Review: To the Bone (Film)

Heute widme ich mich mal wieder einem reinrassigen Drama, das nachzuholen ich jüngst das Vergnügen hatte, nachdem der Film ja auch nur mehrere Jahre auf meiner Watchlist gestanden hat. Aber hey, wer kennt es nicht!?

To the Bone

To the Bone, USA 2017, 107 Min.

To the Bone | © Netflix
© Netflix

Regisseurin:
Marti Noxon
Autorin:
Marti Noxon

Main-Cast:
Lily Collins (Ellen)
Carrie Preston (Susan)
Lili Taylor (Judy)
Keanu Reeves (Dr. Beckham)
in weiteren Rollen:
Alex Sharp (Luke)
Liana Liberato (Kelly)
Brooke Smith (Olive)
Leslie Bibb (Megan)
Kathryn Prescott (Anna)

Genre:
Drama

Trailer:

 

Inhalt:

Szenenbild aus To the Bone | © Netflix
© Netflix

Ellen leidet schon seit Jahren unter Anorexie und hat auch jüngst wieder eine stationäre Therapie abgebrochen, woraufhin sie zurück zu ihrer Stiefmutter Susan zieht, die allerdings selbst nach all der Zeit noch immer nicht wirklich mit der Krankheit von Ellen umzugehen weiß. Ganz anders Ellens Halbschwester Kelly, die ihr quasi den einzigen Rückhalt und das Gefühl von Normalität bietet, während Ellens leibliche Mutter längst das Weite gesucht hat. Susan allerdings gibt nicht auf und überredet Ellen schließlich, einen weiteren Spezialisten aufzusuchen. Die ist natürlich skeptisch und nicht gerade begeistert, lässt sich aber auf den ungewöhnlichen Ansatz von Dr. Beckham ein, der sie gemeinsam mit weiteren Patienten in eine Art WG ziehen lässt. Nur langsam wird Ellen mit den neuen Menschen in ihrem Umfeld warm, gewöhnt sich alsbald aber auch an den Zusammenhalt innerhalb der Gruppe, die sich aufgrund ähnlicher Erfahrungen mit viel gegenseitigem Verständnis begegnet. Ob aber diese Art der Therapie geeignet ist, Ellen schlussendlich zu helfen, wird sich erst zeigen müssen…

Rezension:

Ziemlich exakt seit Erscheinen im Juli 2017 steht To the Bone auf meiner Netflix-Watchlist und dennoch hat es sagenhafte dreieinhalb Jahre gedauert, bis ich mich dem Film und Thema letztlich gewidmet habe, wobei ich im Moment ja ohnehin kurioserweise – und unbeabsichtigt – einen ziemlichen Lauf mit Produktionen habe, an denen Lily Collins maßgeblich beteiligt gewesen ist. Nun ist ein Film über Anorexie – oder ganz allgemein Essstörungen – natürlich auch nichts, was man so eben nebenbei konsumiert, derweil es auch schwerfällt, darüber zu schreiben und das Gezeigte zu beurteilen, wenn man selbst mit dem Thema bislang kaum in Berührung gekommen ist. Entsprechend sah sich der Netflix-Film auch schon vor Veröffentlichung – und natürlich auch danach – zahlreicher Kritik von Betroffenen ausgesetzt, die ich teils auch gelesen habe, um ein wenig mehr im Bilde zu sein, was den nicht so wohlmeinenden Personen sauer aufstößt. Insbesondere ins Auge stach mir hierbei, dass der Film die Krankheit beschönig, glorifizieren würde, was ich nun aber – wohlgemerkt als Außenstehender – vehement dementieren muss, zumal sowohl Regisseurin und Drehbuchautorin Marti Noxon – von der auch die großartige Lifetime-Serie UnREAL stammt – als auch Collins selbst ihre Erfahrungen mit Anorexie haben und entsprechend spürbar feinfühlig ans Thema herangehen.

