Review: Vivarium (Film)

Auf die heutige Rezension habe ich mich schon gefreut, seit ich vor einigen Tagen nachfolgenden Film gesehen habe und deshalb kommt jetzt auch ohne weitere Vorrede meine heutige Kritik.

Vivarium

Vivarium, IE/BE/DK/USA/UK 2019, 97 Min.

Vivarium | © Concorde
© Concorde

Regisseur:
Lorcan Finnegan
Autor:
Garret Shanley

Main-Cast:
Imogen Poots (Gemma)
Jesse Eisenberg (Tom)
in weiteren Rollen:
Senan Jennings (Young Boy)
Eanna Hardwicke (Older Boy)
Jonathan Aris (Martin)

Genre:
Mystery | Horror

Trailer:

 

Inhalt:

Szenenbild aus Vivarium | © Concorde
© Concorde

Während Tom sich als Gärtner mehr schlecht als recht durchs Leben schlägt, arbeitet seine Freundin Gemma als Lehrerin in einem Vorschulkindergarten und beide planen nun, den nächsten Schritt zu gehen und sich auf die Suche nach einem Eigenheim zu begeben. Prompt landen sie in einer mehr als dubiosen Filiale und geraten an den noch weit seltsameren Makler Martin, der sie einlädt, gemeinsam mit ihm zu der frisch errichteten Reihenhaussiedlung Yonder zu fahren. Obgleich die beiden ob des Vorstadt-spießertums die Nase rümpfen, kann ja aber eine Besichtigung nicht schaden und sie folgen Martin zu dem Ort, an dem jedes Haus gleich, jede Straße identisch wirkt und der pastellfarbene Himmel von flauschigen Wattewolken verhangen ist. Die Siedlung selbst macht noch einen gänzlich unbewohnten Eindruck und schon die Besichtigung des Hauses Nummer 9 gerät mehr als surreal, doch urplötzlich ist Martin verschwunden. Kurzerhand schwingen sich Tom und Gemma in ihr Auto, doch was sie auch versuchen und wohin sie auch fahren, es scheint kein Weg aus der Siedlung zu führen und sie landen ein ums andere Mal wieder vor der Nummer 9. Notgedrungen bleiben sie zunächst dort, doch wird die Situation noch kurioser und beängstigender, als sie plötzlich Proviant geliefert bekommen. Und in einem der Pappkartons findet Gemma dann eines Tages gar ein Baby…

Rezension:

Was bin ich froh, durch eine News-Meldung auf Vivarium aufmerksam geworden zu sein, der sonst wohl für längere Zeit unbemerkt an mir vorbeigerauscht wäre. Das soll nicht einmal heißen, dass der von Lorcan Finnegan inszenierte Film das Genre neu erfinden würde oder erzählerisch herausragend wäre, doch hat mich der kaum hundertminütige Reigen prompt in seinen Bann schlagen und faszinieren können. Fairerweise muss ich aber auch sagen, dass das an einigen Parallelen zur Lebenssituation des Film-Pärchens Tom und Gemma gelegen haben mag, dass die geschilderte oder gezeigte Situation noch einmal um einiges eindringlicher und beklemmender auf mich gewirkt hat. Ohnehin baut der Film aber darauf, dass man sich auf seine obskure wie surreale Prämisse einlässt, die sich nach logischen Gesichtspunkten freilich nicht erklären lässt, aber eben den Weg ebnet für ein doch sehr gelungenes und erschreckendes Gedankenexperiment.

Szenenbild aus Vivarium | © Concorde
© Concorde

Der Titel Vivarium als Begriff umreißt dabei schon einmal einen der Kernaspekte der Handlung schlechthin, handelt es sich schließlich um einen "Behälter für lebende Tiere". Die Unterscheidung zwischen Mensch und Tier derweil wohnt bekanntermaßen einzig und allein den Menschen inne, die hier in eine ungewohnte Rolle gedrängt werden und – mit Abstrichen in einer regelrecht pervertierten Form – den Traum der Vorstadtidylle und des jungen Familienglücks durchleben dürfen. Das ist auf eine groteske Art faszinierend und gruselig gleichermaßen. Selbst aus dem merklich schmalen Budget macht Regisseur Finnegan hier gar eine Tugend, denn auch wenn die immer gleichen Häuserreihen wie auch der absolut künstlich und stilisiert wirkende Himmel merklich zu großen Teilen am Computer entstanden sein mögen, ist das im vorliegenden Fall der Atmosphäre sogar zuträglich und macht auf eine verquere Art und Weise Sinn, während es schön ist zu sehen, dass Tom und Gemma zunächst nichts unversucht lassen, dem Alptraum zu entkommen, also mitnichten dem Stereotyp der sich auffallend dämlich verhaltenden Horrorfilm-Protagonisten entsprechen.

