Review: Alice im Wunderland: Hinter den Spiegeln (Film)

Heute hole ich mal wieder einen viel zu lange unberücksichtigt gebliebenen Film nach, der jetzt zwar sicherlich nicht überragend gut war, für mich persönlich aber weit besser und unterhaltsamer, als sein mäßiger Ruf hätte vermuten lassen.

Alice im Wunderland:
Hinter den Spiegeln

Alice Through the Looking Glass, USA/UK 2016, 113 Min.

Alice im Wunderland: Hinter den Spiegeln | © Walt Disney
© Walt Disney

Regisseur:
James Bobin
Autoren:
Linda Woolverton (Drehbuch)
Lewis Carroll (Buch-Vorlage)

Main-Cast:
Johnny Depp (Hatter Tarrant Hightopp)
Mia Wasikowska (Alice Kingsleigh)
Helena Bonham Carter (Iracebeth)
Anne Hathaway (Mirana)
Sacha Baron Cohen (Time)
in weiteren Rollen:
Rhys Ifans (Zanik Hightopp)
Alan Rickman (Absolem [Stimme])
Stephen Fry (Cheshire Cat [Stimme])
Michael Sheen (McTwisp [Stimme])
Timothy Spall (Bayard [Stimme])

Genre:
Abenteuer | Fantasy

Trailer:

 

Inhalt:

Szenenbild aus Alice im Wunderland: Hinter den Spiegeln | © Walt Disney
© Walt Disney

Seit ihrem Ausflug ins Wunderland ist für Alice Kingsleigh einige Zeit vergangen und sie hat sich tatsächlich den langgehegten Traum erfüllt, die Welt zu erforschen und die Meere zu bereisen, doch nach längerer Schiffsreise kehrt sie 1875 nach London zurück. Dort erwartet sie allerdings eine unliebsame Überraschung, denn der einst von ihr verschmähte Lord Hamish Ascot enthebt sie nicht nur ihres Postens als Captain, sondern will ihr auch das Schiff ihres Vaters abspenstig machen. Bevor sie allerdings weiß, wie sie mit dieser Situation umgehen soll, lockt sie der zum Schmetterling gewordene Absolem erneut ins Wunderland, denn der verrückte Hutmacher liegt vor Gram darnieder und in größter Sorge um ihn fassen die weiße Königin und der Rest der Tee-Gesellschaft des Hutmachers einen aberwitzigen Plan. Alice soll in das Refugium der Zeit selbst eindringen und ihr die Chronosphäre entwenden, um mit deren Hilfe in die Vergangenheit zu reisen und die Familie des Hutmachers zu retten. Der Zeit gefällt das allerdings gar nicht und sie heftet sich prompt an die Fersen der jungen Alice, während auch die rote Königin ihre ganz eigenen Pläne mit der Chronosphäre verfolgt…

Rezension:

Gleichwohl ich an dieser Stelle den bereits 2010 erschienenen Alice im Wunderland (noch) nicht rezensiert habe, mochte ich doch die Interpretation seitens Tim Burton durchaus und so musste ich natürlich über kurz oder lang auch einen Blick bei dem 2016 erschienenen Nachfolger Alice im Wunderland: Hinter den Spiegeln riskieren, auch wenn Burton hier nur noch als Produzent in Erscheinung tritt und den Regie-Posten an James Bobin vererbt. Und tatsächlich macht sich das bemerkbar, denn der leicht psychedelische, zaghaft martialische Einschlag des Gezeigten fällt hier beinahe komplett unter den Tisch und stattdessen wird man nach der obligatorischen Einführung in der echten Welt mit reichlich Zuckerguss bombardiert, was sich zum Glück aber bald wieder gibt, wenn Alice der personifizierten Zeit begegnet, der in diesem Fall Sasha Baron Cohen (Hugo Cabret) Gesicht und Stimme leiht. Als quasi einziger Neuzugang im Cast – ansonsten sind so ziemlich alle Wunderland-Weggefährten wieder mit von der Partie – ist er tatsächlich auch eines der größten Argumente für den Film, dem ansonsten ein wenig die Ecken und Kanten fehlen, auch wenn ich nicht verhehlen möchte, dass ich mich die meiste Zeit erstaunlich gut unterhalten gefühlt habe.

Szenenbild aus Alice im Wunderland: Hinter den Spiegeln | © Walt Disney
© Walt Disney

Schon der erste Teil hatte natürlich reichlich wenig mit der Buchvorlage seitens Lewis Carroll zu tun und wurde dafür auch entsprechend präsentiert, doch ist es ja auch nicht das erste Mal, dass Disney sich eines bekannten Namens oder Franchise versichert und daraus sein gänzlich eigenes Süppchen braut. Die Fortsetzung Alice im Wunderland: Hinter den Spiegeln hat nun mit der existenten Buchfortsetzung von 1871 im Grunde nichts mehr zu tun, was aber auch daran liegt, dass bereits Burton – beziehungsweise die hier wie dort verantwortliche Drehbuchautorin Linda Woolverton – sich bereits beim ersten Teil munter an Versatzstücken, Motiven, Themen und Figuren beider Bücher bedient haben. Folglich muss die Fortsetzung auf eigenen Beinen stehen und die sind zugegebenermaßen wackelig, denn einer Fortsetzung hätte es bei objektiver Betrachtung – also ohne Berücksichtigung wirtschaftlicher Interessen – sicherlich nicht bedurft, doch immerhin hat man das gesamte Ensemble erneut verpflichten können, wofür der Film bei mir schon einmal einen Stein im Brett hat.

