Review: Her (Film)

Da schaffe ich es endlich, diesen seit gefühlten Ewigkeiten bei mir vor sich hinschlummernden Film zu schauen, bin restlos begeistert, trage dann die Querverlinkungen zusammen und natürlich hat auch der bullion bereits drüber geschrieben. Lieber bullion, die Fragestellung "Utopie oder Dystopie", die sich bei dir im Text findet und bei mir mit beinahe demselben Wortlaut, habe ich dir nicht geklaut, ich habe ungelogen erst hinterher bei dir vorbeigeschaut und in Anbetracht unserer langen "wir-sind-uns-immer-so-schrecklich-einig-Geschichte" hoffe ich, du glaubst mir das auch, zumal wir uns in diesem Fall ja beinahe irritierend uneins sind. Und jetzt an alle anderen: Viel Spaß!

Her

Her, USA 2013, 126 Min.

Her | © Warner Home Video
© Warner Home Video

Regisseur:
Spike Jonze
Autor:
Spike Jonze

Main-Cast:
Joaquin Phoenix (Theodore)
Amy Adams (Amy)
Rooney Mara (Catherine)
Olivia Wilde (Blind Date)
Scarlett Johansson (Samantha [Stimme])
in weiteren Rollen:
Chris Pratt (Paul)
Laura Kai Chen (Tatiana)
Matt Letscher (Charles)
Portia Doubleday (Surrogate Date Isabella)

Genre:
Drama | Romantik | Science-Fiction

Trailer:

 

Inhalt:

Szenenbild aus Her | © Warner Home Video
© Warner Home Video

Theodore Twombly sorgt als Liebesbrief-Schreiber in einer nicht allzu fernen Zukunft für das Liebesglück fremder Menschen, doch privat sieht es bei ihm weit weniger rosig aus, seit sich seine Frau Catherine von ihm getrennt hat, weshalb er sich privat in schlüpfrigen Chaträumen umtut und seine Zeit mit Videospielen verbringt und selbst seine langjährige Freundin und Nachbarin Amy kaum noch zu ihm durchzudringen vermag. Eines Tages beschließt Theodore, sich ein neues, hochmodernes Betriebssystem zuzulegen, das der Werbung nach individuell auf den Benutzer zugeschnitten ist und über ein eigenes Bewusstsein verfügt, sich folglich stetig weiterentwickelt. Kaum installiert und aktiviert, schlägt ihn die charmante Samantha – wie das Betriebssystem sich selbst genannt hat – in ihren Bann und entpuppt sich als ideale Gesprächspartnerin und Vertraute. Mehr und mehr voneinander fasziniert, kommen die beiden sich langsam näher, auch wenn eine solch ungewöhnliche Beziehung natürlich ihre ganz eigenen Probleme mit sich bringt, verfügt Samantha schließlich nicht einmal über einen Körper, was jedweden Kontakt zu einem unerreichbaren Ziel zu machen scheint…

Rezension:

Lange hat es gedauert, bis Spike Jonzes vielgepriesenes Meisterwerk Her und ich zueinander gefunden haben, doch dafür war es Liebe auf den ersten Blick. Suggerierte noch das ungemein nichtssagende, vergleichsweise triste und mit dem Blick von Joaquin Phoenix eine alles überschattende Melancholie versprechende Cover nicht unbedingt einen leichten oder beschwingten Film, musste ich mich dahingehend schnell eines Besseren belehren lassen, dass es Jonze in nur wenigen, knapp bemessenen wie sorgsam gefilmten Szenen gelingt, das Bild einer nahen und gar nicht mal so unwahrscheinlichen Zukunft zu skizzieren, in der die jetzt schon allgegenwärtige Abhängigkeit von Smartphone, Internet und Co. sozusagen auf die Spitze getrieben worden ist, so dass mittlerweile quasi jeder mit Knopf im Ohr herumläuft, sich direkt von Emails, Nachrichten und Aufgaben beschallen lassen kann und so selbst in der größten Menschenansammlung objektiv betrachtet völlig allein und grenzenlos einsam ist, was dann wiederum auch im bewusst noch einmal überhöhten Maße auf Phoenix‘ Figur des Theodore zutrifft, der in einer Agentur für das Schreiben von Liebes- und anderen intimen Briefen bezahlt wird und zwar mit wohlgewählten Worten jedes Herz zu erwärmen weiß, selbst aber in Einsamkeit und Isolation vor sich hin vegetiert, nachdem seine frühere Freundin ihn verlassen hat.

