Review: The Professor (Film)

Seit heute ist der neue Film mit Johnny Depp im Handel erhältlich und das allein ist sicherlich Grund genug, ihm auch an dieser Stelle die geneigte Aufmerksamkeit zu widmen, denn auch wenn es sich mitnichten um ein Meisterwerk handelt, ist es doch eine durchaus überzeugende Charakterstudie geworden, was eben zu großen Teilen auch an Depp liegt. Aber ich greife schon wieder vor, lest und schaut doch einfach selbst.

The Professor

The Professor, USA 2018, 90 Min.

The Professor | © LEONINE
© LEONINE

Regisseur:
Wayne Roberts
Autor:
Wayne Roberts

Main-Cast:
Johnny Depp (Richard)
in weiteren Rollen:
Rosemarie DeWitt (Veronica)
Danny Huston (Peter)
Zoey Deutch (Claire)
Ron Livingston (Henry)
Odessa Young (Olivia)

Genre:
Drama | Komödie

Trailer:

 

Inhalt:

Szenenbild aus The Professor | © LEONINE
© LEONINE

Richard Brown, College-Professor für Englisch, fällt aus allen Wolken, als ihm fortgeschrittener Lungenkrebs diagnostiziert wird. Mit Glück bleiben ihm – ohne Behandlung – noch sechs Monate zu leben. Nach anfänglichem Unglauben beginnt er sein Schicksal zu akzeptieren, auch wenn es ihm nicht einmal gelingt, seiner eigenen Frau von der Diagnose zu erzählen. Dennoch, für Richard steht fest, die ihm verbleibende Zeit nutzen zu wollen und so stutzt er kurzerhand auch sein Universitätsseminar auf eine überschaubare Zahl wissbegieriger StudentInnen zusammen, denen er letzte Lebensweisheiten auf den Weg zu geben gedenkt. Ansonsten beginnt Richard sein Leben nach langer Zeit einmal wieder zügellos zu genießen, widmet sich dem Alkohol, probiert Drogen und forciert die eine oder andere Affäre, nachdem seine Frau ihm ohnehin jüngst eröffnet hat, ihn seit geraumer Zeit zu betrügen. Mit reichlich Verve schlittert der Professor so in eine wortwörtlich existentielle Krise, wohlwissend, dass diese allzu bald ein jähes Ende finden wird…

Rezension:

Bereits 2017 ist Wayne Roberts‘ zweiter Spielfilm entstanden, doch nach der Premiere beim Zurich Film Festival 2018 dauerte es erneut bis zur –wenig erfolgreichen – Kinoauswertung in den USA, derweil der Film nun hierzulande lediglich für das Heimkino veröffentlicht wird. Kein leichter Stand, den der Film sicherlich auch seinem Hauptdarsteller Johnny Depp zu verdanken hat, denn der polarisiert seit geraumer Zeit schließlich vorrangig fernab seiner Filme dank des nicht enden wollenden Rosenkriegs mit Ex Amber Heard, bei dem man auch nach all den Jahren kaum sicher behaupten kann, wer denn nun wem gegenüber handgreiflich und übergriffig geworden ist, während sich die Sach- und Faktenlage immer mal wieder zu verändern scheint. Daraus resultierend war auch der Kinostart in den Staaten nicht gerade erfolgreich und The Professor heimste nicht gerade wohlwollende Kritiken ein, wobei das die Zuschauer*innen doch teils anders gesehen zu haben scheinen, wenn man nach den Wertungen in der IMDb oder bei Rotten Tomatoes geht. Auch ich bin im Übrigen durchaus angetan von der feinsinnigen Tragikomödie, die zwar durchaus etwas mehr Tiefe und Mut hätte vertragen können, Johnny Depp insbesondere allerdings durchaus mal wieder brillieren lässt, wenn man die Fehde fernab des Film-Business auszublenden imstande ist.

Szenenbild aus The Professor | © LEONINE
© LEONINE

Dabei hat The Professor gleichermaßen etwas Verspieltes und Melancholisches an sich, auch wenn es zunächst für Richard darum gehen mag, seine letzten Monate in vollen Zügen zu genießen, Erfahrungen zu machen, Begegnungen auszuloten und Grenzen zu überschreiten. Auffällig hierbei ist, dass das Gezeigte trotz des angedichteten Exzesses merkwürdig brav daherkommt, so dass Richard sich zwar recht fix in einen nicht enden wollenden Rausch hineinsteigert, Marihuana für sich entdeckt und auch in sexueller Hinsicht neue Erfahrungen macht, doch wirklich enthemmt, grenzüberschreitend, drastisch wirkt das alles irgendwie nie, woran auch die Art der Inszenierung nicht ganz unschuldig ist. Grundsätzlich mag das auch nicht schlecht oder verwerflich sein, geht es Roberts doch offenkundig eben nicht um den gelegten Exzess, doch ein wenig mehr Schmackes hätte es schon sein dürfen, was gleichwohl auch für andere Versatzstücke des Films geht. So ist es Richard ein Anliegen, seinen wenigen verbliebenen Studenten zu predigen, das Leben zu genießen, im Moment zu leben, doch wirklich tiefgründig wirken seine Äußerungen durch den Nebel aus Alkohol und Marihuana-Dämpfen dann doch nicht, was schade ist, da sich der Film ansonsten spürbar auf einer existentiellen Ebene bewegt und inszeniert.

