Review: Taboo | Staffel 1 (Serie)

Für meinen persönlichen Anspruch zwar immer noch wenigstens eine Woche zu spät dran, kommt hier jetzt endlich – und dafür umso ausführlicher und reich bebildert – mein Artikel zu der frisch veröffentlichten Ausnahmeserie Taboo – von und mit Tom Hardy, der selten besser war als hier, aber lest selbst.

Taboo
Staffel 1

Taboo, UK 2017-, ca. 55 Min. je Folge

Taboo | © Concorde
© Concorde

Serienschöpfer:
Steven Knight
Tom Hardy
Chips Hardy
Ausführende Produzenten:
Tom Hardy
Ridley Scott
Liza Marshall
Kate Crowe
Dean Baker
Steven Knight
Tom Lesinski

Main-Cast:
Tom Hardy (James Keziah Delaney)
Leo Bill (Benjamin Wilton)
Jessie Buckley (Lorna Bow)
Oona Chaplin (Zilpha Geary)
Mark Gatiss (Prince Regent)
Stephen Graham (Atticus)
Jefferson Hall (Thorne Geary)
David Hayman (Brace)
Edward Hogg (Godfrey)
Michael Kelly (Dumbarton)
Jonathan Pryce (Sir Stuart Strange)
Jason Watkins (Solomon Coop)
Nicholas Woodeson (Robert Thoyt)
in weiteren Rollen:
Edward Fox (Horace Delaney)
Franka Potente (Helga)
Ruby-May Martinwood (Winter)
Scroobius Pip (French Bill)
Fiona Skinner (Brighton)
Christopher Fairbank (Ibbotson)
Richard Dixon (John Pettifer)
Roger Ashton-Griffiths (Abraham Appleby)
Tom Hollander (Cholmondeley)
Marina Hands (Countess Musgrove)
Danny Ligairi (Martinez)
Lucian Msamati (George Chichester)
Louis Ashbourne Serkis (Robert)

Genre:
Drama | Historie | Mystery

Trailer:

 

Inhalt:

Szenenbild aus Taboo | © Concorde
© Concorde

London 1814: Zehn Jahre nach seinem Verschwinden kehrt der totgeglaubte James Keziah Delaney pünktlich zum Dahinscheiden seines Vaters in die Heimat zurück und meldet prompt seine Ansprüche am Erbe des Verstorbenen an, was Delaneys Halbschwester Zilpha nicht halb so sehr stört wie der ambitionierten Ehemann Thorne Geary. Dieser Widerstände ungeachtet macht es sich Delaney zunächst in dem Anwesen seines Vaters bequem und schickt sich an, die alte Schifffahrtsgesellschaft der Familie wieder in Betrieb zu nehmen. Doch Delaney wird London noch einiges an Ungemach bereiten, denn zu der Erbmasse zählt auch ein von seinem Vater den Indianern abgekauftes Landstück mit Namen Nootka Sound, das seiner strategischen Lage nach sowohl das Interesse der East India Company als auch der britischen Krone weckt. Den großzügigen Angeboten zum Trotz will Delaney aber mitnichten verkaufen und weiß sehr wohl um die Bedeutung des Landes, womit er sich prompt zwei mächtige Gegner schafft, während alsbald auch die Amerikaner an ihn herantreten, ist Nootka Sound für sie schließlich von nicht minder großer Bedeutung. Delaney allerdings versteht sich vorzüglich darauf, die Parteien nicht nur gegeneinander auszuspielen und seine eigenen Ziele zu verfolgen, sondern auch, sich mit einem mystifizierenden Ruf zu umgeben, denn bald machen Gerüchte die Runde, er stünde mit der Geisterwelt in Kontakt, könne in die Köpfe der Menschen sehen und gemessen an seiner Weitsicht und seinem Scharfsinn scheint es tatsächlich oft so, als wisse Delaney mehr, als ihm möglich sein dürfte. So viel verborgenes Wissen er aber auch erworben haben mag, ist es doch zuvorderst seine eigene Vergangenheit, um die sich mehr als nur ein paar Geheimnisse ranken…

Rezension:

