Review: Assassination Nation (Film)

Auf den heute vorgestellten beziehungsweise besprochenen Film war ich ja wirklich lange im Vorfeld gespannt, aber außer hippem Äußeren hatte er dann leider doch weit weniger zu bieten, als ich mir das erwartet habe, auch wenn viele der Versatzstücke für sich genommen durchaus überzeugend gewesen sind.

Assassination Nation

Assassination Nation, USA 2018, 108 Min.

Assassination Nation | © Universum Film
© Universum Film

Regisseur:
Sam Levinson
Autor:
Sam Levinson

Main-Cast:

Odessa Young (Lily)
Suki Waterhouse (Sarah)
Hari Nef (Bex)
Abra (Em)
Anika Noni Rose (Nance)
Colman Domingo (Principal Turrell)
Maude Apatow (Grace)
Bill Skarsgård (Mark)
Joel McHale (Nick Mathers)
Bella Thorne (Reagan)

Genre:
Krimi | Komödie | Thriller

Trailer:

 

Inhalt:

Szenenbild aus Assassination Nation | © Universum Film
© Universum Film

Lily, Bex, Em und Sarah sind beste Freundinnen und besuchen gemeinsam die Highschool in Salem, wenn ihre Aufmerksamkeit auch mehr auf Partys und Jungs gerichtet ist. Eines Tages aber kommt es zum Eklat im beschaulichen Salem, als verfängliche Bilder des Bürgermeisters auftauchen, die ihn in Frauenunterwäsche zeigen, während er sich nach außen hin als homophober Hardliner präsentiert. Das markiert allerdings erst den Beginn einer Welle von Hackerangriffen, die so ziemlich jedes Geheimnis der Bewohner von Salem und insbesondere der Schülerinnen und Schüler ans Licht bringen. Prompt und unmittelbar stürzt die Stadt in schieres Chaos und nicht wenige Leute rotten sich zusammen, um das Gesetz in die eigenen Hände zu nehmen. Davon können bald auch die vier Freundinnen ein Lied singen, denn um die eigene Haut zu retten, behauptet alsbald jemand, Lily habe die ganzen Daten veröffentlicht und sei folglich schuld an dem ganzen Desaster…

Rezension:

Der Ansatz von Regisseur und Drehbuchautor Sam Levinson in Assassination Nation ist klar erkennbar, einen aus dem Ruder laufenden Internet-Shitstorm in Analogie zu den damaligen Hexenverbrennungen zu setzen, weshalb er seine Geschichte natürlich auch in Salem stattfinden lässt, deren Gesellschaft binnen Wochenfrist gänzlich ins Chaos gleitet und zu Lynchmord und Selbstjustiz aufruft, während sich jeder selbst der nächste ist. Grundsätzlich ist das auch eine schöne Prämisse, nur scheint Levinson nicht so recht zu wissen, wie er das nun zu inszenieren gedenkt. So eröffnet der Streifen selbstbewusst-provokant mit so ziemlich jeder gängigen Trigger-Warnung und setzt diese in greller Schrift und schnittigen Bildern als aufmerksamkeitsheischendes Mode-Accesscoire in Szene, um hieran anschließend in epischer Breite ein auf hip, jung und modern getrimmtes Coming-of-Age-Drama zu erzählen, in dessen Zentrum die vier Freundinnen Lily, Em, Sarah und Bex stehen. Und die sind natürlich ausgewiesen internetaffin, selbstbewusst und provokant, ganz so, wie der Film gerne wäre, wenn er könnte, wie er wollte – oder so ähnlich.

Szenenbild aus Assassination Nation | © Universum Film
© Universum Film

Dumm nur, dass diese erste Filmhälfte mit reichlich Schnittmontagen und wummernden Trap-Beats mehr Füllmaterial als echte Geschichte bietet und sich sehr auf den Lolita-Charme der Hauptbesetzung verlässt, statt sich denn wirklich der Prämisse zu widmen, die zwar schnell zum Tragen kommt, zunächst aber wenig Auswirkungen auf das echte Leben zu haben scheint. So versucht Levinson durchaus, die Parallele von der echten Welt hinein ins Internet zu ziehen und von dort wieder zurück in das idyllische Kleinstadtleben, doch abgesehen von einer durchaus denkwürdigen Pressekonferenz scheint sich niemand wirklich davon irritieren zu lassen, als ein unbekannter Hacker damit beginnt, intimste Daten und Fotos öffentlich zu machen. Nichtsdestotrotz, allein dieser Ansatz wirkt natürlich aus sich selbst heraus schon aktueller als ein Großteil dessen, was man heutzutage im Kino präsentiert bekommt, weshalb man hier auch richtig was aus dem Thema hätte machen können. Angefangen damit aber, dass die vier Freundinnen ausnehmend blass bleiben und zunächst auch keinerlei Entwicklung durchmachen, widmet sich Levinson viel zu lange der Vorgeschichte von Assassination Nation, die in diesem Fall mehr als die Hälfte des Films umfasst.

