Wie üblich zum Wochenende haue ich dann mal wieder einen Brecher von Film raus, bei dem es sich definitiv gelohnt hat, auf die Uncut-Fassung zu warten, die Capelight dem Film zum Glück noch spendiert hat. Jetzt kommt mir aber erst einmal gut in die freien Tage und genießt den Rest der ausklingenden Woche!
Brawl in Cell Block 99
Brawl in Cell Block 99, USA 2017, 132 Min.
© Capelight
S. Craig Zahler
S. Craig Zahler
Vince Vaughn (Bradley Thomas)
Jennifer Carpenter (Lauren Thomas)
Udo Kier (Placid Man)
Don Johnson (Warden Tuggs)
Marc Blucas (Gil)
Mustafa Shakir (Andre)
Dion Mucciacito (Eleazar)
Geno Segers (Roman)
Tom Guiry (Wilson)
Action | Krimi | Drama
Trailer:
Inhalt:
© Universum Film
In dem Wunsch, seiner Frau Lauren ein besseres Leben bieten zu können, lässt sich Bradley Thomas widerstrebend darauf ein, für den Gangster Gil als Drogenkurier zu arbeiten, doch als der eine neue Geschäftspartnerschaft zu begründen sucht, geht der anschließende Coup mit zwei unzuverlässigen Komplizen prompt schief und Bradley wird zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt. Doch der Auftraggeber sieht in Bradley den Schuldigen dafür, dass ihm mehrere Millionen flöten gegangen sind und so ersinnt dieser einen perfiden Plan, um den frisch Inhaftierten zu zwingen, eine Zielperson im Zellenblock 99 eines Hochsicherheitsgefängnisses umzubringen. Bradley sieht sich mit der Frage konfrontiert, ob er bereit und imstande ist zu tun, was nötig ist, um den letzten Rest seiner Zukunft zu retten…
Rezension:
Schon bei meiner Rezension zu S. Craig Zahlers Dragged Across Concrete hatte ich erwähnt, mir auf die Fahnen geschrieben zu haben, baldmöglichst auch Brawl in Cell Block 99 sichten zu wollen, der von einigen schon jetzt als Genre-Klassiker gehandelt wird. Zunächst hatte ich von dem Film Abstand genommen, nachdem im Oktober vergangenen Jahres lediglich eine gekürzte Fassung ab 18 Jahren bei Universum Film aufgelegt worden ist, doch nachdem sich Capelight Pictures der Sache angenommen und dem beinharten Genre-Reißer mit der ausgiebigen Exposition gar ein schickes Mediabook spendiert hat, konnte ich nicht länger widerstehen und nun also den insbesondere für Vince Vaughns Darbietung gelobten Streifen in voller Länge und ohne bevormundende Schnitte genießen. Wie für S. Craig Zahler üblich, geht es aber zunächst einmal recht beschaulich zur Sache und wir bekommen in Gestalt des hünenhaft daherkommenden Bradley Thomas einen jähzornigen, sich mehr schlecht als recht durchschlagenden Protagonisten präsentiert, der sich für sich und seine Frau Lauren schlichtweg nichts weniger als ein besseres Leben wünscht.
© Universum Film
Bereits der erste Wutausbruch seitens Bradley aber ruft bereits ein ohne Frage beklemmendes Gefühl hervor, verdeutlicht aber auch dessen Ohnmacht im Angesicht schier willkürlicher Schicksalsschläge, die ihm vor Augen führen, dass es mit dem viel gepriesenen amerikanischen Traum nicht weit her sein kann, weshalb er letztlich auch der Versuchung erliegt, sich auf die schiefe Bahn zu begeben, um dem Leben ein Schnippchen zu schlagen. Herrschen zunächst noch Tristesse und Verfall vor, bedient sich Zahler prompt eines Zeitsprungs von mehreren Monaten und wir sehen Thomas als gemachten Mann in nobler Behausung, nur dass sich schnell offenbart, dass das alles kaum mehr als schöne Fassade ist, denn bei seiner eigentlichen Beschäftigung ist von mondänem Luxus und Sicherheit, die er seiner nunmehr schwangeren Lauren (Jennifer Carpenter, Dexter) zu bieten versucht, nichts zu spüren und insbesondere Auftraggeber Gil erweist sich bereits in den ersten Momenten als nur auf den ersten Blick harmloser Gangster, in dessen Innerem es allerdings gehörig brodelt, wofür Marc Blucas einiges an Lob verdient, gleichwohl ich ihn bisher quasi nur als Strahlemann Riley aus Buffy bewusst in Erinnerung habe.