Nachdem nun die BBC One Serie Taboo seit Ende März Amazon Prime zum Dank bereits über die Bildschirme flimmert und nun seit dem vorgestrigen Tag auch auf DVD und Blu-ray den Einzug im Heimkino halten kann, wird es Zeit, mich dieser un- wie außergewöhnlichen Historienserie einmal ausgiebiger zu widmen, deren größtes Rätsel es mitunter sein dürfte, welchem Genre man sie denn überhaupt zurechnen sollte, denn auch wenn es sich vordergründig um ein historisches Drama handeln mag, wirken hier doch viele Aspekte von Geister- und Mystery-Geschichten mit hinein, ohne dass man tatsächlich die Anwesenheit einer übersinnlichen Macht postulieren könnte, denn in der Beziehung bleibt die Serie erfreulich vage und lässt selbst die handelnden Figuren Fragen aufwerfen, die genau auf die Diskrepanz dessen abzielen, was Hauptfigur James Delaney zu verkörpern vorgibt, denn man weiß nie genau, ob es Hirngespinste und drogeninduzierte wie gleichsam aus traumatischen Ereignissen erwachsene Alpträume sind, die ihn umtreiben, oder ob er wirklich in Kontakt mit einer Art Geisterwelt steht. Dergestalt allein schon beschreitet Taboo entsprechend einen ungewohnten Weg und kommt ungleich düsterer und fatalistischer daher als vergleichbare Historienserien wie man sie insbesondere von der BBC gewohnt sein dürfte.

Szenenbild aus Taboo | © Concorde
© Concorde

Ausgehend von der Hauptfigur ist auch das ihn umgebende London des Jahres 1814 ungemein trist und dreckig, bedrohlich, heruntergekommen und düster gehalten, wohingegen im krassen Gegensatz dazu natürlich die Räumlichkeiten der East India Company wie auch des Prinz-Regenten an Pomp und Opulenz kaum zu überbieten sind, was allein schon optisch eine immense Kluft suggeriert, wenn man sich dabei vor Augen führt, dass die gesamte Handlung in ein und derselben Stadt zu verorten ist. Klipp und klar auf den Punkt gebracht, sieht man der Staffel schlichtweg an, dass sie die immense Summe von 10 Millionen Pfund verschlungen hat, denn Ausstattung, Kostüme, Set-Design und Effekte rangieren auf höchstem Niveau und auch hier ist das Prädikat einer filmreifen Inszenierung nicht von der Hand zu weisen, wobei zugegebenermaßen Freunde "klassischer" Kostüm-Dramen wie jüngst Victoria – "nur" 23 Jahre später angesiedelt, aber die Kluft ist immens – hier eher nicht auf ihre Kosten kommen, denn auch wenn Taboo sicherlich vorrangig als Drama daherkommt, geht es hier doch auch schon mehrfach heftiger zur Sache und prunkvoll wird es eigentlich nur bei den "Bösen", wenn man sich darauf einlassen kann, den bewusst ambivalent wie undurchsichtig-skrupellos als Antiheld inszenierten Delaney als "Guten" zu akzeptieren, was mehr als schwer fallen dürfte bei so einigen Aktionen seiner Figur.

So lebt diese Serie von ihren Grauschattierungen und im Grunde ist niemand frei von Schuld, wie auch Delaney selbst postuliert, denn der scharrt schon nur bewusst Leute um sich, die seiner Ansicht nach die Verdammnis verdient hätten. Nun ist der Name Delaney ja schon mehrfach gefallen und folglich wird es allerhöchste Zeit, einmal Serienschöpfer und Hauptdarsteller Tom Hardy zu loben, denn mit welch immenser, nicht nur physischer Präsenz er hier den düster dräuenden Delaney gibt ist einfach ganz großes Kino und vom ersten Moment an schlägt diese ungemein vielschichtige und doch so undurchschaubar bleibende Figur in ihren Bann, irritiert und erschreckt, fasziniert in jedem Moment, völlig gleich, ob er den nächsten Coup seines scheinbar bis in die kleinsten Details geplanten Rachefeldzugs gegen die East India Company plant, von der Heimsuchung von Geistern und speziell seiner Mutter fabuliert oder in fremden Zungen redet und dem Gefühl nach schamanistische Rituale praktiziert (derweil es sich bei den "fremden Zungen" eigentlich um Twi handelt, einen aus Westafrika stammenden Dialekt der Akan, wie die IMDb verrät). Entsprechend meiner Begeisterung für seine Rolle ist auch schon klar, wie mir die Serie grundsätzlich gefallen hat, denn obgleich es noch viele weitere handelnde Figuren gibt, auf die ich auch gerne noch zu sprechen kommen möchte, steht und fällt Taboo im Grunde mit der Akzeptanz und der eigenen Meinung zu Hauptfigur Delaney, auf deren Schultern des gesamte, nicht gerade überschaubare Story-Konstrukt ruht. Entsprechend der verschachtelten und vielschichtigen Ausgestaltung der Geschichte muss man sich aber auch darüber im Klaren sein, dass die erste Folge Episode 1 (1.01) im Grunde kaum mehr als einen mehr als fünfzigminütigen Teaser darstellt, denn so richtig begreifen kann man hier noch nicht so viel und bleibt im Grunde selbst bezüglich der eigentlichen Handlung der Geschichte, geschweige denn der Beweg- und Hintergründe zu Delaney Rückkehr im Dunkeln, wobei sich dieser Nebel auch erst im Verlauf der insgesamt achtteiligen Staffel langsam auflösen wird.