Im Zentrum der Erzählung steht demnach einmal mehr die von Mia Wasikowska (Crimson Peak) verkörperte Alice Kingsleigh, die es – der Titel Alice im Wunderland: Hinter den Spiegeln lässt es erahnen – diesmal durch einen magischen Spiegel hindurch erneut ins Wunderland verschlägt. Die Gründe hierfür sind erwartungsgemäß plakativ und auch die Ausgangslage, dass der Hutmacher (Johnny Depp, Mord im Orient-Express) seiner totgeglaubten Familie hinterhertrauert, die er nun doch noch am Leben wähnt, könnte plakativer kaum sein und als dann auch noch der Plan ins Auge gefasst wurde, mittels Zeitreise quasi nachträglich die Familie Hightopp vor dem Jabberwocky zu retten, musste ich mir ein leichtes Augenrollen zugegebenermaßen schwer verkneifen, denn die Zeitreise-Thematik ist mittlerweile doch mehr als ausgelutscht. Das ist aber einerseits nur meine eigene Meinung, während ich andererseits den Film auch einfach mal mehr als drei Jahre "zu spät" geschaut habe. Jetzt kommt aber das große Aber, denn insbesondere dank der personifizierten Zeit und dessen Refugium gelingt es Woolverton tatsächlich, dem Sujet einiges an neuen und einfallsreichen Aspekten abzuringen, zumal "Zeit" von seinen Sekunden sekundiert wird, die sich später noch zu Minuten und Stunden zusammensetzen werden und in ihrem Look zwar nicht eben neu, aber doch ungemein gelungen daherkommen und dem Geschehen gehöriges Steampunk-Flair verleihen, was in der Aufmachung und den Gerätschaften von "Zeit" seine Entsprechung findet.

Szenenbild aus Alice im Wunderland: Hinter den Spiegeln | © Walt Disney
© Walt Disney

Die sich aus Zeitreisen ergebenden Konsequenzen sind ebenfalls nicht gänzlich neu, aber doch erfrischend umgesetzt, zumal in dieser Hinsicht Alice im Wunderland: Hinter den Spiegeln eben nicht nur Sequel, sondern gleichsam Prequel ist und unter anderem klärt, weshalb der Kopf der roten Königin (Helena Bonham Carter, Dark Shadows) so absurd angeschwollen ist oder wie es dazu kam, dass die Tee-Gesellschaft des Hutmachers in der Zeit erstarrt gewesen ist. So schließt der Film erzählerische Lücken, die zwar nicht hätten geschlossen werden müssen, aber dennoch eine gelungen konsequente Fortführung dessen bilden, was schon der erste Teil zu erzählen hatte. Carroll-Fans werden demnach auch mit diesem Werk nicht warmwerden, doch wer sich schlichtweg mehr von dem erhofft, was schon der erste Teil serviert hat, wird zumindest nicht gänzlich enttäuscht werden. Die Tonalität ist wie erwähnt zwar eine andere und zuweilen wird es übertrieben schmalzig oder zuckrig, doch als kurzweiliger Familienfilm macht Bobins Film eine durchaus passable Figur. Sicherlich hätte man mit der von Anne Hathaway (Colossal) verkörperten weißen Königin mehr anfangen und sich wünschen können, dass der Anfang 2016 verstorbene Alan Rickman (Sweeney Todd) einen etwas gehaltvolleren letzten Eintrag in seiner filmischen Vita hätte bekommen können (er lieh erneut der zum Schmetterling gewordenen Raupe Absolem seine Stimme und der Film wurde ihm gewidmet), doch lassen mich eine beschwingte Inszenierung, vergleichsweise frische Zeitreise-Ideen und vor allem eine gehörige Menge Wortwitz über einiges an Schwächen hinwegsehen, die diese eigentlich unnötige, aber doch unterhaltsame Fortsetzung so mit sich bringt.

Fazit & Wertung:

Während schon der erste Teil aufgrund seiner ureigenen Interpretation der Buchvorlage in der Kritik stand, erzählt nun Alice im Wunderland: Hinter den Spiegeln eine gänzlich frei ersonnene Geschichte, die zwar zuweilen vorhersehbar oder alternativ überzuckert wirkt, dank schmissiger Inszenierung und manch frischer Idee aber dennoch durchaus zu unterhalten weiß. Gleichwohl hätten ein paar Ecken und Kanten dem Werk gutgetan und es macht sich inszenatorisch durchaus bemerkbar, dass diesmal nicht Tim Burton, sondern stattdessen James Bobin auf dem Regie-Stuhl Platz genommen hat.

7 von 10 skurrilen Wunderland-Bewohnern

Alice im Wunderland: Hinter den Spiegeln

  • Skurrile Wunderland-Bewohner - 7/10
    7/10

Fazit & Wertung:

Während schon der erste Teil aufgrund seiner ureigenen Interpretation der Buchvorlage in der Kritik stand, erzählt nun Alice im Wunderland: Hinter den Spiegeln eine gänzlich frei ersonnene Geschichte, die zwar zuweilen vorhersehbar oder alternativ überzuckert wirkt, dank schmissiger Inszenierung und manch frischer Idee aber dennoch durchaus zu unterhalten weiß. Gleichwohl hätten ein paar Ecken und Kanten dem Werk gutgetan und es macht sich inszenatorisch durchaus bemerkbar, dass diesmal nicht Tim Burton, sondern stattdessen James Bobin auf dem Regie-Stuhl Platz genommen hat.

7.0/10
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Alice im Wunderland: Hinter den Spiegeln ist am 20.10.16 auf DVD, Blu-ray und 3D Blu-ray bei Walt Disney erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über einen der Links und unterstützt damit das Medienjournal!

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vgw

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