Review: Too Old to Die Young (Serie)

Mehrfach nach hinten verschoben, kommt hier nun meine Kritik zu einer der wohl sperrigsten, in mehrfacher Hinsicht polarisierenden Serie, die in letzter Zeit so auf den Markt geworfen worden ist.

Too Old to Die Young

Too Old to Die Young, USA 2019, ca 76 Min. je Folge

Too Old to Die Young | © Amazon Studios
© Amazon Studios

Serienschöpfer:
Nicolas Winding Refn
Ed Brubaker
Ausführende Produzenten:
Nicolas Winding Refn
Ed Brubaker
Jeffrey Stott
Joe Lewis

Regisseur:
Nicolas Winding Refn
Autoren:
Nicolas Winding Refn (1.01-1.10)
Ed Brubaker (1.01-1.09)
Halley Gross (1.09-1.10)

Main-Cast:
Miles Teller (Martin Jones)
Augusto Aguilera (Jesus)
Cristina Rodlo (Yaritza)
Nell Tiger Free (Janey)
John Hawkes (Viggo)
Jena Malone (Diana)
in weiteren Rollen:
Babs Olusanmokun (Damian)
Celestino Cornielle (Celestino)
William Baldwin (Theo)
Hart Bochner (Lieutenant)
Chris Coppola (Melvin Redmond)
Joanna Cassidy (Eloise)
Manuel Uriza (Alfonso)
Gino Vento (Jaime)

Genre:
Krimi | Drama | Thriller

Trailer:

 

Inhalt:

Szenenbild aus Too Old to Die Young | © Amazon Studios
© Amazon Studios

Tatenlos muss Sheriff’s Deputy Martin mitansehen, wie sein Partner eines Nachts auf offener Straße erschossen wird und dieses Ereignis markiert den Ausgangspunkt dafür, wie der alsbald zum Detective beförderte junge Mann zunehmend in die Unterwelt von Los Angeles vordringt und dabei gleichsam alte Ideale über Bord wirft. Insbesondere der mit der seherisch begabten wie mysteriösen Diana im Bunde stehende Viggo nimmt Martin unter seine Fittiche und zeigt ihm, was es heißt, das Gesetz in die eigene Hand zu nehmen. Jesus, der Mörder von Martins Partner derweil flüchtet zunächst über die Grenze nach Mexiko, wo er die Bekanntschaft der enigmatischen Yaritza macht, die ihn bis an die Spitze des Kartells befördert. Während Martin immer öfter fragwürdige Entscheidungen trifft und zunehmend in einen Abwärtsstrudel der Gewalt und Selbstjustiz gerät, kehren Jesus und Yaritza mit unbarmherziger Agenda nach Los Angeles zurück, um ihr Imperium neu zu beanspruchen…

Rezension:

Nach der ersten Ankündigung, Nicolas Winding Refn würde ein eigenes Serienformat für Amazon Prime produzieren, war ich ja schnell Feuer und Flamme für das Projekt, da ich ja durchaus etwas übrig habe für dessen doch ziemlich eigenen visuellen wie dramaturgischen Stil. Den Werdegang der Serie Too Old to Die Young habe ich nun zwar nicht allzu aufmerksam verfolgt, meinte mir aber mit jedem neuen Detail mehr im Klaren zu sein, dass dieses Projekt vollends meinem Geschmack entsprechen würde. Was allerdings als anderthalb- bis zweistündiger Film funktioniert, hat Winding Refn hier tatsächlich auf sagenhafte dreizehn Stunden ausgewalzt, die er selbst schon als einen großen, langen Film bezeichnet. Das stimmt so zwar nicht, wie er sich auch selbst widerspricht, wenn er attestiert, man könne jede der überwiegend beinahe neunzig Minuten umfassenden Folgen auch losgelöst vom Kontext betrachten, aber es ist grundsätzlich klar, was er damit gemeint hat. Denn auch wenn tatsächlich ein Großteil der Episoden auch hervorragend ohne Kontext funktioniert, erzählen sie doch auch eine fortlaufende Geschichte, was in dieser zweigleisigen Ausrichtung zunächst einmal Hochachtung verdient.

