Review: I Am Not Okay With This | Staffel 1 (Serie)

Widmen wir uns heute mal einer durchaus empfehlenswerten Netflix-Serie, denn schließlich sollten meinerseits gerade in heutiger Zeit die Empfehlungen nicht abreißen, was sie nach derzeitigem Stand aber freilich auch nicht werden, denn meine Watchlist ist bekanntermaßen mehr als üppig bestückt.

I Am Not Okay With This
Staffel 1

I Am Not Okay With This, USA 2020-, ca. 22 Min. je Folge

I Am Not Okay With This | © Netflix
© Netflix

Serienschöpfer:
Jonathan Entwistle
Christy Hall

Regisseur:
Jonathan Entwistle
Autoren:
Christy Hall
Tripper Clancy
Jonathan Entwistle
Liz Elverenli
Jenna Westover
Charles S. Forsman (Comic-Vorlage)

Main-Cast:
Sophia Lillis (Sydney Novak)
Wyatt Oleff (Stanley Barber)
Sofia Bryant (Dina)
Kathleen Rose Perkins (Maggie Novak)
in weiteren Rollen:
Richard Ellis (Brad Lewis)
Zachary S. Williams (Ricky Berry)
Aidan Wojtak-Hissong (Liam Novak)
David Theune (Mr. File)
Sophia Tatum (Jenny Tuffield)

Genre:
Drama | Komödie | Fantasy

Trailer:

 

Inhalt:

Szenenbild aus I Am Not Okay With This | © Netflix
© Netflix

Sydney Novak ist siebzehn Jahre alt und es ist kein Jahr her, dass ihr Vater sich im Keller erhängt hat. Während ihre Mutter sich abmüht, mit Überstunden im Diner den Lebensunterhalt zu bestreiten, fällt es immer öfter Syndey zu, sich um ihren jüngeren Bruder Liam zu kümmern. Das Leben könnte bei weitem schöner sein und auch in der Schule findet Syd kaum Anschluss, von ihrer besten Freundin Dina einmal abgesehen, die sich allerdings jüngst mit dem unsympathischen Bradley zusammengetan hat. Und als der sie reizt, fällt ihr auch erstmals auf, dass etwas mit ihr nicht stimmen könnte, denn nur die Kraft ihrer Gedanken fängt plötzlich dessen Nase an zu bluten. Darauf vertrauend, dass es sich um einen Zufall handeln muss, staunt Sydney nicht schlecht, als ihre Kräfte noch ganz andere, ungeahnte Ausmaße annehmen. Dumm nur, dass die Teenagerin sich kaum jemandem anzuvertrauen wüsste, weshalb sie ihre Gedanken einzig mit ihrem Tagebuch teilt, das zu führen ihr eine besorgte Lehrerin aufgetragen hat…

Rezension:

Eigentlich ist es ja schon ein wenig unfair, wenn man mit dem Schlagwort "Superheld" an die neue Netflix-Produktion I Am Not Okay With This herangeführt oder darauf neugierig gemacht wird, denn diese insgesamt sieben Episoden umfassende erste Staffel könnte von einer klassischen Superheldenserie oder -geschichte sicher kaum weiter entfernt sein. Viel hilfreicher – und nicht weniger neugierig machend – ist da schon der Hinweis, dass es sich um eine Adaption des gleichnamigen Comics von Charles S. Forsman handelt, dessen Werke bereits in der Vergangenheit erfolgreich adaptiert worden sind. Tatsächlich handelt es sich dabei um die großartig schwarzhumorige, von Tristesse geprägte Dramedy The End of the F***ing World, die vor gar nicht allzu langer Zeit eine zweite Staffel spendiert bekommen hat. Nun stammt aber nicht nur die Vorlage einmal mehr von Forsman, nein, für die Inszenierung und somit Regie zeichnet auch einmal mehr Jonathan Entwistle verantwortlich. Und das merkt man der Serie deutlich an, was mitnichten als Kritik gemeint sein soll, denn das von erdigen Farben dominierte, triste Dasein – diesmal verortet im amerikanischen Pennsylvania – schlägt schnell in seinen Bann und versprüht reichlich 80er-Flair, was wohl so beabsichtigt und gewollt ist, derweil die Story wohl eher zu heutiger Zeit spielen soll, auch wenn man reichlich die Nostalgie-Schiene bemüht.

Szenenbild aus I Am Not Okay With This | © Netflix
© Netflix

Wo dieser Eighties-Charme andernorts aber aufgesetzt oder bemüht wirkt, scheint es hier ganz natürlich, zumal diese Referenz sich eben nicht nur in punkto Mode und Musik durch die Serie zieht, sondern auch ganz massiv die filmischen Vorbilder offenbart, so dass schon in der allerersten Szene eine mehr als offenkundige Carrie-Referenz daherkommt und beispielsweise allein die fünfte Episode Noch ein Tag im Paradies (1.05) mehr als nur ein bisschen an den kultigen The Breakfast Club denken lassen dürfte. Während man sich aber eben nicht nur stilistisch auf alte Tage besinnt, wirkt auch der Plot von I Am Not Okay With This in vielerlei Hinsicht wie ein bestens arrangiertes Potpourri aus Versatzstücken genannter Filme und ähnlich gearteter Produktionen, hier nun eben nur erweitert um den Kniff der "Superheldenkräfte" der Protagonistin. Die sind aber die meiste Zeit mitnichten vorherrschendes Element und im Grunde kann man – zumindest im Bezug auf die ersten paar Episoden – behaupten, dass es je Folge etwa ein einschneidendes Ereignis mit Sydneys Kräften gibt, die sie kaum zu beherrschen weiß, während es erst im weiteren Verlauf dazu kommt, dass sie diese weiter erforscht und unter Kontrolle zu bringen versucht.

