Review: Slow West (Film)

Anstrengende Tage liegen hinter mir, doch wenn ihr dies lest, bedeutet das auch, dass das Überwachungs-Audit in Sachen Qualitätsmanagement bei uns in der Firma wieder hinter uns liegt und ich langsam aufatmen kann, zumal sich ja bereits ein langes Wochenende am Horizont abzeichnet, obwohl erst Dienstag ist, was mich vergleichsweise wohlgestimmt in die erste Film-Kritik der Woche überleiten lässt, zumal mir das Werk als solches auch überraschend gut gefallen hat.

Slow West

Slow West, UK/NZ 2015, 84 Min.

Slow West | © Prokino/EuroVideo
© Prokino/EuroVideo

Regisseur:
John Maclean
Autor:
John Maclean

Main-Cast:
Kodi Smit-McPhee (Jay Cavendish)
Michael Fassbender (Silas Selleck)
in weiteren Rollen:
Ben Mendelsohn (Payne)
Caren Pistorius (Rose Ross)
Rory McCann (John Ross)

Genre:
Western

Trailer:

 

Inhalt:

Szenenbild aus Slow West | © Prokino/EuroVideo
© Prokino/EuroVideo

Nachdem die von ihm angebetete Rose die schottischen Highlands überstürzt hat verlassen müssen und nach Amerika gereist ist, steht für Jay Cavendish fest, ihr folgen zu müssen und ihr Herz zu erobern. Dumm nur, dass der junge Mann mit seiner naiv-gutmütigen Art im wortwörtlich wilden Westen regelrecht verloren scheint. Da ist es beinahe Glück im Unglück, als ihm eines Tages der undurchsichtige Silas Selleck begegnet, der ihm seine Hilfe – gegen Entlohnung, versteht sich – geradezu aufzwingt. Widerwillig nimmt Jay die "Hilfe" an, doch Silas hat noch ganz andere Pläne, steht auf Rose‘ Kopf schließlich eine nicht unbeträchtliche Belohnung…

Rezension:

Im Grunde hatte ich Slow West ja lediglich aufgrund der Beteiligung von Michael Fassbender auf dem Schirm, aber dass ich dieser Art Neo-Western nicht abgeneigt bin, zeigte ja schon meine Euphorie für beispielsweise The Salvation, weshalb ich entsprechend gespannt war auf John Macleans Spielfilm-Regie und Drehbuch-Debüt mit dem nur allzu passenden Titel, denn ja, es geht westwärts und das langsam, durch den Wilden Westen. Entsprechend weiß man dem Grundsatz nach schon im Vorfeld, was einen erwartet und bekommt auch genau das geliefert, wenn ich auch nicht mit der offensiv vorangetriebenen Dekonstruktion des romantisch verklärten Weste(r)n gerechnet hätte, denn auch wenn man über zahlreiche wunderschöne Landschaftsaufnahmen stolpert, in denen Neuseeland ganz wunderbar das frühere Colorado zu doubeln versteht, hat es hier doch weder Duelle zu High-Noon oder einen aufrechten Sheriff, dafür lediglich allerhand durchtriebene, mehr oder weniger verkommene Gestalten und mittendrin einen romantisch ebenso verklärten Jüngling, der auf der Suche nach seiner Geliebten von Schottland aus ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten aufgebrochen ist und nun auf die harte Tour lernen darf, dass er mit seiner naiv-gutgläubigen Art auf diesem rauen Pflaster nicht allzu weit kommt.

Szenenbild aus Slow West | © Prokino/EuroVideo
© Prokino/EuroVideo

Entsprechend kommt es Hauptfigur Jay Cavendish – dessen naive Art ganz wunderbar von Kodi Smit-McPhee (Young Ones) und dessen vertrauensvollem Hundeblick eingefangen wird – sehr zupass, als sie recht bald dem undurchsichtigen Silas Selleck begegnet, den wiederum Michael Fassbender (Macbeth) entsprechend bärbeißig, wortkarg und unterschwellig zornig zu verkörpern versteht, was ein ungewöhnliches Team-Up ergibt, das sich ansonsten aber ganz den Regeln des Genres verschreibt, so dass einerseits allerhand Reibereien aus der unterschiedlichen Weltsicht der beiden Gestalten generiert werden, die sich aber auch in Slow West nach und nach zu schätzen lernen. Gemeinsam geht es eine gute Stunde lang westwärts, bevor der Film mit seinen insgesamt kaum über achtzig Minuten schon in Richtung Finale schielt, doch bis dahin hat es allerhand Begegnungen am Wegesrand, die mal mehr, mal weniger miteinander verknüpft, das stimmige Gesamtbild einer beschwerlichen Reise ergeben.

