Review: Die Ausgrabung (Film)

Ein wenig später als üblich kommt hier nun noch meine Film-Kritik zum Wochenende und in der widme ich mich dem jüngst erschienenen Netflix-Film mit Carey Mulligan und Ralph Fiennes.

Die Ausgrabung

The Dig, UK 2021, 112 Min.

Die Ausgrabung | © Netflix
© Netflix

Regisseur:
Simon Stone
Autoren:
Moira Buffini (Drehbuch)
John Preston (Buch-Vorlage)

Main-Cast:
Carey Mulligan (Edith Pretty)
Ralph Fiennes (Basil Brown)
in weiteren Rollen:
Lily James (Peggy Piggott)
Johnny Flynn (Rory Lomax)
Ben Chaplin (Stuart Piggott)
Ken Stott (Charles Phillips)
Archie Barnes (Robert Pretty)
Monica Dolan (May Brown)

Genre:
Biografie | Drama | Historie

Trailer:

 

Inhalt:

Szenenbild aus Die Ausgrabung | © Netflix
© Netflix

Im Jahre 1939 – kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges – glaubt die einsam, aber wohlhabend lebende Witwe Edith Pretty mehr aus einem Gefühl, einer Ahnung heraus, dass sich womöglich auf – beziehungsweise unter – den Hügeln ihrer Ländereien nahe der Küste von Suffolk archäologische Schätze verbergen könnten und so fasst sie sich eines Tages ein Herz, den sich selbst als Ausgräber bezeichnenden Basil Brown zu engagieren, um der Sache auf den Grund zu gehen. Gleichwohl es zu kleineren Unstimmigkeiten kommt, wo genau man mit den Grabungen beginnen sollte, ist ihre Beziehung vom ersten Moment an vom gegenseitigen Respekt und der gemeinsamen Neigung geprägt, der verschollen geglaubten Geschichte früherer Zeiten auf den Grund gehen zu wollen und tatsächlich trügt ihr Gefühl Pretty nicht und Brown macht bald erste Entdeckungen, die allerdings erst den Auftakt bilden zu einem spektakulären Fund, der noch Jahrzehnte später als Teil der Dauerausstellung im British Museum der geneigten Besucherschaft präsentiert werden wird und damit selbst die Gräuel des Zweiten Weltkrieges überdauern wird, ganz davon abgesehen, dass das zutage geförderte Grab bereits seit mehr als tausend Jahren seiner Entdeckung geharrt hat. Doch so spektakulär ihr gemeinsamer Fund auch sein mag, sehen sich Brown und Pretty als Protagonisten ihrer Geschichte schnell zu Statisten degradiert, als Scharen an Archäologen und Würdenträgern des Museums die Fundstelle zu bevölkern beginnen…

Rezension:

Allerorten ist zu lesen, dass Die Ausgrabung ein ausgemacht britischer Film sei und ja, das stimmt, wenn man dann eben nicht an die eigenwillige Exaltiertheit eines BBC-Doctor-Who denken mag, sondern eher an distinguierte Zurückhaltung, eine unaufgeregte Nonchalance, denn davon strotzt der Film tatsächlich, der mit seiner ruhigen, melancholischen Art trotzdem für sich einzunehmen weiß, gleichwohl auch einige vor den Kopf stoßen dürfte, denen es nicht groß, laut und episch genug ist. So ist dieses auf dem Recherche-Roman des Journalisten John Preston beruhende Drama auch weit weniger Historien-Abriss als vielmehr Charakter-Studie geworden, ein leiser Blick auf die Frage nach der Vergänglichkeit und dem Überdauern; Dinge, mit denen sich die beiden Protagonisten aus unterschiedlichen Blickwinkeln konfrontiert sehen. So ist es einerseits der autodidaktische Ausgräber Basil Brown, der hier die Chance sieht, den Fund seines Lebens zu machen, nicht etwa, um dadurch Berühmtheit zu erlangen, sondern aus tiefer Hingabe gegenüber den Geschichten, die uralte Fundstücke zu erzählen wissen, während sich andererseits die Witwe Edith Pretty mit der eigenen Endlichkeit konfrontiert sieht und stumm die unabwendbare Frage stellt, was von ihr bleiben wird, wenn sie nicht mehr ist.

Szenenbild aus Die Ausgrabung | © Netflix
© Netflix

Dabei steht außerfrage, dass aus solch leisen Zwischentönen und der allgemeinen Unaufgeregtheit kein reißerisches Werk im eigentlichen Sinne entstehen kann, doch fangen allein die Naturpanoramen, die oft pragmatisch und kurz gehaltenen Wortwechsel zwischen Brown und Pretty und nicht zuletzt die musikalische Untermalung eine beispiellos einnehmende Atmosphäre vor dem Hintergrund der unwirtlichen Hügel von Sutton Hoo nahe der Küste von Suffolk ein. Ein Clou, sich für das ungleiche Gespann zweier an der Archäologie interessierten Individuen der beiden ausgewiesenen Charakterdarsteller Carey Mulligan (Am grünen Rand der Welt) und Ralph Fiennes (A Bigger Splash) zu versichern, die genau dieses melancholische Gefühl der ländlichen Abgeschiedenheit vor dem Hintergrund des hereinbrechenden Kriegs – der für sich genommen schon als Allegorie für die Vergänglichkeit und Fragilität des Seins taugt – zu vermitteln wissen. Da mag man dann auch gern verzeihen, dass Mulligan mit Mitte dreißig eigentlich viel zu jung für die Rolle der über Fünfzigjährigen Witwe gewesen sein mag. Dennoch scheint auch Drehbuchautorin Moira Buffini – die bereits für die Drehbuchadaption zu Jane Eyre verantwortlich zeichnete – gedeucht zu haben, dass die Geschichte der beiden womöglich nicht reichen würde, einen Spielfilm damit zu füllen und so kommt es nach rund der Hälfte des Films zu einem überraschenden, wenn auch gleichermaßen unaufgeregten Paradigmenwechsel, wenn die Außenwelt sich in und um Sutton Hoo breitzumachen beginnt, was hier in Gestalt eines ganzen Archäologen-Teams geschieht, die Brown und Pretty sowohl dramaturgisch als auch erzählerisch ins Hintertreffen geraten lassen.

