Review: Polar (Film)

Neue Woche, neues Spiel, neues Glück – und deshalb lege ich direkt los mit einer Film-Kritik zu einem vergleichsweise brandaktuellen Streifen, der gerne noch besser hätte sein dürfen, mich dessen ungeachtet aber trotzdem gut unterhalten hat.

Polar

Polar, USA/DE 2019, 118 Min.

Polar | © Netflix
© Netflix

Regisseur:
Jonas Åkerlund
Autoren:
Jayson Rothwell (Drehbuch)
Víctor Santos (Comic-Vorlage)

Main-Cast:
Mads Mikkelsen (Duncan Vizla)
Vanessa Hudgens (Camille)

in weiteren Rollen:

Katheryn Winnick (Vivian)
Matt Lucas (Blut)
Ruby O. Fee (Sindy)
Fei Ren (Hilde)
Anthony Grant (Facundo)
Josh Cruddas (Alexei)
Robert Maillet (Karl)
Julian Richings (Lomas)
Johnny Knoxville (Michael Green)
Richard Dreyfuss (Porter)

Genre:
Action | Krimi

Trailer:

 

Inhalt:

Szenenbild aus Polar | © Netflix
© Netflix

Nur noch wenige Wochen trennen den als "Black Kaiser" bekannten Duncan Vizla von seinem Vorruhestand, denn als Auftragskiller landet man mit 50 Jahren auf dem Abstellgleis, so wollen es die Regeln. In den Jahren seiner mehr als ungewöhnlichen Arbeitstätigkeit hat sich Vizla allerdings einen üppigen Anspruch an Pensionierungs-Boni erarbeitet, der sich auf rund acht Millionen Dolalr beläuft. Sein früherer Auftraggeber Mr. Blut will es allerdings lieber vermeiden, ihm diese Summa auch auszahlen zu müssen und so entsendet er gleich einen ganzen Trupp durchgeknallter Killer, um den "Black Kaiser" kurz vor seiner Rente auszuschalten. Der wiederum ahnt freilich längst, dass es nicht so einfach sein wird, der Branche den Rücken zu kehren und hat entsprechende Vorkehrungen getroffen, ganz davon abgesehen, dass die Grünschnäbel dem versierten Killer kaum das Wasser zu reichen imstande sein dürften. Als dann aber auch noch Duncans Nachbarin entführt wird und selbst langjährige Freunde ihm ans Leder wollen, kristallisiert sich für ihn heraus, dass blutige und unerbittliche Rache das einzig probate Mittel gegen Mr. Blut und seine Schergen ist…

Rezension:

Im Grunde eine Frechheit, dass Netflix mir nicht direkt zur Veröffentlichung von Polar am 25.01.19 eine entsprechende Empfehlung ausgesprochen hat, denn so bin ich erst mehrere Tage später in den Genuss dieser herrlich übersteuerten Comic-Adaption gekommen, in der sich Mads Mikkelsen als des Auftragsmordens müder Killer präsentiert und den Regeln des Genres folgend zu einem letzten Coup aufbricht, um sozusagen seine Rente zu sichern. Dabei muss ich aber auch sagen, dass ich mir von dem vorrangig als Musikvideo-Regisseur bekannten Jonas Åkerlund ("Smack My Bitch Up") tatsächlich mehr oder Besseres erwartet hätte, denn auch wenn dem Film sein unbedingter Stilwille durchaus anzusehen ist und ich ohne Frage einen stilistisch überhöhten, comichaft-überzeichneten Rache-Triller erwartet hatte, löst der rund zwei Stunden dauernde Reigen dieses Versprechen tatsächlich nur halb ein.

Szenenbild aus Polar | © Netflix
© Netflix

So eröffnet der Film gleich mit einer durchaus vielversprechenden Sequenz und einem gelungenen Gastauftritt seitens Johnny Knoxville, um dem geneigten Zuschauer die irre Truppe aus Killern vorzustellen, die Mr. Blut dem Vorruheständler in spe auf den Hals zu hetzen gedenkt, doch ist der Bruch schon gehörig von den sonnendurchfluteten und farblich knalligen Ebenen in Chile hin zu der eisigen Weite und kargen Landschaft des von Duncan als Renten-Domizil auserkorenen Ortes. Das mag sicherlich so gewollt sein und kommt in Polar zumindest in der ersten Hälfte noch des Öfteren zum Tragen, doch erstreckt sich dieser krasse inszenatorische Bruch leider auf die Dramaturgie des Gezeigten und da fällt es weitaus störender ins Gewicht, dass die beiden Parts kaum zueinander zu passen scheinen. So wirkt Åkerlunds Film zunächst oft auffallend düster und ernsthaft, derweil insbesondere der von Mads Mikkelsen (Hannibal) freilich mit Bravour verkörperte "Black Kaiser" von einer überzeugenden Melancholie umweht wird, während die Episoden des ihm auf die Spur kommenden Killer-Trupps vollkommen exaltiert und comichaft überhöht daherkommen, wodurch dann auch die teils wirklich überbordende Gewalt relativiert wird.