Nichtsdestotrotz wird einem nach nur wenigen Folgen – wenn nicht schon gar nach der ersten Episode Der Teufel (1.01) klar, dass die elegischen Kamerafahrten und die wortkarge Inszenierung nicht eben geeignet sind für serielles Erzählen, denn es verhält sich tatsächlich so, dass Winding Refn in etwa die Handlung einer regulären, knapp über vierzig Minuten währenden Serienfolge auf üppige anderthalb Stunden auszuwalzen versteht. Das ist schwelgerisch und atmosphärisch dicht, kann aber tatsächlich nur in kleinen Happen genossen werden, weshalb ich auch gut verstehe, dass Too Old to Die Young als konzeptionelles Anti-Bingewatching-Format betrachtet wird, doch tuen sich die damit einhergehenden Probleme erst später wirklich auf. Während ich das erste Drittel nämlich noch genießen konnte – auch wenn schon Die Liebenden (1.02) auf eine harte Geduldsprobe stellt, gänzlich untertitelt daherkommt und gleich in der zweiten Episode quasi sämtliche bis dahin etablierten Figuren außeracht lässt –, wirkt das Geschehen doch zunehmend redundant und in weiterer Folge prätentiös, wenn immer mal wieder andere Figuren bedeutungsschwanger in der Ecke stehen, gucken, warten, nichts tun und eine jede Episode geradezu pflichtschuldig und spätestens zum Ende hin mit ein wenig eruptiver und expliziter Gewalt angereichert wird.

Szenenbild aus Too Old to Die Young | © Amazon Studios
© Amazon Studios

So wirkt das Geschehen rund um den von Miles Teller (Whiplash) verkörperten Martin zunehmend ermüdend und ermattend, so sehr ich auch eine Lanze für Winding Refns Stil zu brechen bereit gewesen wäre, doch in diesem Übermaß und dem schleppenden Fortgang dessen, was man mancherorts kaum als Handlung bezeichnen könnte, muss man sich Too Old to Die Young zumindest gut einteilen. Das allerdings – ich selbst habe mir ja auch mehrere Wochen Zeit gelassen – ist noch kein Garant dafür, dass nicht spätestens in der zweiten Hälfte die Faszination und das Interesse stetig abnehmen, zumal ein paar zumindest fragwürdige dramaturgische Entscheidungen dazu führen, dass das Figurenkonsortium zunehmend ausgedünnt wird. Und dabei konzentrieren sich schon die meisten Episoden auf einige ausgewählte Figuren aus der Handvoll überhaupt nur interessanter Charaktere, während man meint, die teils schier endlos scheinenden Szenen, in denen ungelogen absolut rein gar nichts passiert – außer dass sich die Kamera von links nach rechts und wieder zurück bewegt und dafür fünf Minuten braucht –, würden nur deshalb so inszeniert, weil Nicolas Winding Refn es schlichtweg konnte, denn für seine Vision einer phantasmagorischen Neo-Crime-Noir-Mär mit übernatürlichem Touch (ja, dazu komme ich gleich noch) hat man ihm erstaunlich freie Hand gelassen. Dumm nur, dass das in dem Fall nur beweist, dass so etwas nicht immer die beste Idee ist, obwohl das Endergebnis in vielerlei Hinsicht wirkt wie ein Konglomerat aus Drive, Only God Forgives und The Neon Demon, was für sich genommen ja erst einmal vielversprechend wirkt.

Hier nun erzählt er also im Grunde einerseits die Geschichte eines korrupten, in Versuchung geführten Cops (Teller), der sich später in Selbstjustiz tötend durch L.A. und New Mexico ballert, andererseits die Geschichte des Kartellboss-Wannabe Jesus (Augusto Aguilera), der allerdings kaum allein das nötige Standing hat, um sich in der Unterwelt durchsetzen zu können, während irgendwo dazwischen noch der Ex-FBI-Agent Viggo (John Hawkes, The Driftless Area) mäandert, der Martin freundlicherweise schon mal vormacht, wie das mit der Selbstjustiz genau vonstatten zu gehen hat. Dabei sind die Feindbilder genauso plakativ wie naheliegend, so dass die Genugtuung, wenn ein Pädophiler, ein übergriffiger Porno-Produzent, ein Rechtsextremist oder Mörder über den Haufen geschossen wird, nicht lange auf sich warten lässt, doch haben wir es hier eben auch mit gelebter und überspitzter "Toxic Masculinity" zu tun, was auch erklärt, dass die eigentlichen Hauptfiguren ganz woanders zu suchen sind, denn weit mehr als Jesus spielt dessen Gefährtin Yaritza (Cristina Rodlo) eine Rolle und es obliegt der eigenen Interpretation des Gezeigten, ob man sie nun letztlich für die Inkarnation der Hohepriesterin des Todes oder lediglich eine extrem geübte und erfolgreiche Killerin hält. Dem gegenüber im Spannungsfeld befindet sich derweil die von Jena Malone (The Neon Demon) verkörperte Diana – nur zufällig nach der Göttin der Jagd benannt? –, die ihrerseits mit übersinnlichem Weit- und Durchblick nicht nur die Opfer für Viggo auswählt, sondern bald auch die Bekanntschaft mit Martin macht.

