Review: Scythe – Die Hüter des Todes | Neal Shusterman (Buch)

Heute wird es mal wieder Zeit für ein ganz besonderes Buch, das ich euch im Rahmen meiner wöchentlichen Rezension kredenzen möchte und auf das ich ursprünglich nur seines Titels wegen gekommen bin, worüber ich im Nachgang mehr als froh bin, denn mir wäre definitiv etwas entgangen!

Scythe
Die Hüter des Todes
Arc of a Scythe 1

Scythe, USA 2016, 528 Seiten

Scythe – Die Hüter des Todes von Neal Shusterman | © FISCHER Sauerländer
© FISCHER Sauerländer

Autor:
Neal Shusterman
Übersetzer:
Pauline Kurbasik
Kristian Lutze

Verlag (D):
FISCHER Sauerländer
ISBN:
978-3-737-35698-5

Genre:
Science-Fiction | Abenteuer

 

Inhalt:

In der Zukunft hat die Menschheit den Tod faktisch besiegt und niemand muss sich mehr vor Alter oder Krankheit fürchten, denn während Naniten Schmerzen im Körper unterdrücken, kann quasi jeder totenähnliche Zustand in einem der vielen Revival-Zentren rückgängig gemacht werden. Und während das Weltgeschehen von dem unparteiischen und unbestechlichen Superrechner namens Thunderhead gelenkt wird, führen die Menschen ein sorgenfreies Leben, das allerdings auch keine Herausforderungen mehr bereithält, da alles erforscht und alles entdeckt worden ist. Einzig die Scythe verbreiten noch einen gewissen Schrecken, denn nicht zuletzt durch die theoretische Unsterblichkeit eines Jeden bleibt zumindest das Problem der Überbevölkerung bestehen, weshalb der Orden der Scythe gegründet worden ist, die jährlich eine gewisse Quote an Personen nachlesen, was nichts anderes heißt, als sie dem endgültigen Tod anheim zu führen. In dieser Welt leben auch die Teenager Citra und Rowan, die auf unterschiedliche Art und Weise die Bekanntschaft mit Scythe Farraday machen, der aufgrund ihrer Wesenszüge alsbald beschließt, sie als Lehrlinge unter seine Fittiche zu nehmen. Doch das Los der Scythe ist schwer und die Nachlese mitnichten eine einfache Aufgabe, derweil so mancher Scythe unlängst Geschmack am Töten gefunden zu haben scheint…

Rezension:

Normalerweise bin ich ja wirklich kein ausgewiesener Kinder- und Jugendbuchleser – oder "Young Adult", wie es im Amerikanischen so schön ist –, wenn man einmal von diversen Star Wars-Romanen dieser Sparte oder beispielsweise der Mortal Engines-Reihe absieht, doch sollte ich diese Einstellung noch einmal grundlegend überdenken, nachdem ich jüngst die Lektüre von Scythe – Die Hüter des Todes beendet habe. Besagter Roman ist derweil im deutschsprachigen Raum bei Fischer Sauerländer erschienen und ich bin mehr als zufällig darauf gestoßen, da es ein von mir sehr geschätztes Brettspiel gleichen Namens gibt. Ohne auch nur u ahnen, dass es sich um ein Jugendbuch handeln könne, war allein aufgrund von Cover und Titel mein Interesse geweckt, derweil Prämisse und Inhaltsangabe ihr Übriges taten. Neal Shusterman entwirft hier nämlich eine Zukunft, bei der man sich durchaus streiten darf, ob es sich um Utopie oder Dystopie handeln mag, doch Fakt ist auf alle Fälle, dass die Menschheit den Tod besiegt hat und er längst nicht mehr als unumstößliches Faktum im Leben eines Jeden gilt, wenn man von einer Ausnahme absieht, die dem Buch einerseits seinen Namen gibt und auf die ich nachfolgend noch eingehender zu sprechen kommen möchte.

»Sehen Sie so alt aus, wie Sie wirklich sind, oder sind Sie aus eigener Wahl am fortgeschrittenen Ende der Zeitskala?«, fragte sie.
»Citra!« Ihre Mutter hätte um ein Haar die Auflaufform fallen lassen, die sie gerade aus dem Ofen nahm. »Wie kannst du so etwas fragen?«
»Ich mag direkte Fragen«, sagte der Scythe. »Sie zeugen von einem ehrlichen Geist, also werde ich ehrlich antworten. Ich gestehe, dass ich viermal über den Berg gekommen bin. Mein natürliches Alter liegt irgendwo bei einhundertachtzig, die exakte Zahl habe ich vergessen. Seit neuerem habe ich mich für diese ehrwürdige Erscheinung entschieden, weil ich feststelle, dass es für die Menschen, die ich nachlese, tröstlicher ist.« Dann lachte er. »Sie halten mich für weise.«

So traumhaft und paradiesisch es sich nämlich zunächst anhören mag, dass der Tod als solches keinerlei Bewandtnis mehr hat – wer stirbt, wird umgehend in ein sogenanntes Revival-Zentrum transportiert und umgehend wiederbelebt –, bringt diese schöne neue Welt auch mit sich, dass alle Entdeckungen gemacht, alle Rätsel gelöst und alle Errungenschaften gemacht worden sind, so dass allein Jobs der bloßen Beschäftigung dienen und sich die Menschheit theoretisch im Müßiggang ergehen könnte, während der allwissende, hier einmal nicht als böse oder menschenverachtend inszenierte Supercomputer namens Thunderhead die Geschicke der Erdbevölkerung lenkt. Um aber langsam mal zum Kern des Ganzen vorzustoßen, der Scythe – Die Hüter des Todes seinen Titel verleiht und Aufhänger für die Geschichte darstellt, gibt es die Gesellschaft der Ehrenwerten Scythe, die in buntgewandeter Robe zur Nachlese ausgeschickt werden, was nichts anderes bedeutet, als Menschen zu töten und so die drohende Überbevölkerung einzudämmen, wobei die Auswahl der Nachzulesenden willkürlich erfolgt, beziehungsweise sich an Statistiken und Häufigkeiten aus der Sterblichkeitsära orientiert. Und zu diesem Scythetum sollen dereinst auch Citra Terranova und Rowan Damisch gehören, die von Scythe Farraday als seine neuen Lehrlinge auserkoren worden sind, gleichwohl nur einer von ihnen schlussendlich in den Orden aufgenommen werden soll.