Ich hätte tatsächlich nichts dagegen gehabt, hätte sich Polar dem einen oder anderen Ansatz verschrieben, doch die Mischung ist hier leider reichlich krude geraten, zumal sich der Film dadurch immer wieder selbst in die Parade fährt. Darunter leidet beispielsweise die von Vanessa Hudgens (Frozen Ground) verkörperte Figur Camille, der ein tief verwurzeltes Trauma innewohnt, derweil sich der nicht unbedingt auf zwischenmenschliche Interaktion spezialisierte Duncan sich ihrer langsam anzunehmen beginnt. Beides klassische Motive, die für sich genommen auch hier zu überzeugen wüssten, wenn denn dann die vermittelte Ernsthaftigkeit und Melancholie beibehalten würde, doch erwartet einen hieran anschließend mit traumwandlerischer Sicherheit der nächste, völlig überzogen und farblich übersteuert aufgezogene Auftragsmord, womit die Wirkung der eher intimen Szenen prompt verpufft. Dadurch erklärt sich dann für den Außenstehenden kaum, was Duncan für Camille zu empfinden meint und warum er sie zu beschützen versucht, worunter der emotionale Kern des Ganzen gehörig leidet.

Szenenbild aus Polar | © Netflix
© Netflix

Dessen ungeachtet bietet Polar aber freilich auch einiges an Schauwerten und nicht zuletzt ein herrlich exzentrisch aufspielender Matt Lucas (Doctor Who) als Mr. Blut weiß hier zu begeistern, auch wenn dessen spleeniger Antagonist weit mehr in der dramaturgisch überhöhten wie verzerrten Comic-Welt zuhause ist, in der auch dessen Killer-Trupp sich bewegt. Dabei handelt es sich aber auch um den überzeugenderen, weil deutlich unterhaltsameren Part des Films, derweil Drama und Tragik hier doch eher aufgesetzt und wenig überzeugend wirken. Eine zweistündige Schnetzelorgie zu inszenieren wird man sich dann aber anscheinend nicht getraut haben und immerhin bietet die fadenscheinige Rahmenhandlung in der vorliegenden Form die Option auf einen zweiten Teil, in dem dann eventuell auch Hudgens mehr zu tun bekommt, denn dafür, dass sie hier als Hauptdarstellerin ausgewiesen wird, ist ihre Rolle doch eher klein geraten. Last but not least hat mich ein wenig das beinahe schon antiklimatisch zu nennende Finale irritiert und enttäuscht, denn gerade bei dieser Art Film würde man doch meinen, dass die letzte halbe Stunde einem eruptiven Action-Feuerwerk gleichkäme, was hier derweil gänzlich anders wie unerwartet gelöst wird. Meinen Spaß hatte ich durchaus und empfehlen kann ich ihn Genre-Freunden ohne Frage, aber mit stringenterer Ausrichtung und gestrafftem Plot wäre hier noch deutlich mehr drin gewesen.

Fazit & Wertung:

Jonas Åkerlund inszeniert mit Polar eine Comic-Adaption mit unbedingtem Stilwillen und fährt auf dieser Schiene auch recht gut, zumal es erwartungsgemäß abgedreht und gleichsam derb und brutal zur Sache geht. Indes das Drama und die Tragik wirken zuweilen aufgesetzt und bremsen das ansonsten überspitzt inszenierte Geschehen mehr, als dass sie es aufwerten würden, zumal beide Ansätze nicht unbedingt gut miteinander harmonieren.

6,5 von 10 ausgeschalteten Auftragskillern

Polar

  • Ausgeschaltete Auftragskiller - 6.5/10
    6.5/10

Fazit & Wertung:

Jonas Åkerlund inszeniert mit Polar eine Comic-Adaption mit unbedingtem Stilwillen und fährt auf dieser Schiene auch recht gut, zumal es erwartungsgemäß abgedreht und gleichsam derb und brutal zur Sache geht. Indes das Drama und die Tragik wirken zuweilen aufgesetzt und bremsen das ansonsten überspitzt inszenierte Geschehen mehr, als dass sie es aufwerten würden, zumal beide Ansätze nicht unbedingt gut miteinander harmonieren.

6.5/10
Leser-Wertung 4/10 (1 Stimme)
Sende

Polar ist seit dem 25.01.19 exklusiv bei Netflix verfügbar.

vgw

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