Review: Mother! (Film)

Heute startet der Horrorctober und ich bin mehr als glücklich mit Aronofskys Film von 2017 als Einstand und Überleitung, denn als reinrassigen Horrorfilm würde ich ihn nicht bewerben und empfehlen wollen, gleichwohl er alle Merkmale des Genres aufweist.

Mother!

Mother!, USA 2017, 121 Min.

Mother! | © Universal Pictures/Paramount
© Universal Pictures/Paramount

Regisseur:
Darren Aronofsky
Autor:
Darren Aronofsky

Main-Cast:
Jennifer Lawrence (Mother)
Javier Bardem (Him)
in weiteren Rollen:
Ed Harris (Man)
Michelle Pfeiffer (Woman)
Brian Gleeson (Younger Brother)
Domhnall Gleeson (Oldest Son)

Genre:
Drama | Horror | Mystery

Trailer:

 

Inhalt:

Szenenbild aus Mother! | © Universal Pictures/Paramount
© Universal Pictures/Paramount

Ein namenlos bleibendes Paar lebt inmitten der Abgeschiedenheit ländlicher Idylle in einem malerischen, aber auch in die Jahre gekommenen Landhaus. Sie widmet sich der akribischen Instandsetzung des Gebäudes, während er – eigentlich talentierter und gefeierter Poet – unter einer ausgewachsenen Schreibblockade leidet. Das Paar ist glücklich in seiner trauten wie unaufgeregten Zweisamkeit, doch findet dies ein jähes Ende, als unerwartet ein Besucher vor der Tür steht. Er gewährt dem Fremden bereitwillig Einlass, während sie ihm skeptisch begegnet. Es dauert nicht lang, bis auch die Frau des Besuchers eintrifft und sie sieht sich in ihren Vorbehalten bestätigt, zumal die Frau des Besuchers ihr ungefragt Ratschläge erteilt. Das Drängen gegenüber ihrem Mann, die Besucher des Hauses zu verweisen, hilft allerdings nichts, denn dafür genießt der zu sehr die Aufmerksamkeit und Bewunderung, doch als weitere Fremde auf der Schwelle des Hauses stehen, ist dies der Beginn einer unweigerlichen Eskalation der Ereignisse…

Rezension:

Im Fall von Mother! habe ich mal wieder alles richtig gemacht, denn auch wenn ich vergleichsweise spät dran bin mit dem 2017 erschienenen, derzeit noch aktuellsten Film von Darren Aronofsky, wusste ich doch tatsächlich rein gar nichts über dessen Inhalt, Intention und Handlung. Meines Erachtens die bestmögliche Ausgangslage, diesem metaphorischen, zunehmend fiebrigen und inszenatorisch verstörenden, teils ekstatischen, teils erschreckenden Werk zu begegnen, das sich als Allegorie biblischen Ausmaßes begreift. Aronofsky war schon immer kein Filmemacher der leichten, zugänglichen Stoffe und insbesondere sein vorangegangener Noah bot schon für viele genug Stein des Anstoßes – gleichwohl er mir sehr gut gefallen hat – und auf diesem Pfad bewegt er sich nun fort mit einem Haunted-House-Horror, der eigentlich etwas ganz anderes ist und beim Betrachten im Grunde nur Fragezeichen über Fragezeichen stapelt. So muss ich zugeben, mich im Nachgang ausführlich durch die Trivia des entsprechenden IMDb-Beitrages gewühlt zu haben und kann nicht behaupten, den Film auf Anhieb verstanden zu haben. So kurios das aber auch klingen mag, zieht er daraus viel von seiner Faszination und ich hätte es nicht anders haben wollen, zumal man während des Schauens immer wieder das Gefühl hat, langsam dahinterzukommen, was einem dort präsentiert wird, ohne es wirklich greifen zu können, so dass diese beinahe sphärische Metaebene immanenter Teil des Ganzen sein mag.

Szenenbild aus Mother! | © Universal Pictures/Paramount
© Universal Pictures/Paramount

Wenn nun man – oder zumindest ich – während des Films schon die meiste Zeit nicht weiß, was Sache ist oder da gerade läuft, aber ebenso feststellt, dass sich dies eher begünstigend auf den Genuss des Gezeigten auswirkt, bringt das die immense Herausforderung mit sich, adäquat über einen Film zu schreiben, ohne Wesentliches von der Handlung, geschweige denn den Hintergründen vorwegzunehmen. Entsprechend vage werde ich mich halten, was diese Punkte angeht, kann aber zumindest dahingehend warnen, dass Mother! mitnichten dem Mainstream zugerechnet werden kann, denn auch wenn der Film von einem namhaften Regisseur stammt und prestigeträchtig besetzt worden ist, bekommt man hier weder einen klassischen Horrorfilm noch einen typischen Mystery-Streifen mit Katharsis und erklärender Auflösung geboten, geschweige denn, dass er als Drama durchgehen würde, gleichwohl der Film dies alles ist, nur eben nicht so, wie man es gewohnt sein mag. Zunächst einmal präsentiert sich Aronofskys Werk aber durchaus wie ein Horrorfilm und weist zu Beginn wie auch im weiteren Verlauf zahllose einschlägige Fragmente dieser Gattung auf, wenn die Mutter Geräusche oder Personen wahrzunehmen meint, unerklärliche Traumeinsprengsel das Geschehen aufbrechen oder Blut sich durch die Wände und Böden des Hauses zu ätzen scheint. Gerade dadurch verprellt das Werk aber wahrscheinlich schon einige Zuschauer, denn wer in Erwartung eines kleinen fiesen, geradlinigen Schockers kommt, wird enttäuscht werden, wohingegen sicherlich viele, die mit Horror als Genre gar nichts anzufangen wissen, die allegorische Machart des Gezeigten zu schätzen wissen würden.

