Review: The Shape of Water | Guillermo del Toro | Daniel Kraus (Buch)

Ich habe ja schon wieder ein ganz großartiges Buch gelesen und insbesondere wer sich jetzt denkt, dass er ja schon den Film gesehen hat und jetzt nicht auch noch das Buch braucht, sollte unbedingt weiterlesen. Aber hey was erzähle ich, alle anderen natürlich auch.

The Shape of Water

The Shape of Water, USA 2018, 432 Seiten

The Shape of Water von Guillermo del Toro & Daniel Kraus | © Droemer Knaur
© Droemer Knaur

Autoren:
Guillermo del Toro
Daniel Kraus
Übersetzerin:
Kerstin Fricke

Verlag (D):
Droemer Knaur
ISBN:
978-3-426-52307-0

Genre:
Fantasy | Drama | Romantik

 

Inhalt:

Auf Geheiß von General Hoyt von der US Army begibt sich Richard Strickland 1963 in den tiefsten Amazonas, um Jagd auf ein amphibienartiges, doch gleichzeitig humanoides Wesen zu machen, dass als "Deus Branquia" fest in der dortigen Folklore verankert ist. Nach einer regelrechten Odyssee durch den Dschungel gelingt es ihm auch tatsächlich, das vermeintlich letzte Wesen seiner Art zu fangen und in ein Wissenschaftslabor in Amerika zu überführen. Dort arbeitet auch die stumme Elisa als Putzfrau und durch einen Fehler in den Schichtplänen von ihr und ihrer Freundin Zelda sind die beiden zugegen, als der Deus Branquia eintrifft, auch wenn er in dem Behältnis nicht zu sehen ist. Doch Elisas Interesse ist geweckt und alsbald kommt sie dahinter, was sich im Raum F1 verbirgt. Zwischen der jungen Frau und dem exotischen Wesen entspinnt sich eine Art Freundschaft, während sie ihm die Gebärdensprache beibringt. Strickland allerdings ist nach einem Vorfall weit weniger gut auf das Wesen zu sprechen, ahnt zum Glück aber nichts von Elisas nächtlichen Besuchen bei dem Amphibienwesen…

Rezension:

Derweil ich Guillermo Del Toros The Shape of Water noch nicht gesehen habe, hält mich natürlich niemand davon ab, mich dem jüngst bei Knaur erschienenen, gleichnamigen buch aus der Feder von Daniel Kraus zu widmen, zumal man ja immer besser mit der Buch-Vorlage startet, bevor man sich der Film-Adaption widmet. Doch Halt, handelt es sich überhaupt um Vorlage und Adaption oder ist das Buch auf Basis des Films entstanden? Tatsächlich verhält es sich hier ganz anders und weitaus spannender, denn während del Toro auf Basis der Plot-Idee von Kraus seinen Film zu kreieren begonnen hat, hat Kraus sich an die Verschriftlichung seiner Gedanken begeben, derweil die beiden in regem Austausch gestanden haben und gleichzeitig jeder sein eigenes Süppchen gekocht hat. So gleichen sich die grundsätzliche Idee und sicherlich auch weite Teile des Plots, derweil del Toro und Kraus ihre jeweiligen Werke durchaus als eigenständig betrachten, was ich nicht nur für eine sehr spannende Herangehensweise halte, sondern auch für einen Punkt, welcher der Buch-Fassung deutlich mehr Relevanz verleiht, als hätte der Autor hier lediglich die Filmhandlung nacherzählt.

In diesem Traum hat sie sich unglaublich lebendig gefühlt, aber jetzt ist sie ebenso träge wie die Eier, die auf einem Teller abkühlen. Auch hier im Schlafzimmer hängt ein Spiegel, doch sie schaut lieber nicht hinein. Nur für den Fall, dass ihre Ahnung sich bewahrheitet und sie tatsächlich unsichtbar ist.

Das Buch eröffnet dann auch prompt mit der Einführung des Quasi-Antagonisten Strickland, der sich im Amazonas auf der Suche nach dem Deus Branquia, dem Kiemengott befindet, während uns kurz darauf auch die stumme Elisa präsentiert wird, die ihres Zeichens Hauptfigur der Geschichte und Ankerpunkt des sich später entspinnenden romantischen Tête-à-Tête ist. Zunächst ungewöhnlich, ist die Geschichte von The Shape of Water im Präsens verfasst, was durchaus einige Seiten benötigt, um in die Story zu finden, doch gelingt Kraus dadurch in weiterer Folge auch eine ungewöhnliche Unmittelbarkeit der jeweiligen Situation, so dass man sich stets ganz nah bei den Figuren wähnt, derer es im weiteren Verlauf noch einige mehr gibt wie etwa Stricklands Frau Lainie, die hier – so viel habe ich zumindest schon mitbekommen – eine deutlich größere Rolle als im Film innehat sowie Elisas homosexueller Nachbar Giles, seines Zeichens Künstler und eine Seele von Mensch, der ebenfalls im weiteren Verlauf so seine Kapitel spendiert bekommt. Ausgehend von also gerade einmal zwei Figuren in parallel verlaufenden Handlungssträngen, erweitert Kraus das Konsortium sukzessive, während sich natürlich alsbald auch unweigerlich die Wege von Strickland und Elisa kreuzen.