Szenenbild aus Too Old to Die Young | © Amazon Studios
© Amazon Studios

Unter diesem Aspekt – und wenn man Too Old to Die Young in Gänze gesehen hat, also das bisschen Handlung kennt – könnte man die Serie beinahe als feministisch betrachten, wobei sich die Lesart als simpler Abgesang auf die vor sich hin rottende, amerikanische Gesellschaft nicht minder naheliegend wäre, derweil man das Geschehen natürlich auch schlicht als hochstilisierte, in knalliges Neon-Licht getauchte Gewalt-Fantasie abtun könnte, die nur eben jede Mal gute sechzig bis siebzig Minuten Anlauf braucht, um sich schlussendlich kurz und schmerzvoll zu entladen. Wie auch immer man die Serie betrachten möchte und wie sehr man sich für Winding Refns elegischen Stil erwärmen mag, ist aber wie stets einem selbst überlassen. Hinsichtlich der Deutungsvielfalt und dem Selbstbewusstsein, eine so vergleichsweise generische Story auf diese epische Länge aufzublasen, muss ich dem Regisseur und Autor aber Respekt zollen, auch wenn er mich irgendwo auf halber Strecke mit den immer gleichen visuellen und inszenatorischen Spielereien verloren hat, die in ein antiklimatisches Finale sondergleichen münden, denn ob sich die zwei bis drei einprägsamen, meinetwegen dramaturgisch gar notwendigen Szenen aus Die Welt (1.10) nicht auch anderweitig hätten unterbringen lassen können, darüber kann man diskutieren. Zumindest aber – ausnahmsweise ohne Diskussionsbedarf oder auch nur -grundlage – ist Nicolas Winding Refns Too Old to Die Young in seiner Form und Machart bislang einzigartig und hallt vergleichsweise lange nach, völlig unabhängig davon, ob man das Endprodukt nun als visionäres Kunstwerk oder prätentiösen Blödsinn abtun möchte. Wahrscheinlich liegt die Wahrheit wie so oft irgendwo dazwischen.

Fazit & Wertung:

Nicolas Winding Refn liefert mit der zehnteiligen und rund dreizehnstündigen Miniserie Too Old to Die Young eine ohne Zweifel einmalige und nur schwer aus dem Kopf zu bekommende Produktion ab, die sich kategorisch der Einordnung als Film oder Serie verweigert und mit denselben sperrigen wie elegischen narrativen und inszenatorischen Strukturen daherkommt wie die Filme des dänischen Regisseurs. Die persönliche Vorliebe für dessen Arbeit wie auch die Lesart des Gezeigten bedingen gravierend, ob man sich für dieses Unterwelt-Epos begeistern kann oder es als selbstverliebtes Machwerk verurteilt. Ich für meinen Teil wusste vieles zu schätzen an dieser eigenwilligen Herangehensweise, doch die zunehmend repetitiven Züge und das irgendwann nur noch ermüdend wirkende Geschehen ließen mich zunehmend das Interesse verlieren.

6,5 von 10 verstörenden Visionen von Tod und Zerstörung

Too Old to Die Young

  • Verstörende Visionen von Tod und Zerstörung - 6.5/10
    6.5/10

Fazit & Wertung:

Nicolas Winding Refn liefert mit der zehnteiligen und rund dreizehnstündigen Miniserie Too Old to Die Young eine ohne Zweifel einmalige und nur schwer aus dem Kopf zu bekommende Produktion ab, die sich kategorisch der Einordnung als Film oder Serie verweigert und mit denselben sperrigen wie elegischen narrativen und inszenatorischen Strukturen daherkommt wie die Filme des dänischen Regisseurs. Die persönliche Vorliebe für dessen Arbeit wie auch die Lesart des Gezeigten bedingen gravierend, ob man sich für dieses Unterwelt-Epos begeistern kann oder es als selbstverliebtes Machwerk verurteilt. Ich für meinen Teil wusste vieles zu schätzen an dieser eigenwilligen Herangehensweise, doch die zunehmend repetitiven Züge und das irgendwann nur noch ermüdend wirkende Geschehen ließen mich zunehmend das Interesse verlieren.

6.5/10
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Episodenübersicht:

01. Band 1: Der Teufel (7,5/10)
02. Band 2: Die Liebenden (6/10)
03. Band 3: Der Eremit (7/10)
04. Band 4: Der Turm (6,5/10)
05. Band 5: Der Narr (7,5/10)
06. Band 6: Die Hohepriesterin (6,5/10)
07. Band 7: Der Magier (7/10)
08. Band 8:Der Gehängte (7,5/10)
09. Band 9: Die Herrscherin (6/10)
10. Band 10: Die Welt (5/10)

 
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Too Old to Die Young ist seit dem 14.06.19 exklusiv bei Amazon Prime Instant Video verfügbar.


vgw

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