Citra und Rowan – freilich beides Teenager – helfen dann aber nicht nur bei der Verortung des Buches als "Young-Adult-Novel", sondern sind sich im selben Maße ähnlich, wie sie sich ihrer Wesenszüge nach auch unterscheiden, wobei die ersten Wochen und Monate unter Farradays Knute ohnehin nur als Vorgeplänkel zu einer deutlich weitreichenderen und dramatischeren Geschichte betrachtet werden sollten. So erfolgt der Einstieg in das rund 500 Seiten umfassende Geschehen vergleichsweise behäbig, doch habe ich zumindest mich zu keinem Zeitpunkt gelangweilt, da einerseits die von Shusterman entworfene Welt so dermaßen schillernd und faszinierend daherkommt und andererseits die überwiegend knapp bemessenen Kapitel immer wieder unterbrochen werden durch Auszüge aus den Tagebüchern mehrerer Scythe, die einen spannenden Einblick in den Orden, aber auch ihr Selbstverständnis als totbringende Entitäten gewähren, die sich fernab gesellschaftlicher Konventionen oder der Einflussnahme des Thunderhead bewegen, was ihnen in dieser Gesellschaft einen einzigartigen Standpunkt verleiht.

Während die Bemerkung ihre Eltern verwirrte und beunruhigte, begriff Citra, was er sagen wollte. Die Entwicklung der Zivilisation war abgeschlossen. Das wusste jeder. Was die Menschheit betraf, gab es nichts Neues mehr zu erfahren. Nichts an ihrer Existenz musste noch enträtselt werden. Und das bedeutete, dass kein Mensch wichtiger war als irgendein anderer. Im großen Plan der Dinge war vielmehr jeder gleich nutzlos. Das wollte er ihnen sagen, und es machte Citra wütend, weil sie wusste, dass er in gewisser Weise recht hatte.

Diesbezügliche Schilderungen sind derweil genauso abwechslungsreich wie die favorisierten Todesarten der Scythe oder auch deren Auswahlverfahren, so dass es hier von schockierend eindringlichen wie beklemmenden Szenen bis zu barmherzigem Abschiednehmen reicht, wobei der Ehrenwerte Scythe Goddard schnell als Antagonist des Ganzen enttarnt werden kann, wenn dieser erstmalig in der Geschichte eine Massen-Nachlese in Angriff nimmt, die an Grausamkeit und Kaltherzigkeit kaum zu überbieten ist. Die eigentliche Handlung von Scythe – Die Hüter des Todes umreißt dabei im Grunde "lediglich" die Zeit von Citra und Rowan als Lehrlinge des Scythetums, doch hält Shusterman natürlich noch einiges an Überraschungen und Wendungen parat, damit keine Langeweile aufkommt, wobei ich fast glaube, dass es derer nicht einmal bedurft hätte, denn die zahllosen moralischen Implikationen, die mit der Ausbildung einhergehen, das verstörend morbide der täglichen Arbeit eines Scythe hätten wahrscheinlich gar genügt, um mich bei der Stange zu halten. So ist Shustermans Werk im besten Sinne Page-Turner sondergleichen, zumal er neben einer spannenden und klugen Prämisse eben mit einer nicht minder mitreißenden Handlung aufwartet, die zwar durchaus zu einer gewissen Konklusion kommt, bei der ich aber mehr als froh bin, dass es sich beim vorliegenden Band nur um den Auftakt einer ganzen Reihe – im Original Arc of a Scythe betitelt – handelt, deren zweiter Teil hierzulande bereits als Hardcover veröffentlicht worden ist und deren dritter Band im amerikanischen Original für November dieses Jahres gelistet wird.

Fazit & Wertung:

Neal Shusterman liefert mit Scythe – Die Hüter des Todes eine beeindruckende wie beklemmende Verquickung aus Utopie und Dystopie, die nicht nur mit ihrer Prämisse, sondern auch sorgsam ausgearbeiteten Figuren und einer moralischen wie ethischen Vielschichtigkeit überzeugt. Thematisch klug und dramaturgisch gleichermaßen überzeugend umgesetzt.

10 von 10 zur Nachlese ausgewählten Individuen

Scythe – Die Hüter des Todes

  • Zur Nachlese ausgewählte Individuen - 10/10
    10/10

Fazit & Wertung:

Neal Shusterman liefert mit Scythe – Die Hüter des Todes eine beeindruckende wie beklemmende Verquickung aus Utopie und Dystopie, die nicht nur mit ihrer Prämisse, sondern auch sorgsam ausgearbeiteten Figuren und einer moralischen wie ethischen Vielschichtigkeit überzeugt. Thematisch klug und dramaturgisch gleichermaßen überzeugend umgesetzt.

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Weitere Details zum Buch und der Autorin findet ihr auf der Seite der Fischer Velage.

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Scythe – Die Hüter des Todes ist am 21.09.17 als Hardcover-Ausgabe und am 26.06.19 als Paperback bei FISCHER Sauerländer erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über den folgenden Link und unterstützt damit das Medienjournal!

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