Ein wenig gedulden hingegen muss man sich, was die Präsenz des Deus Branquia selbst anbelangt, denn der ist zunächst nur dem Hörensagen nach Teil der Handlung, was seine spätere Rolle aber nur umso eindrucksvoller macht. Fernab des Ansatzes aber, die zunächst zaghafte Annäherung zwischen einer stummen Frau und einem einer Fabel entsprungenen Amphibienwesen zu erzählen, punktet The Shape of Water aber vorrangig damit, sich nicht so leicht in eine Schublade pressen zu lassen, so dass man zwar ohne Weiteres von einer Liebesgeschichte sprechen kann, es aber gleichwohl mit einem Mystery-Thriller zu tun bekommt, während das Verhalten gegenüber dem Deus Branquia wie auch die Rolle der stummen Elisa und des homosexuellen Giles ausgiebig genutzt werden, um Themen und Ansätze wie gegenseitige Akzeptanz, die Bedeutung von Andersartigkeit und natürlich Ausgrenzung, Rassismus und Klassendenken zu behandeln, was der märchenhaften wie gleichwohl sehr erwachsenen Erzählung eine lohnenswerte, tiefere Ebene verleiht. Überhaupt gelingt es Kraus im Kontext seiner nur auf den ersten Blick überschaubaren Erzählung, wie nebenbei noch ein Sittengemälde der 1960er zu skizzieren, das sich vor vergleichbaren Werken ohne "fantastisches Element" sicherlich nicht zu verstecken braucht.

Strickland zieht seine Beretta und zielt auf die Stelle, an der der Delfin wieder auftauchen müsste. Fantasiereiche Geschichten haben es nicht verdient, weiterzuleben. Die raue Realität ist das, was Hoyt sucht und was Strickland finden muss, um hier lebend rauszukommen. Der Umriss des Delfins ist im Wasser zu erkennen. Strickland wartet. Er will dem Tier in die Augen sehen. Er will es sein, der die Albträume bringt und der den Dschungel wahnsinnig macht.

So kämpft in ihrer jeweiligen Nebenhandlung Elisas afroamerikanische Arbeitskollegin Zelda um ihren Platz im Leben und darum, nicht allein für ihre Hautfarbe verurteilt zu werden, während sich Lainie nach und nach von ihrer Rolle als fürsorgliche Ehefrau Stricklands emanzipiert und sich in Selbstbestimmung übt. Der Fokus von The Shape of Water liegt allerdings dennoch jederzeit ganz klar auf Elisa und ihrer Faszination für das unbekannte Wesen, das sie bis in ihre Träume verfolgt, derweil ihre mangelnde Fähigkeit zu sprechen ebenfalls für einige interessante Blickwinkel und Möglichkeiten sorgt, gegen Ende gar noch einmal nachhaltig überrascht. Dem gegenüber steht Strickland, den man schnell und einfach zum gefühllosen Bösewicht hätte verkommen lassen können, doch gelingt es Kraus so formidabel, den zunehmenden geistigen Verfall des von Krieg und Entbehrung gezeichneten, ganz ohne Frage an einer posttraumatischen Belastungsstörung leidenden Soldaten zu umreißen, dass ich ihn als einen der mitunter interessantesten Antagonisten seit langer Zeit in bester Erinnerung behalten werde. So begeistert das Buch tatsächlich auf wahnsinnig vielen Ebenen und ist so viel mehr als "nur" eine Fantasy-Geschichte, dass ich mir bereits jetzt sehr sicher bin, dass der Film dem Buch in seiner Tiefe und Reichhaltigkeit kaum das Wasser wird reichen können, wohingegen er wahrscheinlich im Umkehrschluss durch die tiefere Kenntnis der Beweggründe und Gedanken der Figuren durch die Buch-Lektüre enorm gewinnen wird.

Nicht unerwähnt lassen möchte ich zuletzt noch die seltenen, aber wunderschönen Zeichnungen, die sich an prägnanten Stellen im Buch finden und die hochwertige Aufmachung als geprägte Klappenbroschur noch zusätzlich veredeln, zumal es sich freilich um ikonische Momente innerhalb der Handlung handelt, die hier von James Jean (der auch das vorzügliche Cover gestaltet hat) visualisiert worden sind.

Fazit & Wertung:

Mit The Shape of Water präsentieren Guillermo del Toro und Daniel Kraus eine ganz und gar ungewöhnliche Zusammenarbeit, denn vorliegendes Buch und gleichnamiger Film sind parallel zueinander entstanden und gehen sicherlich mancherorts unterschiedliche Wege. Dessen ungeachtet gelingt es Kraus aber vor allem, eine gleichermaßen romantische wie mysteriöse, packende und zu Herzen gehende Geschichte zu erzählen, die wie nebenbei noch als Sittengemälde der 1960er taugt und dem zugrundeliegenden Fantasy-Plot gleich mehrere Ebenen hinzufügt.

9 von 10 nächtlichen Konversationen in Gebärdensprache

The Shape of Water

  • Nächtliche Konversationen in Gebärdensprache - 9/10
    9/10

Kurzfassung

Mit The Shape of Water präsentieren Guillermo del Toro und Daniel Kraus eine ganz und gar ungewöhnliche Zusammenarbeit, denn vorliegendes Buch und gleichnamiger Film sind parallel zueinander entstanden und gehen sicherlich mancherorts unterschiedliche Wege. Dessen ungeachtet gelingt es Kraus aber vor allem, eine gleichermaßen romantische wie mysteriöse, packende und zu Herzen gehende Geschichte zu erzählen, die wie nebenbei noch als Sittengemälde der 1960er taugt und dem zugrundeliegenden Fantasy-Plot gleich mehrere Ebenen hinzufügt.

9.0/10
Leser-Wertung 9/10 (1 Stimme)
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Weitere Details zum Buch und dem Autor findet ihr auf der Seite von Droemer Knaur.

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The Shape of Water ist am 01.03.18 bei Droemer Knaur erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über den folgenden Link und unterstützt damit das Medienjournal!

Eine Reaktion

  1. Christin 21. Juni 2018

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