Review: The Art of Self-Defense (Film)

Nach einer kurzen Auszeit gestern – ich habe schlichtweg nichts gelesen, was ich hätte rezensieren können – melde ich mich heute mit der ersten Film-Kritik für diese Woche zurück.

The Art of Self-Defense

The Art of Self-Defense, USA 2019, 104 Min.

The Art of Self-Defense | © Bleecker Street
© Bleecker Street

Regisseur:
Riley Stearns
Autor:
Riley Stearns

Main-Cast:
Jesse Eisenberg (Casey)
Alessandro Nivola (Sensei)
Imogen Poots (Anna)

Genre:
Action | Komödie | Drama | Mystery | Thriller

Trailer:

 

Inhalt:

Szenenbild aus The Art of Self-Defense | © Bleecker Street
© Bleecker Street

Casey ist ganz der unscheinbare Typ, lebt allein, hat weder Freund noch Freundin und wird auch bei seiner Arbeit als Buchhalter bestenfalls ignoriert. Als ihm eines Abends aber auf der Straße eine vermummte Gruppe Biker auflauert und ihn krankenhausreif prügelt und tritt, weiß Casey sich in seiner Furcht kaum noch anders zu helfen, als sich eine Waffe zuzulegen. Dann aber kommt er zufällig an einem Dojo vorbei und der charismatische Sensei lädt ihn ein, doch einmal an einer Probestunde teilzunehmen. Zunächst stellt sich Casey zwar nicht sonderlich an, ist aber schnell überzeugt, seinen Platz gefunden zu haben und meldet sich im Karateverein an. Bald schon wächst sein Selbstvertrauen, auch wenn er immer öfter an den Methoden von Sensei zweifelt, der ihm beispielsweise rät, sich einen "männlicheren" Hund zuzulegen, als er erfährt, dass Casey einen Dackel besitzt. Dennoch überzeugt die ungewöhnliche Einstellung des Dojo-Betreibers durch Resultate und Casey kann es kaum glauben, als er in die geheimnisumwitterte Nachtklasse eingeladen wird, die noch ganz anderen Lehrstoff vermittelt…

Rezension:

In etwa, seit ich Vivarium gesehen habe, hatte ich The Art of Self-Defense auf dem Schirm und war bereits drauf und dran, dafür Geld zu berappen, bevor der Film nun erfreulicherweise ins kostenlose Prime-Angebot gerutscht ist (denn eine DVD-/Blu-ray-Auswertung lässt bislang auf sich warten). Der Grund dafür ist simpel, denn hier wie dort sind Eisenberg und Poots beteiligt gewesen – wenn auch in gänzlich anderer Gewichtung – und der Plot schien vielversprechend, zumal ich gegenüber schwarzen Komödien ja ohnehin stets aufgeschlossen bin. Tatsächlich sollte man sich dem Film aber nicht in Erwartung einer waschechten Komödie nähern, wie ich schnell lernen durfte, denn auch wenn durchaus humorige bis satirische Elemente vorhanden sind, nehmen sie sich einerseits sehr zurück, kommen andererseits ungemein trocken daher. Das ist keineswegs negativ zu bewerten, doch erklärt sich hierdurch, warum der Film mitnichten allen gefallen dürfte, denn der gibt sich durchaus sperrig und vollzieht im weiteren Verlauf noch so manchen Genre-Wechsel. Das ist zwar grundsätzlich interessant und ungewöhnlich, geht aber wohl gänzlich am Mainstream vorbei.

Szenenbild aus The Art of Self-Defense | © Bleecker Street
© Bleecker Street

So nimmt Regisseur und Drehbuchautor Riley Stearns im Grunde klassische Versatzstücke, beginnt den Film prompt mit dem tragischen Ereignis, der Casey auf den Weg der neuen Selbstfindung führen wird, doch anstatt nun eine "Phoenix-aus-der-Asche"-Story daraus zu zimmern, geht das Ganze schon mehr in Richtung Drama, wenn Casey in eine von toxischer Maskulinität geprägte Parallelwelt schlittert, die sich ganz dem Dojo, dem Sensei und dem Erreichen neuer Stufen – gemeint sind die Karategürtel und der damit verbundene Rang – widmet. So merkt man als Außenstehender auch mit bitterem Beigeschmack, dass Casey mitnichten zum selbstbewussteren Menschen heranreift, sondern sich im Grunde lediglich Attribute zu eigen macht, von denen Sensei (Alessandro Nivola, Ungehorsam) behauptet, sie würden einen starken, wehrfähigen Mann ausmachen. Was wächst, ist die Fassade, die Unsicherheit bleibt. Witz zieht das Ganze dann oftmals einzig aus der Absurdität der Situation und der stoischen Ernsthaftigkeit, mit denen der Dojo-Betreiber seine "Weisheiten" zum Besten gibt, wobei man früh ahnt, dass dies nur die Spitze des Eisberges sein wird. So punktet The Art of Self-Defense im weiteren Verlauf auch noch mit einigen garstigen Plot-Twists, die das Geschehen in neue Richtungen lenken und nicht minder tragisch bis abgründig daherkommen, den schwarzhumorig-satirischen Aspekt aber auch zunehmend ins Hintertreffen geraten lassen.