Szenenbild aus To the Bone | © Netflix
© Netflix

Ich will hier keineswegs die Kritik zerstreuen oder den Film in den Himmel loben, doch ist die Frage nach dem Umgang mit der Thematik eben bei einem dergestalt aufgezogenen Drama essentiell, wenn es um eine mögliche Bewertung und Beurteilung geht. Und da geht Noxon eigentlich einen sehr überzeugenden Weg, spart weder die Gräuel, die Probleme, den Selbsthass aus, überhöht aber auch wenig, um womöglich auf die Tränendrüse zu drücken oder waschechtes Betroffenheitskino zu produzieren. Das größte Missverständnis bei To the Bone dürfte aber sein, dass es eben kein Film über Essstörungen ist, sondern ein Film über eine junge Frau, die eben damit zu kämpfen hat. So hat Noxons Werk freilich wenig aufklärerischen Charakter und es mag sein, dass das verzerrte Weltbild, obsessive Verhaltensweisen oder andere Dinge nur in abgeschwächter Form zutage treten, andererseits dürfte sich jedwede Essstörung – so wie jede andere Krankheit auch – bei jedem anders präsentieren und ausprägen, weshalb ich speziell die Vorwürfe, dass "das ja alles im wahren Leben nicht so sei" nicht ganz nachvollziehen, zumal Noxon und Collins da eben wohl auch ein Wörtchen mitreden dürften.

Ansonsten aber kann ich zumindest zustimmen, dass der Film zuweilen mit – oft schrägem – Humor die Szenerie aufzuhellen versucht, was allerdings auch nur sequenziell funktioniert oder überhaupt angestrebt wird, denn insbesondere innerhalb der ungewöhnlichen WG, zu der auch der britische Tänzer Luke (Alex Sharp) und die schwangere Megan (Leslie Bibb, Catch Me!) zählen, im Verlauf des Films einige Schicksalsschläge zu verkraften hat. Hier ergibt sich derweil eine überwiegend beklemmende Atmosphäre allein schon aus der Tatsache, unter welchen Umständen die Personen dort zusammengekommen sind, derweil Keanu Reeves (Destination Wedding) einen angenehm unaufgeregten Arzt verkörpert, der weder mit wundersamen Heilmethoden aufwartet, noch mit Plattitüden zu Stärke und Durchhaltevermögen aufruft, sondern mit simpler Empathie für seine PatientInnen da zu sein versucht. Das kommt dann auch – zumindest zaghaft – bei Ellen (Lily Collins, Emily in Paris) an, die bislang noch jede Therapie abgebrochen hat und sich durchgehend unverstanden fühlt.

Szenenbild aus To the Bone | © Netflix
© Netflix

Da liegen dann auch einige der größten Stärken von To the Bone, wenn in Therapiegesprächen die oft ungelenke Art der Familienmitglieder und Angehörigen von Ellen deutlich wird, die restlos damit überfordert sind, ihrer Krankheit, ihren Problemen auf ernstzunehmende Weise zu begegnen, so dass schnell deutlich wird, dass für Ellen einzig ihre jüngere Halbschwester Kelly (Liana Liberato, Love Stories) ihr noch Rückhalt und Verständnis zu bieten hat. So geht es zwar immer auch um Ellens Anorexie, aber eben mehr um Ellen selbst und wie sie der Situation begegnet, was Noxon ohne Pathos und Plattitüden auf Film zu bannen vermag. Einzig zum Ende hin mag eine gewisse Traumsequenz dann doch vielleicht etwas plakativ wirken, schafft es für sich zum Glück aber nicht, den bis dahin angenehm bodenständigen und geerdeten Film zu entkräften. Mag sein, dass manchem die Darstellung hier nicht schmecken mag, doch in meinen Augen ist Marti Noxon mit einer kongenial aufspielenden Lily Collins ein feinfühliges Drama zu einem schwierigen Thema gelungen.

Fazit & Wertung:

Marti Noxon offeriert mit To the Bone eine zwar nicht autobiografische Arbeit, doch es wird deutlich, dass sie weiß, wovon sie spricht, wenn sie Lily Collins als an Anorexie leidende Ellen in Szene setzt. Da wird nichts geschönt oder verschwiegen, aber auch nicht dämonisiert, wodurch sich ein feinfühlig inszeniertes Charakter-Porträt zu entfalten vermag.

7,5 von 10 kaum angerührten Mahlzeiten

To the Bone

  • Kaum angerührte Mahlzeiten - 7.5/10
    7.5/10

Fazit & Wertung:

Marti Noxon offeriert mit To the Bone eine zwar nicht autobiografische Arbeit, doch es wird deutlich, dass sie weiß, wovon sie spricht, wenn sie Lily Collins als an Anorexie leidende Ellen in Szene setzt. Da wird nichts geschönt oder verschwiegen, aber auch nicht dämonisiert, wodurch sich ein feinfühlig inszeniertes Charakter-Porträt zu entfalten vermag.

7.5/10
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To the Bone ist seit dem 14.07.17 exklusiv bei Netflix verfügbar.

vgw

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