Szenenbild aus Her | © Warner Home Video
© Warner Home Video

Das alles – und wir sprechen hier nur vom Beginn des Films – hatte man tatsächlich grenzenlos melancholisch, getragen und traurig erzählen können, doch Spike Jonze wählt einen anderen Weg, präsentiert eine poppig-bunte, nach außen hin stets fröhliche und optimistische Zukunft, deren Teufel eben mehr im Detail steckt, so dass man auch einen kritisch erhobenen Zeigefinger vergeblich sucht und sich in jeder Szene aufs Neue fragen darf, ob das jetzt Satire, Gedankenexperiment, Utopie oder Dystopie sein soll, denn in Her sind die Grenzen fließend, wie spätestens deutlich werden dürfte, wenn Theodore sich sein neues Betriebssystem mit eigenem Willen ordert, das sich selbst den Namen Samantha gibt und ihn fortan Tag wie Nacht begleitet. So ungewöhnlich nämlich sich das Konzept eines Menschen, der sich in eine Maschine verliebt, die noch dazu ohne Körper samt und sonders lediglich "aus Stimme besteht", anhören mag, so glaubhaft gelingt es Jonze – er hat in diesem Fall zum ersten Mal auch das Drehbuch für seinen eigenen Film gleich mitverfasst – die zarten Bande zwischen Theodore und Samantha zu skizzieren, die sich auf rein verbaler Ebene näher und näher kommen und die bald eine innige Freundschaft verbindet, die weitaus überzeugender, stimmiger, echter wirkt als ein Großteil dessen, was einem heutzutage im Medium Film vorgesetzt wird.

Seine Vollendung dieser behutsamen und einfühlsamen Vorgehensweise, an der allein schon deutlich wird, wie sehr Her bei all den Gedankenspielen zu den Möglichkeiten moderner Technik, zu den Konzepten von Zweisamkeit und Nähe vor allem aber eine Ode an die Liebe ist, ohne dabei kitschig oder rührig zu werden, findet die Geschichte von Samantha und Theodore, als die nach einigem Zögern und Zaudern ihr gemeinsames erstes Mal erleben, das ungeachtet der äußeren Umstände – sie nur Stimme, er allein – eine der mitunter erotischsten Inszenierungen überhaupt bietet, obschon das Geschehen gar schlussendlich von einer Schwarzblende gänzlich ausgeblendet wird und nur noch Geräusche existieren. Schlussendlich kann man sagen, dass allein schon mit dieser Szene der ganze Film steht und fällt, denn diese "Begegnung" zwischen den Figuren lässt sich exemplarisch anführen dafür, wie schwierig es gewesen sein muss, eine glaubhafte und emotional berührende Chemie zwischen Theodore und Samantha zu schaffen, doch während Joaquin Phoenix (Inherent Vice) angenehm zurückgenommen, still und leise sein Talent zum Besten gibt, konnte sich Scarlett Johansson (Lucy) derweil allein auf ihre Stimme konzentrieren und verlassen, derweil sie zudem noch in der misslichen Lage war, sämtliche Dialoge nachsynchronisieren zu müssen, da sie quasi in letzter Sekunde als Ersatz für Samantha Morton gecastet worden ist und dennoch gelingt ihr das beinahe unmöglich scheinende Kunststück, eine ebensolche Präsenz wie Phoenix an den Tag zu legen und die anderen Damen des Films trotz ihres Handicaps des Nicht-Vorhanden-seins spielend in den Schatten zu stellen.

Szenenbild aus Her | © Warner Home Video
© Warner Home Video

Bei all dem Einfühlungsvermögen und der sensiblen Herangehensweise, die Jonze aber auf die Skizzierung seiner Figuren und der gar nicht mal so weit hergeholten künftigen Welt verwandt hat, ist es aber mindestens ebenso erfrischend und schön, mit welcher Selbstverständlichkeit die anderen Figuren – von Ausnahmen selbstredend abgesehen – nicht einmal die Nase rümpfen, als Theodore von dem Verhältnis zu dem Betriebssystem berichtet und sie beispielsweise bei einem nachmittäglichen Picknick integrieren, was einen der vielen kleinen Glanzmomente von Chris Pratt (Guardians of the Galaxy) darstellt, der hier als Theodores herzensguter Kollege Paul in Erscheinung tritt, doch auch Amy Adams (The Master) liefert als Theodores Nachbarin ihre Puzzleteile so dem knapp über zwei Stunden währenden Film ab, während Rooney Mara (Side Effects) überwiegend in nostalgisch verklärten Rückblenden als Theodores (Ex-)Freundin Catherine zu sehen ist, derweil man Olivia Wildes (Dritte Person) Beteiligung als Blind Date als nettes, aber nicht notwendiges Gimmick betrachten darf.