Überhaupt steht und fällt eine Story vom Schlage eines Vivarium mit ihren DarstellerInnen und da punkten sowohl Imogen Poots (Sweet Virginia) als auch Jesse Eisenberg (American Ultra) mit einer ganzen Bandbreite an Emotionen, von hochkochender Wut über stille Verzweiflung bis hin zu Ausbrüchen von Jähzorn und nackter Angst. Man kauft es ihnen ab, dieses junge und unbedarfte Pärchen zu sein, man kauft ihnen die Verwirrung, den Pragmatismus, die Resignation ab, was dann auch ein Stück weit über leichte Längen im Mittelteil hinwegtröstet, wenn Drehbuchautor Garret Shanley zwischenzeitlich ein wenig den Fokus zu verlieren scheint. So finden sich hier einige kleinere bis größere Zeitsprünge, die eleganter hätten gelöst werden können oder auch ziemlich interessante Passagen im Leben der beiden gleich ganz aussparen, wobei Finngean und Team diese – und ähnlich geartete – Momente immerhin nutzen, um eine Prise allerschwärzesten Humors in ihre Erzählung zu streuen, auch wenn der fertige Film weit davon entfernt ist, auch als "Komödie" gelabelt zu werden, wie es beispielsweise in der IMDb der Fall ist. Neben Poots und Eisenberg punkten aber auch die weiteren Darsteller samt und sonders, über deren konkrete Rolle ich mich allerdings ausschweigen möchte, wobei schon der nach wenigen Minuten in Erscheinung tretende Makler Martin (Jonathan Aris, The End of the F***ing World) eine Klasse für sich ist und nicht wenige bewogen hätte, postwendend Reißaus zu nehmen.

Szenenbild aus Vivarium | © Concorde
© Concorde

So wie ich mich derweil über den weiteren Verlauf ausschweigen möchte, halten sich auch Finnegan und Shanley die meiste Zeit mit offensiven Lösungsansätzen zurück, wobei die wenigen Ausnahmen dann wohl doch auch eher dazu gedacht sind, die Reaktion der unfreiwillig in die Vorstadt Gesperrten zu zeigen und nicht etwa, um dem Zuschauer neue Erkenntnisse zu vermitteln. Da stört es dann noch nicht einmal, dass sich mit genügend Aufmerksamkeit locker vorhersehen lässt, auf welche Art und Weise die Sache enden wird, ja, enden muss, zumal man immer noch neugierig sein kann, wie genau und mit welcher Konsequenz und Maß an Fatalismus der beklemmende Mystery-Horror nun wirklich durchexerziert wird. Zugegeben, Vivarium wird nur einem ausgewählten Publikum wirklich munden, wobei es hilfreich sein kann, wenn man sich Shows wie Black Mirror verbunden fühlt, um schlussendlich selbst noch die Referenz anzubringen, die sich wirklich allerorten im Zusammenhang mit dem Film findet, doch sind die Parallelen eben auch nicht von der Hand zu weisen, auch wenn dem hier Gezeigten der Science-Fiction-Aspekt abgehen mag. Schlussendlich ziehe ich vor allem aber den Hut vor den einleitenden paar Minuten, quasi dem Vorspann des Films, der zunächst nichts mit der sich anschließenden Handlung gemein zu haben scheint, schlussendlich aber im Grunde Schlüssel zum Verständnis all dessen ist, was man hier im Nachgang an Surrealem und Verstörenden serviert bekommt.

Fazit & Wertung:

Lorcan Finnegan kredenzt mit Vivarium einen betörend-verstörenden Mystery-Horror auf kleinstem Raum und mit einfachsten Mitteln, der seine Faszination umso mehr entfaltet, je mehr man sich auf das fatalistische und surreale Treiben einzulassen bereit ist. Die Dramaturgie mag zwischenzeitlich ihre Durchhänger haben, die Hintergründe des Ganzen dürften aufmerksamen Zuschauern nicht lange verborgen bleiben, doch durch schiere Atmosphäre, beängstigende Prämisse und zwei Hauptdarsteller in Bestform verlieren solche erzählerischen Schwächen schnell an Bedeutung und Gewicht.

7,5 von 10 immer gleichen Tagen und Nächten in der Reihenhaussiedlung

Vivarium

  • Immer gleiche Tage und Nächte in der Reihenhaussiedlung - 7.5/10
    7.5/10

Fazit & Wertung:

Lorcan Finnegan kredenzt mit Vivarium einen betörend-verstörenden Mystery-Horror auf kleinstem Raum und mit einfachsten Mitteln, der seine Faszination umso mehr entfaltet, je mehr man sich auf das fatalistische und surreale Treiben einzulassen bereit ist. Die Dramaturgie mag zwischenzeitlich ihre Durchhänger haben, die Hintergründe des Ganzen dürften aufmerksamen Zuschauern nicht lange verborgen bleiben, doch durch schiere Atmosphäre, beängstigende Prämisse und zwei Hauptdarsteller in Bestform verlieren solche erzählerischen Schwächen schnell an Bedeutung und Gewicht.

7.5/10
Leser-Wertung 8/10 (1 Stimme)
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Vivarium ist am 12.06.2020 auf DVD und Blu-ray bei Concorde erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über einen der Links und unterstützt damit das Medienjournal!

DVD:

Blu-ray:

vgw

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Eine Reaktion

  1. mwj 28. Juli 2020

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