mond über Soho

  • Magische Geheimnisse im Großraum London - 6/10
    6/10

Fazit & Wertung:

Auch mit dem zweiten Band Schwarzer Mond über Soho wusste sich die Peter-Grant-Reihe noch nicht so recht in mein Herz zu spielen, auch wenn die flapsigen Kommentare und Ausführungen seitens Protagonist durchaus gelungen und unterhaltsam sein mögen. Der Plot allerdings wirkt zunehmend zerfahren und richtungslos, was auch nicht davon abgemildert wird, dass sich freilich am Ende alles – weitestgehend – zu einem großen Ganzen fügt.

6.0/10
Leser-Wertung 6.5/10 (2 Stimmen)
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Weitere Details zum Autor und dem Buch findet ihr auf der Seite des Deutschen Taschenbuch Verlages.

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Schwarzer Mond über Soho ist am 01.07.12 bei dtv erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über den nachfolgenden Link und unterstützt damit das Medienjournal!

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