Review: Anon (Film)

Kommen wir auch heute noch einmal zu einem Genre-Film, bei dem ich aufgrund allgemeinem Tenor nicht erwartet hätte, dass er mir so gut gefallen würde. Tat er aber, und warum, das könnt ihr jetzt nachlesen.

Anon

Anon, USA/CA/DE 2018, 100 Min.

Anon | © Koch Media
© Koch Media

Regisseur:
Andrew Niccol
Autor:
Andrew Niccol

Main-Cast:
Clive Owen (Sal Frieland)
Amanda Seyfried (The Girl)
in weiteren Rollen:
Colm Feore (Charles Gattis)
Mark O’Brien (Cyrus Frear)
Sonya Walger (Kristen)
Joe Pingue (Lester Hagen)
Iddo Goldberg (Josef Kenik)

Genre:
Krimi | Mystery | Science-Fiction | Thriller

Trailer:

 

Inhalt:

Szenenbild aus Anon | © Koch Media
© Koch Media

Die Zukunft ist geprägt von flächendeckender, unfehlbarer, jegliche Privatsphäre oder Anonymität negierender Überwachung, die alles, was das menschliche Auge erblickt, zur Archivierung und zum staatlichen Abruf im "Äther" speichert. Die Vorteile liegen klar auf der Hand, so dass auch Detective Sal Frieland dank des totalitären Überwachungsstaates einen vergleichsweise geruhsamen Job hat und die Kriminalität beinahe auf null reduziert worden ist. Verständlich, schließlich wird jedwedes Verbrechen beinahe augenblicklich aufgeklärt und entsprechende Algorithmen sind darauf geeicht, insbesondere Gewalttaten augenblicklich zu melden und die Behörden zu rufen. Dann aber wird Frieland zu einem mehr als merkwürdigen Mord gerufen, denn der Täter hat es geschafft, seine Sicht der Dinge auf das Opfer zu projizieren, so dass dieses nicht nur seiner eigenen Erschießung beizuwohnen gezwungen war, sondern gleichsam die Identität des Mörders im Verborgenen blieb. Schnell stoßen Frieland und seine Kollegen – derweil sich weitere, ähnliche Morde ereignen – bei ihren Ermittlungen auf eine findige wie anonyme Hackerin, die in Verbindung zu den Opfern gestanden zu haben scheint, doch während der Detective noch versucht, ihrer habhaft zu werden, beunruhigt seine vorgesetzten weit mehr, dass ihr bis dato unfehlbares Überwachungssystem zu scheitern droht…

Rezension:

Lange habe ich mich ja nicht an Anon herangetraut, da die Bewertungen nun einerseits nicht eben vielversprechend gewirkt haben und ich andererseits auf eine etwaige Netflix-Veröffentlichung gelauert habe, die ursprünglich ihr Label auf den Film gepappt hatten, bevor dieser dann regulär auf Scheibe bei Koch Media erschienen ist, statt direkt im Angebot des Streaming-Anbieters zu landen. Allein aber der allgemeine Look und das Thema des Ganzen haben mich dann aber doch zu sehr gereizt, um noch länger einen Bogen um die Produktion zu machen, zumal Regisseur Andrew Niccol eben in der Vergangenheit bereits für moderne Klassiker wie Gattaca oder auch Lord of War verantwortlich gezeichnet hat und mich zuletzt mit seinem – ebenfalls ziemlich untergegangenen – Good Kill zu überzeugen gewusst hat. Hier nun geht es einmal mehr in eine bedrückende Zukunftsvision und Niccol bleibt seinem Ansatz treu, gleichermaßen spannende wie auch kritische Filme zu kreieren, so dass er hier – wie bisher bei all seinen Filmen – auch für das Drehbuch verantwortlich zeichnet. Nun braucht zwar niemand nur im Ansatz zu hoffen, Anon würde auch nur annähernd die Strahlkraft eines Gattaca erreichen, doch wer Gefallen an dem Thema und Setting findet, dürfte meines Erachtens positiv überrascht werden.

Szenenbild aus Anon | © Koch Media
© Koch Media

Das beginnt schon damit, dass Niccol sich für seine Erzählung formaler Aspekte zu bedienen vermag und das Bildformat somit von "klassischem" Breitbildformat zu dem deutlich mehr bildschirmfüllenden 16:9 wechselt, wenn das Geschehen aus der Perspektive einzelner Figuren – zumeist Protagonist Frieland – betrachtet wird, was im weiteren Verlauf noch an Wichtigkeit gewinnen wird. Diese Abgrenzung ist aber ohnehin bereits in den ersten Momenten sehr schön daran zu erkennen, wie die Umwelt permanent gescannt und mit ergänzenden Informationen – oder Werbebotschaften – im Sichtfeld des Einzelnen gefüllt wird. Auch hier mag es sich um eine – je nach Sichtweise – gängige Utopie beziehungsweise Dystopie handeln, doch hat sich Niccol hinsichtlich Darstellung wie auch Bedeutung merklich Gedanken gemacht, zumal eine solche Technik gar nicht mehr so abstrakt und futuristisch wirkt wie noch vor einigen Jahren und in vielerlei Hinsicht der nächste konsequente Schritt zur Digitalisierung wäre. So nachdenklich allein dieser Aspekt der Story aber auch schon stimmen mag, baut Anon auf diesem Konstrukt zudem noch eine überzeugende Krimi-Noir-Geschichte, die zwar mancherorts vorhersehbar wirken mag, aber auch einiges an cleveren Überraschungen parat hält.