Hinsichtlich dieser Begegnungen muss natürlich Ben Mendelsohn (Lost River) als schmieriger Payne gesondert erwähnt werden, denn auch diese Rolle des skrupellosen Banditen scheint ihm wie auf den Leib geschrieben, was erneut die These stützt, dass dieser Mann schlichtweg alles spielen kann. Besagte Angebetete wiederum, die von Caren Pistorius gespielte Rose, kommt erst – befinden wir uns schließlich auf der Suche beziehungsweise auf dem Weg zu ihr – im letzten Drittel des Films zum Tragen und taucht ansonsten allenthalben in kurzen Rückblenden und Traumsequenzen auf, die das ansonsten schnell eintönig wirken könnende Setting gekonnt immer wieder aufbrechen und gleichzeitig das Thema des Films untermauern, denn ließe man diesen romantischen oder besser romantisierenden Aspekt des Films beiseite, würde es sich schließlich nur noch um eine wenig zielführende Irrfahrt durch die Wildnis handeln.

Szenenbild aus Slow West | © Prokino/EuroVideo
© Prokino/EuroVideo

Diese Reise wiederum funktioniert gerade deshalb so gut, weil Maclean immer wieder großartige Sequenzen gelingen, die er mit Einfallsreichtum und viel Liebe zur Inszenierung zu ungemein stimmigen Miniaturen hochzustilisieren weiß, ob eine Begegnung nun mehrere Minuten oder nur eine kurze Einstellung umfasst. Gemäß dem Titel Slow West ist die Erzählweise aber auch die meiste Zeit regelrecht entschleunigt und wer sich einen beinharten Western voller schießwütiger Banditen erhofft, dürfte bei solcherlei Erwartungshaltung schnell enttäuscht sein oder werden, auch wenn es selbstredend auch hier mehrfach zum Schusswaffengebrauch kommt und später der Body-Count sukzessive hochgetrieben wird, wobei sich die rohe Urgewalt eben auch hier erst gegen Ende wirklich Bahn bricht, dann dafür aber kein Halten mehr kennt und mit einem mehr als ungewöhnlichen, weil in dieser Ausgestaltung doch sehr unerwarteten Ende daherkommt, das ich aber selbstredend nicht spoilern möchte, um euch nicht den Spaß an dem Film zu vermiesen, so ihr denn einen Blick riskieren möchtet, was ich euch, wenn ihr (Neo-)Western auch nur ein wenig abzugewinnen wisst, nur empfehlen kann.

Fazit & Wertung:

Mit seinem Spielfilmdebüt Slow West liefert John Maclean einen zwar sicherlich kaum massentauglichen, aber ungemein stimmig und selbstbewusst inszenierten Western ab, der einerseits mit seinen sorgsam gewählten Darstellern als auch andererseits mit deren ambivalenter Ausgestaltung zu punkten weiß und in ein stilsicher inszeniertes Finale mündet, das nach kaum mehr als achtzig Minuten den Film zu einem nicht minder überzeugenden Ende kommen lässt.

8 von 10 unwahrscheinlichen Begegnungen inmitten der Wildnis

Slow West

  • Unwahrscheinliche Begegnungen inmitten der Wildnis - 8/10
    8/10

Fazit & Wertung:

Mit seinem Spielfilmdebüt Slow West liefert John Maclean einen zwar sicherlich kaum massentauglichen, aber ungemein stimmig und selbstbewusst inszenierten Western ab, der einerseits mit seinen sorgsam gewählten Darstellern als auch andererseits mit deren ambivalenter Ausgestaltung zu punkten weiß und in ein stilsicher inszeniertes Finale mündet, das nach kaum mehr als achtzig Minuten den Film zu einem nicht minder überzeugenden Ende kommen lässt.

8.0/10
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Slow West ist am 03.12.15 auf DVD und Blu-ray bei Prokino im Vertrieb von EuroVideo erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über einen der Links und unterstützt damit das Medienjournal!

DVD:

Blu-ray:

  • Friedl

    Gibts eigentlich schon ein hübsches Profil von Ben Mendelsohn aus deiner Hand?

    • Friedl

      Portrait sollte es eigentlich heißen…

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