Dabei will ich nicht behaupten, dass diese zweite Filmhälfte schlecht wäre oder dem Werk nachhaltig schaden würde, zumal hier beispielsweise Lily James (Deine Juliet) als Peggy Piggott überhaupt erst zum Geschehen stößt, doch während sich Die Ausgrabung bis dahin selbstbewusst der eigens inszenierten Melancholie hingegeben hat, wird es hier erzählerisch weitaus generischer und auch merklich melodramatischer, denn wenn schon die Geschichte der beiden Hauptfiguren keine Romanze hergibt, muss man die eben anderweitig im Film unterbringen, dachte man wohl so bei sich, und bringt daher das unglückliche Ehepaar Piggott ins Spiel. Immerhin gibt es hier auch eine Verbindung zu den realen Geschehnissen dahingehend, dass es sich bei dem späteren Roman-Verfasser Preston um einen Neffen von Peggy Piggott gehandelt hat. Das macht allerdings weniger wett, dass man hier für die letzte Dreiviertelstunde ein ganzes Konsortium an neuen Figuren einführt, die natürlich der Natur der Sache nach nur unzureichend beziehungsweise selektiv ausgearbeitet werden können, was eben vorrangig für Peggy und deren Ehemann, den von Ben Chaplin (London Boulevard) verkörperten Stuart gilt, der weniger Augen für seine Frau als für die weitere (männliche) Belegschaft des Ausgrabungs-Teams hat.

Szenenbild aus Die Ausgrabung | © Netflix
© Netflix

Das macht aus Die Ausgrabung ein Stück weit ein zweischneidiges Schwert und ich hätte es durchaus begrüßt, wenn Tonfall und Inszenierung der Erzählung auch in der zweiten Hälfte dem eingangs präsentierten Flair gefolgt wären, auch wenn das hieße, Gefahr zu laufen, dass die Erzählung so womöglich kaum mehr als eine Stunde gedauert hätte. Nichtsdestotrotz folgt man dem Geschehen auch weiterhin bereitwillig – so man sich denn grundsätzlich mit der entschleunigten und beinahe betulichen, ein Stück weit farbentsättigten Form des Storytellings anfreunden kann – zumal natürlich die nach Sutton Hoo gelangenden Figuren auch auf der Meta-Ebene dazu beitragen, zu spüren, wie Brown und Pretty an den Rand dessen gedrängt werden, was sie selbst initiiert haben. Wenn denn dann nur nicht einige der Handlungsstränge so generisch und melodramatisch geraten wären, könnte man immer noch von einem ausgezeichneten Film sprechen, doch dem Umstand geschuldet, dass hier der eigentliche Fund mehr denn je ins Hintertreffen gerät und letztlich wie ein MacGuffin wirkt, um die Vertreter des British Museum nach Sutton Hoo zu locken, trübt das Gesamtbild dann schon ein wenig, auch wenn ich nicht behaupten könnte, dass dieses bewusst altmodisch, aber nie langweilig erzählte Drama mich zu irgendeinem Zeitpunkt wirklich enttäuscht hätte.

Fazit & Wertung:

Simon Stone adaptiert mit Die Ausgrabung den gleichnamigen, auf Tatsachen beruhenden Roman von John Preston, doch während er die eigentliche Story quasi wortgetreu umsetzt, reichert er sie mit insbesondere in der zweiten Hälfte mit dramaturgischem Freigeist an, was der bis dahin unumwunden überzeugenden Geschichte nicht immer gut tut, da hier doch einige Klischees bedient und melodramatische Momente heraufbeschworen werden, die es nicht gebraucht hätte, um aus diesem Historien-Abriss einen sehenswerten Film zu machen, der mit seiner melancholischen Grundnote und insbesondere dank Mulligan und Fiennes in den Hauptrollen schnell zu fesseln weiß.

7,5 von 10 archäologischen Funden aus längst vergangener Zeit

Die Ausgrabung

  • Archäologische Funde aus längst vergangener Zeit - 7.5/10
    7.5/10

Fazit & Wertung:

Simon Stone adaptiert mit Die Ausgrabung den gleichnamigen, auf Tatsachen beruhenden Roman von John Preston, doch während er die eigentliche Story quasi wortgetreu umsetzt, reichert er sie mit insbesondere in der zweiten Hälfte mit dramaturgischem Freigeist an, was der bis dahin unumwunden überzeugenden Geschichte nicht immer gut tut, da hier doch einige Klischees bedient und melodramatische Momente heraufbeschworen werden, die es nicht gebraucht hätte, um aus diesem Historien-Abriss einen sehenswerten Film zu machen, der mit seiner melancholischen Grundnote und insbesondere dank Mulligan und Fiennes in den Hauptrollen schnell zu fesseln weiß.

7.5/10
Leser-Wertung 9/10 (1 Stimme)
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Die Ausgrabung ist seit dem 29.01.21 exklusiv bei Netflix verfügbar.

vgw

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