Im Zentrum dieser Geschichte steht logischerweise Jesse Eisenberg (American Ultra) als hemdsärmelig-verhuschter Casey, dem man seine unaufgeregte Unauffälligkeit ebenso abnimmt wie den späteren Wandel hin zum ambitionierten Karate-Schüler, der zumindest versucht, sich aus alten Verhaltensmustern zu lösen, dabei – dank Sensei – aber weiterhin gänzlich fremdbestimmt ist, bevor er letztlich bereit ist, selbst die Initiative zu ergreifen. So bieten Nivola und Eisenberg zunächst ein reichlich verqueren Meister-Schüler-Gespann in bester Karate-Kid-Manier, während das Dojo zunehmend an Finchers Fight Club denken lässt, wenn sich hier schwitzende Männer gegenseitig dazu beglückwünschen, sich die Scheiße aus dem Leib geprügelt zu haben, was man so wohl auch nicht in einer echten Karateschule erleben würde. Nicht nur unter diesem Gesichtspunkt wirkt die von Imogen Poots (Sweet Virginia) verkörperte Anna zunehmend wie ein regelrechter Fremdkörper in dem vor Testosteron strotzenden Dojo, doch macht das ihre Figur und Rolle natürlich ungleich interessanter, zumal sie gegenüber Casey und den Zuschauern einen gehörigen Wissensvorsprung hat, was die nicht ganz so offenkundigen Betätigungsfelder der Karateschule angeht.

Szenenbild aus The Art of Self-Defense | © Bleecker Street
© Bleecker Street

So entspinnt sich ein nur anfänglich geradliniger, zunehmend abgründiger und wendungsreicher werdender Film, der es regelrecht zur Kunstform erhebt, sich kaum einem Genre zuordnen lassen zu können und mit absurd-trockenem Humor kokettiert, während er gleichsam Satire, Drama, Thriller und nicht zuletzt Abgesang und Demontage toxischer Männlichkeit zu sein vermag, die sich hier in ihrer drastischsten und kompromisslosesten Form präsentiert. Dementsprechend sollte man auch darauf gefasst sein, dass The Art of Self-Defense zuweilen überraschend explizit daherkommt und keine Scheu vor ausgewählten Gewaltspitzen hat, die ungemein effektiv in Szene gesetzt werden. Das ergibt in Summe eine durchaus vielschichtige Story voller Überraschungen, deren breite Akzeptanz aber eben gerade darunter leiden dürfte, dass man sich vielleicht eher eine schwarze Komödie oder meinetwegen auch augenzwinkernde Karate-Action erwartet. Stearns‘ Film ist beides nicht so richtig, auch wenn die Zutaten vorhanden sein mögen. Am besten geht man ergo neugierig, aber ohne ausformulierte Erwartungshaltung an den Film heran und lässt sich von dessen erzählerischer Vielfalt begeistern.

Fazit & Wertung:

Riley Stearns‘ The Art of Self-Defense kommt unter dem Deckmantel einer schwarzhumorigen Action-Komödie daher, ist zu gleichen Teilen aber Charakter-Drama und Thriller geworden. Da mag einem das Lachen zwar öfter im Halse stecken bleiben, wenn die Story zunehmend abgründiger und finsterer wird, doch sollte man sich auf diese erzählerische Tour de Force auf alle Fälle einlassen.

7,5 von 10 fragwürdige Lehren des Sensei

The Art of Self-Defense

  • Fragwürdige Lehren des Sensei - 7.5/10
    7.5/10

Fazit & Wertung:

Riley Stearns‘ The Art of Self-Defense kommt unter dem Deckmantel einer schwarzhumorigen Action-Komödie daher, ist zu gleichen Teilen aber Charakter-Drama und Thriller geworden. Da mag einem das Lachen zwar öfter im Halse stecken bleiben, wenn die Story zunehmend abgründiger und finsterer wird, doch sollte man sich auf diese erzählerische Tour de Force auf alle Fälle einlassen.

7.5/10
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The Art of Self-Defense ist unter anderem bei Amazon Prime Instant Video verfügbar.


vgw

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