So ist I Am Not Okay With This auch vor allem anderen erst einmal Coming-of-Age-Drama und es sind klassische Themen des Erwachsenwerdens, die hier behandelt werden, angefangen damit, dass Sydney auf die harte Tour lernen muss, in ihre beste Freundin Dina verschossen zu sein, während der spleenige Nachbarsjunge Stan – Wyatt Oleff ist eine echte Entdeckung! – sich seinerseits Chancen bei ihr ausmalt. Sophia Lillis derweil macht einen großartigen Job bei der Verkörperung der missgelaunten Sydney Novak, die noch schwer am Suizid ihres Vaters zu kauen hat und – einer der Aufhänger für die Story der Serie – jüngst dazu verdonnert worden ist, Tagebuch zu führen, so dass eine jede Folge entsprechend mit einem Off-Kommentar der Sorte "Liebes Tagebuch…" eröffnet. Unverhoffte Koinzidenz derweil dürfte für die deutschen Zuschauer sein, dass Habitus, Look und Frisur von Sydney ein wenig an die nicht minder zynische Rolle von Wolke Hegenbarth in Mein Leben & Ich erinnert, so dass man hier quasi die düstere, abgründigere Version des Stoffes kredenzt bekommt.

Szenenbild aus I Am Not Okay With This | © Netflix
© Netflix

Gleichwohl man hier aber einiges an Parallelen ziehen und Querverweise und Reminiszenzen an jeder Ecke entdecken kann, wirkt der Kern der Serie doch durchweg frisch, unverbraucht und mutig, zumal es eben nicht ein zweites TEOTFW ist – auch wenn beide Serien wohl im selben "Universum" spielen sollen – und auch dem Thema "Superkräfte" von einer ganz neuen Warte nahe kommt. Einiges an Klischees und Vorhersehbarem lässt sich natürlich auch hier nicht vermeiden, doch oft genug spielen die Autoren auch gekonnt mit der entsprechenden Erwartungshaltung seitens der Zuschauer, wenn ich da nur an eine ziemlich geniale Szene mit dem Hausmeister der Schule denke. Im Übrigen leben Forsmans Geschichten – zumindest die, die bislang adaptiert worden sind – eben auch ein Stück weit von einem allzu aussichtslosen Blick auf die Welt, der eben genau diese fatalistische Sichtweise begünstigt, die seinen Protagonisten innewohnt, wobei der bestens aufgelegte und stets optimistische Nachbarsjunge Stan hier in diesem Fall die ruhmreiche Ausnahme bildet. So glänzt auch I Am Not Okay With This durchaus mit Humor, wenn der auch wieder von der eher düsteren, sarkastischen Sorte sein mag, dafür aber stets treffsicher platziert wirkt und das ansonsten ernste und grimmige Geschehen gekonnt auflockert, was freilich auch für den superben Soundtrack gilt, der von The King of Rock ’n‘ Roll bis hin zu The Killing Moon alles an 80ies-Vibes enthält, was man sich nur wünschen kann (und mit letzterem auch noch die Brücke zu Donnie Darko zu schlagen vermag).

Fazit & Wertung:

Obwohl I Am Not Okay With This keinen Hehl aus seinen Vorbildern und seiner Inspiration macht, wirkt die erste Staffel dieser Netflix-Produktion durchgehend frisch und lohnend, zumal das gleichsam vorhersehbare wie überraschende Finale nachhaltig Lust auf mehr macht. Davon unabhängig werden sich aber freilich insbesondere die Fans von James und Alyssa aus TEOTFW in der fatalistischen Tristesse heimisch fühlen.

8 von 10 verstörend-desaströsen Wutausbrüchen

I Am Not Okay With This | Staffel 1

  • Verstörend-desaströse Wutausbrüche - 8/10
    8/10

Fazit & Wertung:

Obwohl I Am Not Okay With This keinen Hehl aus seinen Vorbildern und seiner Inspiration macht, wirkt die erste Staffel dieser Netflix-Produktion durchgehend frisch und lohnend, zumal das gleichsam vorhersehbare wie überraschende Finale nachhaltig Lust auf mehr macht. Davon unabhängig werden sich aber freilich insbesondere die Fans von James und Alyssa aus TEOTFW in der fatalistischen Tristesse heimisch fühlen.

8.0/10
Leser-Wertung 9/10 (1 Stimme)
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Episodenübersicht: Staffel 1

01. Liebes Tagebuch … (7,5/10)
02. Der Meister eines F**ks (7,5/10)
03. Die Party ist vorbei (7,5/10)
04. Stan an meiner Seite (8/10)
05. Noch ein Tag im Paradies (8,5/10)
06. Wie der Vater, so die Tochter (8/10)
07. Das tiefste, dunkelste Geheimnis (9/10)

 
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I Am Not Okay With This | Staffel 1 ist seit dem 26.02.2020 exklusiv bei Netflix verfügbar.

vgw

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