In der Rolle des zur Insubordination neigenden Frieland überzeugt derweil Clive Owen (Valerian) wie eh und je und liefert eine durchaus gefällige Performance ab, wenn er auch vom Skript noch weit mehr hätte gefordert werden können, derweil Amanda Seyfried – die mit Niccol schon gemeinsam In Time gedreht hat – zunächst einmal auffallend im Hintergrund bleibt, was natürlich sehr zu ihrer nach Anonymität und Privatsphäre strebenden Figur passt, die dann auch entsprechend nur als "The Girl" referenziert wird. Und trotz ihrer hinsichtlich Screentime untergeordneten Rolle weiß sie sich gegenüber Owen spielend zu behaupten und bekommt zudem einige der interessantesten Dialogzeilen zugeschustert. Ansonsten gefällt auch Colm Feore (The Umbrella Academy) in gewohnter Manier als Frielands Vorgesetzter Gatiss, was jetzt in Summe zwar mitnichten einen A-Riegen-Cast ergibt, zu diesem dystopischen Science-Fiction-Thriller aber vortrefflich passt, der im Grunde mit einfachsten Mitteln das Maximum aus seiner Prämisse herausholt und mit durchweg gelungener Optik zu punkten vermag.

Szenenbild aus Anon | © Koch Media
© Koch Media

Vor allem aber findet Niccol clevere Wege, im Rahmen seines Kriminal-Plots aufzuzeigen, welche Gefahren es birgt, wenn man einen seiner essentiellen Sinne – in diesem Fall das Sehen – der ach so unfehlbaren Technik anvertraut, denn wie man sich wird denken können, ist es nicht nur die Perspektive der Mordopfer, die hier über kurz oder lang gekapert werden wird. Dabei bildet der "Äther", über den Staatsorgane jederzeit jede gespeicherte Erinnerung abrufen können, ein überaus mächtiges wie einschüchterndes Instrument, dessen Schwachstellen hier gleich die gesamte Gesellschaft lahmzulegen drohen, denn wem es gelingt, ein totalitäres System zu überlisten, hat de facto dadurch auch Macht über ebenjenes System und das darf freilich nicht passieren. Mir persönlich haben die Gedankenspiele, der dystopische Ansatz, die Tristesse der Welt und der Fortgang der Geschichte ausnehmend gut gefallen und ich kann die schlechten Bewertungen nicht im Ansatz verstehen, außer natürlich, man weiß grundsätzlich mit dem Genre und der Thematik nichts anzufangen, doch dann wäre es wohl der leichtere Weg, einfach einen Bogen um Anon zu machen. Ich für meinen Teil kann ihn nur empfehlen und möchte ihn nicht nur Niccol-Fans wärmstens ans Herz legen.

Fazit & Wertung:

Mit Anon liefert Andrew Niccol als Regisseur und Drehbuchautor eine weitere überzeugende und clever inszenierte Dystopie vor, die sich als gelungene Mischung aus Science-Fiction-Thriller und Krimi Noir präsentiert und einige gelungene Denkanstöße hinsichtlich der hier porträtierten totalen Überwachung und ihrer Folgen liefert. Im Vergleich zu deutlich höher budgetierten Filmen mag sich hier alles zwar in eher kleinem Rahmen bewegen, doch vermag Niccol das Maximum aus den Möglichkeiten herauszuholen.

8 von 10 überschriebenen Erinnerungen

Anon

  • Überschriebene Erinnerungen - 8/10
    8/10

Fazit & Wertung:

Mit Anon liefert Andrew Niccol als Regisseur und Drehbuchautor eine weitere überzeugende und clever inszenierte Dystopie vor, die sich als gelungene Mischung aus Science-Fiction-Thriller und Krimi Noir präsentiert und einige gelungene Denkanstöße hinsichtlich der hier porträtierten totalen Überwachung und ihrer Folgen liefert. Im Vergleich zu deutlich höher budgetierten Filmen mag sich hier alles zwar in eher kleinem Rahmen bewegen, doch vermag Niccol das Maximum aus den Möglichkeiten herauszuholen.

8.0/10
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Anon ist am 25.10.18 auf DVD und Blu-ray bei Koch Media erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über einen der Links und unterstützt damit das Medienjournal!

DVD:

Blu-ray:

vgw

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