Szenenbild aus Taboo | © Concorde
© Concorde

Diesbezüglich allerdings hat mir auch sehr gut gefallen, dass man hier als Zuschauer weder bevormundet noch für dumm gehalten wird, so dass viele Zusammenhänge nicht bis ins letzte Detail erklärt werden oder auch nur müssten und sich aus dem Gezeigten wie nebenbei erschließen, was die Annahme einer gewissen Mündigkeit suggeriert, die mir doch in vielen Serien oft zu kurz kommt, wenn dann noch das letzte Quäntchen Überraschungsmoment bis zum Erbrechen zerredet wird, damit es auch der letzte Idiot versteht. So braucht man sich angesichts der beinahe Horrorfilm-artigen Traum-Einsprengsel gar keine allumfassende Auflösung erwarten, weiß zum Ende der Staffel aber trotzdem explizit, welche Geister im wortwörtlichen wie übertragenen Sinne Delaney umtreiben. Doch auch ansonsten bleibt einiges im Verborgenen, wie allein schon Delaneys fragwürdige "Kräfte", was natürlich der bereits angekündigten zweiten Staffel sehr zugute kommt, bei der ich zugegebenermaßen ein wenig skeptisch bin, denn die Geschichte wird hier zu einem doch überraschend runden und in vielen Belangen endgültigen Abschluss gebracht, weshalb auch diesmal erst die Zeit wird zeigen können, ob man Taboo nicht besser als in sich geschlossene Miniserie hätte belassen sollen. In dieser Hinsicht allerdings lässt Serienschöpfer und Drehbuchautor Steven Knight hoffen, der angedeutet hat, einen großen Plan zu verfolgen und entsprechend wissen dürfte, wohin die Reise geht, so dass die sich derzeit in Produktion befindliche zweite Staffel eben nicht wie künstlich drangezimmert wirkt, sondern ein hoffentlich homogenes Bild zeichnet.

Szenenbild aus Taboo | © Concorde
© Concorde

Apropos Steven Knight, hat er zwar die Serie mit konzipiert, doch die Idee zu Taboo stammt von Tom Hardy sowie dessen Vater Edward "Chips" Hardy (der sich bei Episode 6 (1.06) ebenfalls am Drehbuch beteiligt hat) und die Geschichte geht, dass Knight eingewilligt habe, die Drehbücher zu verfassen, wenn Hardy Jr. Im Gegenzug die Rolle in No Turning Back übernimmt, was er – wie wir ja alle wissen – auch getan hat. Von dem Traum-Trio Hardy, Hardy, Knight aber einmal abgesehen, wusste man sich für die Serie auch einiger hochkarätiger Darstellerinnen und Darsteller zu versichern und während die aus Game of Thrones bekannte Oona Chaplin als Delaneys Halbschwester Zilpha zu überzeugen versteht und im Laufe der Staffel eine mehr als interessante Wandlung durchläuft, derweil auch für einige der verstörendsten Szenen verantwortlich zeichnet, haben es mir speziell David Hayman als Delaneys Hausdiener Brace sowie Jessie Buckley als Lorna Bow schnell angetan gehabt, zumal ich bei Buckleys Part schon das Schlimmste befürchtete, tritt selbige schließlich überraschend als Frau von Delaneys Vater in Erscheinung und meldet unerwartete Erbansprüche an, was in der Grundtonalität einem doch ziemlich ausgelutschten Klischee entspricht, doch sie mausert sich tatsächlich zu einer sehr sympathischen und überzeugenden Figur.