Spielerisch und sehr gelungen, beinahe poetisch, wirkt hingegen die Einteilung in einzelne Kapitel, derweil es auch schade ist, dass der ursprüngliche Titel Richard Says Goodbye (Roberts‘ vorheriger Film trug den Titel Katie Says Goodbye nicht beibehalten worden ist, denn The Professor wirkt natürlich im Vergleich sehr nichtssagend, auch wenn sich der Film tatsächlich voll und ganz auf seinen Protagonisten und damit Johnny Depp (Mord im Orient-Express) fokussiert. Das degradiert zwar die weitere Belegschaft zu schmückendem Beiwerk, doch bedeutet das nicht, dass beispielsweise Rosemarie DeWitt (Sweet Virginia) als Richards Frau Veronica nicht dennoch ihre Bedeutung hätte in den letzten Monaten ihres Mannes, obwohl die Ehe längst und spürbar zerrüttet ist. Noch weit gelungener allerdings ist die Vater-Tochter-Beziehung, die insbesondere im letzten Drittel einige anrührende Momente mit sich bringt, was neben Depp auch Odessa Young (Assassination Nation) als Tochter Olivia zu verdanken ist.

Szenenbild aus The Professor | © LEONINE
© LEONINE

Überhaupt geht es im weiteren Verlauf dann auch gar nicht mehr so sehr um das Überwinden von Grenzen, um Akzeptanz und letzte Abenteuer, sondern vielmehr um die Art und Weise, wie es gilt, Abschied zu nehmen (weshalb auch der Alternativtitel passender gewesen wäre), was auch für Richards Freundschaft zu dem herrlich gefühlsbetonten und empathischen Peter (Danny Huston, Game Night) gilt, der es nicht verkraften und akzeptieren will, seinen besten Freund zu verlieren. The Professor strotz tatsächlich vor gelungenen Miniaturen und Einzelszenen, Begegnungen und Momentaufnahmen, doch bleiben die eben doch immer etwas vage und wirken teils episodisch arrangiert, woran auch die einzelnen Kapitel nicht ganz unschuldig sind. Nicht unerwähnt bleiben soll in diesem Zusammenhang auch Zoey Deutch (The Politician) als eine von Richards Studentinnen, zumal man hier nicht dem Klischee erliegt, dass er ausgerechnet mit ihr eine Affäre anfangen würde, so dass sich die beiden auf einer merklich emotionaleren Ebene begegnen und näherkommen. Dabei gelingt es Roberts auch, seinen zweiten Spielfilm mitnichten zum deprimierenden Rührstück verkommen zu lassen und würzt Richards letzte Monate mit einer feinen Prise Humor und Understatement, doch hätte dieser finale Selbstfindungstrip wohl noch weit überzeugender ausfallen können, wenn Roberts, der auch das Drehbuch beigesteuert hat, sich auch (noch) mehr in die charakterlichen Tiefen seiner Figuren vorgewagt hätte, denn in seinen anderthalb Stunden Laufzeit kratzt er oft genug nur an der Oberfläche dessen, was man hätte erzählen können. Dennoch ist sein Film weit besser als sein Ruf bei den Kritikern und verdient Beachtung, auch wenn er weder das Rad neu erfindet, noch frei von Schwächen ist.

Fazit & Wertung:

Mit The Professor gelingt Wayne Roberts ein durchaus berührendes und gelungenes Charakter-Porträt, das auch Johnny Depp in einer nur zurückgenommen exzentrischen Performance brillieren lässt, doch neben gelungenen Momentbetrachtungen und anrührenden Szenen fällt auf, dass es dramaturgisch zuweilen recht oberflächlich bleibt und den Charakteren ein wenig mehr Tiefe gut getan hätte. Dennoch ein sehenswerter, zum Nachdenken anregender Film.

7 von 10 enthemmt gelebten letzten Wochen

The Professor

  • Enthemmt gelebte letzte Wochen - 7/10
    7/10

Fazit & Wertung:

Mit The Professor gelingt Wayne Roberts ein durchaus berührendes und gelungenes Charakter-Porträt, das auch Johnny Depp in einer nur zurückgenommen exzentrischen Performance brillieren lässt, doch neben gelungenen Momentbetrachtungen und anrührenden Szenen fällt auf, dass es dramaturgisch zuweilen recht oberflächlich bleibt und den Charakteren ein wenig mehr Tiefe gut getan hätte. Dennoch ein sehenswerter, zum Nachdenken anregender Film.

7.0/10
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The Professor ist am 31.07.2020 auf DVD und Blu-ray bei LEONINE erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über einen der Links und unterstützt damit das Medienjournal!

DVD:

Blu-ray:

vgw

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Eine Reaktion

  1. Wortman 10. August 2020

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