Wer nämlich auf den grimmigen wie beinharten Genre-Reißer mit Splatter und Gewalt schielt, den einem das Cover suggeriert, der wird sich wenigstens eine gute Stunde gedulden müssen, wobei der Wechsel vom Teen-Drama zum Genre-Film holpriger und ärgerlicher nicht hätte vollzogen werden können, denn nach ausgiebig-behutsamer Eskalation in Babyschritten fällt Levinson tatsächlich nichts Besseres ein, als mittels Texttafel zu verkünden, dass nun eine Woche vergangen sei und plötzlich findet man die Gesellschaft im Ausnahmezustand wieder: Jeder bewaffnet sich, jeder maskiert sich, jeder verschanzt sich und einzig der Zuschauer fragt sich, wo da die logische oder konsequente Entwicklung stattgefunden hat und wieso man gerade die hat aussparen müssen, um in der ersten Hälfte noch ein paar sinnentleerte, nichts zum Geschehen beitragende Party-Szenen darbieten zu können. Dabei ist die zweite Hälfte zumindest in der Theorie die gelungenere der beiden Film-Parts, legt aber natürlich auch vieles von dem ad acta, was thematisch im ersten Teil aufgegriffen worden ist, denn hier geht es nun vorrangig ums nackte Überleben, wenn der aufgebrachte Pöbel zur Hexenjagd ruft.

Szenenbild aus Assassination Nation | © Universum Film
© Universum Film

Doch selbst in dem selbstbewusst trashiger angelegten zweiten Teil vermag Assassination Nation nicht die inszenatorische Wucht zu vermitteln, die er sich immer wieder selbst andichtet, denn auch wenn es hier deutlich brutaler, konsequenter und auch zielgerichteter zur Sache geht, mündet die Gegenwehr der vier Mädels häufig nur in coolen Posen, die auch gar nicht so sehr zum bitterbösen, ernsten Rest des Gezeigten passen wollen, wobei immerhin Joel McHale (Community) hier in einer für ihn ganz und gar ungewöhnlichen Rolle glänzen kann. Natürlich, der Film will provokant, hip und schrill sein, kantig und unangepasst, dabei clever, gewieft und unerwartet. Das weiß man, weil er es mit jeder Pore schreit, so gerne sein will, aber gerade dieses offensive Anbiedern lässt jeglichen vielversprechenden Part schnell versanden, denn Grenzen werden hier nicht eingerissen, sondern nur nachgezeichnet, es wird kein aktuelles Bild der "Generation Internet" dargestellt, sondern höchstens vermutet, es werden keine klugen Botschaften oder Beobachtungen zum Besten gegebenen, sondern lediglich Plattitüden und daraus – bei aller Liebe – wird im besten Fall ein mittelprächtig gelungener Genre-Film, der sich in seinen gegenläufigen Ausrichtungen und Ambitionen selbst zerfleischt, bevor die Marschkapelle gen Abspann marschieren darf, was ich weit wörtlicher meine, als es mir selbst lieb sein kann.

Fazit & Wertung:

Sam Levinson stellt mit Assassination Nation eindrucksvoll unter Beweis, dass zu viele Ambitionen einem Film auch mehr schaden als nützen können, denn was er hier als moderne Hexenjagd mit treibenden Beats, provokanten Bildern und gesellschaftskritischer Pose inszeniert sehen will, benötigt viel zu lange um in Fahrt zu kommen, hat erschreckend wenig zu erzählen und biedert sich dabei über Gebühr an, damit auch ja jeder merkt, wie "krass" das doch bitteschön alles ist. Nur leider ist es das nicht.

5,5 von 10 verfänglichen oder prekären Daten und Bildern

Assassination Nation

  • Verfängliche oder prekäre Daten und Bilder - 5.5/10
    5.5/10

Fazit & Wertung:

Sam Levinson stellt mit Assassination Nation eindrucksvoll unter Beweis, dass zu viele Ambitionen einem Film auch mehr schaden als nützen können, denn was er hier als moderne Hexenjagd mit treibenden Beats, provokanten Bildern und gesellschaftskritischer Pose inszeniert sehen will, benötigt viel zu lange um in Fahrt zu kommen, hat erschreckend wenig zu erzählen und biedert sich dabei über Gebühr an, damit auch ja jeder merkt, wie "krass" das doch bitteschön alles ist. Nur leider ist es das nicht.

5.5/10
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Assassination Nation erscheint am 29.03.19 auf DVD und Blu-ray bei Universum Film. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über einen der Links und unterstützt damit das Medienjournal!

DVD:

Blu-ray:

vgw

Eine Reaktion

  1. Nicole 4. April 2019

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