Während Her aber bis in die kleinsten Rollen formidabel und extrem stimmig besetzt ist und auch mit seiner Huldigung an die Liebe egal welcher Form ungeahnte Emotionalität an den Tag liegt, ist der Film auch um allerhand komödiantische Elemente nicht verlegen und während allein schon die Dialoge vor Witz und Esprit oftmals nur so sprühen, sind es die vielen kleinen Einfälle wie etwa Kristen Wiigs Minirolle als Chat-Bekanntschaft SexyKitten oder auch das Alien-Kind, das sich in einem 3D-Spiel manifestiert, dem sich Theodore in seinem Wohnzimmer widmet und gerne ungefragt und in oft unflätiger Art und Weise seinen Senf zu den Problemen von Theodore hinzugibt. So ist Her schlussendlich auch weit weniger melancholisch und getragen gewesen, als ich befürchtet hätte, sondern ein bei all den tragischen und herzzerreißenden Momenten durch und durch lebensbejahendes, beschwingtes Werk mit leisen Zwischentönen, dem zwar zugebenermaßen auf den letzten Metern die erzählerische Puste ein wenig ausgeht, so dass sich schlussendlich schnell absehen lässt, wie die Geschichte endet, doch für die Art der Inszenierung, die Idee an sich und deren formidable Umsetzung kann ich gar nicht anders, als dem Film das Prädikat Meisterwerk zu verleihen.

Fazit & Wertung:

Spike Jonze hat mit Her ein gleichermaßen leises, nachdenkliches, witziges und berührendes Meisterwerk geschaffen, das ungeachtet seiner ungewöhnlichen Liebesgeschichte zwischen Mensch und Maschine wohl eine der überzeugendsten und glaubhaftesten Romanzen der letzten Jahre sein dürfte und sowohl Joaquin Phoenix als auch Scarlett Johansson in Bestform zeigt, wenngleich man letztere nicht zu sehen, sondern lediglich zu hören bekommt.

10 von 10 intimen Zwiegesprächen

Her

  • Intime Zwiegespräche - 10/10
    10/10

Fazit & Wertung:

Spike Jonze hat mit Her ein gleichermaßen leises, nachdenkliches, witziges und berührendes Meisterwerk geschaffen, das ungeachtet seiner ungewöhnlichen Liebesgeschichte zwischen Mensch und Maschine wohl eine der überzeugendsten und glaubhaftesten Romanzen der letzten Jahre sein dürfte und sowohl Joaquin Phoenix als auch Scarlett Johansson in Bestform zeigt, wenngleich man letztere nicht zu sehen, sondern lediglich zu hören bekommt.

10.0/10
Leser-Wertung 3.5/10 (2 Stimmen)
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Meinungen aus der Blogosphäre:
Filmherum: 1,5/5 Punkte
Schlombies Filmbesprechungen: Sehenswert
Singende Lehrerin: 9/10 Punkte
Tonight is gonna be a large one.: 8/10 Punkte

Her ist am 04.09.14 auf DVD und Blu-ray im Vertrieb von Warner Home Video erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über einen der Links und unterstützt damit das Medienjournal!

DVD:

Blu-ray:

  • Ich erinnere mich noch daran den Film damals zu schlecht (mit 8 Punkten) bewertet zu haben. Schön, dass er bei dir (noch) besser abschneidet! :)

    • Ja, hat mich auch gefreut und bei dem war ich direkt und spontan bereit, auch mal wieder die Höchstpunktzahl zu zücken, denn verdient hat er es! Kannst dich ja aber immer noch bei Wiederholungssichtungen langsam nach oben vorarbeiten 😉

  • Meisterwerk, von vorne bis hinten. Nicht zu vergessen, dass die visuelle Inszenierung mit ihrer pastellhaften Farblichkeit und den großartigen Kompositionen, schwebenden Kameras über jeden Zweifel erhaben ist.

    • Ja, stimmt, darüber hätte ich wohl auch noch schreiben können, wie mir sowieso hinterher noch zahllose Dinge eingefallen sind, über die ich hätte ins Schwärmen geraten können. „Meisterwerk“ bringt es ja aber auch ganz gut auf den Punkt 😉

  • Puh… Geschmäcker sind oftmals so verschieden.

    • Jep, so ähnlich dachte ich auch, als ich deine Wertung zum Film sah, aber hey, dafür gibt es ja eben so viel von dem Zeug (Filme mein ich), damit sich jeder das Passende rauspicken kann 😉

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