Review: Emma. (Film)

Auch heute ist es wieder was später geworden, aber diese Film-Empfehlung liegt mir am Herzen und Uhrzeiten sind ja ohnehin nur Schall und Rauch – zumal sich das Wochenende ja noch die nächsten zwei Tage hinziehen wird.

Emma.

Emma., UK 2020, 124 Min.

Emma. | © Universal Pictures
© Universal Pictures

Regisseurin:
Autumn de Wilde
Autorinnen:
Eleanor Catton (Drehbuch)
Jane Austen (Buch-Vorlage)

Main-Cast:
Anya Taylor-Joy (Emma Woodhouse)
Johnny Flynn (Mr. Knightley)
Josh O’Connor (Mr. Elton)
Callum Turner (Frank Churchhill)
Mia Goth (Harriet Smith)
Miranda Hart (Miss Bates)
Bill Nighy (Mr. Woodhouse)
in weiteren Rollen:
Rupert Graves (Mr. Weston)
Gemma Whelan (Miss Taylor / Mrs. Weston)
Amber Anderson (Jane Fairfax)
Tanya Reynolds (Mrs. Elton)
Connor Swindells (Robert Martin)

Genre:
Komödie | Drama | Romantik

Trailer:

 

Inhalt:

Szenenbild aus Emma. | © Universal Pictures
© Universal Pictures

Anfang des 19. Jahrhunderts lebt die junge Emma Woodhouse allein mit ihrem Vater in feudaler Atmosphäre auf dem Anwesen Hartfield in Highbury und findet Zerstreuung darin, Freunde und Bekannte zu verkuppeln, derweil sie sich auf ihr Gespür einiges einbildet, selbst aber blind zu sein scheint für die Avancen ihrer männlichen Bekanntschaften. Ihr jüngstes "Projekt" ist ihre schüchterne Freundin Harriet, die sie in die bessere Gesellschaft zu hieven gedenkt, indem sie ihr eine günstige Partie verschafft, womit natürlich nichts anderes als ein wohlhabender Ehemann gemeint ist. Doch so überzeugt Emma von sich sein mag, deutet sie doch so einige Zeichen falsch und verscherzt es sich zuweilen mit ihrer forsch-unbedachten Art mit so manchem, wozu auch Mr. Knightley gehört, ein Freund der Familie, der ihr Treiben mit zunehmendem Ärger beobachtet und selbst doch heimlich verschossen in die attraktive Frau ist…

Rezension:

Normalerweise stehen Kostümfilme ja nicht unbedingt im ausgewiesenen Fokus meines Interesses, doch im Falle von Emma. hatte ich den Film natürlich allein schon aufgrund von Anya Taylor-Joy auf der Liste, ganz davon abgesehen, dass der ja durchaus einige vielversprechende Kritiken einfahren konnte. Und tatsächlich schickt sich die leichtfüßige Komödie an, das verstaubte Image der Schmachtschinken gehörig durcheinanderzuwirbeln und zu modernisieren, ohne dabei den Geist der Vorlage von Jane Austen oder eben all das, was man sich von einem Kostümfilm erwartet – richtig, vorrangig prächtige Kostüme – zu vernachlässigen. So ist der Reigen vom ersten Moment an bewusst pompös und optisch eindrucksvoll inszeniert, kokettiert nicht nur mit den farbenfrohen Roben und Kleidern, sondern schwelgt auch in zahllosen Arrangements, ob es sich nun um ausladende Blumen-Bouquets oder üppig gedeckte Dessert-Etageren handelt. Verschmitzt karikiert man regelrecht das distinguierte Gehabe in der gehobenen Gesellschaft, ohne es der Lächerlichkeit preiszugeben, lässt in herrlicher Absurdität die Leute affektiert daherreden und -stolzieren und präsentiert dennoch lebensechte Figuren, weil sie in Momenten des Alleinseins diese Fassade so schnell bröckeln, wie sie im Beisein anderer wieder zum Vorschien kommt.

Szenenbild aus Emma. | © Universal Pictures
© Universal Pictures

So könnte sich zwar an Emma. auch herantrauen, wer meint, mit diesem (Sub-)Genre nichts anfangen zu können, doch hilft es natürlich, ein gewisses Faible für die gestalterische und inszenatorische Opulenz zu haben, auch, um zu schätzen zu wissen, wie liebevoll sich Regisseurin Autumn de Wilde sich dem verschrieben hat, wobei ihre lange Karriere in Sachen Musikvideos sicherlich hilfreich gewesen ist, dem Ganzen allein optisch den richtigen Anstrich zu verleihen. Dramaturgisch wiederum können sie und Drehbuchautorin Eleanor Catton sich in diesem Fall freilich voll und ganz auf Jane Austen und deren literarische Vorlage verlassen und tun dies auch bereitwillig, aber eben ohne sich allzu sklavisch daran zu orientieren oder die Möglichkeiten ungenutzt zu lassen, dem Geschehen einen frischen, unverbrauchten Pfiff angedeihen zu lassen. Das beginnt natürlich schon bei der namensgebenden Hauptfigur, die deutlich koketter, aufgeweckter, souveräner wirkt als viele ihrer zeitgeschichtlichen Pendants, worüber man sich in Sachen Wahrheitsgehalt und Geschichtstreue zwar streiten könnte, doch handelt es sich eben vorrangig um eine (freie) Buch-Adaption und eben nicht um einen historischen Abriss, zumal allein durch die charakterliche Ambivalenz und das nuancenreiche Schauspiel von Anya Taylor-Joy (Das Damengambit) die Protagonistin merklich an Tiefe gewinnt und einem trotz charakterlicher Schwächen schnell ans Herz wächst.