Doch fernab der bekannten Gesichter ist Brawl in Cell Block 99 in weiten Teilen One-Man-Show für Vaughn und dergestalt abgründiges Charakter-Drama, denn auch wenn der bullige Bradley sich vor allem anderen durch teils brachiale Auseinandersetzungen und Knochenbrüche auszeichnet, skizziert Vince Vaughn (True Detective) doch mit seiner Mimik auch immer den inneren Widerstreit seiner Figur, die sich von äußeren Umständen gezwungen sieht, derart drastische Maßnahmen zu ergreifen. Wahrscheinlich war dies aber auch Stein des Anstoßes für die FSK, dass Gewalt hier als oft letztes, aber auch probates Mittel propagiert wird, denn auch wenn Zahler seinen Reigen mit einigen durchaus expliziten Gewaltspitzen anreichert, die deutlich in Richtung Exploitation-Kino weisen, hätten die derben Szenen allein vielleicht nicht unbedingt die Verweigerung einer Freigabe bedingt. Bis zu einer zunehmenden Eskalation der Gewalt dauert es derweil wieder einige Zeit und wer nur für Gore-Momente einschaltet, wird hier genauso wenig glücklich werden wie bei Zahlers Debüt Bone Tomahawk, denn bevor es überhaupt in Richtung Knast geht für den Anti-Helden Bradley Thomas vergeht eine gute Dreiviertelstunde, in denen wir mit seinem Hadern, seinen Vorbehalten, seinen Beweggründen, vor allem aber auch seinem moralischen Kompass vertraut gemacht werden, der in der zunehmend abgründigen Höllenfahrt allerdings immer mehr in den Hintergrund tritt, ja treten muss, um sein Überleben zu gewährlisten. So gerät Bradley in eine regelrecht perfide Lage, die ihn zu seinem Handeln zwingt und deren Hintergrund ich auf keinen Fall vorweg nehmen werde.
© Universum Film
So viel sei aber gesagt, dass auch Brawl in Cell Block 99 nicht unbedingt mit einem wahnsinnig vielschichtigen oder ausgefeilten Plot aufwartet, in seiner vorgeblichen Simplizität aber dennoch ein ums andere Mal die Erwartungen des Zuschauers unterwandert. Vor allem aber beginnt der Film zunächst mit einem regelrecht dokumentarischen Duktus, emanzipiert sich davon aber mit zunehmender Laufzeit immer mehr und offensiver, wenn das Geschehen in vielen Belangen seine Bodenhaftung zu verlieren andeutet und wir uns mehr und mehr in Richtung grimmigstes Grindhouse-Kino bewegen. In der Beziehung ist Zahlers Film ein Werk der alten Schule und das macht sich auch an den Effekten und der in den Kampfszenen zum Einsatz kommenden Prothetik bemerkbar, die einerseits für brachiale Gewaltspitzen taugen, andererseits ein herrliches Oldschool-Flair verströmen. Dem wiederum zuträglich sind dann auch die Rollen von Udo Kier und Don Johnson (die Zahler auch beide erneut für Dragged Across Concrete verpflichtet hat) und die hier als gleichermaßen sadistische wie skrupellose Antagonisten in Erscheinung treten, die einem Groschenroman entliehen zu sein scheinen, was aber wohl auch genau das Feeling ist, das Zahler beabsichtigt haben dürfte. So gehen hier vermeintlicher Realismus und überbordende Gewalt, eine dramaturgisch sorgsame Exposition und ein zunehmendes Grindhouse-Feeling Hand in Hand und machen aus diesem Genre-Film tatsächlich ein Werk mit Kult-Potential, das mit seinem kompromisslosen Fatalismus durch Mark und Bein zu gehen vermag.
Brawl in Cell Block 99
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Forcierte Knastschlägereien - 8.5/10
8.5/10
Fazit & Wertung:
S. Craig Zahler liefert mit Brawl in Cell Block 99 ein fatalistisches wie nihilistisches, zunehmend brachialer werdendes Werk ab, das zunehmend mit dem Grindhouse-Kino früherer Tage liebäugelt und sich gleichsam eine Ernsthaftigkeit bewahrt, die das brutal überhöhte Geschehen noch erschreckender wirken lässt. Eine erschütternd kompromisslose Höllenfahrt mit einem grandios aufspielenden Vince Vaughn.
Brawl in Cell Block 99 ist am 26.10.18 zunächst in einer gekürzten Variante ab 18 bei Universum Film auf DVD und Blu-ray erschienen und am 26.04.19 bei Capelight ungekürzt als SPIO-Fassung keine schwere Jugendgefährdung auf Blu-ray (inkl. DVD) sowie 4K UHD Blu-ray (inkl. Blu-ray) als Limited Collector’s Mediabook erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über einen der Links und unterstützt damit das Medienjournal!
DVD:
Blu-ray: