Review: Ich.Darf.Nicht.Schlafen. (Film)

Heute mal eine Kritik zu einem Film, auf den ich im Grunde nur wegen Colin Firth und Mark Strong gestoßen bin und über den ich im Vorfeld kaum etwas wusste. Nach einem vielversprechenden Beginn baut der Streifen zwar letzthin ziemlich ab, ist aber trotzdem ein netter Genre-Vertreter für zwischendurch. Aber was greife ich schon wieder vor, ich verziehe mich jetzt einfach in die Sonne und wünsche viel Spaß mit der Lektüre.

Ich.Darf.Nicht.Schlafen.

Before I Go to Sleep, UK/USA/FR/SE 2014, 92 Min.

Ich.Darf.Nicht.Schlafen. | © Splendid Film
© Splendid Film

Regisseur:
Rowan Joffe
Autoren:
Rowan Joffe (Drehbuch)
S.J. Watson (Buch-Vorlage)

Main-Cast:
Nicole Kidman (Christine)
Colin Firth (Ben)
Mark Strong (Dr. Nasch)
in weiteren Rollen:
Anne-Marie Duff (Claire)

Genre:
Drama | Mystery | Thriller

Trailer:

 

Inhalt:

Szenenbild aus Ich.Darf.Nicht.Schlafen. | © Splendid Film
© Splendid Film

Die Mittzwanzigerin Christine erwacht morgens im Bett neben einem wildfremden Mann und flüchtet sich zunächst ins Bad. Dann der Schock, denn Christine ist wenigstens 40 und der fremde Mann gibt sich ihr als ihr Ehemann Ben zu erkennen und erklärt, dass Christine schon vor Jahren einen schweren Autounfall hatte und seither keinerlei neue Erinnerungen speichern kann. So erwacht sie jeden Morgen völlig unwissend und desorientiert, weshalb Ben ihr das Erinnern mittlerweile mithilfe von Fotos und ähnlichem regelrecht ritualisiert hat. Doch Christine ist gewillt, ihrem Zustand Abhilfe zu schaffen, auch wenn Ben ihr erklärt, dass sie längst alles versucht hätten. So wendet sich die verzweifelte Frau an den Psychiater Dr. Nash, der sie dazu anhält, ein Video-Tagebuch zu führen, an das er sie fortan jeden Morgen telefonisch erinnert. Und tatsächlich brechen immer wieder Erinnerungsfetzen über Christine herein, die zunehmend daran zu zweifeln beginnt, ob sie wirklich einen Autounfall hatte und sich fragt, was Ben womöglich noch verschleiern könnte…

Rezension:

Die Ausgangssituation von Ich.Darf.Nicht.Schlafen. erinnert ganz ohne Zweifel thematisch an Nolans Frühwerk Memento, auch wenn die Geschichte hier in eine gänzlich andere Richtung driftet. Plagiatsvorwürfe braucht sich der von Rowan Joffe inszenierte Film aber ohnehin nicht gefallen lassen, fußt der schließlich auf einem Buch von S.J. Watson. Das Buch habe ich – hier zum Glück – nicht gelesen, denn wahrscheinlich würde dieses zunehmend zum Psycho-Thriller mutierende Drama nicht halb so gut funktionieren, wenn man auch noch um den Twist wüsste, der zwar nicht grundsätzlich überraschend kommt, dessen genaue Ausgestaltung aber eben nicht unbedingt abzusehen ist. Wahrscheinlich ist selbiger sogar das größte Problem, mit dem der Film zu kämpfen hat, denn von diesem Moment an geht dem bis dahin ungemein dicht und durchaus faszinierend inszenierte Film zunehmend seine Faszination verloren, zumal man sich hier wieder in übliche Genre-Schemata flüchtet, um das Ganze dann noch zu einem ärgerlich rührseligen Finale zu führen.

Szenenbild aus Ich.Darf.Nicht.Schlafen. | © Splendid Film
© Splendid Film

So beginnt Ich.Darf.Nicht.Schlafen. überaus vielversprechend und man ist schnell geneigt, mit Christine zu rätseln, was wahr und was falsch ist, was Ben ihr verheimlicht und warum er dies tut, zumal man zumindest beim ersten von Christines autark zu betrachtenden Tagen noch nicht einmal einen Wissensvorsprung gegenüber der Figur besitzt, zumal die Handlung von hier aus rund zwei Wochen in die Vergangenheit springt. Nicole Kidman (Lion) als Haupt- und Identifikationsfigur stellt hierbei bereits in den ersten Minuten wieder ihr schauspielerisches Talent unter Beweis und überzeugt mit jeder Nuance ihres Spiels. So kann man gleichsam die widerstreitenden Gefühle, ihre Ohnmacht angesichts der Unwissenheit wie auch ihre Verängstigung und Verwirrung regelrecht spüren, zumal sie in ihrer Darstellung ansonsten angenehm geerdet bleibt. Vor allem aber ist man geneigt, ihr abzukaufen, dass sie allmorgendlich ohne jegliches Vorwissen an den vorangegangenen Tag erwacht, was wahrscheinlich vom schauspielernden Aspekt wie auch der Inszenierung der schwierigste Part gewesen sein dürfte.