Aber gut, jedem kann man es ohnehin nicht recht machen und der Film wird schon in dieser Darbietung genug Kritik und Ablehnung spendiert bekommen haben, derweil ich allein von der zunehmend eskalierenden, letztlich regelrecht apokalyptische Ausmaße annehmenden Inszenierung extrem begeistert gewesen bin, gerade im Hinblick auf die im Nachgang recherchierte Intention des Regisseurs. Und im Zentrum all dessen steht natürlich die namensgebende Mutter, hier verkörpert von Jennifer Lawrence (Red Sparrow), aus deren Sicht wir beinahe ausnahmslos den gesamten Film erleben, teils sogar aus der Ich-Perspektive. Allein durch diesen Kniff, voll und ganz auf ihre Sicht der Dinge zu fokussieren, gewinnt der Film einiges an Dringlichkeit und Immersion, denn als Zuschauer mag man nicht weniger verängstigt und irritiert sein von dem, was sich in dem ländlich gelegenen Haus abspielt. Besagtes Haus im Übrigen sorgt dafür, dass Mother! auch ein Stück weit klassisches Kammerspiel geworden ist, denn über die Veranda hinaus geht es eigentlich nie, derweil es aber in dem Gebäude selbst genügend zu entdecken und erleben gibt. Lawrence, deren Gefühlslagen und –regungen zwar mehr als deutlich gemacht werden, die ansonsten allerdings arm ist an Charaktereigenschaften (keine Kritik, nur ein Hinweis), sieht sich ansonsten hier Javier Bardem (The Gunman) gegenüber, der als ihr Mann und ein Poet – im Abspann schlicht als "Him" betitelt – in Erscheinung tritt und stetig zwischen liebevoller Hingabe, Freimut und zunehmendem Narzissmus schwankt, so dass auch dessen Handeln grenzwertig irrational auf die Mutter wirken mag.

Szenenbild aus Mother! | © Universal Pictures/Paramount
© Universal Pictures/Paramount

Ansonsten veredeln bekannte Gesichter wie etwa Ed Harris (Kodachrome) und Michelle Pfeiffer (Mord im Orient-Express) das kuriose Geschehen und bekommen ebenfalls keine über "Man" und "Woman" hinausgehenden Charakterspezifikationen spendiert, überzeugen darstellerisch aber natürlich ohne Frage – ebenso wie die nur kurz in Erscheinung tretenden Brüder Brian und Domhnall Gleeson (Barry Seal) –, derweil auch hier das Bild erst komplettiert wird, wenn man über Sinn und Zweck des Ganzen aufgeklärt ist. Das allerdings leistet Mother! eben nicht unbedingt aus sich selbst heraus und auch wenn die Ausdeutung des Gezeigten nach einem ersten Hinweis gut von der Hand geht (und zu einer erneuten Sichtung einlädt), mögen natürlich viele kritisieren, dass ein Film auch ohne erklärende Worte zu funktionieren hat. Verstehen kann ich diesen Anspruch zwar, würde in diesem speziellen Fall aber davon Abstand nehmen, zumal das Geschehen auf visuell-inszenatorischer, vor allem aber emotionaler Ebene funktioniert und berührt, und eben lediglich um weitere Ebenen ergänzt wird, wenn man sich eingehender mit Aronofskys Ansatz zu beschäftigen bereit ist. In der Summe meines Erachtens nach also ein zwar durchaus sperriger, aber auch ungemein lohnender und gelungener Film, der nur eben mit Höchstgeschwindigkeit an den Erwartungen des Mainstream-Publikums vorbeirauscht.

Fazit & Wertung:

Mit Mother! macht es Darren Aronofsky seinem Publikum zwar nicht leicht und präsentiert erneut ein durchaus sperriges Werk, doch inszenatorisch und atmosphärisch ist das Gezeigte über jeden Zweifel erhaben. Entsprechend der zunehmend exzessiven, rauschhaften und verwirrenden Darbietung des Ganzen tut man gut daran, sich keinen klassischen Horrorfilm zu erwarten und am besten auch Abstand zu nehmen von gängigen dramaturgischen Konventionen, derweil die nur zaghaft ausformulierte Intention des Regisseurs und Drehbuchschreibers imstande ist, das Geschehen auf eine gänzlich neue, faszinierende Stufe zu heben.

9 von 10 ungebetenen Besuchern

Mother!

  • Ungebetene Besucher - 9/10
    9/10

Fazit & Wertung:

Mit Mother! macht es Darren Aronofsky seinem Publikum zwar nicht leicht und präsentiert erneut ein durchaus sperriges Werk, doch inszenatorisch und atmosphärisch ist das Gezeigte über jeden Zweifel erhaben. Entsprechend der zunehmend exzessiven, rauschhaften und verwirrenden Darbietung des Ganzen tut man gut daran, sich keinen klassischen Horrorfilm zu erwarten und am besten auch Abstand zu nehmen von gängigen dramaturgischen Konventionen, derweil die nur zaghaft ausformulierte Intention des Regisseurs und Drehbuchschreibers imstande ist, das Geschehen auf eine gänzlich neue, faszinierende Stufe zu heben.

9.0/10
Leser-Wertung 8/10 (2 Stimmen)
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Mother! ist am 25.01.18 auf DVD und Blu-ray bei Paramount im Vertrieb von Universal Pictures erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über einen der Links und unterstützt damit das Medienjournal!

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Blu-ray:

vgw

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Eine Reaktion

  1. Stepnwolf 7. Oktober 2019

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