Freilich muss man dieser neuen, beinahe schon emanzipiert zu nennenden Version der Figur grundsätzlich aufgeschlossen gegenüber sein, um Spaß an Emma. zu haben, doch dessen unbeirrbare Leichtigkeit und erzählerische Nonchalance wusste zumindest mich sehr schnell für sich einzunehmen, wozu Any Taylor-Joy ihr Übriges beiträgt. Wenn man dem Film überhaupt einen Vorwurf machen will, dann, dass Bill Nighy (Ihre beste Stunde) als Emmas Vater gerne noch deutlich mehr Leinwandzeit hätte spendiert bekommen können, denn wo der britische Mime schon sonst mit seinem exaltierten gehabe begeistert, passen seine Manierismen hier wie die Faust aufs Auge und schaffen einen so liebenswürdigen wie kauzigen Mr. Woodhouse, dass man auch locker ihm allein zwei Stunden lang beim Residieren, Schwadronieren, Flanieren hätte zusehen können. Ergänzt wird der Cast derweil durch eine ganze Riege illustrer Darsteller*innen, doch sollen hier stellvertretend und exemplarisch insbesondere Mia Goth (Das Geheimnis von Marrowbone) als Emmas beste Freundin Harriet, die sich bewusst zurücknimmt, aber mit liebenswerter Flapsigkeit punktet, derweil Johnny Flynn (Die Ausgrabung) einen charmanten wie ironisch angehauchten Mr. Knightley geben darf, dem Emmas Verhalten zunehmend – aus unterschiedlichen Gründen – ein Dorn im Auge ist. Zuletzt darf aber auch Josh O’Connor (Les Misérables) als oft und gerne überbreit grinsender Mr. Elton nicht unerwähnt bleiben, der sich oftmals mit seiner Art als echter Szenendieb erweist und an einer Stelle mit einer unbedachten Äußerung gar eine ganze Abendgesellschaft aufzulösen imstande ist, was nur einer von vielen herrlich schrägen, aber auch ungemein charmanten Momenten in dem zweistündigen Werk ist, das keine Sekunde kürzer hätte sein dürfen.

Szenenbild aus Emma. | © Universal Pictures
© Universal Pictures

Natürlich ist Emma. nicht im klassischen Sinne witzig in dem Sinne, dass man Schenkelklopfer und echte Brüller erwarten würde, zaubert einem aber beinahe unentwegt ein Schmunzeln ins Gesicht und obwohl das so unbeschwert und leicht wirkt, nehmen de Wilde und Catton die von Austen entliehenen Figuren ernst und skizzieren nicht nur gekonnt die Entwicklung von Emma, sondern lassen auch der Romantik Zeit und Raum zur Entfaltung, auch wenn die natürlich im Kontext des historischen Settings zaghaft und keusch, zurückhaltend ausfällt, was die vorsichtig inszenierten Momente mit unauffälligen Blicken und Gesten nur umso besser macht. Selbstredend stützt man sich auch hier auf viele altbekannte Klischees oder zumindest Versatzstücke, die es in so ziemlich jeder Vorlage dieser Couleur geben dürfte, aber es macht gar nichts, dass man sich auch hier in ausladenden Gärten tummelt, Bälle veranstaltet und sich in der Anonymität unübersichtlicher Gebäudekomplexe geflüsterte Nichtigkeiten zuraunt, das gehört schließlich dazu und ist selten so charmant dargebracht wie hier, so dass der Spagat zwischen opulentem Kostümfilm und modern peppig inszeniertem Romantik-Reigen in so ziemlich jedem Moment glückt. Einzig ein wenig mehr Bill Nighy hätte es dann gern noch sein dürfen.

Fazit & Wertung:

Mit Emma. liefert Autumn de Wilde einen charmant und gekonnt inszenierten Kostümfilm ab, der alles andere als verstaubt wirkt, sondern erfrischend augenzwinkernd und bewusst beschwingt, was er insbesondere seinem großartigen Ensemble zu verdanken hat, an deren Spitze sich Anya Taylor-Joy positioniert, dicht gefolgt von einem gewohnt exaltiert aufspielenden Bill Nighy.

9 von 10 romantischen Irrungen und Wirrungen

Emma.

  • Romantische Irrungen und Wirrungen - 9/10
    9/10

Fazit & Wertung:

Mit Emma. liefert Autumn de Wilde einen charmant und gekonnt inszenierten Kostümfilm ab, der alles andere als verstaubt wirkt, sondern erfrischend augenzwinkernd und bewusst beschwingt, was er insbesondere seinem großartigen Ensemble zu verdanken hat, an deren Spitze sich Anya Taylor-Joy positioniert, dicht gefolgt von einem gewohnt exaltiert aufspielenden Bill Nighy.

9.0/10
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Emma. ist am 16.07.2020 auf DVD und Blu-ray bei Universal Pictures erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über einen der Links und unterstützt damit das Medienjournal!

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vgw

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