Ihr gegenüber stehen mit Colin Firth (A Single Man) als Ehemann Ben und Mark Strong als Dr. Nash gleich zwei mehr als fähige, hochkarätige wie charismatische Darsteller, die ebenfalls zu überzeugen wissen und ihren grundsätzlich doch eher rudimentär skizzierten Figuren gehörig Leben einhauchen. Während Firth in seiner Paraderolle als gutmütiger Jedermann mit charmantem Understatement glänzt und gezielt in einzelnen Momenten unterschwellig verborgene Charakterzüge anklingen lässt, würde ich mir bei Strong ohnehin wünschen, dass dieser häufiger in Hauptrollen zu sehen wäre, die sich fernab von Genre Flicks wie Mindscape bewegen, denn Talent und Präsenz gäben das allemal her. Entsprechend mag die größte Stärke von Ich.Darf.Nicht.Schlafen. dessen Besetzung sein, die doch zumindest einige der gröbsten dramaturgischen Patzer auszubügeln oder gar zu überspielen wissen.

Szenenbild aus Ich.Darf.Nicht.Schlafen. | © Splendid Film
© Splendid Film

Denn es ist nicht von der Hand zu weisen, dass Joffes Buch-Verfilmung allein in seiner Prämisse wahnsinnig konstruiert daherkommt und man sich speziell im weiteren Verlauf – und nach dem oben angesprochenen Twist – mit einigen erzählerischen Unzulänglichkeiten arrangieren muss, die einer näheren Betrachtung kaum standhalten würden. So mag eine ausgeprägte Form an Willing Suspension of Disbelief vonnöten sein, um den grundsätzlich interessanten Film wirklich genießen zu können, der zumindest weiß, wie er die theoretisch monotone Abfolge von Tagen und Christines zögerlichen Erkenntnisgewinn sinn- und stilvoll inszenieren kann und mit seiner diffus-bedrohlichen Atmosphäre auf alle Fälle Extrapunkte einfährt. Das Thema Amnesie und den daraus resultierenden Thrill und Suspense-Aspekt weiß Joffe dabei auch tatsächlich virtuos für seine Zwecke zu nutzen, doch wenn der Zuschauer sich dann eben im letzten Drittel mit der wenig überraschenden, logisch kaum haltbaren Offenbarung konfrontiert sieht, die zudem noch vorangegangene Szenen Lügen straft, denn kegelt sich Ich.Darf.Nicht.Schlafen. willentlich und wissentlich ins absolute Mittelfeld, wo er nicht hätte landen müssen, wenn man vielleicht zugunsten einer kohärenten Entwicklung ein wenig behutsamer und bedachter zu Werke gegangen wäre.

Fazit & Wertung:

Rowan Joffe schickt sich mit Ich.Darf.Nicht.Schlafen. an, einen weiteren erfolgreichen Roman-Thriller für die Leinwand zu adaptieren, doch was überaus vielversprechend beginnt und gleichsam darstellerisch als auch inszenatorisch in seinen Bann schlägt, bricht im letzten Drittel und mit einem sowohl überhasteten als auch banalen Finale unweigerlich in sich zusammen, zumal der Film durch seine Prämisse ohnehin schon über die Maßen konstruiert daherkommt. Atmosphärisch sicherlich ein Glanzstück, doch erzählerisch geht dem Ganzen schon früher die Puste aus.

6 von 10 Video-Tagebuch-Einträge

Ich.Darf.Nicht.Schlafen.

  • Video-Tagebuch-Einträge - 6/10
    6/10

Fazit & Wertung:

Rowan Joffe schickt sich mit Ich.Darf.Nicht.Schlafen. an, einen weiteren erfolgreichen Roman-Thriller für die Leinwand zu adaptieren, doch was überaus vielversprechend beginnt und gleichsam darstellerisch als auch inszenatorisch in seinen Bann schlägt, bricht im letzten Drittel und mit einem sowohl überhasteten als auch banalen Finale unweigerlich in sich zusammen, zumal der Film durch seine Prämisse ohnehin schon über die Maßen konstruiert daherkommt. Atmosphärisch sicherlich ein Glanzstück, doch erzählerisch geht dem Ganzen schon früher die Puste aus.

6.0/10
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vgw

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