Szenenbild aus Taboo | © Concorde
© Concorde

Davon abgesehen sind es aber speziell die vornehmlich Bösen, allen voran Jonathan Pryce (In guten Händen) als Stuart Strange sowie Jason Watkins als Solomon Coop, die mit ihren charismatisch-durchtrieben ausgestalteten Figuren eine Abart von Sympathie erzeugen, während ich persönlich mich auch sehr über die Beteiligung von Steven Graham gefreut habe, den ich schon als Al Capone in Boardwalk Empire sehr gemocht habe. Eine letzte große, regelrechte Überraschung aber ist der weithin nicht nur als Mycroft Holmes bekannte Mark Gatiss (Sherlock) in der Rolle des Prince Regent, denn der ist tatsächlich kaum bis gar nicht wiederzuerkennen und gibt eine regelrecht verstörende Erscheinung ab. Dergestalt könnte ich noch lange weiter machen, würde mich an dieser Stelle aber damit begnügen, zumindest noch Franka Potente erwähnt zu haben, die hier als gebürtig aus Deutschland stammende Helga in reichlich desolatem Zustand in Erscheinung tritt und überraschend gut in der ungewohnten Rolle funktioniert, wenn diese auch letztlich weit weniger Bewandtnis hat, als man das vielleicht zunächst meinen würde. Nicht zuletzt der Besetzung wegen ist Taboo in der Summe meines Erachtens nach eine überaus lohnenswerte und überzeugend produzierte Serie, die zwar mit allerhand Genre-Versatzstücken kokettiert, dabei aber auch jederzeit den vielschichtig-durchdachten Plot vorantreibt und eine in meinen Augen ziemlich einzigartige Mischung offeriert, die zwar insbesondere aufgrund des düsteren Looks, der zuweilen eher behäbigen Erzählweise und dem fordernden Geschichtskonstrukt nicht überall auf Gegenliebe stoßen wird, dem einen zu sehr Drama, dem anderen zu sehr Horror, wieder anderen schlichtweg zu undurchsichtig ist, doch wer solch ungewöhnlichen Projekten etwas abgewinnen kann und bereit ist, sich auf diese Mär von Historiendrama zu begeben, der sollte mit bester Meinung aus der Sache herausgehen, nicht zuletzt deshalb, weil man nicht nur Hardy zu jedem Moment das Herzblut anmerkt, das er in diese Geschichte hat fließen lassen.

Fazit & Wertung:

Die von Tom und Chips Hardy gemeinsam mit Steven Knight konzipierte und produzierte erste Serienstaffel von Taboo kommt zunächst wie ein reichlich düsteres Historiendrama daher, doch die zunehmenden Horror-Elemente und der Hauch des Übersinnlichen, ebenso wie der sich gemächlich entfaltende Rache-Plot um den mysteriösen, von Tom Hardy verkörperten James Delaney machen aus der BBC-Produktion ein ganz und gar einzigartiges, ungemein atmosphärisches Projekt, das mit kaum etwas zu vergleichen sein mag, in Anbetracht der inszenatorischen Qualität aber auch keinerlei Vergleich scheuen bräuchte.

9 von 10 alptraumhaften Visionen und Erinnerungsfetzen

Taboo | Staffel 1

  • Alptraumhafte Visionen und Erinnerungsfetzen - 9/10
    9/10

Fazit & Wertung:

Die von Tom und Chips Hardy gemeinsam mit Steven Knight konzipierte und produzierte erste Serienstaffel von Taboo kommt zunächst wie ein reichlich düsteres Historiendrama daher, doch die zunehmenden Horror-Elemente und der Hauch des Übersinnlichen, ebenso wie der sich gemächlich entfaltende Rache-Plot um den mysteriösen, von Tom Hardy verkörperten James Delaney machen aus der BBC-Produktion ein ganz und gar einzigartiges, ungemein atmosphärisches Projekt, das mit kaum etwas zu vergleichen sein mag, in Anbetracht der inszenatorischen Qualität aber auch keinerlei Vergleich scheuen bräuchte.

9.0/10
Leser-Wertung 9/10 (1 Stimme)
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Meinungen aus der Blogosphäre:
Singende Lehrerin: "Unbedingt sehenswert"

Episodenübersicht: Staffel 1

01. Episode 1 (8,5/10)
02. Episode 2 (8,5/10)
03. Episode 3 (8,5/10)
04. Episode 4 (9/10)
05. Episode 5 (9/10)
06. Episode 6 (9/10)
07. Episode 7 (9,5/10)
08. Episode 8 (9,5/10)

 

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Taboo | Staffel 1 ist am 13.04.17 auf DVD und Blu-ray im Vertrieb von Concorde erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über einen der Links und unterstützt damit das Medienjournal!

DVD:

Blu-ray:

  • Singende Lehrerin

    Danke, danke, danke! Jetzt habe ich etwas weniger das Gefühl, dass ich die Serie nur aus „niederen Beweggründen“ so fesselnd fand! 😀 Toll, dass Hardy als Delaney auch dich so in seinen Bann gezogen hat! :-)

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